Ausgabe 
2.2.1934
 
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Mann wird. AVer es soll damit angebeutet werden, daß Riesen­wuchs sehr oft eine pathologische Erscheinung ist, genau so wie Zwergwuchs. Zwergwuchs und Riesenwuchs sind in der Mehrzahl der Fälle bedingt durch eine Störung der Funktion des Drüsen­systems, wobei die Keimdrüsen, die Schilddrüse, die Hypophyse (Gehirnanhang) und die Thymusdrüse ausschlaggebende Bedeu­tung haben. Unterfunktion und Ueberfunktivn dieser Drüsen können einen Menschen zu einem Wuchs von 255 Zentimeter empor­treiben oder ihn mit 68 Zentimeter zum Liliputaner machen. Der berühmteGeneral" Mite maß mit 16 Jahren 82,1 Zenti­meter,- seine Braut, Miß Nelly, 72 Zentimeter,- Herr Smaun aus Birma war nur 682 Millimeter groß, seine Schwester Fatma 746 Millimeter.

Es wäre falsch, entsprechend diesen grotesken Mindest- und Höchstmaßen zu behaupten, die Körpergröße des Menschen schwanke zwischen 255 und 68 Zentimetern. Das könnte nur behauptet wer­den, wenn es tatsächlich Menschenrassen gäbe, bei denen die oben genannten Ziffern ein Durchschnittsmaß an Körpergröße dar­stellten, wenn es also eine Gigantenrasse von durchschnittlich 250 Zentimetern und eine Pygmäenrasse von durchschnittlich siebzig Zentimetern gäbe. Nun wird aber selbst die kleinste Menschenrasse, die wir kennen, im Durchschnitt immer noch die Körpergröße von 125 Zentimeter erreichen, und die größte Raffe, nämlich die der Neger am Obernil, im Durchschnitt immer noch unter der 2-Meter- Grenze bleiben.

Nein, bis auf wenige Ausnahmen reinen Riesenwuchses, sind die eingangs erwähnten Riesen und Zwerge Opfer eines ge­störten Ablaufes der Funktionen d.es Drüsensyftcms, meist auf ver­erbtem, selten auf erworbenem Defekt (Hufschlagi beruhend. Es gibt z. B. einen eunuchoiden Riesenwuchs, der nicht nur auf einer Unterfunktion der Keinmdrüsen, sondern gleichzeitig auf einer Unterfunktion der Hypophyse (des Gehirnanhangs) beruht.

Das normale Wachstum des Menschen hört nämlich im allge­meinen mit dem Abschluß der Pubertät auf. Setzt der Hormonal­befehl des Körpers zur Einstellung des Wachstums aber nicht ein, so wachsen die Kinder weiter. Es bedarf im Wachstumsprozeß also auch eines Hemmungsfaktors, der wiederum nicht zu früh ein­geschaltet werden darf, denn sonst kommt es zum Zwergwuchs. Diese Anormalität hängst mit der Schilddrüse zusammen (Krctinis- mus). Auf einer Allgemeinerkrankung des gesamten Knorpel­systems (Chondrodystrophie) beruht der sogenannte chondrodystro­phische Zwergwuchs.

Die Clownzwerge im Zirkus sind ausgesprochen solche chondro- dystrophischen Menschen, und die Zwergnarren, die sich die Fürsten früherer Zeiten hielten, werden meist diesem Typus angehört haben, der übrigens vererblich ist. Bon der Vererbung sprechen wir, nicht nur, um die Frage aufzuwcrfen, ob Niesen oder Zwerge gezüchtet werden können, sondern um auf die Gefahr von Kreuzun­gen entfernt stehender Rassen für die Harmonie der Drüsenfunk­tion hinzuweisen.

