Nach der Ernte.
Von I. G. v. Salis-Seewis.
Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder, und der Herbst beginnt. Rote Blätter fallen, graue Nebel wallen, kühler weht der Wind.
Wie die volle Traube aus dem Rebenlaube purpurfarbig strahlt I Am Geländer reifen Pfirsiche, mit Streifen rot und weiß bemalt.
Geige tönt und Flöte bei der Abendröte und im Mondenglanz; junge Winzerinnen winken und beginnen deutschen Ringeltanz.
Zopf-Parade.
Streiflichter auf einen kleinen Fürstenhof.
Von Dr. Leopold Heinemann. Der Siebenschläfer.
Im Jahre 1803, in dem Augenblicke als das Erste Reich, das alte lvmifche Reich Deutscher Nation, nach tausendjähriger Geschichte zu habe ging, als es nichts mehr zu „küren" gab, weil die Bestimmungen fer „Goldenen Bulle" außer Kraft gesetzt waren und die Kurfürsten- tiirbe ihren Sinn verloren hatte, gelang es dem Landgrafen von Hessen- jassel, diesen inhaltlos gewordenen Titel für sich und sein Haus zu er- terben. Der Kurfürst von Hessen wurde, ganz gegen alle Gewohnheit, Dnigliche Hoheit und verstand es, der Kurfürstenwürde einen Nimbus $i geben, den sie früher nie gehabt hatte. Aber — drei Jahre später Ismen die Franzosen ins Land, und im Gegensatz zu fast allen anderen lutschen Fürsten war der Kurfürst von Hessen nicht geneigt, ihnen die fs ringften Konzessionen zu machen. Nach der Schlacht von Jena hätte t dem Rheinbund beitreten, oder Napoleons Verbündeter werden i nnen. Er war stolz und deutschbewußt und ließ sich lieber aus seinem linde treiben und lebte in der Verbannung in Prag, als daß er, der lirentel der Heiligen Elisabeth und Philipps des Großmütigen, den kor- fchen Emporkömmling anerkannt oder gar mit ihm gemeinsame Sache -macht hätte. Im Schlosse in Kassel wohnte Hieronymus Napoleon, des kroßen kleinster Bruder, und führte das Leben, das ihm den Bei- timen „König Luftik" einbrachte, badete in Rotwein oder Milch, und ich die kurfürstlichen Güter verkaufen, um Mittel für den verschwendeschen Hofhalt aufzubringen. Und der Kurfürst von Hessen wartete sieben lrhre in Prag, und vertraute auf Gott den Herrn, denn er wußte, daß c wieder in sein Land und Haus zurückkehren würde. Und wie er «artete, so wartete auch mancher seiner Untertanen. Der Bibliothekar Hsrat Strieder hat sieben Jahre lang, solange die Franzosen in Kassel H usen, seine Wohnung nicht ein einzigesmal verlassen I Die Weltgeschichte tng weiter! Aber für den Kurfürsten von Hessen war die Zeit stehen- Olieben. Und so kam es, daß 1813 herankam; Leipzig war geschlagen, i? Verbündeten rüsteten, um über den Rhein zu ziehen. Da erschien <uch dem Kurfürsten von Hessen die Zeit richtig, um heimzukehren.
Die sieben Jahre hatten die Welt geändert. Als der Kurfürst nach frag gegangen war, trug das Militär noch Zöpfe. Die waren in den friegen feit 1806 gefallen. Der Kurfürst von Hessen aber wollte seine 3»pfe wieder haben! Er sandte den Befehl nach Kassel, sein Leibregiment, tlenfo, wie alle anderen Regimenter, hätte ihn in Zöpfen zu emp- fsngen. Das gab große Not, sowohl im Offizierkorps als bei den Mann- Itaften. Sie hatten keine Zöpfe mehr und mußten doch jeder einen !it6en. Ein „falscher Wilhelm" wurde in Kassel zum begehrten Spekula! ionsobjekt. Ueberall ging ein großes Frisieren los. Und dann tarn tar große Tag des Einzugs.
