Ausgabe 
2.11.1934
 
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Dieses gequälte Lächeln war sa nicht mit anzusehen:Entschuldigen Sie", jagte er,ich kann im Augenblick nicht das Maß Ihrer An­schauungen über eine Tangoplatte erreichen; vielleicht sprechen Sie. Das mag den von Ihnen gewünschten Ton angeben."

Luzius stimmte mit einer Kopsbewegung zu. Er atmete hörbar aus und sagte abrupt:Waren Sie in letzter Zeit in Geldverlegenheiten, Brendel?" _

Warum?" Brendel unterdrückte ein Lachen.Wollten Sie mich anpumpen?"

Ernsthaft, wenn ich bitten darf!"

Sie sind ein seltsamer Kauz, Luzius. Ich könnte Ihren Ton krumm nehmen; aber ich tue es nicht. Ich kenne Sie zu gut und zu lange." Er hustete. Was für Reden mußte man hier halten!Also was wollten Sie wissen? Richtig Nein, ich bin keineswegs in Geldkalamität und stehe gern zu Diensten."

Luzius überhörte diese letzten Worte; er klammerte sich an den Satz, der vorher gefallen war.Glauben Sie, da Sie mich lange und gut kennen, daß ich Ihr Freund bin?"

Brendel hatte Denkrunzeln auf der Stirn.Freund!", wiederholte er,ach, das ist so ein Allerweltswort geworden und verstellt den Sinn. Aber wenn Sie es so meinen: wahrscheinlich verbindet uns eine Sym­pathie, die gemeiniglich Freundschaft genannt wird. Aber wozu bedürfen Sie solcher Erklärung am Morgen auf nüchternen Magen?"

Luzius sagte ganz ernst:Ich würde auch zu Ihnen stehen, Brendel, wenn irgend etwas geschehen wäre, das Sie heute nicht mehr verant­worten können."

Brendel nickte; zu sagen war da ja wohl nichts.

Dies wollte ich vorausschicken für alle Fälle. Und nun darf ich Ihnen sagen, daß sich meine ganze Seele dagegen wehrt, daß ein Ge­fühl nein sagt und doch ist da wie ein Keil etwas in das Hirn gehämmert: der Beweis, den ich nicht deuten kann, vor dem ich stehe und nicht begreife."

Was heißt denn das?!"

Luzius sah auf, er löste die Hände auseinander; sie waren ganz feucht geworden, so hatte er die Finger geknetet in Verlegenheit und Nöten. Jetzt sah er Brendel mitten in das Gesicht und sagte ein Wort, das eine Wort, das hier Klärung bringen mußte:Auerbach!"

Brendel blinzelte unter diesem starren Blick, er drehte sogar den Kopf weg.Was heißt das?" fragte er nochmals.

Sie kennen den Namen Auerbach, er bedeutet Ihnen etwas?"

Gewiß. Eine Frau Johanna Auerbach gehört zu unseren Klientin­nen. Ehescheidung wegen böswilligen Verlassens. Sie lebt auf Reifen."

Luzius Augen glänzten.Schicken Sie der Dame Briefe postlagernd? Hauptpofllagernd vielleicht?"

3a", gestand Brendel,woher wissen Sie das? Ich schrieb der Dame über den Stand ihres Prozesses zuletzt gestern nach Hannover. Hauptpostlagernd. Die Frau Auerbach hat noch keine Wohnung dort und wußte auch das Hotek nicht vorher anzugeben; vielleicht reift sie auch weiter..."

Luzius griff an feine Brust, griff tief hinein dort, als wolle er fein Herz vorzeigen, aber er holte nur einen der Briefumschläge aus der Innentasche.Kennen Sie dies Kuvert?"

Brendel sah es kurz an.Nein", sagte er,aber das ist meine Schrift. Diese Umschläge verwenden wir nicht. Aber das ist zweifellos meine Schrift! Ich habe gestern an Frau Auerbach geschrieben, habe ihr Dokumente beigelegt und zufällig die Adresse selbst geschrieben und den Brief persönlich zugeklebt, damit keine Einlage vergessen würde." Er betrachtete diese fremden großen Umschläge.

Seltsam. Das ist ganz unerklärlich. Es ist meine Schrift und doch nicht. Sie muh abgepaust fein. Wer hat ein Interesse daran? Und dann: niemand hat die Post ich meine gerade diesen Brief! gesehen oder wenigstens in den Händen gehabt. Der Iustizrat wollte noch zum Bahn­hof; er hatte dort im Reisebüro für Wingart die Fahrt zufammenstellen lassen, da gab ich ihm den Brief mit. Er hat ihn selber am Bahnhof in den Kasten geworfen."

