Ausgabe 
21.7.1933
 
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Kopsen hat sie uns .

Verzweiflung und sind auf neuem Wege durch die -Ludweftwand zum Westqipfel der Cima Ombretta gestiegen. Doch nur selten zeigt zum Studium die Marmolata ihren unglaublich kühnen Sudwestpfeiler, so daß wir vor Langeweile den ehemaligen Kriegsunterstand aus dem sehr wenig besuchten Gipfel durchstöbern. Einige Dutzend Dosen Fleisch fallen uns da in die Hände, und mißtrauisch stecken wir groei dieser Dosen zu uns, denn das Füllungszeichen lautet:Italia 1916'.

Am Abend ärgern wir uns, daß wir nicht den ganzen Fund mit­genommen haben, denn auf Contrin mundet das Fleisch, trotz seinem Alter von 14 Jahren, zu den Spaghetti ganz vorzüglich. Ich kann deshalb den Gipfel zum Biwakieren nur empfehlen!

Aus unseren Dolomitenirrsahrten in diesem Regensommer sind wir auck zum Nordfuße des Antelao gezogen. Diese unbegangene Westkante an diesem Berge, die so majestätisch nach Cortina d'Ampezzo herabschaut, steckt uns schon über ein Jahr in der Nase. Auf Alpenrosen wird em Freilager aufgeschlagen und alle Kletterutensilien gerade liegen lassen. Es

ist eine selten schöne Nacht. Sogar das stolze Pelmohaupt winkt drüben aus dem tausendfachen Glanz der Sterne und wiegt uns bald zu großen ®CrfiUITinne Stunde nach Mitternacht hat der Antelao seine Bundes- genossen zu Hilfe gerufen und jagt die zwei Manschen, die den Schleier seines einzigen Geheimnisses noch lüften wollen, in die Flucht. Wir triefen cor Nässe als wir im ersten Haus in San Dito unterfchlupsen, und als nach 10 Stunden das Unwetter abgezogen ist, ist bis 1500 Meter herab

Wird es noch reichen, oder droht uns ein zweites Biwak? Haken auf Haken und bereits die ganze Reepschnur wird geopfert. Wir stehen um 20 Uhr auf der ersten Terrasse, doch unaufhaltsam geht es weiter. Hosen und Kletterweste sind von dem nassen Seil schon durchscheuert und die Haut ist schon ausgerissen. Dafür hat wenigstens das Fallen der Eis- brocken, die uns mehr als einmal trafen, fast auf gehört. An Mecht- sitzenden Haken geht es den schiefen Riß hinunter, dann senkt sich Die Rächt nochmals auf uns. Die Taschenlampe, mit deren Hilfe wir d e Ritzen für die Haken suchen, tut nicht lange Dienst. Sie entgleitet mir und zerschmettert in der Tiefe. Das letzte Stück kommt. Wuchtig trifft der Hammer beim Hakenfchlagsn ab und zu die Fingerspitzen m der Finster- nis, dann haben wir es geschasst. 13 Stunden nach der Umkehr.

Doch noch zwei Stunden müssen wir ohne Licht den Pfad zur Hülle suchen Wir stolpern viel und liegen oft miteinander am Boden, dazu werde ich noch von furchtbarem Brechreiz überfallen. Kem Wunder, diest übermenschliche Anstrengung und schon 29 Stunden nichts mehr im Magen. Langsam kommen wir dem Lichte der Hütte naher. Nach Muter nacht betreten wir die Schwelle, wo niemand mehr an uns glaubt.

Viele, viele Seile liegen an der Tür, dabei zwei Sacke, das ist umer erster Anblick. Den Bergführern am Tisch entfallen die Spielkarten. S'e uzid ein halbes Dutzend andere wollen zwei Stunden spater ausbreche, und unsere Leichen bergen.

So endete das größte Abenteuer meines Lebens.

August 1930. Es schüttelt einen heute noch, wenn man an diesen Sommer denkt. Nichts wie Regen, Schnee und Kälte. Schon eine Woche lauern wir aus die Südwestkanie der Marmolata, doch mit blutigen - - - abgeschlagen. Wir brechen deshalb den Bann der

"^^Acht^Tage später haben wir der edelgesormten Antelao-Weftkantedoch eine neue Route abgetrotzt, dasür schlagt uns der Berg in 3000 Meter flöhe in seine Fesseln. Im Abstieg verbringen wir auf den Plattenschussen eine sehr stürmische Nacht, ja, wir haben alle Hände voll zu tun, um nicht

«P.N m un. namM b., Rucksack am Campanile Toro noch ein großes Stück ins Kar hinab- gerollt. Bei der Bergung finden wir nur noch einen Trümmerhaufen als Inhalt darunter zwei Photoapparate im Werte von 280 Mark unb einen durch die mitgefuhrten Mauerhaken förmlich durchlöcherten Zeltsack, wo jetzt der Sturm durch ein halbes Hundert Löcher pfeift.