Der alt gewordene Landesvater mit dem altmodischen Zöpflein auf firn Rücken fuhr in der altmodischen Staatskarosse in seine Hauptstadt !n. Und als ein altes Männchen, das seinen Zopf gut konserviert hatte, iM,i vor dem Wagen herlief, das Zöpfchen stolz mit der einen Hand hichhaltend und dem Landesherrn unter dem Rufe: „H u r r a, h e ihroct noch!" vorwies, da freute sich der alte Herr. Um fo bösere Diene aber machte er, als er das Leibregiment besichtigte und feststellen !n«ßte, daß die Zeit nicht ausgereicht hatte, und die Mehrzahl der Sollen nur klägliche Zopffragmente vorweisen konnten, weil die Haare silen nicht so schnell gewachsen waren, als es nötig gewesen wäre. Die Mparabe also klappte nicht. Um so besser aber klappte bann die Meldung der Wache auf der Löwenburg auf Wilhelmshöhe. Da standen die- foen alten Soldaten, die sieben Jahre vorher, als der Kurfürst ab- IMfte, auch auf Posten gestanden hatten. Derselbe alte Leutnant, der «Mals Wachthabender gewesen war, war wieder Meldender. Zwar war 1™ inzwischen Hauptmann geworden, aber der Kurfürst hatte angeordnet, alle Beförderungen aus den sieben Jahren von 1806 bis 1813 un- pCtig [ein sollten, und so mußte er wieder Leutnant fein!
I Sieben Jahre waren dahingeflossen, Jena und Auerstädt, Wagram, b«ußisch-Eylau, Leipzig waren geschlagen worden. Die Kurfürsten von E yern und von Sachfen waren Könige, die anderen Fürsten, von t&ben, Sachfen-Weimar usw. Großherzöge geworden. Nur der Kurfürst •oi Hessen war Kurfürst geblieben. Er wollte Nichts von diesen gerade
verflossenen sieben Jahren wissen. Und deshalb wurde der alte Leutnant an dem Tage doch Hauptmann, weil er meldete: „Auf Wache nichts Neues!" So wollte es der Kurfürst haben. Das deutsche Volk aber wußte besser, was in diesen sieben Jahren passiert war. Deshalb nannte es den Kurfürsten von Hessen in gutmütigem Spott den „Siebenschläfer".
Der letzte Rillet.
Der alte Kurfürst lebte noch sieben Jahre, und die Zöpfe, die in ganz Europa ausgestorben waren, gediehen nur noch in Kurhessen. Stolz prangte die Kurhessische Armeedivision im Schmucke dieser veralteten Haartracht. In Preußen hattetn der Freiherr vom Stein und Hardenberg, in der Armee Gneisenau und Clausewitz großes Aufräumen gehalten. In Hessen wurde alles, wie es vor 1806 gewesen war Die westfälischen Domänenkäufer mußten die Güter ohne Entschädigung wieder herausgeben. Alle Beförderungen der sieben Jahre wurden rückgängig gemacht, und so viele vierzigjährige Leutnants wie in Kurhessen gab es nirgends auf der Welt. Der Kurfürst aber, der zu der Zeit, als die anderen Fürsten nach dem Beispiele Friedrichs des Großen, hübsche, luftige Rokokoschlösser errichteten, sich eine mittelalterliche Ritterburg, die Löwenburg, baute, bestimmte, daß er nicht in der alten Fürstengruft, sondern in der imitierten Burgkapelle beigesetzt werden wollte. Seinem Sarge sollte ein schwer eisengepanzerter Ritter als Herold Doraufreiten. Und als er im Jahre 1821 starb, da wurde ein Pferd von oben bis unten in den eisernen Panzer gesteckt, und der Freiherr von Eschwege mußte die schwere Eisenrüstung anlegen und den Wunsch des toten Landesherrn erfüllen. Seit der Schlacht von Fehrbellin, unterm Großen Kurfürsten, hatte in Deutschland niemand mehr die Eisenrüstung getragen. Und so kam es, daß bei der Beisetzung des ersten Kurfürsten von Hessen, zum letzten Male in der deutschen Geschichte ein adliger Herr in der alten Rüstung Dienst tat. Der letzte Ritter erfüllte feine Pflicht, fo wie es ihm befohlen war. Aber — diese Pflichterfüllung kostete fein Leben! Wahrscheinlich hat er sich in der schweren Rüstung erkältet. Acht Tage nach der Beisetzung seines Landesherrn wurde er selber begraben.
Die geheiligte „Person".
