saftig geraten
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche Llniverfitäts-Duch« und Steindruckerei. QL Lange, Dieben.
gemerkt haben — eine Laus Sie mit dem dazwischen ge-
Handschuh gilt es nicht! protestierte der Doktor hart- bis sie das Leder auszog und ihm die bloße Hand gab, durchaus nicht wie ein schutzbedürftiges Vögelchen in der spürte: • -
haben viel Tennis gespielt! stellte er fest,' aber sie winkte
Im näckig, die er seinen
Sie
gleich ab: Die Frage gehört nicht in den Vertrag!
Und er quittierte: Also schon gegebenenfalls!
Sie standen, nachdem ihre Unternehmung so beschlossen und eingeleitet war, immer noch auf demselben Rasenvorsprung inmitten der blaugrünen Landschaft, die durch den Glärnisch mit seinem Gefolge überirdisch bekränzt in Selbstgefälligkeit prangte,' und es hatte sich durch den Vertrag erst recht nichts daran geändert, daß die beiden bis vor wenigen Stunden noch nichts voneinander gewußt hatten und auch jetzt nicht mehr voneinander wußten, als ihre Augen sahen.
Die seinigen sahen ein überaus zierliches Persönchen im silber- grauen Kleid mit schwarzem Besatz und einem schwarzen Hut über dem sehr schmalen, ebenmäßigen Gesicht mit den dunklen Augen und dem durch keine Bitterkeit angesäuerten, aber herb geschlossenen Mund mit dem schwärzlichen Flaum darüber,' die ihrigen sahen einen gedrungenen Mann im rehfarbenen Reiseanzug, den braunen Filzhut etwas zu sehr in den stänkmigen Nacken geschoben^ daß sein breites Gesicht in der Sonne praller leuchtete, als es sonst war, mit wasserhellen Augen und gesunden Zähnen.
Er dachte, 'sie ist eine von jenen Römerinnen, deren wir in Köln noch viele haben, wenn auch selten in dieser gleichsam aus Buchs geschnittenen Vollendung, und sie mochte denken, daß er gar kein Kölner, sondern ein Westfale sei in seiner weißblonden Gesundheit. Aber sie sagten noch nicht, was sie voneinander dachten,
Ich müßte ein blinder Hesse sein, wenn ich nicht sollte, daß Ihnen — wie wir Rheinläüder sagen über die Leber gelaufen war; und gerade, als abscheulichen Tier fertig werden wollten, bin ich kommen, der Laus das Leben zu retten.
Er mußte selber über den Eifer lachen, der auf seine Begleiterin offenbar keinen andern Eindruck machte, als daß sie ihn mit großen Augen nun doch wieder spöttisch ausah, indessen an ihrem Mund — was für ein Mund! dachte der Doktor — die unverhohlene Schmerzlichkeit hing.
So geht das nämlich nicht weiter! Wir können unmöglich stundenlang über den Rand der Welt laufen, als wären wir beide aus Zürich und sind aus Köln. Und außerdem Periculum in moral Sie verstehen ja Latein: Gefahr ist im Verzug. Da heißt es per fas et nefas!, womit übrigens mein Latein ziemlich zu Ende ist: Es gibt Situationen, in denen jedes Mittel erlaubt sein muß. Wir wollen einen Vertrag schließen, einen Vertrag mit drei Paragraphen. Darf ich sie sagen? Und als sie gleichsam kopfschüttelnd dazu nickte:
Erstens: Fräulein Emilie Petersen und Doktor Herbert Schmitz, beide gebürtig aus Köln, werden miteinander über den Albis gehen, wie sie der Zufall in Zürich zusammengeweht hat.
Zweitens: Fräulein Emilie Petersen und Doktor Herbert Schmitz versprechen einander, baß sie in diesen drei Stunden treue Kameraden sein wollen, die voreinander weder Heimlichkeit noch Hinterlist haben.
Drittens: Fräulein Emilie Petersen und Doktor Herbert Schmitz sind gewillt, einander auf alle Fragen aufrichtig Antwort zu geben im Vertrauen auf ihre Verschwiegenheit, die sie beide ausdrücklich geloben.
