GiehenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Z ihrgang (953 Msntag, den 20. Zevruar Nummer 15
Gesang der Geister über den Wassern.
Bon 3. SB. von Goethe.
Des Menschen Seele gleicht dem Wasser: Dom Himmel kommt e», zum Himmel steigt es und wieder nieder zur Erde muß es, ewig wechselnd.
Strömt von der hohen, steilen Felswand der reine Strahl, dann stäubt er lieblich in Wolkenwellen zum glatten Fels, und leicht empfangen, wallt er verschleiernd, leis rauschend, zur Tiefe nieder.
Ragen Klippen dem Sturz entgegen, schäumt er unmutig stufenweise zum Abgrund.
Im flachen Bette schleicht er das Wiessntal hin, und in dem glatten See weiden ihr Antlitz alle Gestirne.
Wind ist der Welle lieblicher Buhler: Wind mischt von Grund aus schäumende Wogen.
Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Windi
Tod hinterm Zug.
Bon Gerhart Herrmann Mo st ar.
Zeitungsnotiz: „.. 3m Personenzuge Budapest—Szegedin überfielen drei Eisenbahnräuber eine englische Reisende. Durch die Hilferufe alarmiert, eilte der Schaffner herbei. Die Diebe schlugen ihn nieder, zogen die Notbremse und entkamen im nächtlichen Nebel. Als der Schaffner nach längerer Zeit aus seiber Ohnmacht erwachte, fiel ihm ein, daß hinter seinem Zuge auf gleichem Gleise der Expreßzug Budapest—Bukarest heranraste — im Abstand von zehn Minuten
Die Engländerin zeterte unaufhörlich nach ihrem Gepäck, ließ sich unaufhörlich versichern, daß eine Verfolgung der Diebe in dem undurchsichtigen Nebel sinnlos gewesen wäre, glaubte es unaufhörlich nicht ... die übrigen Fahrgäste redeten erregt aufeinander ein, das Stimmengewirr hob und senkte sich, wurde laut und wieder leise in einem seltsamen Rhythmus ... der Lokomotivführer, der sich über den noch immer Liegenden gebeugt hatte, fragte immer wieder, ob Schmerzen zu spüren seien ... oll das verschmolz zu einem mitztönigen Rauschen, aber es kam von draußen, es war unangenehm, aber es war nicht so schlimm —■_ — von drinnen aber, aus dem eigenen, noch halb benommenen Kopf, hämmerten die Gedanken, qualvoll fragend, hetzend, dröhnend: „Der Expreß- zug ... der Expreßzug ... der Expreß ..."
Endlich gehorchte dem Schaffner der eigene Mund: „Wie ... spat .. .f
Der Lokomotivführer zog dem Fragenden die Uhr aus der Brusttafche: „Einundzwanzig fünfzehn!" , , ,,,
Einundzwanzig Uhr fünfzehn ... elnundzwanzig fünfundzwanzig sollte der Expreß den Personenzug aus der nächsten Station überholen, dort erst war das Nebengeleis ... bis zu dieser Station hatte der Personenzug noch zwanzig Minuten, schätzungsweise, der Expreß also etwa zwölf ... also mußte 6er Expreß ... in zwei Minuten ... auf den Personenzug ... auffahren... Herrgott, auf den Personenzug ausfahren, wenn man nicht schleunigst warnte...
Mit einer übermenschlichen Anstrengung sprang der Schaffner auf die Beine, stürzte zur SBagentür, stieß Menschen beiseite, riß die Tür auf, der Rebel drang sofort in den Wagen als weiße, fast körperhafte, undurch
dringliche Masse ... nein, die durchdrangen die drei sanstroten Schluß- lichter nicht, die war auch stärker als die schwach« Handlaterne, diese furchtbare Nebelmajs« ba ... vielleicht konnte man einen Scheinwerfer von der Lokomotive losmachen, damit zurückrennen, schwenken, das konnte helfen, vielleicht ... aber, mein Gott, noch eine einzige Minute, das reichte nicht einmal, um bis zum Ende des Zuges zu laufen, und er stand im vordersten Wogen, und das Abmontieren des Scheinwerfers, und der andere fuhr mit neunzig Kilometer, und der Personenzug stand ... der Aufprall konnte, mußte furchtbar, unausdenklich furchtbar sein ...
Der Schaffner sprang zurück, aus den Lokomotivführer zu, riß ihn los von der noch immer zeternden Miß, von den noch immer neugierigen Passagieren, rüttelte ihn an den Schultern, zischte ihm ins Ohr: „Der Expreß muß ran [ein, jede Minute — kann nicht mehr warnen ... los, Mensch, fahr los, was du kannst...!!"
Der Lokomotivführer wurde weiß unterm verrußten Gesicht, wollte aufschrein: „Der Expreß —!" — der Schaffner schlug ihm die Hand vor 6en offenen Mund: „Ruhig, keine Panik, tauf, fahr los, Kerl, fahr...!"