Als der alte Siebenschläfer sich im Jahre 1821 zum ewigen Schlafe niedergelegt hatte, wurde fein Sohn, der mit der Schwester des Königs Friedrich Wilhelm III. von Preußen verheiratete Kurprinz, unter dem Namen Wilhelm II. Kurfürst von Hessen. Da erst begann man in Kassel aufzuwachen, und es wurde alles anders. Die „moderne Zeit" brach an. Die Armee wurde nach preußischem Vorbild reformiert, ein neues Stadtfchloß wurde gebaut, in dessen Tanzsaal der Fußboden allein 80 000 Taler kostete, und der Kurfürst selber wurde so modern, daß, als er bet einem Besuche bei feinem königlichen Schwager in Berlin ein Fräulein Emilie Ortlöpp fennlernte, er biefe Dame mit nach Kassel brachte, ihr ein prachtvolles Haus einrichtete und sie zur hochoffiziellen Hof- und Staatsmaitreffe ernannte. Die Demoiselle Ortlöpp wurde zur Gräfin Reichenbach ernannt, und trotz des Mergers der biederen Saffelaner, die die Partei der Kurfürftin Auguste nahmen, drehte sich hinfort das ganze Leben bei Hofe um diese Same. Die tödlich- verletzte Kurfürftin hielt sich zurück und war zu stolz, als daß sie sich beklagt hätte. Der Kurfürst Wilhelm II. aber merkte gar nicht, wie altmodisch er mit dieser Sache eigentlich war. Denn die Ludwige von Frankreich, die die niedliche Institution der Staatsmaitresse einst eingeführt hatten, waren selber seit langem aus der Mode gekommen, und den letzten von ihnen hatte sein liebendes Volk sogar einen Kopf kürzer gemacht. Nun war ja eine so handgreifliche Kritik von dem guten Hessenvolk nicht zu befürchten, aber Städter wie Bauern murrten doch und nahmen dem Landesvater die Reichenbach gewaltig übel. Schließlich merkten feine königliche Hoheit doch etwas und beschlossen, etwas für ihr Volk zu tun. Im Januar 1831 schenkten sie dem Hessenlande eine — Verfassung. Die hatten die Hessen lange haben wollen, und fein hochfeliger Herr Vater hatte sie bereits vor den Freiheitskriegen versprochen. Dann aber mußte er an anderes denken; Waterloo und Paris mußten erst geschlagen werden, bann mußte er zum Wiener Kongreß, unb als ber ausflog, nach Belle Alliance unb zum zweiten Male nach Paris, und dann kam noch so verschiedenes anderes und der Kurfürst war fo vergeßlich geworden, daß er sich an gar nichts mehr erinnern konnte. Und als man ihn dann einmal und des öfteren erinnerte, da war er fo schwerhörig geworden, daß er gar nichts verstehen konnte. Diese beiden Leiden vererbten sich auch auf feinen Nachfolger Wilhelm II., bei dem sie so chronisch wurden, daß sie durch kein Mittel der Welt zu kurieren waren. Erst als das Hesienvolk wegen der Reichenbach gar zu laut muckte, entsann der Kurfürst sich dieses alten Versprechens, und um selber feine Ruhe zu haben, beschloß er, feinem Volke die Verfassung zu schenken, die er am 8. Januar 1831 unterschrieb und veröffentlichen ließ.
Die Verfassung war gut! Für die Hessen aber kam sie in diesem Augenblicke doch sehr überraschend! So sehr man sie ersehnt hatte, so kritisch stand man nun zu ihr. Alle Welt in Kassel diskutierte das neue Gesetz, und selbst die Bauersfrauen, die zum Wochenmarkte in die Stadt gekommen waren, nahmen lebhaften Anteil an diesen Besprechungen. Da, plötzlich wurde bekannt, daß der Artikel 18 lautete: „Die Person des Kurfürsten ist geheiligt!" Aber da hätte man unsere hessischen Bauersfrauen sehen sollen! Im Handumdrehen war ein Demonstrations- zug gebildet, der vor das Schloß zog und dort schlimmer randalierte und protestierte als im vergangenen Juli, als man nach dem Pariser Vorbilde so ein bißchen Revolution gemacht hatte. Dem Landesvater wurde es ungemütlich. Er verstand nicht den Sinn der Demonstration. Schließlich trat er auf den Balkon hinaus, um seinen aufgeregten Untertanen gütlich anzureden und zu beruhigen. Und was hörten feine erstaunten Ohren?! — „Nu soll disse „Person" auch noch geheiligt sein", flang’s zu ihm herauf, „disse Person, disse Berliner Person!"
Da mußte bei all seiner Liebe zur Gräfin Reichenbach sogar der Kurfürst lachen, und es wurde ihm nicht allzuschwer, die erregten Frauen zu beruhigen. Es war ein kleines Mißverftänndis gewesen. Aber gegen bie Heiligsprechung ber Frau Gräfin von Reichenbach, unter ber bie


