SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 85
Zreitag, den 2. November
Jahrgang 1934
9Gas S^CalsGand /
(Fortsetzung.)
„Der Zug nach München geht unter Mittag, Wingart. Mutter weiß Bescheid, deine Sachen sind in aller Stille vorbereitet, du kannst heute schon fahren, wenn du willst."
„Aber lieber Vater ..."
„Wir wußten, daß du bestehen würdest, mein Junge." Reußner Vater hatte eine schüchterne Träne im Auge, die denn auch gleich wieder versickerte. — Er hatte ein bißchen spät geheiratet und war alt geworden, ehe der Sohn recht groß wurden aber nun war ja noch alles erreicht, was er sich zu erleben gewünscht hatte. Sein Sohn war Mulus, bezog die Universität, und in einigen Jahren gab es einen jungen Doktor Reußner. Er war müde, er würde sich zurückziehen; mochten dann Brendel und der Junge hier schalten und walten.
Während der Justizrat sinnend den Band „Kolonien" aufschlug, nahm Brendel „Europa" beiseite. „Darf ich auch hier einmal hineinschauen?", bat er.
Der Justizrat nickte, „Selbstverständlich. Hannover müsse» Sie sich ansehen", meinte er, „Thurn und Taxis, vor allem auch Sachsen."
Brendel war bei H: Hannover. Er schlug um, Helgoland. Dort fehlte die Marke. Man sah es sofort, ein Glück, daß der Justizrat in diesen Tagen seine Sammlung nicht hervorgeholt hatte. Brendel führte die Hand zum Munde, hüstelte, feuchtete den Klebefalz an und klebte die Marke erregungslos in das Album. Die richtige Marke!? Gott sei Dank, ja. „Sehr schön", sagte er, ein profunder Philatelist, „auch Helgoland tft hervorragend." , , t , ,. _ .,
Der Justizrat strahlte. „Kommen Sie her", forderte er, „hier Reichs- post, China, Ueberdruck, Fehldruck 1899. Was suchen Sie denn noch?
„Sachsen", agte Brendel vollkommen ehrlich. r t
Seite 210", half prompt der Justizrat. Und Brendel schlug auf, fand die Fehlstelle, und praktizierte die Marke, die einmal zwei gute Neugroschen gekostet hatte, an die vorgezeichnete Stelle Er wollte sich hierauf gerade dem Justizrat zuwenden und der Chinareichspost, als sich die Tur in die Wohnräume öffnete und der junge Wingart heremkam.
„Störe ich?" L „
„Durchaus nicht, mein Junge, komm herein. .
Ueber Wingarts leuchtendes Gesicht huschte es wie ein dusterer Schatten. Er sah die aufgeschlagenen Briefmarkenalben und der Schreck fuhr ihm sofort in die Glieder. Mit hilfesuchendem Blick sah er Brendel an. War es doch zu spät gewesen, hatte der Vater zu früh seine Markensammlung angesehen? Saß Brendel noch da, ratlos, mit den beiden ^Brendel errie^d^ese Sorgen, aber er konnte dem sungen Mann kein Zeichen geben, denn der Justizrat sah sie beide mit. schein Lächeln an; in Unruhe aber den Jungen zu lassen, war er nicht grausam^ge- nua Deshalb sagte er keck: „Sie sollten sich einmal für diese Sammlung Ihres alten Herrn interessieren, Wingart. Ich hnbemir eben Helgoland und Sachsen angesehen, also es sind ganz prächtige Stucke darunter. Sachsen 2 Neugroschen, die Marke habe ich noch heute morgen im Laden ausgestellt gesehen; kostete 550 Mark. Helgoland, ine rote Dre,- Schillingsmarke war nicht unter 600 Mark zu haben.
„Das sind nicht einmal meine besten Stucke', sag^ der Justizrat Eifrig und erfreut. Wingarts Züge überflog em Leuchtern Aber der Justiirat fuhr fort- Billig ist das übrigens mch., was der Hanoier fiir 'die beiden Marken b? haben will; wenngleich man °uch mch sagen kann, es sei unbedingt zu teuer für d,e genannten Stucke Brend ließ den Jusiizrat ausreden, dann fuhr er weiter fort und.in seinen Mundecken faßen Spott und Ernst gemischt .Wenn ^hr Herr MP «- -->»° mch' h°> Ed Z7"d-N »«I " djL ”üd,,r
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doch gern, daß Mutter und du mich zur Bahn bringt.
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Der Jusiizrat klappte die Kolonien zu. „Gewiß", versprach er, „sag« Mutter, ich wäre in zehn Minuten soweit."
Wingart Reußner ging hinaus. Er nickte Brendel zu. „Sehen wir uns noch?"
„Nein", sagte Brendel, „aber ich hoffe. Sie werden manchmal eine Ansichtspostkarte schreiben?" Sie gaben sich noch einmal die Hand.' „Alles Gute!"