Dann sprang er hinaus in den Nebel, pfiff laut, schrie: „Einsteigen, sofort alles einsteigen, sofort, sofort!" — indes der Lokomotivführer der Lokomotive zuraste, unterwegs den Hetzer mit sich riß, noch hall, im Aufsprung den Hebel herumwarf...
Zitternd stand, aus dem Trittbrett vor der Waggontür, der Schaffner, lauschte vor, lauschte zurück: von vorn das Schnausen des Kessels, vom Zugende — nichts, noch nichts, gottlob noch nichts, kein Krachen, kein Bersten, kein Stoß durch alle Wagen, keine Schreie --noch, noch
nichts ...! Und sie fuhren'schon, fuhren schnell, immer schneller...
Er stieg ein, ihn umkreischte die Engländerin: „Uarum uir fahren so schnell, uarum uir nicht verfolgen die Verbrecher, uarum...", ihn bestürmten Neugierige, er beruhigte, er durfte nichts verraten, sie würden die Notbremse ziehn in der Angst... „Tetarummta, tetarummta", stießen die Räder auf die Schienenkuppelungen, tetarummta, tetarummta, teta- rum —: der Expreßzug, der Expreßzug, der Expreß ... konnte man das überhaupt schaffen, neunzig Kilometer, mit dieser Lokomotive...? Tetarummta, tetarummta, tetarummta . . die Maschine ... die Maschine ... war schon alt...
Um ihn beruhigte man sich, wurde man still. 3etzt wäre ihm der Lärm, die Ablenkung fast lieber gewesen, er beneidete den Lokomotivführer, der arbeiten, aufpassen konnte, den Heizer, der Schaufel um Schaufel in den glühenden Kessel stieß. Die Fahrgäste, die sich unterhielten, sich wunderten, nichts wußten ... 3ndes er hier stand, irgendwo lm langen Zuge, nutzlos, wehrlos, wisiend und gefangen... Er riß die Uhr heraus: Einundzwanzig ... einundzwanzig ... tetarum... Er hielt es nicht mehr aus, konnte er schon nicht warnen, nicht retten, wollte er wenigstens sehen —: er trat auf das Trittbrett, zog sich von Türgriff zu Türgriff nach hinten, der Nebel schlug wie mit nassen Tüchern schmerzhaft in sein heißes Gesicht ... hinter den Fenstern, an denen er vorbeitastete, saßen im warmen Licht die Passagiere, manche schwatzten, manche schliefen, manche lachten, mein Gott, sie alle waren ihm, ihm mit seiner hilflosen Menschenkraft anvertraut, hinter ihnen her brauste auf hundert Achsen, dampfgetrieben, schienengeleitet, kilometerzerstampfend der Tod, rückte näher mit jeder Sekunde, war nicht aufzuhalten, war nicht aufzuhalten, der Expreß... Frauen waren da, hatten Kinder hütend auf dem Schoß, Männer waren da, dachten lächelnd an das Ziel, und das Ziel war fern und nahe war der Tod, einundzwanzig zweiundzwanzig tetarumm ...
Hier war der letzte Türgriff ... hier war der letzte Wagen ... hier riß er die Tür auf, stieg ein, vom Nebel dick gefolgt. Er rannte durch den Wagen zurück, bis in den Vorraum hinter dem letzten Abteil, wo keine Menschen waren, keine Ahnungslosen, nur er selbst mit seinem vergeblichen Wissen. Ein Fenster war da, das sah nach hinten hinaus, 6ahin, woher der Tod kommen mußte, ein Gitter aus Eisen war davor, daran klammerte er sich mit den zitternden Händen, dazwischen preßte er die siedeheiße Stirne und sah hinaus in den Nebel, 6er hinter dem hinrasenden Körper aus Holz und Eisen zusammenschlug.
Er sah nichts. Keine zwei Scheinwerferlichter einer riesigen Schnellzugslokomotive. Wahnwitzige Hoffnungen ließen fein Herz hämmern: vielleicht hatte der Expreß Verspätung, zufällig ... vielleicht hatte auch den Expreß irgendetwas aufgehalten, irgendwas ... konnte fein, liebes Schicksal, konnte sein ... Plötzlich traf ein Lichtblitz feine Augen, sauste als Schlag durch feinen Körper, riß ihn fast um — er schrie auf —: zwei mattweiß schimmernde Flecke hinten im Grau, zwei trübe Ungeheueraugen hinter Gitter und Glas —: der Expreß, der Tod ... Nein, weg, wohl eine Vision nur, nicht Wahrheit, wieder verschluckt in Nacht, versunken, vergeßbar--nicht doch, da, wieder, näher ...? Näher ...!
Uhr heraus noch einmal, ein letztes Mal, dann ade Zeit, Leben, ... einundzwanzig vierundzwanzig .. eine Minute, dann sollte der Expreß überholen, dann sollte der Personenzug in der Station, auf dem Nebengleife stehn ... neuer, furchtbarer Schreck —: hatte man auf der Station die Weiche noch in alter Stellung, dann fuhr auch der Expreß aufs Nebengleis, war sie schon umgeftetlt, 6ann blieb man selbst aus dem


