SieheimZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 193$ Freitag, den Z.Zebruar Nummer 9
Gesang vom hoffenden Leben.
Von Hans L e t f h e l m.
Beim Schmelzen des Schnees, bei den lauen Lüften des Februar
Wollen wir wieder vertrauen Auf das grünende Jahr, Sieh, den Amseln, den kleinen, Schwillt das singende Herz, Und an den nackten Rainen Glänzt die Scholle wie Erz.
Schau des Landmanns Beginnen, Der Schnee um den Obstbaum häuft, Daß nicht zu früh nach innen Lösend das Tauwasser träuft.
Daß nicht aus ruhendem Schweigen
Aufbricht, was nicht gedeiht. Und die Säfte nicht steigen In der gefährdeten Zett.
Also ward auch gegeben
Allem das Werdegebot, Also muß auch das Leben Warten auf seinen Tod, Samen, Knospen und Blüten, Jedes kommt und vergeht, Uns ist geboten zu hüten, Was in der Hoffnung steht.
Nichts ist auf Erden verloren, Was wir dem Leben getan. Darum sind wir geboren, Daß wir auf unserer Bahn Dienen dem hoffenden Leben Zu des Gestirnes Ruhm, Das uns zu Lehen gegeben, Doch nicht zu Eigentum.
Oer Queilmann.
Eine Legende von Paul E r n st.
Ein Ritter fand im Wald an einer Quelle, die unter über- düngenden Farnkräutern hochwallte, einen Jüngling liegen von fremdartigem Aussehen. Der Jüngling stand auf und grüßte ehrerbietig, der Ritter grüßte wieder. Dann fragte der Jüngling, ob der Ritter nicht einen Knecht gebrauche, denn er wolle einem Herrn dienen. Der Ritter betrachtete prüfend den jungen Mann, dann erwiderte er: „Ich will dich nehmen, denn du siehst mir ehrlich und fleißig aus."
Nun mar der Knecht schon Wochen bei dem Ritter und war cin so guter Mann, wie der Ritter noch nie einen gehabt hatte. Die Pferde gediehen bei ihm, die Waffen waren immer sauber und in Ordnung, der Knecht war stets zur Hand, wenn er ge- traucht wurde, und führte willig und freundlich alles mit Schnelligkeit und Geschick aus, das man ihm auftrug. Die beiden Knaben des Ritters hingen an ihm, wie an ihrem älteren Bruder: er lehrte sie fechten, mit der Armbrust schießen, hob sie aufs Pferd. Er war auch fromm: nie fehlte er bei der Frühmesse, beim sonntäglichen Gottesdienst und den kirchlichen Feiern:. da stand er immer bescheiden hinten am Türpfeiler, die Mütze in der Hand, und blickte gläubig und sehnsüchtig nach dem Priester hm. Der Kitter sagte ihm, er solle mit nach vorn kommen, in der Kirche gebe es keinen Unterschied von Herr und Knecht: aber er schüttelte ien Kopf und sagte: „Das schickt sich nicht für mich."
Einmal ritt der Ritter mit ihm und sah sich um, da merkte er, laß Feinde hinter ihm her waren, acht an der Zahl. Vor rhm «bei war der Fluß. Es schien ihm, daß er verloren sei. Der Knecht sprach: „Habt keine Sorge, Herr, ich weiß etne Furt, ritt ein kurzes Stück flußaufwärts und führte ihn dann quer durch ias Wasser. Als die Feinde ankamen, standen sie vor dem tiefen
Fluß und sahen ihn am andern Ufer davonreiten. Sie schüttelten die geballten Fäuste und riefen hinter ihm her: „Das ist der Teufel gewesen, der dich gerettet hat." Das Wort hörte der Herr und erschrak. Denn ihm war selber nicht klar geworden, wie es eigentlich geschehen war, daß er das Wasser durchquerte: es spülte seinem Pferd nur an die Hufe, und der Fluß war reißend und tief, und er hatte vormals nie von einer Furt an dieser Stelle gewußt. Er merkte sich aber den Ort und ritt am andern Tage allein hin, um nachzusehen, da konnte er die Furt nicht wieder finden.