Doch alle meine Bergabenteuer verblassen gegen die eine Tour, die roirtlich an der Grenze des Möglichen steht. Wieder smd wir am Morgen des 23 August 1930 in den Südwestpfeiler der Marmolata emgestiegen. Dort führen wir einen Kampf, wie ihn nur selten m«n(chllche Energie und Ausdauer zu vollbringen vermag. Man konnte saft glauben, diese ausgesetzte, fast senkrechte Wand hätte uns auch noch um den Schwer- vunft betrogen. Nach 15 Stunden übermenschlichem Ringen sind wir etwa 450 Meter hoch gekommmen. 450 Meter an der Marmolatakante, durch brüchigen Fels, 'Steinschlag und Wasser, äa droben, über der zweiten Terrasse, ist nicht der äußerst schwierige Fels, sondern das Wasser zum Hasa5° EEmasftr hietzt am Hals und durch die Aermel hinein, laust den ganzen Körper entlang und kommt aus den völlig aufgeweichten Kletterschuhen wieder heraus. Und jetzt, wo wir Warme brauchen konnten, hat uns auch die Sonne verlassen. Die Zahne klappern, dazu fühlt sich der Anzug an wie ein zentnerschwerer Panzer. Gibt es denn hier oben noch einen Beiwachtplatz, oder müssen wir an die Wand geklebt den '^°Roch dmSdllänge, fast eine Stunde, dann erreichen mir eine winzige Kanzel Der Schutt wird abgeräumt, er fällt in die gähnende Tiefe, him unter wo sich die Schatten der Nacht schon ausgehreitet haben. Durch drei Haken binden wir ein Geländerseil, daran zwei nasse, bebende Ge­stalten. Erst jetzt fällt es uns ein, daß wir heute noch nichts gegessen haben, so hat uns dieser Berg in seinem Bann. W>e man sich in einer solchen langen Nacht zusammenkauert, um das bißchen Körperwarme völlig auszunützen! Doch die Füße find fast gefühllos, ober fmb bie Socken

f merfcn wir am Wasser, bas nicht mehr so lärmenb über bie Wanb herabläust. Bereits 10 Stunben beherbergt uns bie win­zige Nische, doch um 6 Uhr früh geht es stets und frierend, gleich wieder äußerst angespannt, weiter. Das Wasser ist scho n mied er unser größter Feind. Wenn wir nur einmal in der Gipselschlucht stehen, denkt jeher, dann haben wir es geschasst! Doch dort hageln über das glattgeschlissene Gestein dauernd Eisklumpen und Steine herunter.

Die Sache wird immer aufpeitschender, denn der emgepanzerte Schluchtkamin läßt uns nur noch mit äußerster Vorsicht 12 Meter hoher k°"'Da"'jetzt beginnende Gipfelbach ist vollkommen vereist ein Weiter- kommen unmöglich. Dabei wirb uns bie Schlucht zur Holle, da die Sonne ihr Zerstörungswerk fortsetzt und die Eisbrocken nur so loslost. Für uns gibt es nur noch eines Rückzug! s.

Es wird 10 ober 11 Uhr (ein. Cs schaudert uns wenn wir an d e 600 Meter hohe Wand denken. Dazu vollständig nasse Kleider und steife Seile doch wir müssen hinab. Gleich nach dem ersten Abseilstuck laßt sich das Seil nicht einziehen. Was soll werden, wenn diese zeit- und kraftraubende Arbeit sich noch öfters wiederholt? Mussen wir noch einen dritten Tag in der Wand verbringen? Verbissen werfen wir immer wieder das Seil von neuem hinunter. Der Wafferfall am Ueberhang hat sich noch verstärkt, aber nur durch. Wir tropfen vor Raffe, und noch nimmt der Wafserlauf kein Ende. Wir zittern wie Espenlaub und find froh, nach etwa sieben Stunden nach der Umkehr aus der Sauerei heraus-

schließer gehört.

Dolomitenabenteuer - die haben mit dem ersten T°g im Albergo Valentini am Sellapah schon angefangen. Wir haben uns noch keine Stunde in bas niebere Schlafgemach eingeniftet, ba ist vom Fußboden Nium noch etwas wahrzunehmen. Ja, mancher Kramer ber Umgebung Hütte uns beim Anblick biefes Raumes beneibet, benn es steht wirklich aus wie in einer Gemischtwarenhandlung.

