obwohl manche der gesellschaftlichen und künstlerischen Kräfte, die diesen Weltruhm im 17. und 18. Jahrhundert begründet haben, inzwischen versiegt waren.
Die französische Revolution riß die Mode aus ihrem Reich schwelgerischen Prunks und leichtsinniger Eleganz heraus und knüpfte deutlich den Zusammenhang zur Politik und zur Bewegung der Massen. Als 1789 der Hofmarschall Marquis d e Dreux Vryzo bestimmte, daß der dritte Stand sich schwarz zu kleiden habe, während die anderen in bunter Seide erschienen, erklärte Mirabeau, das schwarze Gewand sei das Ehrenkleid und man überlasse Seide, Brokat und Tressen gern den Lakaien. Der Kniehose des Rokoko erklärte-die Revolution den Krieg, und das lange Beinkleid wurde zum politischen Symbol. Ueber die Geschichte des 19. Jahrhunderts kann man sich sehr gut aus der Aufeinanderfolge ihrer sich ablösenden Moden unterrichten, die ihre Herrschaft allmählich auch über die breiteren Schichten des Volkes antreten, ein Vorgang, der durch die Entwicklung des Kapitalismus wirtschaftlich ermöglicht wurde, denn Massenuach- frage, Industrialisierung und Reiz der Abwechslung werden jetzt miteinander verbunden. Damit tritt eine entscheidende Wandlung ein. Nachdem fast alle Zweige des Bekleidungsgewerbes zur Modeindustrie geworden sind, entsteht die Notwendigkeit, den einmal in Schwung gesetzten Apparat in Gang zu halteu,- das Riesenrad niuß sich drehen. Das Schwergewicht der Mobenschöpfung verschiebt sich damit auf die Seite der Erzeuger und Händler, die immer neue Wege und Mittel ersinnen müssen, um den Umsatz zu steigern. Man halt zwar noch an den Vorbildern der „eleganten Gesellschaft" fest, ist aber gezwungen, diese Moden der oberen Schicht den breiteren Massen wirtschaftlich zugänglich zu machen. Die Folge war sehr häufig eine Qualitätsverschlechterung, das Eindringen von Ersatzstoffen und die Vortäuschung einer Eleganz, die sehr schnell fadenscheinig zu werden drohte. Diese Wandlung wird deutlich, wenn man z. B. die schwere Tracht einer Schwarzwaldbäuerin oder einer Bückeburgerin, die von Geschlecht zu Geschlecht vererbt wird, dem modischen Kleid gegenüberstellt, das vielleicht schon im nächsten Frühjahr veraltet ist und für das schon aus diesem Grunde keine ausdauernden und „echten" Stoffe verwendet werden.
Massenherstellung und eine starke Erregbarkeit und Beeinflussungsmöglichkeit des Geschmacks sind im 19. Jahrhundert eine anscheinend untrennbare Verbindung eingegangen, die man durchaus nicht zu bedauern braucht, denn auch auf diesem G'-biete kann das Gesunde ebenso wie das Kranke, das Schlechte ebenso wie das Gute gedeihen,- auf den Geist der Zeit kommt es an, der die Führung übernimmt. Was heute immer mehr die Industrie und das Heer der von ihr beschäftigten „Modeschöpfer" bewirken, war vor Jahrzehnten noch in erster Linie das Werk weniger Persönlichkeiten und der sie umgebenden „Gesellschaft". Früher erfand ein König einen neuen Westenausschnitt, ein beliebter Schauspieler schaffte eine neue Hutform ober ein berühmter Dichter einen neuen Schlips. Das mag für sie die richtige Kleidung gewesen sein. Aber mit einem Mal tritt die neue Westenform, der neue Hut oder der neue Schlips seinen Siegeszug durch die Welt an, und alle wollen gekleidet gehen wie Eduard VII., wie Lord Byron oder Girardi. Ist es so absonderlich, baß dabei mebr oder minder lustige Geschmacksentgleisungen entstehen? Die einen, die sofort mit jeder neuen Mode gehen, tun es, um auf jeden Preis aufzufallen,- sie sind deshalb ängstlich darauf bedacht, unter den ersten zu sein. Die anderen fügen sich ihr. um möglichst wenig aufzufallen. Sie beaeben sich unter den Schutz der anonymen Macht „Mode". Daß Zweckmäßigste und guter Geschmack nicht immer zusammengehen, erscheint selbstverständlich. Die Sucht nach Abwechslung und nach Nachahmung führt oft zu den eigentümlichsten Geschmacksverirrungen. Die Geschichte der Mode ist deshalb auch zugleich die Geschichte ihrer Torheiten. Schon in früheren Jahrhunderten entstanden in Deutschland Schriften gegen die modischen Uebertreibungen oder gegen die skavische Nachahmung fremder, besonders französischer Moden. Namentlich in der zweiten Halste des 18. Jahrhunderts wechselten insbesondere die weiblichen Frisuren in ihren Verzerrungen und Ueberspitzungen so ost, daß die »Spötter reichliche Nahrung fanden.
