GiehenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1934 Zreitag, den 2. März Nummer 17
Trinklied.
Volksweise.
So trinken wir alle Diesen Wein mit Schalle! Dieser Wein für ander Wein Ist aller Wein ein Fürste; Trink, mein lieber Dieterlein, So wird dich nimmer bürsten: Trink's gar aus!
Ein Neiglein noch drin ist, Du ein fauler Zecher bist;
Heb hinten über sich das Glas, So lauft es dir mehr und baß; Trink, mein lieber Dieterlein, Laß dir schmecken den kühlen Wein: Trink's gar aus!
Das Glas soll umher gähn, Laß keiner lang vor ihm stahn! Dieser Wein treibt weg alls Leid; Dieterlein, tu mir Bescheid! Er schon in den Zügen leit, Er gar ein guten Zecher geit: Trink's gar aus!
Oie Nagelprobe.
Eine fröhliche Anekdote von Karl Lerbs
Da lebte, muß man wissen, auf seinem Gute Vonkowa Gora, irgendwo tief in Polen, Adam Malachowski, der sich aus silbernen Humpen einen durch das ganze achtzehnte Jahrhundert klingenden Trinkerruhm ansoff und die Lustigkeit um so mehr liebte, je mehr sie lärmte. Er besaß Rang und Titel eines Kronvorschneiders; und das war, mutz man wissen, eine Würde, deren Bedeutung man sich in unseren respektlosen Zeiten kaum noch recht ausmalen kann. Doch war es kein Amt, das den ungebärdigen Kräften seines Trägers das ersehnte Tummelfeld bot, und es vermochte ihn auch niemals so zu vergnügen, daß er seinen borstigen Schnauzbart aufblies, bis seine scharlachleuchtende Nase fast darin verschwand — wie das in Augenblicken höchsten Entzückens seine anmutige Gewohnheit war. Da mußte er sich nun also das Register der standesgemäßen Belustigungen, das sich mit Hehiagden, Pokulieren und Vauernschinöen immer allzubald herunter,pielte, durch das Ersinnen neuer Edclmannsfreuden bereichern. ,
Er tats. In seinem Silberschatze befand sich ein prächtiger Kelchs darauf drei Herzen und die Worte „Corda fidehum gar zierlich eingeschnitten waren. Dieses Gemäß faßte zwei Quart Weines und war für den geselligen Umtrunk bestimmt: Malachowski aber hatte sich in seiner Handhabung solche Meisterschaft erworben, daß er es auf einen einzigen Zug leerte, trockenen Daumens die Nagelprobe machte und hinterdrein genau so fest auf seinen sacht gekrümmten Beinen stand wie zuvor. In diesem Meftterstucketats ihm keiner gleich; ihm aber war es eine unerschöpfliche Quelle der Heiterkeit und des Stolzes, dies immer wieder zu erweisen. Wenn ein Gast auf Vonkowa Gora erschien, so mutzte er, ob er wollte oder nicht, dem Hausherrn aus dem berühmten Kelch Besche d tun bis zum letzten Tropfen und trockenen Daumens die Nagelprobe machen. Blieb auch nur ein einziger Tropfen im Kelche hangem so mußte der Gast den Versuch wiederholen, bis er das Kunststück zuwege brachte; wollte er nicht, so packten 'hu Malachowskis Heiducken und hielten ihn fest; lag er hernach schwer trunken am Boden, so blies Malachowski voll Entzücken seinen borstigen Schnauzbart auf, bis seine scharlachleuchtende Na e fast darin^ verschwand. Nun ist das aber ein Spaß, den nicht jeder vertragt, mancher schied vom Gute mit schrecklichem Schadelweh; ja, man raunte sich im Lande zu, daß mehr als einem der Schädel n mmer wehgctan habe, weil er eben einfach aus dem Rausche nimmer ^S^nannte man bald das prächtige Gemäß mit angstvollem Schauder den „Todeskelch"; Reisende mieden Bankowa Gora und wollten lieber im Morast der Landwege als °u des Kronvorschnei- ders Humpen ersticken; große Herren ließen sich>von Malachowfti einen Gelcitbrief schreiben, in dem er bei allen Machten bei ©.m- mels und der Erde, bei seinen Ahnen und emem Bestehen vor dem Jüngsten Gericht schwor, den Todeskelch im Schranke zu lassen, wenn sie ihn besuchten; mancher wagte es auch daraufhin noch nicht und schickte seine Diener, wenn es etwas zu bestellen gab — wobei es dann oft genug vorkam, baß er eine »wette
Mannschaft entsenden mutzte, um die erste aus irgendeinem Stratzengraben auflesen zu lassen. Der Kronvorschneider aber lauerte oft wochenlang vergeblich aus Opfer.