Die Körpergröße einer Rasse ist im allgemeinen konstant. Bei der nordischen Raffe schwankt sie um den Mittelwert 175 Zenti­meter. Bei der dalisch-fälischcn Rasse um 177 bis 178 Zentimeter. Bei der alpinen Rasse (von Günther ostisch genannt) um den Mittelwert von 165 Zentimeter,' bei der kleinsten europäischen Rasse, der mediterranen, um 160 Zentimeter. Viele Laien glauben nun, man könne innerhalb einer reinen Raffe den Durchschnitts­wert einer Körpergröße nach der positiven Seite hin verschieben, wenn man nur die überdurchschnittlich großen Paare zur Fort­pflanzung zuließe. Innerhalb einer reinrassigen Bevölkerung hätte eine solche Auslese keinen Erfolg: Die Kinder der ans- gelesenen hochwüchsigen Eltern würden immer wieder nur den Mittelwert der Körpergröße ihrer Raffe haben.

Anders ist die Sache, wenn man ein Rassengemcnge vor sich hat, d. h. eine Bevölkerung mit Angehörigen verschiedener Raffen, oder wenn es sich um ein Raffengemisch handelt, das aus Misch­lingen (Bastarden) verschiedener Raffen besteht. Ein Rassenge­menge haben wir z. B. bei uns im Lande Baden. Wir haben in Baden sehr viel alpine Menschen und sehr wenig Angehörige der nordischen Raffe. Rekrutenmessungen in Baden haben ergeben, daß die meisten badischen Männer nur 164 bis 166 Zentimeter groß sind. Nur 7 v. H. der gemeßenen Rekruten hatten eine Kör­pergröße von 173 bis 175 Zentimeter, nur 0,7 v. H. eine solche von 179 bis 181 Zentimeter, wcn^ man in Baden nun kür die alpinen Menschen ein Heiratsverbot erließe und nur die nordischen Rasse­bestandteile zur Fortpflanzung zuließe, so würde der Durchschnitts­wert der Körpergröße Badens in einigen Generationen erheblich anstetgen, und nur durch ein diesem entsprechendes Auslesever­fahren könnte die Körpergröße der deutschen Gesamthevölkernng dem Mittelwert der nordischen oder der fälischen Raffe näher kommen. Es würde sich dann nm eine zielbewußte Züchtung von hochwüchsigen Menschen handeln.

Umgekehrt könnte man die Zahl der Kleinwüchsigen nur da­durch vermehren, daß man eine Fortpflanzungsanslese mit der mediterranen Raffe triebe. Geschähe das erstere, so würden zu­künftige Geschlechter sagen:unsere Generation ist sa im Durch­schnitt viel größer als das Geschleckt vor 100 Jahren": gesckäße bas letztere, fo wäre Deutschland wahrscheinlich eine romanische Kolonie.

Die^Behauptung, das lebende Geschlecht sei im allgemeinen erheblich größer als das unserer Vorfahren vor 500 bis 600 Jah­ren die Ritterrüstungen aus dem Mittelalter paßten z. B. den heutigen Mensckcn nicht mehr bedarf eingehender Nachvrüfnng dnrch genaue Skelettmcffnngen nordischer und fälischer Skelette aus dem Mittelalter und früherer Zeit.

(gtüiaer Trost.

Von E. G. Kolbenheyer.

Ueber all deinem Leid

Schwingt ein funkelnder Lichtertanz.

Um eines Herzens blutenden Dornen kränz Weben stille Gestirne Vergcffenhcit, Wirken und weben aus ewigem Glanz.

In die sterntiefe Nacht

Leg' dein zitterndes Herz zur Ruh. Steter Wandel deckt alle Wunden zu, Löscht die Flamme, löst ihre Todesmacht. Glaub', deine Väter, sie litten wie du.

Oer Sternenbaum.

Roman von Friedrich Schnack.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Ein Feldkrcuz von Kupfer, so groß wie zwei Händespannen. Mittendurch hatten wir den erzenen Heiland geschnitten, um den der Baum mit Splint und Rinde herumgewachsen war. Ganz aus­genommen hatte er ihn und eingeschlossen wie in einen Schrein..."

Ein heiliger Baum", sagte Juppi.Vielleicht ein uralter Weth- nachtsbaum..."

Titt nickte und schwang seinen Kopf wipfelgleich. Juppi ver­stand nicht, was er sagte. Aber der gestorbene Baum schauerte ihn aus der Nacht gelind an, und das kupferne Herz glaubte er ängst­lich klopfen zu hören.

