Glocke Sann immer läuten, wenn die Leute in die Kirche kommen ^Das versprach ihm der Ritter. Und nun sagte der Knecht, daß er gehen wolle, reichte den Kindern die Hand, die ihn ängstlich ansahen, und gab auch seinem Herrn die Hand. Wie der die Hand suhlte, da schämte er sich. Er wußte aber nicht, was er sagen sollte, deshalb schwieg er. Der Knecht merkte, was er dachte und sprach: ,Du mutzt bedenken, daß ihr immer anders seid. Jeder Mensch ist rin anderer. Und auch die kleinen Kinder sind schon jeder ein indrer Mensch für sich,- deshalb habe ich die Kinder so besonders lieb. Wir aber sind einer so wie sein Bruder, wir sind alle gleich. Du denkst, es ist unedel von dir, daß du mich gehen läßt. Aber das ist nun so, ein jeder Mensch ist ein besonderes Wesen für sich, wir aber sind wie die Bäume des Waldes, die einander gleichen, oder wie die Quellen, die einander auch gleich find, und die Bäche. Das könnt ihr gar nicht verstehen. Ich nun bin schon rtwas für mich geworden. Und wenn ich mein Glöckchen höre, das gezogen wird, um die Menschen in die Kirche zu rufen, dann »enke ich an deine Kirche, nnd an die Kinder, welche knien und beten, und dann freue ich mich auch, daß es meine Glocke ist, welche die Menschen alle zusammenruft." ,
Damit grüßte er noch einmal alle, und dann ging er in die Kü^'e und nahm Abschied von der Frau, und gab auch den andern Dienstboten die Hand, welche dort waren, und dann ging er.
Gne senau.
Von Walter von Molo.
In der Türe eines militärischen Dienstzimmers steht eines Obersten jünglingsartige Gestalt. Die Elendsschar im Wartezimmer hat sich erhoben.
„Zuerst bitte ich diejenigen Herren bei mir einzutreten", spricht Gneisenau, „die durch Krankheit und Wunden das Warten schwerer »rtragen als die anderen." Ein alter Herr humpelt an Gneiscnau »orbei in dessen Zimmer.
„Herr von Gneisenau: Die Verminderung der Armee bat mich irotlos gemacht. Von dem Laib Brot, den uns der Staat pro Tag libt, kann ich mit den Meinen nicht leben!"
„Sie sind leidend, Herr Kamerad?"
„Ich wurde dreimal verwundet!"
„Verstehen Sie etwas von der Landwirtschaft?"
„Wer will, kann alles, Herr Oberst."
„Kommen Sie nach Ende der Bureaustunden wieder! Ich werde >hnen dann ein Schreiben mitgeben, daß Ihre Existenz sicherstellt."
„Ach, Herr Oberst?"
„Es knüpft sich aber eine Bedingung an Ihre Stellung!" „Die ist, Herr Oberst?"
„Die Dame, der Sie in der handschriftlichen Verwaltung ihres Gutes behilflich sein sollen, wünscht, daß die jungen Leute ihres Gutes im ... Scheibenschießen geübt werden. Wollen Sie das Sbcrnehmen?"
„Natürlich, Herr Oberst! Furchtbar gern!"
„Also um sechs!"
Gneisenau reicht dem Invaliden die Hand, er wendet sich.
„Sie wünschen?"
Ein großer Mann mit einer schwarzen Binde über dem ausgeschossenen Auge steht vor Gneisenau.
„Ich war Intendant in Pillau, Herr Oberst."
Gneisenaus ebenmäßiger Körper wendet sich zurück, gelassen öffnet er die Borzimmertüre. „Herr Hacsner", ruft Gneisenau, „kommen Sie herein!" Ein Zivilherr erscheint,- er streckt Gneisenau die Hand hin. „Helfen Sie mir, Freund!" bittet er. „Unsere Beamtenschaft ist zu großem Teil auf Seite der Franzosen! Die Tlntenschwünze verlieren den Kopf, sie werfen viele meiner Gehilfen ins Gefängnis."
„Gehen Sie mit diesem Herrn zum Polizeipräsidenten Gruner", spricht Gneisenau. „Tragen Sie ihm Ihren Fall vor, sagen Sie, daß Sie von mir geschickt sind, und sagen Sie ihm das Wort „Saragoffa"! Herr von Stärk — Großkaufmann Haefner aus Kol- berg! Herr von Stärk ist der Mann, den Sie brauchen, Haefner! Sagen Sie Gruner, er möchte Herrn von Stärk zum Kommissar ernennen: für das wettere sorge ich!" Gneisenau lächelt. „Herr von Stärk versteht sich gut auf das Einsammeln verstreuter Gewehre!"