Es gab auch wirklich genügend Angriffspunkte. Da wurde z. B. eine Schöne in einer Sänfte getragen, durch deren Baldachin ein regelrechter Haarbusch wächst. Oder auf einem anderen Kupfer erkennt man ein mit Leitern und Winden versehenes mehrgeschossiges Gerüst, damit die darunter sitzende Huldcn von einem Troß auf- nnd abklimmender Scherenscstwinger gehörig gebrannt, gezupft und gestrählt werden kann. Wir brauchen uur an den Schuttrleib zu denken, um uns klar »» machen, welcher Torheiten die Mode fällig ist und welche Qualen die Menschen um der lieben Eitelkeit willen ertragen. Im allgemeinen ist aber doch dafür gesorgt, daß die Bäume der modischen Ve?rrungen nicht in den Himmel wachsen, nnd die Tyrannei der „Königin M.R>e ist keineswegs so willkürlich, wie man häufig annimmt. Wir dürfen nicht vergessen: in der Mode wird auch einem berechtigten Spieltrieb und einer natürlichen Freude an der Abwechilumi und an der Mannigfaltigkeit der Formen und Farben entsprochen.
Jedenfalls ist die Mode heute wie in früheren Jahrhunderten ein aetreues Spiegelbild ihrer Zeit: in ihm können wir: di«; guten und die schlechten Mächte erkennen, die das viemelnscha sleben ge- stalten. Das mag uns für die Zukunft ein verheißungsvolle' Zeichen sein auch hier aus dem Quell der tn unserem Volk und unserer Ueberlieferung in reichem Maße vorhandenen Kräfte zu schöpfen.
Ein Mann namens Schmitz.
Novelle von Wilhelm Schäfer.
(Fortsetzung.) lNachdruck verboten.)
Die streitbare Dame sah offenbar ein, daß sich das Kräfteverhältnis verschoben hatte. Also gut, gab sie zu, gehen wir zu Ihren Sternen hinauf. Wie übersetzen Sie: auf rauhen Pfaden? Ich dachte freilich, mit der Bahn hinaufzufahren und über den Kamm nach Langenau hinabzuwandern.
Also wandeln wir unter Sternen! stimmte er begeistert zu. Nur meinen Abendzug darf ich keinesfalls versäumen!
Darauf gab das Fräulein Petersen keine Antwort mehr,' sie senkte nur den Kopf auf die Füße, mit denen sie beide nun gemeinsam über die Straße gingen, als wäre alles zwischen ihnen in Ordnung. Am ersten Schaufenster blieben sie nach der Vereinbarung stehen,- er nahm den Hut ab, und weil ein dunkler Stoffaushang dahinter ausgezeichnet spiegelte, sah er seine mit dem Taschentuch beschmierte Stirn, die zu den Hosen, den Ellbogen und dem beschmutzten Kragen patzte.
Wollen Sie nicht lieber erst ins Hotel gehen? fragte sie, und er bog die Frage um: Wenn es Ihnen unlieb ist, mit solch einem Strolch gesehen zu werden?
Nein, weil es Ihnen unbehaglich sein muß! beharrte sie,' und als er aus einer abergläubischen Warnung in seinem Dreck bleiben wollte, wie er sich ausdrückte, fiel ihm die eigene Klügelei über den Fatalismus ein, der die Fiktion der Willensfreiheit voraussetzte.
Nein, sagte auch er, ich will freien Willens andere Hosen anziehen, um das Ding beim Namen zu nennen! Nur gibt es da einen Hund, vor dem ich mich abergläubisch fürchte: zudem sparen wir Zeit. Also müssen wir einen Wagen nehmen, wenn Sie cs gnädig gestatten?
