Vorfrühling am Waldesrand.
Von Detlev v. Lilien cro n.
In nackten Bäumen um mich her der Häher, Der ewig kreischende, der Eichclspalter, Und über Farnkraut gaukelt nah und näher Und wieder weiter ein Zitronenfalter. Ein Hühnerhabicht schießt als Mäusespäher Pfeilschnell knicklängs vorbei dem Pslugsterzhalter, Der Himmel lacht, der große Knospensäer, Und auf den Feldern klingen Osterpsalter.
Die Entdeckung von Worpswede.
Von Bernhard Sandering.
Mackensen, Braunschweiger aus Greene bei Kreiensen, 1867 geboren, studiert in Düsseldorf und München. Er ist ein einsamer Mensch, die Natur seine Zuflucht und Rettung. Er ist auch Jäger und ein guter Reiter. Das hält die Augen offen und bewahrt vor dem melancholischen Schwelgen in der unbelebten Einsamkeit, vor dem schon Goethe warnte. Gelegentlich hält er in knappster Eindringlichkeit einen Eindruck von draußen im Wort feft; Rilke, der so anders Geartete, hatte recht, an Turgenieff, den Jäger, zu erinnern. 1884 stieg er, auf Worpswede, das noch keiner kannte, beiläufig aufmerksam gemacht, vor dem Bremer Hauptbahnhof in den Lilienthaler Omnibus. Es war Sommer, sehr heiß, und man quetschte den schmalen Achtzehnjährigen kräftig zusammen. Es roch nach Moorrauch, man sprach Platt. Er verstand nicht viel, obwohl er Klaus Groth gelesen hatte und aus niederdeutschem Boden kam. Plötzlich ein Ruck, der Malkasten, den er auf dem Schoß trug, entglitt ihm, der Herr gegenüber, länglich, mit dünner Maurerfräse und biedermeierlicher Halsbinde, lachte, man kam ins Gespräch, auch er war Maler, hatte aber vorgezogen, die Windmühle seines Vaters in Hüttenbusch, nicht weit von Worpswede, zu übernehmen, obwohl Hermann A l l m e r s anderer Meinung gewesen war.
Dann hielt man an der Wümme. Die weiten Wasserzüge, die fremden schwarzweißen Kühe und di» geruhig grasenden Pferde, die langgedehnten Höfe an den Dammkuppen waren ungewohnt. Ungewohnt auch die weißen, leise angeglühten Schwimmwolken, die endlos herzukommen schienen. Das Perpendikel schlug an.
In Lilienthal stieg man vor Peters Gasthof um. Der Worps- weder Wagen war noch dichter besetzt, der Gerichtstag ging gerade zu Ende. Der Kutscher konnte sich kaum rühren, rechts und links saß ein Fahrgast. Die Sonne kochte.
So kletterte er auf das Dach und ließ die Beine herabbaumeln. Einige alte Frauen schmüsterten. Das war nicht schlimpr. Unbequemer war jedenfalls der enge Raum zwischen den aufgestapelten Kisten, Säcken, Körben und Eimern. Es war eine nahrhafte Zeit damals, und wenn man schon einmal verreiste, brachte man auch einiges mit. Was gab es schließlich im Dorf zu taufen 1 Und trotz allem war es hier oben schöner, befreit von Gevatterschnack, billigem Knaster und arglos ausgespucktem Priem, befreit auch von der Hitze und dem trockenen Dunst selten gebürsteter Sonntagsröcke.
Das Land glitt zögernd vorbei. Er hatte an eine menschen- und gottvergrabene Ebene gedacht, aber überall standen helle, freundliche Dörfer auf, Moor schob sich mit hochgestapelten Torfhaufen dazwischen, die Heide glastete, Jmmenschwärme hingen in ockergelben Lupinenfeldern, eine Frau in geschürztem Rock, roter Bluse und weißem Schleierhut werkte, und immer trjeben die weißen, kaum atmenden Wolken durch die tiefe, stählerne Bläue. Und Erde und Hausöach, Graben und Wiese, Birken und Kiefern rauschten in betäubendem Licht. So viel Wolken und Farbenschimmer hatte er noch niemals gesehen. Was war Düsseldorf dagegen, was das Alpenvorland um München mit seiner plastischen, zeichnerischen Ausrundung, in der jedes Ding hell und scharf stand, als sei es mit der Schere aus Papier geschnittten! Zum ersten Mal begriff er Rembrandt, den inbrünstig Geliebten, aus seiner ebenen Undurchdringlichkeit.
