Ausgabe 
21.7.1933
 
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Jahrgang <955

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Nummer 55

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davor der winzige Erdengast, treuesten Armen gehalten, bewahrt, tiefsten Wünschen umgeben, umschart, heißer Liebe still betend umflossen,

In alle Herzen tief eingeschlossen, Aus duftigen Spitzen ahnungslos Blaue Guckaugen staunend groß, Darin wie in blauen Wellen tief Träumend die kleine Seele schlief. Ein Tröpflein fiel mit dem heiligen Naß Aus liebem Auge sternenblaß

Mit dem Taufwasser auf blondflaumiges Haar, Und eines so heilig wie's andre war.

Oer Tauftisch.

Von Jula Hartmann.

Von schattenden Palmen eingefaßt Eines Tauftischs seidenweißer Damast, Drauf funkelnd in schräger Sonne Strahlen Die Taufgeräte, Kannen und Schalen, Wilde Kirschblüten im Schimmerstrauß Breiten segnende Zweige aus. Verstreute Blüten in seidigen Falten Von zarten Ranken gefaßt und gehalten, Gleich jungen Myrten, nur zarter fast,

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Es ging schon abwärts mit den Kräften des hageren, blutleeren, alten Herrn. Betrübt, doch nach Kinderart ohne Besorgnis, war ich darauf vor­bereitet, daß ich ihn bald verlieren würde. Deshalb hütete ich mich mehr als sonst, ihm zur Last zu fallen. Als ich bemerkte, daß er eingeschlummert war, wagte ich mich kaum zu rühren.

Bücher und Spielzeug sollten mich in dieser gelinden, fast feierlichen Stunde nicht zerstreuen: ich legte sie still beiseite und ließ meinen Blick durch das sacht sich verdunkelnde Zimmer wandern, über die steifen und doch so behaglichen Biedermeier-Möbel, den blanken Stutzflügel, die Vitrine mit den Meißner Porzellan-Figürchen, die altmodischen Familien­pastelle auf der geblümten Tapete.

Der grüne Seidenschirm vor dem Alkoven war durch einen Zufall zusammengeschoben, so daß der verschlossene Schrein deutlicher als sonst aus dem Schatten heroortrat und, von einem Strahl der sinkenden Sonne gestreift, wundersam aufleuchtete.

So eindrucksvoll und verlockend war es mir noch nie erschienen. .Siehe, so schön und verlassen bin ich!' schien er mich anzusprechen. ,Nimm mich doch zu dir, nur auf ein paar Minuten, und betrachte mich!'

Da schlich ich mich auf den Zehenspitzen hin zu dem Postament, hob mit Hilfe eines Stuhles den Schrein vorsichtig herab und trug ihn zu meinem Schemel. Welch eine Last! Meine schwachen Arme vermochten ihn kaum zu halten. Doch nun lag er bequem auf meinem Schoß und stellte sich in all seiner blinkenden Anmut dar.

Fast ein lebendes Wesen, das Herzschlag und Seele in sich barg, schmiegte er sich an mich. Sein Körper war tiefschwarzes, seidiges Eben­holz, sein Gewand ein reich vergoldetes Arabeskenwerk, geformt aus Fruchtkörbchen und Blumenranken, aus sinnreichen Masken und Ge­stalten-drückten sich wie gebändigt vor einer geflügelten Sphinx, die stolz auf sie niederlächelte, lieber ihnen zogen, die Giebel des Schreines krönend, Genien in luftigem Reigentanz dahin.

Diese mythischen Symbole waren mir damals noch fremd, ihr märchen­haftes Treiben mutete mich aber wie ein holder Zauber an und ließ meine Phantasie Beziehungen suchen zu dem Geheimnis, das der Schrein in fernem Innern feit Jahrhunderten vor der Welt verbarg.

Meine Finger glitten liebkosend über das feine Schnitzwerk, tasteten sich zwischen den goldenen Ranken und Rosetten hindurch die spiegel­glatte Fläche des Ebenholzes entlang von einer Gestalt zur anderen und wieder zurück, als könnten zärtliche Berührungen sie zum Reden bringen. Und wirklich mit einem Male klang ein silbernes Stirnmchen auf! Erschreckt zog ich meine Hand zurück ... aus der Tiefe des Schreines begann es erst leise, dann kühn anschwellend zu singen und zu musi­zieren ...

Großvater erwachte, horchte, blickte mich verwundert an.

Oh höre doch! Was ist das?" flüsterte ich, ganz außer mir vor Ueber- raschung, Furcht und Entzücken.Der Schrein hat Leben ... er tönt... er macht Musik!"

Du bist es, Kind, der ihn zum Leben erweckt hat. Wie ist dir das gelungen?"

Ich wußte es selbst nicht. Ich hatte ihn doch nur gedankenlos gestreichelt und an mich gedrückt.

Eine Spieluhr also! Du mußt irgendwo einen verborgenen Knopf berührt, ihre Feder gelöst haben. Nun still, was hat sie uns zu sagen?" Er legte den Arm um meine Schulter, und beide lauschten wir in stiller Hingebung.

