vergeßenes stilles Plätzchen abseits vom Lärm der Stqdt. Schloß und Dom, Kreuzgang und das Haus des Küsters bilden ein harmonisches Ganzes, das eine Fülle des Schönen umschließt.
Im Schlohhos aber ragen viele mit Voluten und Obelisken gezierte Giebel in den Himmel, Türme ragen auf, in den vielen Fenstern spiegelt sich die Sonne, im Efeu, der die Wände bedeckt, schilpen die Spatzen, über dem vielgestaltigen Neptunbrunnen in der rechten Ecke des Hofes verbindet ein breiter Erker mit schönen Kragen das Schloß mit dem Dom, durch vielfältig geschmückte Portale, und über Wendeltreppen gelangt man in das Schloß, während an der Nordfront einer der schönsten Renaissance-Erker, die in Deutschland zu finden sind, über zwei Stock
werke spielt.
Krieg — Feuer — Pest.
Die Stadt inmitten Deutschlands stand immer im Brennpunkt lebendigsten Geschehens. Von der Zeit der Hunnen her bis in die Zeit des Kapp-Putsches war oftmals Krieg und Kriegsgeschrei um die Mauern der Stadt. Beispiellos litt Merseburg während des 30jährigen Krieges. Die Schlacht bei Lützen warf auch über Merseburgs Mauern schwere Schatten. Die Bürger seufzten, wie überall, unter den Kriegslasten und den Gewalttaten der Soldateska und ihrer herrischen Führer. Der Siebenjährige Krieg sah Merseburg inmitten des kriegerischen Geschehens. Immer wieder zogen deutsche und fremde Truppen durch die Stadt. Nach der Schlacht bei Roßbach wurden viele Gefangene und Verwundete eingebracht, und die Bürger hatten ihre liebe Not. Nach Jena und Auerstadt wohnte Napoleon im Schloß, und seine Soldaten machten den Merseburgern kaum Freude. 1813 kam es zwischen Franzosen und Preußen zu Kämpfen inmitten der Straßen. Nach dem Wiener Kongreß kam Merseburg an Preußen. Nun waren die Zeiten der fürstlichen Administratoren und Stiftsherren vorbei. Unter den Preußen wurde Merseburg zu einer Stadt der Beamten. t „
Mit der Hygiene scheint es in Merseburg, wie zur Zeit des Mittelalters in vielen anderen Städten, nicht gut bestellt gewesen zu sein. In den Jahren 1349 und 1350 schritt der schwarze Tod durch das Land. Damals folgten ihm die Flagellanten, die Geißler auf dem Fuße mit Jammern und Wehklagen, mit Anklagen, in gläubiger Demut, mit ihren heißen Wünschen, Gott und den schwarzen Tod zu versöhnen. Aber es wollte wenig Helsen. 1581 forderte die Pest wieder ihre Opfer, diesmal 700 Menschen; 1611 sanken über 1600 Menschen in die breiten Graber; ja sogar noch in den Jahren 1849 und 1850 fand die Cholera 500 Opfer.
Aber bei Krieg, Seuche und Krankheit war es nie geblieben. Auch eine andere Furie schien der Stadt zugetan; das Feuer! An sechsmal standen die Merseburger mit zitternden Händen und starrten m die Flammenmeere, in denen die Häuser versanken. 1323 brannte fast die ganze Stadt nieder. 1387, als gerade die Zeit der Messe war, saß wieder der rote Hahn auf den Dächern und — auf den Meßbuden der Kaufleute Die Händler kamen seit diesem Tage nicht wieder. Sie hielten von nun an die Messe in Leipzig, und sie taten es weiter bis auf den heutigen Tag. Im Jahre 1400 fiel die Stadt den verzweifelten Burgern wieder in Asche. 1444 vernichtete das Feuer große Teile der wiederaufgebnuten Innenstadt, und.der Rache der Bürger fielen der Anstifter und jener zum Opfer, der das Feuer gelegt hatte. Der Anstifter wurde gerädert, der Brandstifter kam auf den Scheiterhaufen. Bürgermeister H o bürg k und sein Sohn waren am fünften Brande (1479) schuld und büßten eine Leichtfertigkeit mit dem Leben. 1662 waren wieder Flammen und Rauch über der Stadt. 55 Häuser, Ställe und Scheunen verbrannten.
Prosa der Gegenwart.
Nach 1813 kehrte mehr Ruhe in die Stadt ein. Der Glanz der fürstlichen Zeiten begann zu verblassen. Es gab keine Feste mehr im Park und im Schloßgartensalon. Um das Schloß und den Dom, um die Grus, und die Parks begann sich die Erinnerung zu ranken. Preußischer Geist hielt Einzug. Klarheit und Ordnung wurden überall da geschaffen, wo es ürstliche Nonchalance nicht für notwendig hielt. Merseburg trat in eine neue Sphäre und wurde die Stadt der Verwaltung. Industrie wuchs auf. Die neuentdeckten Braunkohlenfelder des nahen Geiseltals halfen die weitere Entwicklung der Stadt mitbeftimmen. Der lange Zeit arifto= kratische Charakter der Stadt, das Wesen, von dem sie als geistliche Hochburg lange Zeit umflossen war, trat vor dem gewaltigen Aufstreben der Industrie in den Hintergrund. Merseburgs reiche Geschichte wurde gewissermaßen zur historischen Folie, die mehr und mehr nur für einen bestimmten Kreis von Menschen ihre Bedeutung behielt. Die Zeiten der kaiserlichen Reichstage, der fürstlichen Festlichkeiten und der geistlichen Machtentfaltung waren endgültig vorbei. Merseburg wurde zuni ^>entral- punkt eines Industriegebietes. 260 Züge berühren täglich die Stadt, die am Hauptvcrbindungsstrang zwischen dem deutsche^ Norden und dem Süden liegt.
Das Leunawerk.
Der Reisende, der von Süden kommt, Naumburg und Weißenfels hinter sich hat und vom Zuge in das flache Merseburger Land> geiragen wird, empfindet sicherlich den plötzlichen Wechsel in der Landschaft sehr stark. Noch versuchen einige Windmühlen den Charakter des Ländlichen zu wahren, aber es ist vergeblich. Ueber ihren trägen Flügeln ragen schon die über hundert Meter hohen 13 Schornsteine des Leunawerkes auf. Diese Schornsteine flankieren das nahezu einen Kilometer lange, vielfach unterteilte gigantische Maschinenhaus, sie wachsen empor aus einem scheinbar völlig desorganisierten Gewirr von Silos, Kuhlturmen, Gasometern, Kesseln, Hallen, Kranen, Pochwerken, Rohrleitungen, Brucken usw. und senden Tag und Nacht ihre Rauchfahnen über das Land Das Leunawerk, dessen eigentlicher Name „Ammoniakwerk Merseburg lautet, ist ein Werk der IG, das im Jahre 1916 entstand und anfänglich dem Zweck diente, Deutschland von der Linfuhr chilenischen Salpeters unabhängig zu machen. Der Aufgabenkreis ist inzwischen gewachsen Es gab eine Zeit, da wurden in diesem Werk in drei Schichten 27 000 Menschen beschäftigt. Das ist im Laufe der Jahre und unter dem Druck der- Wirtschaftskrise anders geworden. Dem Wohlfahrtsamt der ötnbt Merst -g erwuchs dadurch manche große Sorge. Das Werk vermochte zusammen
mit dem Schwesterwerk Oppau über die Hälfte des Stickstoffes zu erzeugen, dessen die deutsche Landwirtschaft zu Düngungszwecken bedarf. In jüngster Zeit hat die Herstellung synthetischen Benzins dem Werke neue Impulse gegeben. Das einzigartige Jndustriewerk, wohl das größte in Deutschland, ist nicht mehr von der Stadt zu trennen.
So wie die sieben Türme von Dom und Schloß die Stadt der Vergangenheit überragten, so überragen die Schornsteine des Leunawerkes und die Essen der übrigen Werke der Stadt selbst das Merseburg der Gegenwart. So ist die tausendjährige Stadt heute prosaischer geworden, als es die Stadt der Vergangenheit gewesen sein mag. Ihr Glanz und ihre Bedeutung verblaßten vor der Bedeutung der Nachbarstüdte Halle und Leipzig, deren geistiges Leben das der ehemaligen Bischofsftadt Merseburg überflügelte. Der deutsche Mensch aber, der alten Werten und künstlerischen, besonders aber architektonischen Schätzen nachspürt, wird in Merseburg viel Freude erleben.
Festwoche — tausend Jahre Merseburg.
In diesem Jahre erinnert man sich in der Domstadt lebhafter der reichen Vergangenheit. In den Tagen vom 21. bis 27. Juni finden viele Veranstaltungen statt, die den Geist der Vergangenheit in Wort und Bild heraufrufen sollen. Die Glocken läuten über der Stadt, öfters als sonst, Festvorstellungen und Konzerte werden abgehalten, dem König Heinrich I. wird man ein Denkmal weihen, Heimatabende und Führüngen zeigen dem Fremden die Stadt in ihrer vielfältigen Gestalt, ein großer historischer Festzug läßt die Erscheinungen der Jahrhunderte noch einmal erstehen, und vieles andere mehr rückt in diesen Tagen die Stadt in den Brennpunkt des Interesses.