Ich gestatte es gnädig! schalkte sie: und er winkte auch schon einen Wagen heran und mußte lachen, als es derselbe Chauffeur war, der anscheinend vagabundierte.
So, Herr, trumpfte er auf, nach hinten an die Tür greifend, das hätte mich fast ein Protokoll gekostet!
Und was kostet fast ein Protokoll? fragte der Doktor Schmitz spöttisch und freute sich über die Behendigkeit, mit der seine zierliche Begleiterin in den Wagen schlüpfte. Wenn da vorn der Rhein flöße, wäre das da oben der Drachenfels, wollte er zu scherzen beginnen: aber da ratterte der Kasten mit ihnen auch schon davon, und er mußte erhlich seufzen, daß es besser wäre, darin zu warten als zu fahren. Aber das konnte seine Begleiterin nicht verstehen.
Am Hotel wollte das Fräulein lieber draußen warten als in der Halle, wozu er sie einlub. Sie ginge noch etwas besorgen: in zehn'Minuten spätestens sei sie zurück!
Ich in neun, prahlte er und stürmte hinein.
Während er seinen Koffer aufritz und mit all den Dingen begann, die nötig sind, damit ein Mann aus einem alten Hemd sauber gewaschen in ein neues kommt, mußte der Doktor Schmitz selber über seinen Tatsachensinn lachen: er fand diesmal buchstäblich alles, was er suchte. Und wenn auch der blaue Anzug seinem Zustand gemäß eingewalkt wurde, so stellte er dafür mit acht Minuten, wie er sich selber in den Spiegel hineinstrahlend verkündigte, einen neuen Rekord auf. Er fand auch noch Zeit zu der Feststellung, daß ihm der rehfarbene Reiseanzug sowieso besser stünde als der blaue, und hatte Glück mit dem Fahrstuhl, der gerade hinab wollte.
Sie saß gleichwohl schon wieder im Wagen, als er hinaus kam, und er merkte bald, daß sie nachdenklich geworden war in seiner Abwesenheit.
Was hätten Sie gesagt, wenn ich unterdessen fortgegangen wäre? fragte sie obenhin: aber ihm schlug es aufs Herz, was sich darunter verbarg.
Es wäre ein Wortbruch gewesen! sagte er kopfschüttelnd über die Unmöglichkeit: und sie nickte: ich bin ja noch da!
Der Chauffeur, als sie an die Uetlibahn kamen, erhielt sein Fränkli extra für das fast erhaltene Protokoll: und der Zug stand wie im Märchen zur Abfahrt bereit. Auch hatte der Junitag sich gegen alle Versuche, Wolkenschleier vor die strahlende Sonne zu hängen, tapfer gehalten: es würde, wie der Doktor Schmitz un- händig sagte, eine wahre Himmelfahrt über die grünen Matten und das noch junge Waldgrün hinauf zum Uetli. Die aber die Himmelfahrt mitmachte unter singenden, schwatzenden Fahrgästen mit dem ganzen ungefügen Lärm, den solch ein ratternder Zug in die Landschaft bringt, sie hing zwar mit großen Augen an der weißen Pracht, die über dem dunkeln Blau der Ferne immer sieghafter wurde: sie selber aber saß nachdenklicher, und einmal schüttelte sie deutlich den Kopf.
Darum, als sie oben waren, wo der anfahrenöe Lärm von dem auf ihn wartenden empfangen wurde, und wo die über den Weg aufkriechende Raupe aus Kleidern, Hüten und Sonnenschirmen am nahrhaften Ziel war, wußte der Doktor Schmitz schon, was seine Begleiterin wollte, keinen Kaffee und keinen Kuchen, auch keinen Äussichtsturm: nur fort aus dem Trubel in die Abkehr der Landschaft!
Es ging nicht so rasch, wie ihre offenbare Ungeduld erwartete: als sie von dem ersten Kamme hinabsahen, lockten die Wegweiser schon wieder zur Gastlichkeit der Annaburg. Dafür hatten die weißen Prächte der Glarner Alpen den Horizont hoch in die weißen Federwolken erhoben, und das dunkelblaue Gewoge der Vorberge hatte seine Schlüfte aufqetan, aus denen das Silberband des Zürichsees sich bis zu ihren Füßen herangezogen hätte, wenn nicht die tiefe Waldrinne des Sihltals dazwischen gewesen wäre.