Der Justizrat schloß seine Bücher weg. Er war aufgeräumt wie selten. Er warf das Schlüsselbund in die Luft und. fing es wieder auf. „Der Junge muß hinaus ins Leben", sagte er, „er ist ein rechtes Mutterkind. Er muß sich den Wind um die Ohren wehen lassen. Haben Sie gemerkt, wie gerührt er war? Sie haben da ein paar nette Worte gesagt, dafür wäre er Ihnen am liebsten um den Hals gefallen."
Brendel schämte sich ein bißchen, den Justizrat düpiert zu haben; er entgegnete nichts. Er blieb allein im Büro zurück. Der junge Mann im schwarzen Anzug gab die letzten Hoffnungen auf und verfügte sich an seinen Platz. „Wie ist es mit Lindemann kontra Lindemann, Herr Brendel", fragte er; „Frau Lindemann gibt an ..."
„Wir bestreiten", sagte Brendel. Er stand am Fenster, sah auf die Straße. Im Auto fuhren Reußners mit dem Sohn zur Bahn. Wingart trug nicht mehr die weiße Mütze; er sah älter und erfahrener, als er in Wirklichkeit war, unter dem grauen Filzhut aus. Er winkte noch einmal und nahm den Hut ab. Brendel winkte zurück. Dann verschwand der
Wagen.
Start, dachte Brendel; mit tausend Masten — man sagt wohl letzt besser PS Er wird es im Leben leicht haben, der gute Wingart. Er ist empfindsam, weich und impulsiv. So wird es ihm gegeben fein, alle Möglichkeiten des Lebens zu erfühlen und aufzuspüren; beide: Lust und Leid. Aber er wird keinem Gefühl verfallen. Er wird durch alle hindurchgehen wie durch einen linden Regen, erfreut und beglückt — traurig mit ein paar echten Tränen. Wünschen wir ihm, daß er rechtzeitig die Meilensteine erkennt; und daß ihm nicht zu früh, solange er noch stürmt, Mensch ober Stunde begegne, die es nur einmal gibt.
Aber was geht mich das an, wie komme ich darauf? Richtig, an Mita dachte ich, an Wingarts große Liebe zu meiner, kleinen Kusine, die nun so unwichtig geworden ist. Ein Lächeln überzog sein Gesicht und machte es hübsch, daß rasch das eine Fräulein hinter der Maschine die Kollegin anstieß. Wie nett er aussehen kann
Kleine Kusine, dachte er nochmals und nahm sofort das schmückende Beiwort zurück, du bist ja gar nicht klein, hast hohe schöne Beine, die der Luzius so verzückt anstarrt, wenn du dich abwendest — du wirst noch viel weniger an Wingart denken, als er an dich. Und wenn du und der Luzius beide so tut, als seiet ihr sehr fremd, ich habe eure Blicke belaufcht, wenn ihr euch unbeobachtet dachtet. Du siehst den Luzius an und der Assessor dich. Aber ihr versteckt euch voreinander. Und das ist richtig. Denn das Spiel des Lebens geht nach dieser Regel. Vergeßt nur nicht, euch zu finden . . . ,
Wenn man den Teufel an die Wand malt, kommt er, lagt der Volksmund. Luzius, man kann an Luzifer denken. Ein sympathischer Teufel. Nur ein bißchen gedrückt heute morgen, ober irre ich mich? Denkt er gerade tief nach? ...
Brendel irrte sich nicht. Luzius betrat das Büro, grüßte gemessen in die Runde und nahm Brendel beiseite. „Wo kann ich Sie ungehört und ungestört eine Weile sprechen."
„Gehen wir in des Justizrats Zimmer , schlug Brendel vor. „Der alte Herr bringt seinen Sohn zur Bahn; er bleibt gewiß noch eine Viertelstunde weg." „ _..
„Ich halte Sie nicht lange auf." Luzius sah sich um. War die Tur auch gut zugezogen?
„Zigarre, Zigarette, Schnaps?'
Nichts- danke sehr, Brendel " Luzius fetzte sich. Er sah ferne Nagel an," die waren blank und glänzten. Er hüstelte. Es war offenkundig, er "suchte einen passenden Anfang für dieses Gespräch und sand ihn nicht gleich. „ ,, , . .
Brendel lächelte. „Also wie war es gestern nacht; am besten wird fein Sie fangen dort an zu erzählen, als Sie mich verließen. Ich habe bis um 11 Uhr auf Sie gewartet und bin bann ins Bett gestiegen. Kennen Sie den Tango: Ich schenke dir die letzte rote Nelke...?"
„Nein." __ .,
„Ich habe die Platte Wenn Sie bei mir sind, erinnern Sie mich daran Sie müssen ihn hören."
Wollen wir nicht lieber ernsthaft sein, Brendel"
Brendel stutzte. Was gab es, was war in den Assessor gefahren?