Es geschehen Wunder", sagte Luzius;aber sie müssen vom Teufel ausgehen. Ich begreife das nicht mehr. Gestern war ich fast gewiß, in Zurrhelm den Perlendieb zu haben, da stellt sich heraus, einwandfrei, daß Zurrhelm es nicht gewesen fein kann, der die Perlen nahm. Win­gart war eine Weile in Verdacht. Jetzt weist die Spur gar auf Sie! Der Täter, der Dieb hat nämlich diese Umschläge geschrieben; er wünscht an diese Deckadresse Nachricht von seinem Vertrauensmann. Ich erzähle Ihnen das später ausführlich. Nun frage ich Sie, wer war noch nicht in Verdacht! Ist es nicht einfacher, so vorzugehen, und die wenigen zu beobachten, auf die kein Verdacht fiel? Es wäre zum Lachen, wenn man nicht erschüttert mitten darin stände!"

Sie wissen mehr als ich, Luzius. Ich kann Ihnen nicht raten. Wollen Sie mir die Ereignisse der letzten Nacht erzählen?"

,Mcht jetzt, Brendel, ich bitte Sie um Nachsicht. Später. Lassen Sie uns feststellen: es ist ganz ausgeschlossen, daß jemand den Brief, den Sie gestern an Frau Auerbach schrieben, für eine Weile in feinen Besitz gebracht hat?"

Ganz ausgeschlosien. Ich habe den Umschlag geschrieben und mich beeilt, da der Iustizrat bereits angezogen zum Ausgang in der Tur stand. Er nahm den Brief an sich und ging."

Schade", sagte Luzius.Wir hätten den Dieb gehabt. Aber der Iustizrat kann unmöglich des Konsuls Perlen gestohlen haben."

Nein, das kann man nicht einmal im Traum annehmen", stimmte Brendel zu.

Luzius stand auf.

Wohin wollen Sie? Was beabsichtigen Sie jetzt zu tun, um Licht in die dunkle Affäre zu bringen?"

Ich habe einen Einfall", sagte Luzius.3d) weiß nicht, ob meine Idee technisch durchführbar ist, aber ich hoffe es. Doch bitte, fragen Sie mich nicht. Wenn es mißglückt, will ich nicht noch den Spott zu tragen haben."

Aber wenn es glückt, den Triumph?"

Luzius legte die Finger an die Lippen.Es ist sehr unsicher", meinte er,es ist nur eine Idee."

Brendel gab ihm die Hand.3m Anfang war immer die Idee. Glück auf, sagt der Bergmann; steigen Sie in den finstren Schacht und fördern Sie 3hre 3dee ganz, Sie Geheimnisvoller."

Er sah dem Assessor nicht nach; er kam nicht dazu; der junge Gehilfe im schwarzen Anzug brachte einen ganzen Stapel Briefe und Akten. Mit der linken Hand schlug Brendel den obersten blauen Aktendeckel zurück; die Rechte griff mechanisch zu dem länglichen StempelWird bestritten" und setzte ihn auf das Stempelkissen, ohne ihn loszulassen. Der Kerl hat doch wahrhaftig auch mich eine Weile in Verdacht gehabt! 3hm wurde plötzlich heiß, aber das ging rasch vorüber. Er sah Luzius wieder vor sich sitzen, wie er die Hände rang: Bin ich 3hr Freund? Er lächelte. Eine ganz unglaubliche Geschichte, dieser Perlendiebstahl verwirrt die allerbesten Herzen und Gehirne. 3d) glaubte, Luzius wolle eine kleine Anleihe aufnehmen hält der Mann mich für den Perlendieb! Und er schüttelte den Kopf. Daß man ihn für einen Perlendieb halten konnte, erschien ihm sonderbar; von seinem Standpunkt aus gewiß mit Recht.

Zehntes Kapitel.

Assessor Luzius nahm eine Straßenbahn und fuhr in den Osten der Stadt. Dies war die Gegend der Fabriken und Werkstätten. Er hatte nicht vorher in der chemischen Fabrik angerufen, wo fein Bundesbruder Klarfeld den Posten eines Abteilungsleiters versah. Er rechnete, daß er Klarfeld jetzt am Vormittag bestimmt antreffen würde.

Der Hof lag verlassen, aber als Luzius das Fabrikgebäude betreten wollte, hielt ihn ein Pförtner an und ließ ihn auch nicht eher los, bis von diese? Wächterloge aus telephonisch feftgeftellt worden war, daß Dr. Klarfeld tatsächlich den Assessor Luzius kenne, und zwar erstaunt aber auch erfreut bat, den Herrn sogleich vorzulassen.