„Geben Sie mir die Hand, Herr von Stärk. Das war schnelle Hilfe, Herr von Gneisenau. Tausend Dank!"
„Sie wünschen, gnädige Frau?"
„Herr Oberst", zetert eine ältliche Dame unter einem zu jugendlichen Kapotthut. „Mein Sohn verehrt Sie! Sie müssen ein Machtwort sprechen! Die Sache ist die: Mein Sohn ist nämlich ein Tunichtgut! Ja! Er hat meine französische Einguarticrnng beleidigt, er ist bei Nacht und Nebel geflohen! Er hält sich hier in Berlin verborgen, ich weiß es! Schreiben Sie ihm, wenn er sich nicht sofort stellt, lasse ich ihn aufheben. Ach Gott, Herr von Gneisenau, mich bedrohen ja die größten Desperationen durch den Jungen! Hier, hier das hat mir unser Herr Pastor für ihn geschrieben: er muh sich stellen, Herr Oberst, die französischen Herren waren bisher so kulant zu mir, sie haben mir versprochen, daß sie ihn nicht hart behandeln werden: er muß sich stellen! Helfen Sie mir, Herr Oberst, ich bin eine alleinstehende Frau!"
„Wo ist Ihr Sohn, gnädige Frau?"
„Sein Domizil ist auf dem Brief vermerkt. Wenn der Junge nicht znrückkommt, gebe ich sein Domizil dem Gouvernement bekannt! Schreiben Sic das dem Lotterbengcl!"
„Ich werde das meine tun. Einen Augenblick!"
„Sie sind zu gütig. Sie sind wirklich ein zu reizender Mann, Herr Oberst!" Gueisenau geht ins Nebenzimmer. „Clausewitz",
spricht er dort leise zu einem Offizier, der ehrerbietig zu ihm aussieht. „Schicken Sie dem Burschen hier Geld, geben Sie ihm einen Paß nach England. Bevor Sie aber den Brief hier iveg- wersen, notieren Sie sich für Gruner und uns den Namen des Pastors und der Frau!"
„Sehr wohl, Herr Oberst!" .
„Es ist alles erledigt, gnädige Frau", sagt Gneisenau, in sein Zimmer zurückkehrend. „Ich empfehle mich."
„Millionenfachen Dank!" Sie rollt die Augen.
Gneisenau geht an ihr vorbei zur Türe: er läßt eine alte, abgehärmte Frau eintreten.
„Wie geht es Ihren Pfleglingen, Fräulein Pankow?
„Ach", spricht schmerzlich die Näherin. „Dreie sind doch zu viel, Herr Gneisenau. Ich kann die drei nicht erhalten! Für zweie kann ich's schaffen, für dreie nicht! Nehmen Sie's mir nicht übel, Herr Oberst, daß ich so franchement spreche, aber ich kann es nicht leisten!"
„Aber Fräulein Pankow? Ich weiß doch, wie brav Sie sind! Kommen Sie, bitte, mit mir! Wir werden sogleich Rat schaffen." Wieder geht Gneisenau zu seinem Gehilfen. „Clausewitz", sagt er, „nehmen Sie sich der Sache an. Vielleicht spricht Ihre Braut mit der Prinzeß Wilhelm, daß wir eines der Waisenkinder anderswo unterbringen. Fräulein Pankow kann es nicht leisten."
„Nehmen Sie Platz!" bittet Clausewitz.
Ernst steht ein alter Herr in Neisekleidung vor Gneisenau im Zimmer.
„Kottwitz? Was gibt's? Ist meine Frau krank?'
„Nee, nee, das nicht. Aber, Freund ... geht es nicht, daß Sie sich endlich für ein paar Tage frei machten, für die Ihren?"