Eine ernste, fast schwermütige Weise war es, altertümlich gefärbt, die bald aufschluchzenü wie Nachtigallenschlag, bann wieder fernen Lerchen­trillern gleich in einem zart abgestimmten Wechsel von hymnischer An­dacht, gedämpftem Jubel und sanfter Klage alle Stufen ergriffenen Ge­fühls durchwallte. Nie hatte ich dergleichen vernommen. Solch eine Süße der Harmonie, solch ein berauschender Duft verschollener Empfindungen konnte sich nur losringen aus einer sagenhaften, seit langem zum Schwei­gen verurteilten Vergangenheit.

Mit einer ersterbenden Kadenz, mehr Seufzer als Akkord, brach das Musikstück ab. Die wenigen Minuten, die es tönte, hatten uns nur wie ein schwacher und doch lebenspendender Hauch berührt.

Noch einmal!" wandte ich mich bittend an den verschlossenen Schrein, und Großvater drang in mich:Laß es noch einmal spielen!"

Allein so beflissen meine Finger auch an den Blumen, Früchten und Figuren tasteten, ich konnte den Hebel, der das Werk in Bewegung setzte, nicht mehr finden. Ein einziges Mal hatte es sich mir erschließen wallen, em einziges Mal nur! Dann war der Schrein in seinen Todesschlaf zu- rllckgesunken. Er gab seine innere Melodie menschlicher Willkür nicht mehr preis.

Wir trugen ihn zurück auf seinen Platz auf dem Postament und rückten den Schirm davor, daß er im gewohnten Dunkel bleibe. Kein Wort mehr wechselten wir über ihn, und niemand haben wir erzählt, was wir Schönes mit ihm erlebten.

In den nächsten Tagen reiste ich mit meinen Eltern ab. Den Großvater sollte ich nicht wieder sehen.

Oer verschlossene Schrein.

Bon Kurt Martens.

Es gibt Formen des Lebens und der menschlichen Betätigung, die auf den ersten flüchtigen Blick nur eine heitere, spielerische Anmut dar­stellen, dann aber bei näherer Betrachtung den Geist beschäftigen, viel­leicht auch sonderbar erregen und in Fesseln schlagen.

So erging es mir in meiner Kindheit mit jenem kleinen Kunstwerk, das Großvater hinter dem hohen Seidenschirm [eines Schlafgemachs auf schlichtem Postament mehr verbarg als zur Schau stellte. Es war ein von verschnörkelten Ornamenten überwuchertes altes Schränkchen, von ihm selbst und der ganzen Familie kaum mehr beachtet, selten erwähnt und dann nur kurzwegder verschlossene Schrein" genannt.

Der ungewöhnliche AusdruckSchrein" war nur zuerst daran auf- gefallen und hatte es mir aus feinem Dunkel heraus in ein magisches Zwielicht gerückt. Dann aber, als ich erfuhr, daß niemand feinen Inhalt kannte, weil es von jeher verschlossen und der Schlüssel dazu verloren war, gewann es für mich eine geheimnisvolle Bedeutung. Scheu schlich ich mich daran vorüber^ und kämpfte doch immer wieder mit dem Ver­langen, es hinter dem Schirm hervor seinem Schattendasein zu entreißen.

Was mag darin sein, Großvater?" fragte ich zuweilen.

Kann ich es wissen?" gab er mit müdem Gleichmut zur Antwort.

| ».Vielleicht steckt es voller Dukaten; denn es wiegt schwer genug."

Ach, warum gerade Geld!" Ich schüttelte enttäuscht den Kopf.Ganz andere Dinge, wichtigere, schöne und unheimliche, könnte es enthalten. Du sollest den Schrein doch einmal öffnen lassen."

Das ist nicht möglich, Kind. Die Schlosser sagen, sie könnten es nicht, ohne die kostbare Arbeit zu bschädigen. Er ist ein Kunstwerk, auf den hnhalt kommt es da nicht an."

Das wollte mir nicht einleuchten. Der Inhalt konnte ja noch viel lostbarer sein als das Gehäuse. Der Großvater versicherte, daß das Schränkchen an die zweihundert Jahre alt fein müsse, sich von seinen Lorfahren her als einziges Erbstück im Haus erhalten habe und schon aus liefern Grunde nicht angetastet werden dürfe. Mir kam es vor, als hinge sein Herz an dem verschlossenen Schrein mit einer beklommenen Liebe <nd Verehrung, gerade weil er sich nicht öffnen und ergründen ließ.

Großvater war ein hinfälliger Greis und ich fein jüngster Enkel, stur ungern verließ er noch sein Zimmer. Mit Ehrfurcbt und zarter Rück­sicht wurde er behandelt, die Schar der lärmenden Kinder von ihm fern- kehalten. Mich duldete er, wenn meine Eltern mit mir zu kurzem Woh- oungsbesuch tarnen, noch am ehesten in seiner Nähe, vielleicht weil ich mich stets still verhielt und mit irgendeinem Bilderbuch zufrieden gab, mährend er im Lehnstuhl, halb sinnend und halb entrückt, vor sich hin­dämmerte.

So befand ich mich auch an einem der letzten Abende meiner Ferien >jeben ihm, auf einem Schemel hockend, und genoß dankbar das stumme -keisammensein.

Siebener,'familieiiblätter

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger