Ausgabe 
17.11.1933
 
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zungenfertige Kampfbereitschaft mit einer scharfen Strafpredigt schon im ersten Gang des Gefechtes glatt abfuhrte da erschien es ihm plötzlich unsagbar komisch, daß all der aufgestaute und bis­her bekämpfte Aerger über diese nächtlichen Abenteuer sich nun auf den unfrisierten Kopf dieses alten Weibes entladen sollte, das in seiner schmuddeligen Nachtjacke und seinen ausgetretenen Filz­pantoffeln zerknirscht auf einem Stuhle hockte. Er verließ, von unwiderstehlicher Lachlust angewanöelt, rasch das Haus, und die Erlebniskette dieser Nacht war seinem Fuß etn leichtes Gewicht, so daß er den Hohenfriedberger dort wieder begann, wo er vor dem letzten Erlebnis gestockt hatte. Es war doch eine Gluck^nacht, dachte er, und ihre Abenteuer ergaben, wenn er s recht bedachte, in ihrer sinnvollen Drängung ein Bild seines Schicksals, das ihn oft mit Fährlichkeiten anfiel, aber seinem kräftigen Griff niemals standhielt, und das ihm manchen harten Schlag versetzte, um ihm dann, wenn er sogleich wieder auf den Füßen stand, großmütig eine Entschädigung in die Hand zu stecken. So betrat er, müde zwar, aber dennoch voll innerlicher Heiterkeit, sein Haus und blieb auf der Treppe einen Augenblick behaglich atmend stehen, als ihm der würzige Duft frischaufgegossenen Kaffees tröstlich und be­lebend entgegenwehte.

Was ist Materie?

Die Forschungen der deutschen Physik-Nobelpreisträger.

Von Dr. L. Steinberg.

Ein Philosoph des Altertums wurde einmal gefragt, wie schwer der Rauch sei. Er antwortete:Ziehe vom Gewicht des Holzes das der Asche ab und du erhältst das Gewicht des Rauches". Dieser Satz beleuchtet klar diejenige Auffassung vom Wesen der Materie, welche wohl die älteste und ursprünglichste gewesen ist: Materie ist das Unwandelbare, das was durch alle äußeren Veränderungen hindurch sich erhält, aus dem Holz wird Asche + Rauch, es geht nichts verloren bei diesem Umwandlungsprozeß und es kommt auch nichts hinzu. Holz, Asche und Rauch sind'nur die verschie­denen Formen der Substanz, die selbst das Ewige, die Grund­lage aller materiellen Dinge ist. Dieser Substanzbegriff war bis zum Ausgang des Mittelalters die Grundvorstellung für 6te physikalische und die philosophische Auffassung vom Wesen der

Ebenso alt wie die Vorstellung von der Materie als dem Unwandelbaren, Ewigen, ist der Gedanke, baß sie aus kleinen un­teilbaren Urteilchen bestehe, den Atomen. Die moderne Chemie stellte dann fest, daß die Atome nicht alle gleichartig sein können. Sie unterschied Wasserstoffatome, Sauerstoffatome, Atome des. Goldes, des Kohlenstoffs, kurzum sie unterschied überhaupt die zahlreichen von ihr gefundenen Grundstoffe an deren Atomen, bzw. den Zusammensetzungen der Atome, den Molekülen. Ein unbefriedigender Gedanke, daß die Ursubstanz, die der Natur- phtlosoph sich so gern als völlig gleichförmig vorstellte, aus so vielen verschiedenartigen Bausteinen bestehen sollte und es war deshalb eine großartige Tat, als der dänische Physiker Nils Bohr das Atom in ein kleines Planetensystem umwandelte, in welchem um einen positiv geladenen Kern die negativ geladenen Elektronen kreisen. Nun vereinfachte sich auf einmal die Vorstellung von der Materie ganz fundamental. Es gibt zwei Arten von Urteilchen, die Elektronen und Protonen und die Atome der verschiedenen Elemente unterscheiden sich einfach durch die Zahl der in dem Atom ruhenden bzw. kreisenden Protonen und Elektronen.

