Ausgabe 
22.5.1933
 
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In diesem Augenblick wußte Dr. Morris, daß er gesiegt hatte. Er wagte keinen Laut. Er unternahm nichts, um den Ausbruch zu> ver­hindern. Erst als der Krcnnps sich gelöst hatte und das gemarterte Schluch­ten langsam verebbte, siihrte er ihn sonst durchs Zimmer. Bettete den willenlosen Körper auf einen Diwan. Setzte sich ganz nahe zu ihm und hielt mit bezwingendem Druck seine Hand. Grau drehte den Kopf nach der Wand. Er schien sich seines Weinens plötzlich zu schämen. Aber Mor­ris sagte mit einer Herzlichkeit, die keine Hemmung mehr aufkommen ließ:

Ich freue mich, lieber Grau, daß Sie endlich diese Tranen gesunden haben. Diesen seelischen Ballast müssen Sie abwersen, um die angehaufte psychische Spannung auszulösen. Und nun müssen Sie ein wenig Ber- trauen zu mir fassen, Grau! Vielleicht gelingt es mir Ihr.Schicksal günstig zu beeinflussen. Es wäre nicht das erstemal, daß ein ärztliches Gutachten einem Angeklagten den Freispruch erwirkt hatte! Aber Sie müssen offen zu mir fein. Vergessen Sie ganz, daß ich Arzt bin. Daß ich im Auftrag einer Behörde stehe. Sprechen Sie einfach zu mir wie ein Mensch zum andern. Wollen Sie nicht?"

Es war ihm gelungen, den Blick des Patienten einzufangen. Er fah ihn fest und tief an. Er drang mit seinen grauen Augen in ihn ein. Und unter der Kraft dieser starken und gütigen Augen löste sich in Donald Grau die letzte Hemmung. Langsam richtete er sich ein wenig auf und sagte mit einer matten und kindlichen Stimme:Es ist gut, Doktor, ich will Ihnen alles erzählen."

Er !ah fast wie ein Hausierer aus, in seinem schäbigen schwarzen Ulster und dem tief in die Stirn gedrückten Schlapphut. blnterm Arm trug er den Regenschirm und ein großes, slaches Paket. Der Maler über­hörte die unfreundliche Begrüßung. Er sah sich suchend Eund stammelte enttäuscht:Sind Sie denn allein gekommen, Herr Fuchs? Haben Sie die Dame nicht mitgebrachi?"

Fuchs schob ihn beiseite und trat in den Hausflur.

Ich bin vorausgegangen. Meine Nichte wird sofort nachkommen. Sind Sie allein zuhause?"

SS ÜÄ® W * A» =m M. DOn der Treppe? Danke, ich bin orientiert! Ich werde meine Nichte selbst hinaufführen Sie warten solange hier in diesem Z.mmer und rühren tüyu, W» M ®r

hinein.Ich will nicht, daß Sie die Frau anders als im Kostüm Zu sehen bekommen. Aus Gründen, die Sie nichts angehen. Sobald ste umgekleidet l,t' Di? Türkei zu. Und Grau glaubte ein Geräusch zu hören, als ob von außen der Schlüssel umgedreht würde. Die rücksichtslose Energie des Andern lähmte seine Willenskraft. Wie angewachsen blieb er mitten im Zimmer stehen, unfähig, auch nur einen Schritt zu tun. Als ob er Blei in den Schuhsohlen gehabt hätte. Nur sein Gehör arbeitete sieberhast. Er hörte Fuchs zur Haustür gehen und wieder zurückkommen. Und es war ihm als mische sich in die schwerfälligen Tritte der leichte Rhythmus eines Fra'uenfchrittes. Dann wurde es eine Weile still. In feinen Ohren war nur noch das dumpfe Brausen seines Blutes. Seine Hande wurden csTalt vor Spannung. Die Viertelstunde des Wartens dehnte sich ihm .ns

8.

Am 31. Oktober, einem Samstag, ging Donald Grau in erwartungs­voller Unruhe in seinem kleinen Atelier auf und ab. Er hatte seinen besten Anzug an und machte den Eindruck eines Menschen der vor einem ungewöhnlichen und feierlichen Ereignis steht. Das blasse Licht eines frostigen Herbsttages kam durchs Fenster. Ein zäher Kuftennebel kämpfte gegen ein paar kraftlose Sonnenstrahlen. Der strenge Geruch von Herbst- astern erfüllte das Zimmer. Alle Gegenstände waren damit geschmückt ^'Vo'n'iei'fau Ze^sah^Grau nach der Uhr. Es ging auf zwei. Von unten aus der Küche kam energisches Tellergeklapper. Ab und zu wurde eine Tür geschlagen, und die Hauspantoffel der braven Frau Schnee schlurften über den Flur. Endlich riß dem Maler die Geduld. Er stürzte auf den Vorplatz und rief gereizt über das Treppengeländer:

