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lOre"@r,eerroartet ein Telegramm", gab Luzius für den Abwesenden eine Grt3mU^Umnier das an die Veranda jenseits anstieß, jenen Raum, den Frau Olga gutmütig spottend ihres Mannes Kunsthalle nannte standen Frau Barbara Zurrhelm und Jan Strombett am Fenster. Die altdeutsche viereckige Laterne aus Butzenscheiben verschickte von der Wand her nur* ein mattes Licht, Die Bilder an den Wänden, die Bronzestatuen auf ihren Postamenten blieben in Schatten gehüllt. Auch die beiden Men- fchen Die Tür in das nächste Zimmer stand weit geöffnet, aber die Stimmen des Konsuls und des Justizrats kamen nur gedämpft,
Strombett trat unwillkürlich einen Schritt von Barbara zurück, als der Gatte dieser Frau unten im Garten unerwartet auftauchte. Aber dann sah der Holländer, daß Zurrhelrn sich entfernte. „Wo will er hm? fragte er geflüstert. Barbara zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht.
fremd. Alles was wir suchen. Keine Knospe mehr eine Blüte im Mittag » Wie (am Reginald zu dieser Frau? Oder kam sie wirtlich zu ihm, wie es heißt, damals als Rußland zusammenbrach? ™ I
Er bemerkte Strombetts Blicke, das Beben tm Arm des Mannes I und Barbaras Lächeln. Ja, dachte er, ich verstehe dich, Freund aus Malayenland, solche Begegnung mußte dich wohl ms ^ treffen, bort, wo es noch nicht ausgebrannt war wo immer noch Sehnsucht auerte, geduckt, verlacht und gefettet, aber lebendig. Ward fie frei, Jan I ^Gr^atte keine Ahnung, daß er dasselbe dachte wie Frau Olga. Ader vielleicht dachten sie alle das gleiche in diesem Hause, die d,e es Paar achehen dursten? Einer dachte es nicht. Reginald Zurrhelm. Er sich zwar, I aber er verleugnete. Denn er liebte seine Barbara. Und das Kind war da. Die Misere aber würde zu Ende gehen, einmal doch ganz gewiß, bald vielleicht. Er nahm Brendel beiseite und hielt auch Luzius °n. „Ich habe nach Breslau zu einem Preisausschreiben eingereicht , jagte er, „fneift die Daumen, daß es diesmal klappt."
Wieviel?" fragte Brendel. ,
"Zehntausend Mark", sagte Zurrhelm heiser. Seme schonen braunen Augen leuchteten. „Wenn es wahr würde — nicht auszudenken ...
Luzius schüttelte den Kops. „Ich hoffe für Sie. Aber un Ernst, Zurrhelm, Sie sollten umsatteln. Kunstmaler ist kein Berus für Sie. Diese Stabt ist nicht groß genug; Sie Haden keine Verbindungen. Sie sollten I es schon Ihrer Frau wegen tun. Wie lange, glauben Sie, dursen Sie I Barbara noch zumuten, dieses Leben mit Ihnen zu sichren?
„Führe ich es nicht auch!" I
Falsch", tagte Luzius. „Denken Sie ganz einfach einmal nach. Als Sie'heirateten, haben Sie da zu Barbara gesagt: so und so kümmerlich wird unser Leden [ein? Nein! Sie Haden an ficf; geglaubt, an Ihren Aufstieg an den Erfolg, der kommen mußte, und haben t^r em anderes
Bist,' entworfen, als jetzt das der Wirklichkeit aussteht. Und da beginnt I Ihre Schuld, Zurrhelm Geld, häßlich für Ihre Kunstlerseele, ">chl wahr? Ader Sie kennen feine Notwendigkeit. Sie müssen Geld schassen, ich warne Sie, Zurrhelm! Mit Plänen und Vertrauen auf die Zukunft ist nichts getan Malen Sie Ihre Bilder. Nichts fei dagegen gejagt. Sie mögen Meisterwerke fein, aber fie bringen fein Geld. Unternehmen Sie daneben, im Hauptberuf, etwas, das Sie sicherstellt. JDenfen Sie nicht nur an |id), benten (E>ic an Stinb, an £Ji)tc (Sattln.
Stühlerücken störte und unterbrach. Gina man schon zu Tisch? Luzius zögerte „Kommen Sie", drängte er dann. Aber Zurrhelm hielt ihn noch einmal zurück: „Was fall ich denn tun? Sie wollen mich beim Film | anbringen, sehr gütig, Luzius; ernsthaft; aber ich bin fern Handwerfer!