Im Kranz der Städte, in denen sich deutsche Geschichte und deutsches Wesen formten und läuterten, darf Merseburg, die tausendjährige Stadt, nicht vergessen sein, wenngleich sich das Merseburg der Gegenwart nicht den Zauber zu erhalten vermochte, der heute noch über den Städten Hildesheim, Bamberg, Nürnberg, Würzburg, Rothenburg und einigen anderen liegt. Unvergänglich aber sind die Zeugen einer großen Vergangenheit in dieser Stadt.
Oie Dame mit dem Otterpelz.
Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren.
Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
(Fortsetzung.)
„Mensch, Sie sind ja ... 1" zischte der Kommissar ihn an. Irrsinnig — hatte er sagen wollen. Aber er hielt sich zurück. Einlenkend fuhr er fort: „Reden Sie doch keinen Unsinn, Grau! Und bemühen Sie sich doch, ein bißchen logisch zu denken! Vorläufig handelt es sich doch nur um Ihre Tat, deren Sie sich selbst bezichtigt haben. Und nicht um die Klärung irgendeines — Verbrechens oder wie Sie es nennen wollen, das vielleicht damit im Zusammenhang steht und ..." Er brach mitten im Satz, von einem plötzlichen Einfall getroffen, ab, und sah dem Maler fcharf in die Augen. „Oder sollten Sie uns am Ende durch falschen Alarm auf diefe Fährte gelockt haben?"
Grau bewegte verständnislos den Kopf. „Ich weiß nicht, wie Sie das meinen, Herr Kommifsar."
Na daß Sie diesen angeblichen Mord nur als Vorwand benutzt hoben, um unsere Aufmerksamkeit auf das Schicksal Ihrer Freundin zu lenken. Vielleicht wollten Sie aus irgendeinem Grund Fuchs nicht direkt anzeigen und versuchten es darum auf dem Umweg einer Vorspiegelung? Antworten Sie, Grau! Ist es nicht so? Es wird höchste Zeit, daß Sie endlich mal mit der Wahrheit herausrücken!" .
Donald Grau hielt seinen Blick ruhig aus. Gerne Mundwinkel zuckten geringschätzig. Erst allmählig hatte er den Sinn der Anschuldigung erfaßt. Und mit einem bitteren Auflachen sagte er:
„Wie spitzfindig Ihr feid! Ich hätte nie gedacht, daß es einem so schwer gemacht würde, für einen Verbrecher gehalten zu werden!" Er drehte dem Kommifsar brüsk den Rücken und preßte die Stirn gegen die Fensterscheibe. Kling war einem Tobsuchtsanfall nahe. Er hätte diesen widerspenstigen Burschen ohrfeigen können. Aber er mußte sein Gelüst unterdrücken, um sich den einzigen Weg zu seinem Ziel nicht selbst zu verbauen. Er ließ Grau stehen und wandte sich mit kalter Sachlichkeit an Jensen: „Herr Grau bleibt also dabei, in diesem Zimmer einen gewissen Caspar Fuchs ermordet zu haben. Und zwar mit einem Brecheisen — wie er wiederholt zu Protokoll gegeben hat. Dieses Brecheisen müßte demnach noch irgendwo in der Wohnung zu finden ftin. Denn mitgenommen haben Sie es doch wohl nicht, Herr Grau?
Grau schüttelte, ohne sich umzudrehen, den Kopf.
„Gut, dann muß sich die Waffe ja noch irgendwo finden lassen.
Gehen wir also auf die Suche, Jensen!" •
Er schickte sich an, mit Jensen das Zimmer zu durchstöbern. Es war eigentlich nur eine Finte, um Grau aus feiner verbissenen Unzulänglichkeit herauszulocken oder ihn vielleicht dahin zu bringen, daß er sich durch eine impulsive Aeußerung verriet. Denn im Ernst glaubte keiner der beiden Kriminalisten daran, daß die Waffe zum Vorschein kommen würde. Jeder logisch denkende Mensch mußte sich sagen — selbst unter der Voraussetzung, daß der Mord wirklich geschehen war — daß die Waffe wohl von der gleichen Hand beiseite geschafft worden fern mochte wie der Tote. Aber das Manöver hatte nicht den erhofften Erfolg. Grau blieb unbeweglich am Fenster stehen und schenkte der Haussuchung nicht das geringste Interesse. Ganz umsonst kroch Jensen unter Tische und Schränke und machte sich auf dem verstaubten Fußboden die Knie schmutzig. Vergebens rückte er im Schweiße seines Angesichts mit Kommissar Kling die schwersten Möbelstücke zur Seite. Der Maler blieb völlig teilnahmslos.
Da förderte der junge Beamte plötzlich mit einem Griff unter den Divan einen großen Werkzeugkasten zutage. In der ersten UeberrafchckNg stieß er einen Pfiff durch die Vorderzähne, der die Aufmerksamkeit des Kommissars auf ihn lenkte. Auch Donald Grau drehte sich unwillkürlich um. Der Polizeibeamte wog mit nachdenklicher Miene ein