Sind Sie denn immer noch nicht mit Ihrer Arbeit fertig, Frau Schnee? Was drücken Sie sich denn heute so lang im Haufe *)®runL. ffrau Schnee setzte eine tiefbeleidigte Miene auf und entgegnet fpig:J) tann nicht zaubern, Herr Grau! Und von allem wascht sich das Geschirr leider nicht. Sie wissen sehr gut, daß ich am Samstag me vor 3 Uhr wegkomme. Merkwürdig, daß Sie mich heute schon so sruh los sein n,°1Unb sie stelzte mit puterrotem Kops in ihre Küche Zstruck und ließ die Tür mit Nachdruck ins Schloß fallen. Bald darauf erschien ihr Dienst­herr auf der Schwelle. Sie ließ vor Schreck über sein finsteres Gesicht eme EdOft ^^breiviertel zwei. In spätestens zehn Minuten sind Sie aus" dem Hause, verstanden? Oder Sie brauchen überhaupt nicht wieder- zuUnnmen", sagte er barsch.Ihre Schlüssel,lassen Sie hier Sie brauchen das Gartentor nicht abzuschließen. Adieu! Er ging wieder nach oben in sein Atelier. Zehn Minuten später horte er Frau Schnee das Haus verlassen. Er sah sie mit tragisch gesenktem Kopf über den Kiesweg wan­deln. Bald daraus siel das Gartentor ins Schloß. Und eine beklemmende Stille blieb im Hause zurück... m .... ...

Kurz nach zwei ging die Hausglocke. Grau fuhr zusammen. Er suhl sein Herz in harten Stößen gegen die Rippen schlagen. Ein ganzi dünnes und irgendwie beglückendes Schwmdelgefuhl. zog ihm die Kopfhaut zu jammen. Die Knie wurden ihm schwer. Sie trugen ihn kaum Zur Tur. Und mit einer dumpfen Angst, die sich schmerzhaft und wollüstig zugleich in sein Herz krallte, fühlte er deutlich, daß sein Schicksal ihn streiste.

Abermals bellte die Glocke, zweimal gereizt und herrisch. Der Zornige Alarm gab Grau seine Selbstbeherrschung wieder. In überstürzten Sprüngen polterte er die Treppe hinunter. In der Haustur stieß er bei­nahe mit Fuchs zusammen, der ihn verdrießlich anfuhr:

J Warum lassen Sie mich denn erst Sturm lauten, bevor Sie sich bequemen mir 3u öffnen? Oder haben Sie unsere Verabredung ver-

(Scronlt sich seiner bemächtigt hatte. Alle Einwande, die er gegen diese ein­malige Sitzung vorzubringen entschlossen war, blieben unausgesprochen. Sie schienen ihm auf einmal selbst gegenstandslos. Eine große Sicherheit war plötzlich über ihn gekommen. Ein nie empfundenes celbftoertrauen. Die unerschütterliche Gewißheit, daß er dieser Aufgabe gewachsen war. (Fortsetzung folgt.)

Tleraniwörtlich: vr.'^ns Thyriot. - Druck und Derlag: Druhl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei. D. Lange. Gießen.

Sie meinen den Ton an Bord? Den Verkehr mit den anderen Ka- mer'^en wie? Ich verstehe. Und dann haben Sie also plötzlich um- ,

gesattelt. Wo haben Sie denn studiert?" , ,

Zuerst in Berlin. Und dann em halbes Jahr in Paris

"üßic bat Ihnen denn Paris gefallen? Eine sthr amüsante Stadt wie'ö Besoiiders für einen freien Künstler?" Dr. Morris ladjelte m » sagend Grau wich seinem Blick aus und begann sich ""^kleiden. EndlA Jagte er:Darüber kann ich nicht urteilen, Herr Doktor. Ich war nicht 3U Der^Arzt^betrachtete ihn ausmerksam.Gewiß ja. ^.ber.

den ja nicht Tag und Nacht gearbeitet haben. Was malen Sie eigentlich.

"Ah""schöne^Frauen! Ein beneidenswerter Berus!" Morris zwin­kerte ironisch/Dann kann ich mir allerdings Ihre em wenig in Un- OTb®rau (avJ^mi&S «» Stirn verfinsterte sich.