Die Birken waren alle von Westen nach Osten herübergekämmt, der Wind roch nach Moor, nach der Wesermündung, nach Holland. Ein Hügel warf sich auf, unte.n weidete ein Schäfer seine Schnucken, eine Kirchturmhaube kroch nachmittagsmüde aus den Bäumen. Dann fiel ein Uhrenschlag. Im Wagen unten schnarchte ein Bauer. Die Frauen hatten bei der Glut und dem Geholper auf den schlechtgepflasterten Straßen und mülmenden Sandwegen auch nicht mehr viel zu verkaufen.
Worpswede!
Die Pferde blieben von selbst vor der „Stadt „Bremen" stehen. Ein wundervoller alter Bauerngarten mit Akelei, Rittersporn, Feuerlilien und Zentifolien spannte sich in die hohe, geschnittene Weißdornhecke. Schräg gegenüber wohnte die Familie Stolte, die ihn eingeladen hatte. Breite grüne Linden lehnten vor dem Haus, das Familienwappen bewachte den Eingang, die Torpfosten rvareii Walfischkiefer. Stolte sen. war der erste Kaufmann am Ort und außerdem Gemeindevorsteher. Fritz Mackensen war bald zu Hause. Und war es noch mehr, als er seine stummen Wanderungen in Moor und Hammeniedrung begann, die Menschen sah, die sich seit hundert Jahren um nichts geändert hatten, Erde waren und ungeformte Natur, allem Spuk und Schabernack, allem
Grauen und Großen eng verschwistert und verschwägert. Er wußte, daß er wiederkehren würde.
Im folgenden Sommer bis in den Herbst hinein wohnte er von neuem hier, 1887 begann er mit dem „Gottesdienst im Freien" jKestner-Museumj. Er malte ihn draußen, da er keine Werkstatt besaß und auch die Bauerndielen nur unzureichenden Raum boten. Die Leinwand lehnte an der Kirchenwand. Nachts, wenn die Stürme schrien, stand er auf, um sie fester zu stützen. Jahr um Jahr rang er mit dem mächtigen Vorwurf, im Winter auf 1895 wurde baä Bild fertig und trug ihm in München sogleich die Große goldene Medaille ein. Inzwischen waren Otto Modersohn und Hans am Ende 6ein Freunde nachgefolgt, einige Jahre später kamen Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler, beide geborene Bremer, auch Karl Vinnen ließ sich eine Zeit- lang nieder.
Worpswede war entdeckt, der französische Impressionismus, um das Erbe von L e i b l und V ö ck l i n vertieft und gemehrt, an alter deutscher Malkunst geschult, begann, sich ganz deutsch, ganz boden- nahe, ganz schlicht und groß auszuörücken. Jeder ging seinen eigenen Weg, „das Gemeinsame aber war das dunkle, formen» und farbenreiche Land und der Himmel, der es so märchenhaft überspannt". Worpswede wurde eine Welt wie Barbizon, wie das schottische Cockburnspath bei Glasgow,' wenn in Paris ein Bild mit einer besonderen Note gekennzeichnet werden sollte, ^ieß es „ä la Worpswede". Rilke kam und Carl Hauptmann, in den Sommerwochen wurden die Gastwirte an den Fremden reich, und als nach dem Kriege Bernhard Hoetger zu bauen ansing, schien das stille, schöne Dorf gänzlich verloren. Eine neue Zeit schuf auch hier Wandel.