Es würde ein bißchen viel verlangt, wie in allen Verträgen, wandte sie ein, die zu den Worten des Doktors aufmerksam sein Gesicht studiert hatte: Sie sei aber bereit, unter einem Vorbehalt den Vertrag einzugehen, nämlich dem, daß sie ihn jederzeit mit sofortiger Wirkung kündigen könne.
Mich gegebenenfalls in der Wildnis sitzen zu lassen! schmollte er mit so gut gespielter Kläglichkeit, daß sie doch, lachen mutzte.
Nur gegebenenfalls! tröstete sie, unerwartet auf seinen Scherz eingehend, und reichte ihm die Hand hin.
Als dem Doktor Schmitz dieser Vergleich so . . _ _ war, kam er von selber in die Bütte, wie die Kölner von einem sagen, der sich dem Redestrom seiner Einfälle wie ein Vütten- redner in der Fastnacht überläßt. Gnädiges Fräulein, legte er los, was ist eine Laus auf der Leber? Ein Aerger, der sich da ohne Vernunft eingefressen hat. Ich könnte sagen, den einen Aerger sind Sie morgen von selber los, der ist dann nach Köln gefahren. Sie könnten sich den andern bis morgen »ersparen; aber er soll so wenig bleiben wie ich. Sie werden die Laus von der Leber eher los als mich, das verspreche ich Ihnen!
sondern sie lachten sich beide aus einer Verlegenheit frei, die der merkwürdige Vertrag über sie gebracht hatte; und mit diesem Lachen traten sie ihre Wanderung über den Albis an, deren mühsame Länge sie beide, wie sie erfahren sollten, ebeniowenig eingeschätzt hatten wie die schwierige Erfüllung ihres Vertrages.
Fhr stünde der Vortritt der ersten Frage zu, mahnte der Doktor als sie einige Minuten lang schweigsam gewandert waren, und wies nach rechts, daß sie den kurzen Ausblick über das nördliche Vorland nicht versäume. Sie blieb folg,am stehen, dav Schaubild des in den blauen Dunst einer unwahr,cheinlichen Ferm mr- Nnkenden Landes still aufzunehmen, und tat mit dem ersten Schritt ihre Frage, deren Wortlaut sie anscheinend schon vorher erwogen ^^Wie kamen Sie dazu, mich am Meldeamt abzusangen? Aus roC Mie etft^ Frage war besser als die zweite, entgegnete er mit Bedacht; denn aus einer eigentlichen Absicht handelte ich nicht, jedenfalls aus keinem ammus injunandi, rote die fünften tagen, und Sie wohl zuerst annahmen. o
Hier unterbrach sie seinen Bedacht schon. Also aus "Elchen Gründen? Aber sagten Sie nicht, daß Sie mit Ihrem Latein zu
® lüntro *6atte ich auch keine, beharrte er, um Zeit zu gewinnen für das, was er nun sagen mußte. Es ist schon richtiger: Wie
kam"dazu durch einen Hund, über den ich fiel. Aber auch der war nur ein Glied in der fatalen Kette; und ich mutz wohl ine andern Glieder aufzählen. Meinen Namen wissen Sie und auch vielleicht, dah ich Direktor einer Maschinenfabrik bin, die früher unser Familienbesitz war und es jetzt trotz der AG. hlNter meinem Namen noch ist. Nach Zürich war ich lange nicht mehr selber gekommen, diesmal schien es mir notwendig, weil wir den Auftrag zu jedem Preis herein haben mußten: nicht um zu verdienen, sondern um den Betrieb im Gang zu halten; wir setzen reichlich zu.
Als ich heute mittag mit dem perfekten Auftrag 'n den Glocken- hof kam, war ich verstimmt über den harten Hochmut der Schwerzer, und die Einladung im Hanse Bünzli patzte mir gar niajt mehr. Ich wollte eigentlich absagen und den Mittagszug nehmen, obwohl das in diesem Fall mehr als eine Unhöflichkeit gerne,en wäre. Jedenfalls hatte ich mich unschlüssig verspätet, lief zu hitzig nach einem Auto, stolperte über den Hund und kam so bedreckt in das Haus, wie Sie mich als Erste empfingen; denn natürlich hatte gerade ein Sprengwagen die Straße abfahren muffen.
Wäre es mit mir wie sonst gewesen, ich hätte mich mcht in dem Zustand gezeigt; aber mich hatte der Satan Beim Änp» — wie wir sagen — mit meinen zerquetschten Rosen und den beschmutzten Hosen in dem staubfreien Haushalt zu erscheinen, wo ich Sie mit der weißen Rüsche sah, die Ihnen so reizend zu Gesicht stand. Daß ich mich nicht in Butter gebacken suhlte, müssen Sie gemerkt haben; ich hatte kölnischerweise auf mehr Humor bei den Leuten gehofft. Und dann fand ich zu meiner Ueberraschung den , mokanten Doktor Verwalöner als Schwiegersohn wieder, über ■ den ich mich in den Verhandlungen am meisten geärgert hatte.
Mir war alles verleidet, die Sportgespräche und am meisten das Idiom, wie es wohl heißt. Vis der alte Herr das von dem Meldeamt sagte und Sie ihm antworteten: >cch habe loroiefo Ausgang heute, Herr Oberst! so waren Ihre Worte; und ich hatte es nicht gewußt bis dahin, daß wir Kölner die schönste Sprache der Welt haben — jawohl, das haben wir! — und datz man von dem Klang einer Stimme allein glücklich werden könnte!
Das heißt, glücklich wurde ich gar nicht, eher wehmütig. Jetzt muß ich etwas Verrücktes sagen: Sie haben eine Altstimme, und Fräulein Julie — Jülli sagen die Schweizer — hat einen Sopran. Ich habe sie natürlich nicht singen gehört, und vielleicht können Sie es beide gar nicht. Aber eine Altstimme, das ist rote Cello — meine verstorbene Frau hat auch eine Altstimme gehabt —, und die Geigen- oder Flöten- oder Klarinetten- oder gar Trompetenstimmen sind mir schrecklich. Ich mutzte denken, warum bringt mir mein Sohn Herbert kein Cello ins Haus; aber natürlich: er wird die Klarinette lieber haben.
So, Ihr Sohn heißt also auch Herbert, vielleicht auch Dokio§ wie Sie, Herr Doktor Herbert Schmitz? unterbrach ihn seine Begleiterin an dieser Stelle; und als er sie ansah, mußte er meinen, sie mache sich darüber lustig, so seltsam waren ihre Sippen ge-
J Warum soll ein Sohn nicht rote sein Vater heißen können? rügte er die störende Zroischenfrage, seinen Eifer iveitersprudeln zu lassen: Damm, als Sie den Kaffee brachten, roar ich längst sicher, datz Sie unmöglich ein geborenes Dienstmädchen fein könnten. Dann sagte der Schroiegersohn — der natürlich seinen Häm darüber hatte — oder wie sagt man hämisch im Substantiv? —, daß Sie eine deutsche Professorentochter seien; und ich — dies dürfen Sie mir doch weih Gott nicht als zudringlich auslegen —, ich fragte nach Ihrem Namen, um zu meinem Schrecken zu hören, daß Sie die Tochter von dem verstorbenen Professor in Aachen seien, mit dem ich in Darmstadt auf der Technischen Hochschule war. Ja, und dann wäre es jedenfalls schäbig gewesen, wenn ich die Tochter meines Studiensreundes nicht begrüßt hätte. Im Haus ging das natürlich nicht; aber ich hatte das von dem Meldeamt nicht umsonst gehört. Da stand ich denn, als Sie herauskamen, mir nicht einmal die Hand gaben und sich gegen mich benahmen, als ob ich ein Mädchenhändler wäre!
(Fortsetzung folgt.)
Wie schön, sagte das Fräulein schmerzNch ergriffen und schüttelte den Kopf wie zu einem Gram. Dem Doktor aber gab dreier anste Blick in die große Welt eine andere Anregung: wie einem Schwimmer war ihm zumute, der nach einer muh^men Wanderung endlich am Seeufer stand und die Kleider nicht rasch genug
ablegen konnte.
Gnädiges Fräulein, sagte er, ihr zur Seite auf den Nasenvorsprung tretend, gnädiges Fräulein, geht das nicht weiter! Wir sind ja schließlich beide aus Köln und mehr al» einmal auf einem Noeindampfer am Siebengebirge vorubergefayren, wo unsereiner nie weif}, ob er vor ® lücE die Heuierei Kriegen oder aus Uebermut dem Kellner ein Bein stellen will.