Ei, wie freute er sich eines Tages! Kam da ein klappriges Wäglein mit einem dürren Klepperlein davor auf den Hof gefahren, und darin saß ein Mönch, der für das Benedtktinerkloster Wielka Wola Almosen sammelte. War ein kleiner, hagerer, grauer Mann, trug eine oft geflickte Kutte, bot mit leiser Stimme bescheidenen Gruß und Segen und bat höflich um ein Weniges zu essen und um eine fromme Gabe für sein Kloster. Des Kronvorschneiders Schnauzbart begann sich aufzurichten; er ließ dem Mönchlein eine tüchtige Schüssel Bigos, was ein derbes Gericht aus Sauerkraut und Fleisch ist, und ein Glas Bier vorsetzen und rückte ihm hernach mit dem Todeskelch zu Leibe: Er wolle ihm, sagte er, zwei Fuhren Getreide mitgeben, wenn es ihm gelinge, zupor diesen Kelch auf einen Zug zu leeren und trockenen Daumens die Nagelprobe zu machen. Ach nein, wehrte sich der Mönch ehrer- Bietig — er sei des Weines qar ungewohnt und wolle lieber um einen Trunk Wassers oder dünnen Bieres gebeten haben. Dabei saß ihm ein Schalkslächeln in den Mund- und Augenwinkeln, aber das sah Malachowski nicht. Er brüllte nach seinen Heiducken, ließ den Kelch füllen und fuchtelte drohend mit der Hetzpeitsche. Seufzte also das Mönchlein, schlug ein Kreuz über den Kelch, faßte ihn mit beiden Händen, trank und trank; ließ aber ein paar Tropfen drinnen. Holla, schrie Malachowski, so sei es nicht gewettet; noch einmal füllen! Der Mönch*bat zitternd, man möge ihn um Gotteswillen in Frieden ziehen lassen - aber es half ihm nichts: er mußte abermals heran. Sprach er also ein kräftig Stotzgebetlem, holte tief Atem, trank und trank — ließ aber wieder ein paar Tropfen drinnen. Der Kronvorschneider sah mit Staunen, daß der Gast die Farbe des Gesichts kaum verändert hatte und noch immer fest auf seinen Beinen stand; mit aufsteigendem Zorn befahl er die dritte Füllung. Das sei ein gar grausam Stück, sagte der Mönch, und wenns nicht um seines Klosters willen wäre, so möchte er lieber gar den Hunden vorgeworfen werden, als so lästerlich saufen; lockerte hierauf ein weniges den Strick, den er um den Leib trug, schnaufte ein paarmal, trank und trank — nnd ließ zum drittenmal etwas im Kelch. Der Herr Kronvorschneröer möge ihm verzeihen, sagte er dann — aber es muß wohl an der mangelnden kkebung liegen; doch habe erst nun wohl recht geprobt und hoffe es beim vierten oder fünften Male endlich zu können. Damit griff er, als die Heiducken in abergläubischer Furcht zurückwichen, selbst zur Kanne und goß den Kelch wieder voll; ging ein paarmal kerzengrade durchs Zimmer, seufzte ein bißchen, trank und trank; machte die Nagelprobe, fand einen Tropfen auf seinem Daumen, schüttelte ärgerlich den Kopf und — griff zur Kanne.
Der Kronvorschneider saß schon längst auf seinem Stuhl, aus seinen Aeuglein waren ganz große Augen geworden, und er sah aus, als hätte er nicht übel Lust, nun seinerseits zu etnem Stoßgebet seine Zuflucht zu nehmen. Als er aber sah, wie der Inhalt des Todeskelches zum fünften Male hinter der geflickten Kutte verschwand, schoß ihm plötzlich ein Begreifen auf, daß das graue Mönchlein ihn zum Narren hielt und auf eine Fassung an Wein geeicht war, wie man sie sonst in Polen und anderswo landauf, landab vergeblich suchte. Polternd schmiß er seinen Stuhl zu Boden, ritz dem Trinkenden den Kelch vom Munde, packte ihn am Kragen und setzte ihn eigenhändig vor die Tür.
Als er noch zwischen Zorn und Lachen den Vorfall staunend bedachte, meldete ihm ein Diener zähneklappernd, der Mönch habe draußen am Brunnen einen ordentlichen Trunk Wasser geschöpft, sei dgnn festen Schrittes auf seinen Wagen gestiegen und halte nun auf der Landstratze stocknüchtern schnurgeraden Kurs. Der Kronvorschneider schwang sich auf einen Gaul, preschte hinterdrein, holte den Mönch ein, sah ihm ein wenig scheu in bas ernste, graue Gesicht und sagte: „Traun, ich will Euch das Getreide geben, weil Ihr so brav geschluckt habt, wie ich es meiner Seel selbst nicht vermag; aber Ihr dürfet mir nimmer aufs Gut kommen.
. Ist recht", sagte der Mönch, und wandte den Wagen. „Ich will nimmer kommen, wenn Ihr mir versprechet, daß Ihr niemals mehr dieses Spiel treiben wollet; ist mir doch, als halt mir der heilige Bernhard geholfen, daß ich das Land von Eurer Plage sollte freisaufen." Wachte hernach streng darüber, baß man ihm bas rechte Maß gab, reichte Malachowski zur Bekräftigung des Vertrages die Sand nnd zuckelte von dannen. .
Der Kronvorschneider sah ihm nach, fluchte ein wenige», lachte ein weniges, ließ sich den Todeskelch füllen und begriff, al» er ihn in den Händen wog, plötzlich den Humor der Sache — allo daß er seinen borstigen Schnauzbart ausblies, bis seine scharlach- leuchtende Nase fast darin verschwand.