Gneisenau schüttelt den Kopf. Er senkt ihn, langsam geht Gneisenau zu seinem Schreibtisch zurück. Er setzt sich, er stützt den Kopf mit der breiten, gewölbten Stirn in die Hand. „Hören Sie mir auf!" krächzt unwillig eine Stimme im Vorzimmer. „Wieso sind ' die neumodischen Patrioten bester als wir? Die wollen auch bloß ihr Süppchen kochen!" Gneisenau dreht den Kopf: bei zusammeu- gepretztem Mund sieht Gneisenau zur Türe. „Er ist doch ein Süddeutscher!" spricht wegweisend die Stimme. Gneisenau schnellt auf und zur Türe, er reißt sie auf, bas Gespräch bricht jäh entzwei. Gneisenau schließt die Türe: er tritt zu Kottwitz. „Sie sehen, ich kann hier nicht abkommen", sagt er hart. ,^sch lasse meine Frau auf den Knien bitten, den Kopf oben zu behalten! Ich weiß, daß sie es mit sechs Kindern schwer hat. Kottwitz, ist bas letzte Kind schon da? Ist es ein Bub oder ein Mädel?"
„Ein Junge, Gneisenau, ein strammer Junge!"
„Ich bin Ihnen sehr dankbar", spricht Gneisenau, „daß Sie wieder die Pfändung von den Meinen abwandten. Ich kann vom Gehalt nichts erübrigen: ich hab' ja nur halbe Löhnung. Und wenn es nicht geht", spricht Gneisenau heiß, „es sind Tausende im Unglück. Es muß gehen! Ich darf jetzt nicht an die Meinen denken! Ich kann nicht! ... Was ich mache, geschieht auch für die Meinen! Kommen Sie am Abend zu mir! Ich kann nicht schreiben, meine Korrespondenz wird von der französischen Partei überwacht,- ich werde Ihnen aber ausführliche mündliche Botschaft geben!"
„Ja, ja, gewiß, ich komme am Abend! L Ä n Sie sich jetzt nur nicht weiter stören, lieber Freund." Kottw, geht. „Herr Oberförster Groß!" ruft Gneisenau, seine Lippen sind zusammenge- pretzt, sein Antlitz ist drohend. „Kommen Sie herein!"
„Herr Forstmeister Groß, wenn ich bitten darf!"
„Nehmen Sie sich's ad notam, Herr Forstmeister Groß", svricht Gneisenau, „und geben Sie's Ihren „Gönnern" weiter! Wenn i noch einmal einer von euch gegen mich spricht, oder", Gneisenaus Stimme wird eisig, „mich noch einmal den Franzosen zu denunzieren sucht, dann steht er vor meiner Pistole! Falle ich, dann stobt er vor hundert anderen Pistolen! Verstanden? Hinaus! Ich habe nichts mehr mit Ihnen zu reden! — Hier, Frau von Gaudi, fiter ist der Empfehlungsbrief an Frau von Berg. Sie werden es dort gut haben: sie war der Königin beste Freundin! Danken Sie mir nicht! Ich tue nur meine Pflicht. Mein Kompliment, gnädige Frau!" — „Nunmehr", spricht Gneisenau von der Türe seines Zimmers ins Vorzimmer hinaus, „bitte ich alle diejenigen gemeinschaftlich einzutreten, die wegen der Versorgung ihrer unmündigen Kinder hier sind. Kommen Sie gleich mit, Herr Sprnngli! Es ist mir endlich gelungen", spricht Gneisenau zur bedrückten Schar, „Geldmittel aufzutreiben! Ein Herr von Oppen stellt uns sein Gut zur Verfügung, wir können aufangen! Hier, Herr Sprünqli ist einer der besten Schüler Pestalozzis! Er wird unsere Anstalt leiten!"
Entlastetes, dankbares Ausatmen durchzieht den Raum ...
Oer vom Pferd gekatt-ne HHe.
Unbekanntes über die Körpergröße des Mensche«.
Von Dr. Konrad Dürre.
Unter den langen Kerls Friedrich Wilhelms I. befand sich ein Niese, der nicht weniger als 2 Meter und 50 Zentimeter maß. Ich ■ weiß nicht, ob dieser Mann in seiner Jugend, wie der Amerikaner Lewis Wilkins, vom Pferde gestürzt war, um danach zum . Schrecken seiner Eltern ins Ungeheure zu wachsen. Mit 18 Jahren war Lewis Wilkins 226 Zentimeter hoch. Vielleicht war auch der I 2,50 Meter große römische Kaiser Maximiu vom Schlacht- roh gestürzt — oder hatte einen Hufschlag an die linke Kopfseite bekommen, wie der Riese Thomas Hasler, der nach diesem Un- glücksfall, den er im 9. Lebensjahre erlitt, wuchs und wuchs, bis er 287 Zentimeter hoch war.
Damit soll nicht gesagt werden, daß jeder, der vom Pferde * fällt, oder der einen Schlag gegen den Schädel kriegt, ein großer