Luzius ging durch hallende Gänge, die nach scharfen Essenzen rochen. Karbol, 3odosorm, Lazarett... Fuhr nicht der weiße Wagen durch diesen Gang, mit dem Soldaten darauf, der noch in der Narkose lag und lächelte ... war das nicht der Stabsarzt im weißen Operationskittel ... wen haben wir da noch, Unteroffizier? Vizefeldwebel Luzius, Herr Stabsarzt, Steckschuß, rechter Oberschenkel...

,^)ier ist es", sagte der Pförtner und Führer. Die Gesichter ver­schwanden. Luzius sah das Schild an, Dr. Klarseld. Herein ohne anzu- klopfen. Er tat wie dieser Zuruf befahl.

Klarfeld war in seinem Alter; sie sahen sich zuweilen bei abendlichen Veranstaltungen. Luzius war gewiß, daß dieser zeitige Besuch den Chemi­ker überraschen mußte. Er begann eine Entschuldigung, aber Klarfeld wehrte ab.

Sie haben etwas auf dem Herzen, sonst hätten Sie nicht diese Reise in den fernen Osten angetreten. Reden Sie frisch von der Leber. Womit kann ich 3hnen dienen? Kommen Sie in amtlicher Eigenschaft? Eine Analyse oder privat? Ich stehe zu 3hrer Verfügung."

Danke", sagte Luzius,Sie erleichtern.mir die zehn Minuten außer­ordentlich. Ich habe allerdings eine Frage und dann wohl eine Bitte an Sie. Einen Auftrag besitze ich nicht, aber es handelt sich um die Entlarvung eines Einbrechers. Wenn Sie es wissen wollen: ich möchte ohne Skandal jemanden des Diebstahls überführen."

Klarfeld winkte ab.Sagen Sie mir, was ich für Sie tun kann. Warum fitzen Sie noch nicht! Eine Zigarre gefällig? Nehmen Sie nur, für den fremden Besucher ist die Luft hier schwer erträglich. 3d) merke nicht mehr, daß wir neuerdings Desinfektionsmittel produzieren. So. Und nun schießen Sie los!"

Luzius blies den Rauch zur Decke.Die Frage", hob er an,kann man Geldscheine mit einer Farbe präparieren, die unauffällig bleibt, jedenfalls für den ersten Blick, und die Wirkung hat, daß jemand, der die fo vorbereiteten Scheine in die Finger nimmt, zählt vielleicht, sich daran beschmutzt und diese Farbe nicht ohne weiteres wieder von den Händen entfernen kann?"

Natürlich kann man das", sagte Klarfeld.Cs bietet gar keine Schwierigkeiten. Nur eben, der Mensch, der die präparierten Scheine anfaßt, wird die Farbe tatsächlich auf lange Zeit nicht wieder los. Er muß sich die Haut abreißen oder eine Beize anwenden, die er natürlich nicht kennen kann."

Das ist gut", sagte Luzius."

Klarfeld fuhr fort:Sie dürfen die fo vorbereiteten Scheine nur mit einer Pinzette anfaffen oder mit Handschuhen. Wollen Sie die Scheine jedoch in 3hrer Brieftasche tragen oder in ein Schreibtischfach legen, hat es keine Gefahr. Nur die war.me Feuchtigkeit der Finger löst die Farbe."

Und wenn jemand ganz trockene Hände hat?"

So viel Feuchtigkeit, wie nötig ist, um diese Farbe zur Wirkung kommen zu lassen, weist die trockenste Fingerspitze auf, lieber Freund."

Und in welcher Zeit lasten sich Scheine so zubereiten? Die Sache eilt nämlich."

Wenn es eilig ist, können Sie darauf warten."

Wahrhaftig? Das wäre das Beste." Luzius zog feine Brieftasche. Er überlegte kurz. Der Mann, wer er immer fei, wird heute zur Haupt­post gehen und nach Sendungen für Auerbach fragen. Man wird ihm einen feiner Umschläge geben, und er muß ohne Verdacht den Brief öffnen. Es ist möglich, daß er dies erst in feiner Behausung und bann sehr vorsichtig tut Wie immer er das anfängt, er wird die Scheine darin finden. Einen Schein wenigstens. Einen Hundertmarkschein. Kleine Be­träge würden ihn sofort stutzig machen. Hundert Mark muß mir, nach all dem, was ich bis jetzt an Mühe aufwandte, dieser letzte Versuch werk sein, wenn er nicht zur Entdeckung des Täters führen sollte. Hm. Der Schein liegt vor dem Burschen auf dem Tisch. Er ist verwundert; er erwartete wenigstens ein paar hundert Mark! Er nimmt die Note auf, dreht sie um, sucht einen aufklärenden Zettel dabei färbt er sich die Hände gründlich. Luzius nickte. So würde es geschehen; jo, ober ganz ähnlich.

^Fortsetzung folgt.)