Mit dieser Erkenntnis begannen aber auch schon wieder die Schwierigkeiten. Die Frage nach der Natur des Lichts und der Strahlung ist eines der Probleme, die an die letzten materiellen Dinge, an den Aufbau ud an das Wesen der Materie selbst rühren. Lange Zeit genügte die sog. Wellentheorie zur Er­klärung aller Strahlungserscheinungen. Man nahm an, daß es außer den Stosfen, aus denen Erde, Sonne und Gestirne auf­gebaut sind, noch einen unsichtbaren, das ganze Weltall erfüllenden Aether gäbe und die Strahlung des Lichtes dann nichts anderes sei, als eine durch diesen Aether sich fortpflanzenöe Wellenbe­wegung. Der Aether werde also von den Atomen ungefähr ebenso erregt, wie durch einen in das Wasser geworfenen Stein das Wasser. Diese Vorstellung paßte nicht mehr zu dem Atomplaneten- systcm von Nils Bohr. Man nahm zuerst an, die Elektronen sollten die Erreger der Lichtwellcn sein. Die Physik aber stellte fest, daß es auch noch andere Strahlen gibt, die nicht Wellen­bewegung sein können. Die Kathodenstrahlen und andere sog. Korpuskularstrahlen sind nichts anderes als aus ihren Atomen geschleuderte Elcktronenströme. Die ganze Strahlung des Radiums ist lediglich ein unaufhörliches Bombardement von geschleuderten Elektronen.

Das Problem der Strahlung wurde also immer komplizierter. Vor allem, nachdem der berühmte deutsche Physiker Max Planck bewiesen hatte, daß die Erzeugung von Lichtquellen durch die Elek­tronen nicht etwa kontinuierlich vor sich geht, sondern daß die Atome ihre Energie stoßweise inQuanten" abgeben. Auf dieser Entdeckung baut sich die sog.Quantentheorie" auf und es entstand nun folgender Zwiespalt: Im Bereich der Atome herr­schen die Quanten im Raum die Wellen. Wo war der lleber- gang? Man mußte fragen, was geschieht eigentlich an der Grenze des Atoms, wo die Quanten plötzlich aushörcn und die Licht- guellcn ebenso plötzlich beginnen, wie ist es möglich, daß aus einem Quant eine Welle wird? Kann man diesen Vorgang so beschreiben, wie man alles andere in der Natur beschreiben kann? Es ist die große Leistung des jüngsten deutschen Nobel­preisträgers, Werner Heisenberg, nachgcwiesen zu haben, baß das nicht möglich ist und das man im Atom weder mit den ge­

wöhnlichen Meßmethoden noch mit den Vorstellungen von Raum und Zeit und Gesetzlichkeit auskommt.

Man kann in der Natur stets nur dann ein Geschehen und seine Gesetzmäßigkeit beschreiben, wenn man seinen Anfangszu­stand kennt. Das ist aber im Atom nicht möglich. Man müßte nämlich in irgendeinem Augenblick wenigstens die genaue Lage der kreisenden Elektronen bestimmen können, und man kann das nicht, weil man sie nicht beobachten und nicht messen kann. Selbst das feinste Beobachtungsmittel, der Lichtstrahl, muß hier versagen, denn in dem gleichen Augenblick, wo er in das Innere des Atoms eintritt, verändert er auch schon die Kreise der dort schwirrenden Elektronen. Jede Messung wäre also eine Störung! Tas Kausalitätsprinzip zerschellt an den Grenzen des Atomplancten- systems. Heisenberg hat die Statistik in die Erklärung der Atomvorgänge eingeführt. Das bedeutet: da wir den einzelnen Vorgang nicht messen und nicht beobachten können, da es also keine exakten Gesetze für das Verhalten eines Elektrons in einem bestimmten Augenblick gibt, müssen wir uns damit begnügen, sestzustellen, daß hier nur Wahrscheinlichkeitsgesetze gelten. Das iit die berühmte HeisenbergscheN n g e n a u i g k e i t s r c a k t r o n". Das Schicksal des einzelnen kleinsten Teilchens ist also willkür­lich Wir können weder seinen genauen Ort bestimmen noch an­geben, wie es sich im nächsten Augenblick verhalten wird. Nur wenn wir eine Vielheit solcher kleinsten Teilchen nehmen ge­horchen sie im Durchschnitt mit hoher Wahrscheinlichkeit unseren bisherigen Naturgesetzen. , .