Der alte Titt mit seiner tauben Magd war froh, gesunde Ohren im Haus zu haben, denen er seine Geschichten anvertrauen konnte: vollgestapelt war er davon wie seine Mühle mit Brettern von ver­schiedenerlei Holz.

Aber diese Tage und Abende, von Holz und Sägen durchbellt und durchzischt, nahmen ein Ende: die Geschichten verstummten. Einem tiefen Schweigen verfielen sie, dichter als das des ver­schwiegensten Zuhörers: der alte Titt starb, die graue, silbrige Espe war eines Nachts gefällt. Den Sägemüller hatte ein Gehirn­schlag niedergestreckt. Als Jnppi aus seiner Kammer herunterkam, lag der alte Titt steif in seinem Bett und ließ sich durch die wild- hculcnöe Magd nicht aus seiner Ruhe wecken, fo sehr sie ihn auch rüttelte und beim Namen rief.

Titt, Titt! schluchzte Juppis Herz weh, und es zirpte wie ein Vogeljungcs nach dem verlorenen Alten: Oh, Titt!

Und da zum erstenmal merkte er, daß der Sägemllller einen Zwirbelschnurrüart hatte.

Spätabends erschien der Bezirksarzt und nahm die Totenbe­schau vor, es war Juppis Arzt, der ibn damals auf dem Einsamer- hof behandelt hatte.

Hierher hast du dich also verkrochen, Hofschafferl!"

Juppi begleitete ihn ein paar Schritte auf der Waldstraße. Ueber ihnen glänzte der Sternenfluß, die Straße schnitt hell in die Nachtmauer der Bäume. Dort vorne an der Wegbiegung warteten der Wagen und die schnaubenden Pferde des Doktors.

Nun ist der alte Titt auch weg!" sagte der Arzt und fragte Juppi, wie es ihm erginge.

Er hatte nicht viel zu erzählen. Bei dem alten Titt hätte er es gut gehabt.

Er ging neben dem Arzt, als lebte der alte Sägemüller noch, er ging, als wäre der Arzt selbst der alte Titt oder als wäre er fein Vater.

Der Mann klopfte ihm gutmütig aufmunternd auf die Schul­ter und stieg in den Wagen.

Gut Nacht!" klang es hinein und heraus.

Die Pferde zogen an, das Gefährt rollte. Blitzend von Mond­licht und Sternensilber rollte es davon, verschwand, und das Echo seiner Räder rollte noch eine Weile durch die Waldgründe. Dann hörte Juppi nichts mehr, und es rollte lautlos in die Ferne, wie der große Wagen am Himmel über der Straße weltenleis hin­rollt.

Nach der Beerdigung, zu der sich auch die Verwandten des alten Titt eingcsunden hatten, die sogleich habgierig das Haus durchstöberten und der tauben Magd nichts anderes znkommen ließen als einzig den maulwurfsfarbenen Kater, wurde Juppi von der verheirateten Schwester des Sägemüllers beim Aermel gepackt und vor die Tür gewiesen. Ein rothaariger Junge schob ihm sein Bündel und den Werkzeugkasten nach.

Scher dich fort!" maulte die Frau.Aus ist's mit dem Schma­rotzen."

Er machte sich auf den Weg zur Hemden-Gret.

Komm herein, Juppi!" rief sie ihm durch ihr Fenster zu.

Juppi war nun vierzehn Jahre alt und wurde aus der Volks­schule entlaßen. Was sollte mit ihm werden? Die Gret überlegte. Und Juppi überlegte. Von den Bauern hatte er genug.

Ob er nicht Bäcker lernen möchte? fragte sie ihn. Das sei ein nahrhafter, ehrenwerter Beruf. Alle Bäcker würden reiche, dicke Leute, und gar erst die Lebkuchcnbäcker, die Konditoren.

Nein, das wollte er nicht.

Schmied?

Auch das nicht. Wäsche möchte er verkaufen, Hemde« ... gestand er.