Indem wurde des Ritters Frau krank. Sir lag mit hohem Fieber und redete irre, und niemand wußte, was ihr fehlen mochte, und als sie einen Tag ohne Besinnung so gelegen hatte, da dachte jeder, daß sie sterben werde. Der Knecht aber sagte zu seinem Herrn: „Habt keine Sorge, sie ist zu heilen. Man muß ihr Löwenmilch zu trinken geben, dann wird sie wieder gesund werden." Die beiden Knaben weinten und rieben sich mit der einen Hand die Augen, mit der andern hielten sie sich am Kollersaum ihres Vaters fest, und der rang verzweifelt die Hände und sprach: „Wir soll ich ihr die verschaffen!" „Ich werde sie Euch bringen", sprach der Knecht und ging fort: und nach kaum einer Stunde war er wieder im Rittersaal mit einem Krug, in dem er die Milch hatte. Der Herr ging mit ihm auf die Kammer der Kranken, richtete die Verwirrte hoch und hielt ihr die Hande, das sie dem Knecht nicht bas Gefäß aus der Hand schlug. Der goß Milch in eine Schale und setzte sie der Kranken an den Mund: die trank gierig, und schon im Trinken beruhigte sie sich, und als sie ausgetrunken, legte sie sich und sagte mit ihrer natürlichen Stimme: „Nun will ich schlafen", dann schlief sie ein und schwitzte während des Schlafes. Und als sic aufgewacht war, da fühlte sie sich gesund: sic blieb noch eine kurze Weile im Bett, aus Vorsicht, aber dann erhob sie sich, und es war, als ob nichts gewesen wäre.
Nun aber wurde dem Ritter der Knecht noch unheimlicher. Er fragte ihn: „Wie hast du es gemacht, um die Löwenmilch zu bekommen?" Der Knecht antwortete: „Ich habe mich schnell nach Arabien versetzt, dort ging ich in eine Höhle, wo eine Löwin ihre Jungen säugte. Die nahm ich ab, dann gab mir die Löwin Milch." „So bist du wirklich ein Teufel", rief der Ritter und starrte den Knecht entsetzt an, die beiden Knaben aber verbargen sich ängstlich hinter ihrem Vater. Dem Knecht kamen die Tränen. Er sprach: „Ich habe immer in der Quelle gewohnt, immer habe ich das Wasser aus der Quelle getrieben und habe die Blätter des Waldes widergespiegelt, das ist so lange, wie der Berg steht. Dann hörte ich die Glocken, als ihr Menschen die Kirche gebaut hattet, und ich hörte auch zuweilen spielende und schreiende Kinder. Dadurch habe ich eine Sehnsucht nach euch Menschen bekommen."
Der Ritter sagte: „Nie hatte ich einen treueren und besseren Knecht, und du hast mir und meiner Frau das Leben gerettet. So bin ich dir verpflichtet, wie ich niemandem sonst verpflichtet bin. Aber ich habe Angst um mein und der Meinen Seelenheil, denn wer sich mit dem Teufel einlaßt, dem geht es um die Seele." „Ich verstehe dich wohl", erwiderte der Knecht, „daß ich cin Teufel bin, und ich habe ja auch alle Erzählungen des Priesters gehört und weiß, daß der Teufel den Seelen von euch Menschen gefährlich ist. Zwar weiß ich nicht, wie das geschehen soll, denn ich will euch nichts Böies, aber ich verstehe ja manches nicht bei euch, und so wird es wohl sein, baß ihr euch hüten müßt vor mir Ich bin gern bei euch gewesen, denn ich war glücklich hier: ich habe nie gewußt, daß ein solches Leben sein kann, und wenn ich hätte bleiben diirfen, dann hätte ich immer noch mehr Schönes gesehen."
Der Ritter sprach: „Du sagst es selbst, daß ich dich nicht bei mir behalten darf. Aber ich will dir wenigstens danken für deine Guttaten und deine Dienste, wie ich kann. Wähle, was du willst. Du sollst die Wülfte meines Besitzes haben, wenn du willst, denn meinen ganzen Besitz kann ich dir nicht geben, weil ich meine Familie ernähren muß und Pflichten gegen meinen Herrn habe im Kriegsdienst und sonstiger Hilfeleistung."
Der Knecht schüttelte weinend den Kopf, dann sagte er: „Soviel brauche ich nicht, und ich will dir nicht das Deinige nehmen. Aber wenn du mir sechs Schillinge geben willst als Lohn für meine Dienstzeit, dann will ich dir dankbar sein."
Der Ritter ging an seinen Kasten, schloß ihn auf, holte das Geld heraus und zählte es dem Knecht auf. Der nahm es, zählte es aus einer Hand in die andere, und nachdem er die Summe richtig befunden, gab er es dem Herrn zurück und sagte: „Weil ich dir mehr getan, als ich schuldig war, so biti.- ich dich noch um eine Liebe. Nimm das Geld und lasse dafür eine kleine Glocke gießen, und hänge sie oben im Turm deiner Kapelle auf, und laß diese


