Beherzigung.
Von I. W. von Goethe.
Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben? Klammernd fest sich anzuhangen? Ist es besser, sich zu treiben?
Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er aus die Felsen trauen? Selbst die festen Felsen beben.
Eines schickt sich nicht für alle.
Sehe jeder, wie er's treibe, sehe jeder, wo er bleibe, und wer steht, daß er nicht falleI
-verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühl sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei. R. Lange, Dietzen.
Und wenn Diego in Corneilles berühmtem „C i d" zu seinem Sohn die Bemerkung macht: „Eine Geliebte findet man immer, doch gibt es nur eine Ehre", dann ist in diesem einen entscheidenden Satz der ganze Corneille enthalten, der immer wieder mit schwungvollem Pathos die Forderung erhebt, daß im Kampfe zwifchen Familie und Staat der Staat unbedingter Sieger bleibe.
Es ist das große literarhistorische Verdienst Corneilles, die französische Tragödie, sofern sie vor ihm überhaupt bestand, handlungsmähig verinnerlicht und vereinfacht zu haben. Sein „Cid", der ihn mit einem Schlage berühmt machte und einen gewaltigen Federkrieg von unvorstellbaren Ausmaßen entfesselte, wurzelte noch, was Form und Szene letraf, im Erdreich einer alten Ueberlieserung. Der „Cid" war zwar das erste Werk der tragischen Bühne Frankreichs, das eine packende Handlung lebendig und kraftvoll spiegelte, es war eine Tragödie von aufwühlendem, eindrucksvollem Pathos, aber in seiner szenischen Form blieb auch der „Cid" ein äußerlich allzu bewegtes, turbulentes Drama, dem die spätere Stilisierung und Vereinheitlichung der Corneilleschen Tragödien fehlt. Gewiß, der „Cid" wirkte in seiner kühnen, lebenswahren Geformtheit, im Faltenwurf seiner hinreißenden Verse wie ein Fanfaren- stoß, aber die „Akademie" als höchste geistige Instanz war dennoch nicht zufrieden. Man bemängelte vor allem, daß die berühmten Forde- rungen des Aristoteles von der Einheit der Zeit, des Ortes und der Handlung nicht beachtet feien, man warf dem Dichter die ver- wirrende Fülle der Begebenheiten vor, man verargte ihm die Verherr- lichung blutig ausgefochtener Ehrenhändel: die Handlung, sagte man, verletze die Gesetze der „Wahrscheinlichkeit" und der „Moral", man nörgelte, daß in einen knappen Zeitraum von 24 Stunden die unmög- lichsten Szenen hineingestopft seien, mit einem Wort, der „Cid" war der Anlaß zu langatmigen prinzipiellen Auseinandersetzungen, die der Enl- Wicklung des französischen Dramas einen gewaltigen Auftrieb gaben.
Richelieu selbst, der Kardinal, war, wie man heute sagen würde, ein ebenso aktiver wie schöpferischer Anwalt der geistigen und literarischen „Belange" Frankreichs, und da in jener Epoche die Kunst von Staat, wegen gehegt, gepflegt und gefördert wurde, entschied sich der Streck im vollen Lichte der Oefsentlichkeit. Es konnte nicht wundernehmen, daß in diesem Streit um die Prinzipien der Tragödie Richelieu seine Forderungen nach „Vernunft" und „Wahrscheinlichkeit" im Drama zum Stege führte. ... , _ . .
In seinen folgenden Tragödien hat Corneille diese Forderungen in einer geradezu bahnbrechenden und vorbildlichen Weise erfüllt. Er ist er gewesen, der die neue Tragödie schuf, die an Stelle der romantisch plumpen Bühneneffekte die einfache, abgerundete Handlung setzte, eine Handlung, die sich, psychologisch vertieft, logisch und folgerichtig entwickelte, und den Konfliktweg eines Charakters klar und plastisch heraus- stellte
Lange Zeit beherrschte die politische „Pflichttragödie" Corneilles die geistige Welt Frankreichs. Erst als das Interesse an den Fragen der politischen und staatlichen Denkens, an den Problemen der Staatssorm. wie überhaupt an den politisch-geschichtlichen Strömungen langsam z« versiegen begann, wurde, wie schon erwähnt, die Corneillesche Richtung, mit ihrer strengen, willensmäßigen Forderung nach Unterdrückung den menschlichen Leidenschaften, mit ihrem propagandistischen Pathos vom der wärmeren, persönlicheren Gefühlsrichtung Racines abgelöst.