Um das Maß gleich voll zu machen, haben mir beim ersten Abkochen mit dem Spiritusapparat einen schwarzen Ring m den weißen Waschtisch gebrannt, doch mit einer Halden Tube Zahnpasta wird dieser Makel wieder sein säuberlich zugeschmiert. Man muß sich nur zu Helsen nnssen!

Durch die lange Bahnfahrt in einer Bullenhitze schlafe ich m der Nacht wie schon lange nicht mehr. Ja, ich hätte von dem schweren Gewitter gar nichts gemerkt, das sich über der Langkofelgruppe austobte, wenn mich nicht Freund Walter an den Haaren aus tiefem Schlaf gerüttelt hatte ,Du wachst ja gar nimmer uff", brüllte er mich nn.Schon fünf Minuten rufe ich, du muht mir helfen, mein Bett in die Mitte des Zimmer zu ^b^Hast du einen Hitzschlag bekommen?" frage ich.Das gerade nicht, ober das Master tropft mir von der Zimmerdecke gerade ms Gesicht! Mitten in unseren Kramladen wird bann bas Bett hineingestellt, eine Waschschü siel unter bie schabhaste Stelle geschoben, wo alle fünf Se- tunben ein Wassertropfen hineinfällt, bann sind wir wieder emge- ^Auch^nm anderen Morgen, bei ber ersten Bergfahrt bleibt uns bas Gluck" halb. Jnnerkofel unb Zahnkofelüberschreitung werden als Trai- ningstour auserkoren, doch in der Ostwand des erstgenannten treibt uns ein Wolkenbruch zum Rückzug. Wir sind froh, die vom S emschlag be­strichene Eisrinne im Aufstieg hinter uns ZU haben, da musien wir schon wieder hinein in den Hexenkessel. Was dem Wasser nicht standhalt, kommt durch die Schlucht herabgefaucht, ost Blöcke von mehreren Z-ntnern. Es ist ein Wunder, daß wir wieder heil aus der Steinkanonade der Berg­geister kommen es war unsere erste Feuertaufe! ...

Der gewaltige Absturz der Einser-Nordwand hat uns gerade mit Biwak aus seinen Klauen entlassen, da kommt mal wieder etwas Kleines an die Reihe. Dazu ist der Oppelkamin am Paternkostl gerade recht als Nachmittagsspaziergang. Flott stemmen wir uns den Schlund hinauf und nähern uns der engsten und schwierigsten Stelle. Ausgerechnet dort be­findet sich ein gar nicht so kleines Dohlennest, so daß der Dohlendreck über die Kaminwände herabläust, wie ein Zuckerguß oon einem Fest­tagskuchen! Und vor diesem ekelerregenden Hindernis soll siegesfrohe Jugend umkehren, kurz vor dem Ziel? Nein! Mit Hochdruck wird gewühlt in die stinkende, schlüpfrige Masse, und im Gipfel lachen wir drei Ver­schmierten über unseren jugendlichen Uebermut.

Ms er dahingegangen war, stand sein Haus lange Zeit hindurch leer wurde fpater vermietet, stand wieder unbewohnt, ging bann in de IMclih meiner Mutter über und nach deren Tode in meinen ...

Den verscksiossenen Schrein hatte ich nie vergessen, auch nie mehr nach ihm gefragt Samt feinem Postament war er schon längst hmweggeraumt. 2aS 3immer ba0e'eine neue Einrichtung erhalten, so daß es m nichts mef,Äh'Sirens S ein, drängte es mich, nach dem verschlossenen Schreib zu suchen. Alle Kammern und Böden habe ich nach ihm burc^- f°b2>raB ^erinb 1Eöftüd^eMtmert mit ihm verlorengegangen ist, beküm­mert mich weniger, als daß ich nun nicht mehr im Bann seines rätsel­haften Daseins stehe unb baß er am Ende gar ftemben Leuten m die Hände geriet. Die mögen ihn wohl mit Gewalt erbrochen sein« silberne Stimme9 zerstört, (ein verhaltenes Lied für immer zum schweigen ge- braM»>atbönnnte ich glauben, er stünde noch irgendwo an einem sicheren ftletf unauffindbar verborgen, bis nach weiteren Jahrhunderten vietz le'cht' endlich einmal ein Berufener feiner Feder au die Spur kommt und die Flut (einer Töne zu dauerndem Leben erweckt!

Abenteuer in den Dolomiten.

Von Fritz Schütt.

Der MonatsschriftDer Bergsteiger", Sonderfolge Dolo­miten (Verlag F. Bruckmann AG., München; Preis 1,50 Mark) entnehmen wir die solgenbe interessante Schilderung von Fritz Schütt, der mit Luis Trenker, Walter Stoßer unb anberen zur jüngsten Generation ber Dolomiten-Er-