".Run, "ich" meine, daß ein derartiger Beruf Ziemlich strapaziös fern maa. Besonders für das Herz! Wenn man dauernd Gelegenheit hat, mit hübschen Frauen allein zu sein, dann fällt natürlich die Zuruckhaltung id)"er batte absichtlich diesen etwas frivolen Ton angeschlagen. Er hoffte, den spröden Menschen damit aus seiner Reserve herauszulockem Und es glückte ihm auch. Grau zog die Brauen zusammen. Eine Flamme schlug ihm Ich pcritebe sehr gut, worauf Sie hinauswollen, Herr Doktor. Und ich 'finde, daß diese Frage Ihre ärztlichen Befugnisse uberschreitetz Damit aber Ihre Diagnose kein Loch bekommt, will ich Ihnen sagen, daß Ihre Mahnung bei mir ganz überflüssig ist. Ich mache mir nicht Diel aus ^"Nach/ünem kurzen Schweigen forschte Morris de^nt:

Und warum nicht? Sie sind doch ein junger irischer Mensch! Hatten Sie einmal irqenbein bitteres (Erlebnis mit einer .

Grau schüttelte den Kopf.Nein. Aber ich könnte niemals eine Frau berühren die die nicht meinem Ideal entspricht. Ich bin in dieser Beziehung vielleicht zu anspruchsvoll ich weiß nicht. Und wenn mir bann eine Frau begegnet, in die ich mich verliebe eme Frau, die dieses ganz große Entzücken bei mir auslost dann...

Wollen Sie Ihr Ideal nicht zerstören! Wie?

Donald Grau nickte versonnen.Ja, dann erst recht nicht!

Der Arzt ließ mit Absicht eine Pause eintreten. Er fühlte instinktiv, daß er unmittelbar vor feinem Ziele stand. Daß dieses verschlossene Gesäß sich ihm in der nächsten Minute von selbst öffnen wurde wenn er jetzt das rechte Wort fand. Aber auch daß er ein für allemal verspielt hatte, wenn er diesen günstigen Moment verpaßte.

Er überlegte angestrengt. Dann entschloß er sich plötzlich zu einem gewagten Blufs.Rxr legte Grau die Hand auf den Arm und fragte sehr zart und eindringlich mit feiner warmen Stimme:

,,Unb jene Frau, um derentwillen Sie Fuchs ermordet haben, hat bie Ihrem Ideal entsprochen?" .

Donald Grau fuhr zusammen. Seme Sippen wurden weiß. Seme Pupillen verdunkelten sich in einem tiefen Erschrecken.

Was wissen Sie davon? Wer sagt Ihnen, daß ich die Tat aus Eifersucht begangen habe?" Seine Stimme wurde rauh.Das «st nicht wahr! Ich habe Fuchs gehaßt ja. Bis zur Tollheit! Ich wollte ste von ihm befreien! Aber Eifersucht? Auf diesen häßlichen, alten Halunken? Nein, bei Gott nicht!" . .... .

Er versank in finstere Teilnahmslosigkeit. Er schrumpfte förmlich in sich zusammen.Aber das ist ja alles ganz gleichgültig letzt. Es ist ja jetzt alles zu Ende." , .. . m,. *

Dr. Morris beugte sich ganz nahe zu ihm hm. Sem warmer Blick suchte die Augen des jungen Menschen. . . .

Was denn, lieber Grau was soll zu Ende sein? Erwidert denn die Frau Ihre Liebe nicht?" . , ...

Grau lächelte verzerrt.Woher soll ,ch das wissen Aber ov.el .st gewiß, mit einem Mörder wird sie sich niemals abgeben. Diese Frau! Das ist ganz unvorstellbar!" ,

Seine Stimme ging in einem Stöhnen unter. Ein innerer Kamps fdiüttelte seine Schultern. Und mit einmal brach ein Schluchzen aus ihm hervor Ein wildes, ungehemmtes, kindliches Weinen, das ihm das In­nere umkehrte und die Schulter des Arztes mit einem Tranenstrom uber-

ll^Endlich ächzte die Treppe unter plumpen Stiefeln, und in der nächsten Minute betrat Fuchs die Wohnstube. ,

Sie können jetzt hinaufgehen, meine Nichts ist bereit, «em glas- beller Blick drang gebieterisch auf Grau em.sie haben drei «tunden '-leit ffcki lebe mich inzwifchen in der Stadt um. Um halb sechs bin ich ku ück und hole meine Nichte ab. Bis dahin ist das Bild so weit daß Sie die weitere ^Ausführung nach dem Gedächtnis machen können! Prägen Sie sich aufs Genaueste alles ein! Und sorgen Sie dasur, daß niemand da« Bild zu sehen bekommt! Niemand! Verstanden? .

Wenn Donald Grau sich diese Szene später ins Gedächtnis zu rufen versuchte, hakte er aufs Neue jenes Gefühl vollkommener Wehrlosigkeit, das ihn diesem Mann gegenüber schon damals tm Zug befallen hakte. Er hätte nicht erklären können, warum. Er fühlte nur dunkel lstejch- !am an der Peripherie seines Bewußtseins, daß irgendeine unerbittliche !r ! .. , t . (tinmnnli» hi» pr apaen biefe etn=