Während aber nahezu alle an dem schweren, verschlossenen Menschen vorübergingen, beinahe voll Angst vor seiner Uner- gründetheit, drang Mackensen im „Dodenbeer", in der „Trauernden Familie", in der „Worpsweder Madonna", der Bremer Kunsthalle, in „Mutter und Kind", im „Säemann", im „Trinkenden Bauern" und in der „Scholle" immer tiefer in ihn ein und gab dann fein Werk weiter an seine größte Schülerin, Paula Modersohn-Vecker, deren reines Farben- und Ton- gefühl er zu monumentaler Stärke zu steigern versuchte. Auch sie ging ihren eigenen Weg, der um nichts den Wert des Mannes mindert, der sie alle gerufen und ihnen die akademieblinden Augen geöffnet: Fritz Mackensen. Und wenn ein halbes Jahrhundert Worpswede ein halbes Säkulum Sehnen, Suchen, Finden und Verlieren ist, so steht er dahinter, Künstler, Mensch und Erzieher, manchmal vergessen, aber niemals verloren. Und trotz aller Titel, Orden und Medaillen Worpswede, das er auf die Dauer nicht verlassen konnte, und das ihn in den vielen Kümmernissen seines Lebens hält, „wie einen seine Mutter tröstet".
Mode und Zeitgeist.
Von Dr. Wolfgang Frahm.
In jeder Zeit großer politischer und geistiger Umwälzungen tauchen auch immer wieder Vorschläge und Bestrebungen auf, der Mode, der leichteren, beweglicheren, ja wankelmütigen Schwester der ernsteren und beständigen „Tracht", ein anderes Gesicht zu geben, weil man eine untrügliche Witterug dafür hat, daß sich der Geist der Zeit auf allen Gebieten des Lebens seinen ihm gemäßen Ausdruck sucht, um sie alle zu einer Einheit zusammenzufasien, nicht im Sinne grauer Eintönigkeit, sondern in dem Gefühl, daß Tracht und Mode auf die Dauer ebensowenig Zufälligkeiten und Nebensächlichkeiten sind wie Sitte und Brauch, wie die Formen der Geselligkeit, wie Spiel, Tanz und Sport. Der neue kulturpolitische und sozialpolitische Wille, der sich in der deutschen Freizeit-Bewegung „Kraft durch Freude" Bahn bricht, hat mit der Einführung einer Tracht bereits den Weg zu einer solchen Umgestaltung zu beschreiten begonnen. Der Einfluß, der von einer Wiederbesinnung auf die eigenen Kräfte ausgeht, wird auch vor der Mode nicht Halt machen, aber er wird ihr nicht die gesunden Launen und die bunte Lebendigkeit ihrer Einfälle nehmen können und wollen.
Ist die Mode Ausbrucksform jeglicher menschlichen Gemeinschaft, gleich welcher Zonen und Epochen, oder ist sie erst von einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte an nach Ueberwindung der ersten Entwicklungsstufen bei den Völkern als verfeinerter Gast erschienen? Dürfen wir also bei Naturvölkern schon von Mode sprechen? Bei den Griechen und Römern finden wir jedenfalls schon ausgesprochen modische Haartrachten, einen anmutigen Wechsel, aus dem sich manche Stilwanblnngen ablesen lafsen. In Deutschland ist z. V. während des 10. und 11. Jahrhunderts ein deutlicher und nicht nur aus der Zweckmäßigkeit zu erklärender Ucbergang von enger zu weiter Kleidung festzustellen. Bald gehen von Italien und Frankreich schon ausgeprägte Modeströmungen aus. Im 15. Jahrhundert herrscht eine eckige Schlankheit vor. Das 16. Jahrhundert liebte das Breite und Feierliche, schwer rauschende Brokatstoffe, gebauschte Oberärmel und Schleppen. Geist der Renaiffanee liegt darüber. Wie Lebensgefühl der Epoche, Geselligkeit und Mode zusammenfallen, zeigt der „Cortigiano", das Büchlein vom vollendeten Kavalier, das 1516 erschien und das darüber belehrt, was um die Wende des Jahrhunderts in der Gesellschaft tonangebend war. Unschicklich sei es, so heißt es, heftige und schnelle Bewegungen zu machen,' und so sollte auch die Kleidermode hoheitsvolle Würde darftellen. Der italienische Einfluß wird bald von dem französischen verdrängt. Der französische Hos bietet das in allen europäischen Ländern nachgeahmte Vorbild. Paris hat noch lange als die Verkörperung des feinen Geschmacks gegolten,