.Lernen Sie es werden." , „
Luzius ließ Zurrhelm stehen. Vergaß der sich und die Umgebung? Der schmale Doktor Bellmann stieß ihn achtsam an. „Kommen Sie, Herr Zurrhelm, mir sind die letzten." Zurrhelm sah auf schaute den Mann, der gesprochen hatte, ins Gesicht. „Ja", sagte er. Und er hatte nichts gehört als das Wort, das ihm wie eine Beschimpfung gelungen hatte Wir beide sind die letzten! Aber bann gab er sich einen Ruck. Vielleicht war bas alles schon gar nicht mehr wahr! Womöglich lag im Hause auf dem Tisch bereits die Depesche, die den Gluckswechsel verkündete! Er hatte nach Breslau, wo heute der Entscheid gefallen war em Telegramm mit bezahlter Rückantwort geschickt. War es nicht möglich, MB Ni* in Ler Minute der Taster auf dem Postamt tiefte: .10 000«^, an Kunstmaler Reginald Zurrhelrn gefallen ... Er wischte sich über die Stirn, fie war schweißnaß. Seine Frau sah ihn an. Er erwiderte den Blick, aber sie schwieg. Da setzte auch er sich stumm.
Nach dem Essen verstreuten sich die Gäste des Konsuls in dem geräumigen Hause. Justizrat Reußner nahm Finkendey nut einer mtereffanten Recktsfraae in Beschlag. Die Damen waren vor den Zigarren der Manner in den «einen Salon geflüchtet. Um den runden Messingtisch un verwaisten Herrenzimmer sahen Dvftor Bellmann, Luzius, Brendel und Zurrhelrn. Frau Barbara und Jan Strombeck waren nicht tm Zimmer.
„Ja", sagte Luzius, „ich habe das auch gehabt vor Jahren. Mein Siegelring war wohl ein bißchen zu weit und im Handschuh stecken- geblieben Sicherlich hat Frau Konsul Finfendey ihren Brillantrmg aus genau diese Art verloren. ... - .
Doftor Bellmann nickte. „Wir gaben das Suchen aus , schloß er, „cs hatte feinen Zweck mehr. Hier im Hause tonnte der Ring nicht verloren ^Zurrhelm"f'ah auf seine Finger. „Ich habe nur noch den einen Ring", sagte er, „ich würde es bestimmt merten, wenn er nicht mehr meinen Finger drücken würde." Er schaute sich um, sah, daß sie am Tisch allem waren, und tränt hastig (ein Getränt — Gemisch aus Kognak und Soda — aus Luzius, Brendel, Sie, Herr Doktor Bellmann, verraten Sie mich nicht! Ich laufe auf zehn Minuten rasch einmal nach Hause. Wenn man mich sucht, bin ich im Garten."
„Was wollen Sie im Hause? Haben Sie das Licht brennen lassen?' Zurrhelrn antwortete nicht mehr; er öffnete die Tür auf die Veranda Unb trat hinaus. Seine Schritte knirschten im Gartenkies. Dann ver-
Strombeck warf ihr einen raschen, sichernden Blick zu. Er Heß das Thoma fallen. Vielleicht war es die ungewisse Beleuchtung die ihn kühn machte; es mochte auch fein, daß er feit längerer Seit aus diese Stunde gewartet hatte; er griff Barbara beim Arm, dreh e sie zu sich und sagte. Ich habe Ihnen die Ruhe, die Sie von mir gefordert haben, gelassen. Sie wollten überlegen, deiche ich. Ich will Sie wieder vor das Bild führen, Frau Barbara, wo es begann. Hier: das Haus am Fluß, eine Farm vielleicht, bebaute Felder als Hintergrund; ein Menschenpaar am offenen Fenster. — Ich verstehe nicht viel von der Malerei. Ich kann Ihnen versichern, so wie auf dem Bild hier, geht bei uns die Sonne nicht unter. Aber das gehört nicht hierher. Der Konsul ch'rd wissen, was das Bild wert ist." Er hielt immer noch ihren Arm, seine Hand spannte sich stärker um diese Rundung, vielleicht schmerzhaft. Barbara machte sich los. „Nicht", sagte sie. Er starrte sie an; in feinen Augen fing sich ein ferner Schein und ließ sie glänzen. „Nicht? .... wiederholte er, „reden Sie deutlicher, Frau Barbara!"
Ihre Mundecken zogen sich herab. Es mochte ein Lächeln sein. Jan Strombeck nahm es dafür; es konnte aber auch etwas ganz anderes bedeuten. „Sie haben mir gesagt", flüsterte sie, und dieses Flüstern machte sie zu Verschworenen, Strombeck empfand das sogleich, — -ch'er vor dem Bild haben Sie mir gesagt: werfen Sie alles hinter sich! Mut zum Glück! War es nicht so?"
„Ich wiederhole die Aufforderung jener Minute, Frau Barbara. Jede Stunde, die Sie verlieren in der Enge dieser Umgebung, dieser Stadt, dieses Landes, dieses Kontinents ..."
„Pstt. Ich weih nicht, ob es gut ist, einen Rahmen zu sprengen, in dem man groß geworden ist. Aber dies ist nicht ganz meine Heimat. Ich würde es wagen."
Ja?"
"Warten Sie, lassen Sie mich ausreden. Ich würde es wagen, wenn ich allein wäre, nur für mich verantwortlich."
„Ihr Mann wird ohne Sie nicht gerade vor Kummer sterben."
,Nein, das nicht. Aber er wird unglücklich fein. Eine ganze Weile gewiß." Sie strich etwas vor ihrem Gesicht weg. »Aber an Reginald dachte ich jetzt nicht einmal; soweit bin ich schon Mensch Ihrer Art, angesteckt von Ihrer Denkungsweise." Strombeck tat eine Bewegung ihr entgegen, aber er prallte gegen ihre beiden flach erhobenen Hande. Er rief fast zu laut: „An was dachten Siel? Hemmungen? Oh ... , da fiel es ihm ein das Kind, die kleine Lilly?" und als fie nickte „aber wie durften Sie fo an mir zweifeln, Frau Barbara! Ihr Kind ist mein Kind, die Kleine soll an mir einen befferen Vater finden, als sie ihn jetzt hat."
„Was wissen Sie von Reginald!"
„Nichts. Will auch nichts wissen. Will ihn nicht herabsetzen in ihren Augen Sie werden ihn ja gut kennen. Ein Mann, der selber geführt werden muh; ein guter Mensch, meinetwegen, aber auch ein halber Mensch; ein Mann mit Wünschen, ohne Willen jedoch ... , er verlor seinen Satz, stockte und endete hätte nicht heiraten dürfen; ieden- salls nicht Sie, Barbara."
Merkten beide nicht, daß er zum erstenmal einfach den Namen gesagt hatte? Barbara atmete schwer. „Und wenn Sie einmal nicht mehr empfinden werden wie heute?"
„Was bann? Ich verstehe Sie nicht?"
Barbara sagte gewichtig, denn sie war kein Mädchen mehr: „Wenn der Rausch aus ist, Jan Strombeck?" . ,
Er hob beide Arme. „Nein", versicherte er, „wir begegnen hundert ftrauen und vergessen sie. Aber wenn man die Einmaligkeit des Geschehens begriff schon in der ersten Minute, kann das kein Irrtum mehr werden Aber da haben Sie wieder Europa! Klein, ängstlich, wagend unb ohne iebe Gröhe. Wage ich weniger als Sie? Haben Sie kein 15er«
i trauen? Dann will ich Ihnen meine Pläne eingestehen, bie Sie beruhigen werben. Wir heiraten noch in Europa, sowie bie Sdjeibung aus«
! gesprochen ist; Lilly wirb mein Kinb, ich versichere Sie unb das Mädchen in der Stunbe, wo Sie bie meine werben. Kann ich mehr tun, Barbara?
I Aus bem andern Zimmer kam das schleppende Lachen des Justizrats. Der Konsul stimmte ein. Kamen die beiden alten Herren naher? Barbara trat einen Schritt zurück; aber diesen Schritt, den sie ihren Körper ziirücknahm, überbrückte sie mit der ausgestreckten Hand. „Ich danke Jhne^i, Jan Strombeck." ..
Er nahm diese geliebte Hand. „Und?! drängte er.
Barbara sah ihn an. Ihr Blick war groh und verhieß was der Mund nicht sprach. Da neigte sich Jan Strombeck und küßte diese Hand, i Es geschah genau in der Sekunde, da Assessor Luzius in die Tür I trat. Er zog sich augenblicks ungehört zurück. Nicht dieses Paar suchte er. t Er fahndete nach Mita. Aber er muhte das Suchen erst noch einmal auf- i geben. Justizrat Reuhner hielt ihn fest „Ich höre, das Mietsaml: hat Ihnen Ihre reizende Junggesellenwohnung beschlagnahmt, lieber Luzius t Wo wohnen Sie denn nun? Wo sind Ihre Möbel?"
Auf dem Speicher, Herr Justizrat. Ich selber wohne im Hotel Europa bis sich — gegen Abstand, hoffe ich — eine andere Behausung I für mich Einspänner findet." . .....
i Kon ul Finkendey lachte. „Die Welt ist häßlich eingerichtet. 21ber bann fiel ihm etwas ein. „Im Hotel Europa wohnt ja auch mein Freunb Strombeck!" „ , ,
Luzius nickte. „Wir wohnen Zimmer an Zimmer , sagte er, „es I ergab sich zufällig." Unb ba niemanb mehr bas Wort an >h" richtete, i zog er sich vorsichtig zurück. Justizrat Reußner (ah ihm »ach. „Ra , meinte er zu (einem Freunb, „bie Ernennung kommt biefer Tage h
I aus. Ein Staatsanwalt mehr im Reich. Der gute Luzius hat lange ge braucht ober warten wüsten. Ich freue mich für ihn. Konsul Jmkendey stimmte zu. „Ein netter Kerl, ich freue mich auch. Sie waren woyi beide jenseits der Ehrgeize und am Ziel angelangt, von wo man neiöios auf die Nachfolge schaut.
, (Forkfetzung folgt.)