Wie Corneille den Vorrang der Pflicht und des Staatsinteresses im immer neuen Abwandlungen verkündet hatte, verkündete Racine die beseligende Macht der Liebe. Das Zeitalter der heroisierenden Siteratur erfuhr eine Milderung und eine Wendung in der Sphäre der privatem und dennoch allgemein menschlichen Gemütswelt.
Corneille, der als Sohn eines königlichen Advokaten und Forstmeisters geboren wurde und 1628 „erster Advokat des Königs an der Marmortafel des Justizpalastes" in seiner Vaterstadt Rouen war, der berühmte, gefeierte „Vater der französischen Tragödie", der lange Zeit einem Jahressold erhielt und dessen dichterischer Ruhm in der Sonne des königlichen Hofes leuchtete, der gleiche Corneille starb, nach und nadji vergessen, in einer äußerst bedrängten Lage.
Mag man einwenden, daß seine Werke in einer starren, einseitigem Pflichtauffassung der tiefen, innersten Lebensfülle ermangeln, niagi man ihm vorwerfen, daß er das lebendige Leben in all seinen Aeuße- rungen zugunsten eines politischen Ideals allzusehr vernachlässigte, das. eine entscheidende Verdienst kann ihm niemand streitig machen: Pier«! Corneille hat das französische Drama entscheidend befruchtet und es mit: einem hohen idealistischen Ethos erfüllt. Ohne den „Vater der schen Tragödie" wäre Frankreich um einen seiner genialsten Dicht«' und um einen bahnbrechenden Dramatiker ärmer.
Corneille.
„Der Vater der französischen Tragödie". Zu seinem 250. Todestage am 1. Oktober.
Von Dr. Theodor Riegler.
Richt zu Unrecht ist Pierre Corneille der „Vater der französischen Tragödie" genannt worden. Hineingeboren in eine Zeit, da der kunst- beflissene Kardinal Richelieu aus der Machtsülle der französischen Monarchie und den geistigen Strömungen seiner Zeit eine gesellschaftlich- politische Synthese schuf, hat sich Corneille, ehe noch der jüngere Racine ihn zu verdrängen begann, zum führenden Dramatiker seiner Epoche entwickelt. r,, . . ...
Wenn wir heute, da Volk und Staat in Deutschland eine fruchtbare und lebensvolle Einheit geworden sind, die literarhistorische Leistung Pierre Corneilles zu würdigen versuchen, so geschieht es deshalb, weil sich der ethische Ideengehalt seiner Werke, weil sich seine Aufsassung vom Wesen der echten Tragödie in vielen Punkten mit Ansichten und Gedankengängen berührt, die auch heute wieder, so paradox es klingen mag, in einer geschichtlich abgewandelten Form zum Durchbruch kommen.
Pierre Corneille hat in seinen zahlreichen Tragödien immer wieder ein entscheidendes Thema geformt, das in einer Zeit, da man sich vorwiegend mit politischen und geschichtlichen Dingen beschäftigte, das Inter- efie der führenden Steife in höchstem Maße gefangen nahm: es ist dies der Sieg des menschlichen Willens über die Leidenschaften, der Verzicht aus das private Leben zugunsten einer höheren Idee von allgemein sittlicher Bedeutung. Die Menschen, die Corneille auf die Bühne stellte, waren meist ausgesprochene Willensnaturen, erfüllt von einer zähen, unbeugsamen Energie, vorwärtsgetrieben von der Kraft eines unbeugsamen, fanatischen Wollens, von einem heroischen Idealismus beseelt.
Immer ist es das Interesse des Staates oder der Ration, dem private Gefühle und Vorteile geopfert werden. Immer wieder siegt der theoretische Pflichtgedanke über die Verwirrung persönlicher Gefühle, immer behält die Vorstellungswelt der Ehre, der moralischen Verantwortung, der sittlichen Bindung die Oberhand über die individuellen Dinge menschlicher Lebensbezirke. Anders als Racine, der die schrankenlose Liebe verherrlichte und die Glut der zärtlichen Leidenschaft pries, da der höfische Geschmack sich immer mehr von den Dingen der Staatsmoral abwandte, ist Pierre Corneille der glanzvolle Verkünder einer hohen, idealistischen und konsequenten Pflichtauffassung.
Charakteristisch für fein ganzes Schassen find die zahlreichen Römer- dramen, wie „H o r a c e", „C i n n a", „Polyeuct e", „La Mort de Pompe e", die alle das Gepräge einer ünerbittlichen, moralisch begründeten Weltanschauung tragen. Für Corneilles Schaffen sind jene Römer menschliche und geschichtliche Vorbilder, von denen Balzac einmal behauptet, daß sie „weder Natur noch Verwandtschaft noch Neigung kennen, wenn cs sich um das Interesse des Vaterlandes handelt." „Man kann ihn nicht besiegen", heißt es weiter, „man kann ihn nicht gewinnen. Er (der Römer) ist der Eitelkeit, der Furcht und der Habsucht unzugänglich, er hat ein bestimmtes Gepräge von Größe, das die heldenhafte Tugend auf das Angesicht des Menschen drückt."
Bauersfrauen die „Person des Kurfürsten" verstanden hatten, glaubten sie allerdings ein Recht des Einspruchs geltend machen zu können.
Das war nicht das einzige Mißverständnis, das sich aus dem Verhältnis des Kurfürsten zur Gräfin Reichenbach ergab,, und nicht in Kassel allem kam es zu solchen Mißverständnissen. In Berlin nahm mon bem Surfurften Reichenbach genau so übel wie in Kassel, und die Mißachtung der Kur- fürfün Auguste, einer preußischen Prinzessin, die sich aus diesem Be^ hältnisse ergab, führte zu bösen Spannungen zwischen den beiden Hofen. Als später auch der dritte Kurfürst in ähnlichen Bahnen wie sein Herr Vater wandelte, pflegte Bismarck anstatt von dem Minister Hassenpflug bösartigerweise vom „Minister Kassenfluch zu sprechen. Und als schließ- lich der Berliner Hof, ebenso wie die hessische Bevölkerung, auf die Bereinigung der Verhältnisse hindrängte und die Stellung des Kurfürsten immer schwieriger wurde, riß diesem die Geduld. Lieber aber ließ er Volk und Land fahren, als daß er seiner Frau Liebsten, die ihm mittlerweile mehrere Kinder geboren hatte, entsagt hatte. Als es sich um das Entsagen drehte, entsagte er zugunsten seines Sohnes, Friedrich Wilhelms I., des dritten und letzten Kurfürsten von Hessen, dem Throne und zog mit der Gräfin Reichenbach auf das Schloß Philippsruh bei Hanau zurück. Nebenbei gesagt, — die Kasselaner kamen von dem Regen in die Traufe. Denn der neue Landesvater brachte sich die Frau Gertrude Lehmann mit, von der man munkelte, daß er sie ihrem Gatten gegen eine beträchtliche Summe baren Geldes abgekauft habe. Die Spannung mit Preußen, von der man gehofft hatte, daß sie mit bem Thronwechsel beseitigt sein werde, wurde dadurch noch vertieft, und führte schließlich 1866 zur Thronentsetzung des Kurfürsten und zur Annexion des Hessenlandes. — Der Kurfürst Wilhelm II. alfo zog, wie bereits gesagt mit der Gräfin Reichenbach und ihren Kindern nach Philippsruh, und ad und zu fuhr die Gräfin von dort aus, teils um Einkäufe zu machen, teils um einmal ein wenig Abwechslung in das Landleben zu bringen, nach der nicht weit gelegenen Großstadt Frankfurt a. M., die sich damals „das deutsche Paris" nannte.
Uebrigens soll hier bemerkt werden, daß die Kinder in der Folge vieles, was die Mutter böse gemacht hat, wieder gut gemacht haben. Ein Sohn war der preußische General von Haynau, der die Revolution von 1849 in Baden niederschlug. Eine Tochter, die Gattin des Generals von Bose, verwandte das große Vermögen, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte, zu einer Stiftung, aus der die Töchter verdienter preußischer Soldaten noch jetzt ausgestattet und versorgt werden, und wird für immer in der preußischen Armee mit hoher Achtung und Dankbarkeit verehrt werden.