Diese neue physikalische Lehre,Quantenmechanik" ge­nannt, fand ihre Ergänzung und Fortsetzung durch die Arbeiten des zweiten diesjährigen Physik-Nobelpreisträgers, Erwin Schrödinger, der das ganze Dilemma des Dualismus von Wellen und'Quanten lüste in seiner W e l l e n m e ch a n i k. Hier wird nun die alte Vorstellung von der Materie in entschei­dender Weise völlig verwandelt. Es bleibt von dem alten Snb- stanzbegriff nichts mehr, es bleiben nur noch Wellen. Die Elek­tronen sind Wellenpakete, die Atomkerne sind Wellen nnd alles Geschehen im Atom in nichts anderes als Veränderungen des elektromagnetischen Feldes, das allein als Grundlage der Natur noch übrigbleibt. Nicht materielle kleinste Teilchen,Elektronen, kreisen um einen ebenfalls materiellen festen Punkt, sondern negativ geladene Wellenpakete schieben sich um solche mit positiver Laduug. Es gibt überhaupt keinen materiellen festen Putikt mehr, es ist alles Wellenbewegung. Man konnte sagen, dieMaterie' bildet sich in jedem Augenblick neu und verschwindet, so wie die Wasserwelle, wenn man einen Stein in einen Brunnen wirft.

Diese letzte Theorie der modernen Atomphysik mag dem Laien schwer greifbar und wegen ihrer Abstraktheit unbefriedigend er­scheinen, sie befriedigt jedoch dafür um so mehr den Mathematiker lind Physiker, denn sie löst zahllose Schwierigkeiten und söhnt Vorstellungen miteinander aus, die bisher unvereinbar erschiene». Und wenn man wissen will, was denn mit einer solchen Theorie praktisch anzufangen sei: eine der modernsten und großartigsten Industrien, der Rundfunk, ist erst möglich geworden durch die Erkenntnisse der modernen Atomphysik.

Blick auf die Steiermark.

Von Max Mell.

Jede deutsche Landschaft trägt ihr Besonderes, etwas nur ihr Eignes zum Gesamtbild unsers Vaterlandes bei. Von diesem Eignen sprechen seit uralter Zett die Namen von Dorf, Flur und Stadt, Berg und Fluß. Der Name aber ist Sprache, und so ist er auch Seele, und es gibt in allen deutschen Landen vorzüglich aus­drucksvolle Namen, welche Wesenhaftes des Landes schon wie in eüt Miniaturbild eiufangen. Denke ich nun nach, welche Name» ich herschreiben soll, daß sic mit den Vorstellungen, die sic er­wecken, sogleich das ihre über die Steiermark aussagen, so finde ich bald ein Sträußchen, das den besondern herben und frischen Duft des steirischen Landes auszuströmcn scheint.

Dachstein",Eisenerz",Gesäuse". sDas ist ein Engtal, den Namen gaben ihm die wilden Wasser der Enns, die dort zwischen herrlich hohen Bergtürmen durchbrechen.jWIldalpcn". lEinc Siedlung ursprünglich von Holzknechten, mitten in rauher Berg­natur prachtvoll gelegen.)Grimming". Und sind das Namen, oie eines poetischen Hauches nicht entbehren, und ist der letztgenannte Bergname durch ein schönes Heimatbuch recht bekannt geworden, so darf ich noch das Wort hinzufügen, welches der beste steirstcye Dichter für das Land, in dem er auswuchs, fand: Waldheitnai. Das ist ein schöner Name, unendlich glücklich gefunden, und wa­cher Deutsche fühlte sich von der Vorstellung, die er gibt, mau

Alle diese Benennungen nun weisen auf ein gebirgiges Wald' land: die Steiermark gehört dem weithin geschwungenen Kram der Alpen an, aber es sind schon die nach dem Osten gewandte» Bergketten und letzten Ausläufer. Ob auch im Westen die Berg­ketten noch gewaltigen Ansehens ins Land treten, allmählich gene sie in mildere und gefälligere Formen über, unter denen nm etliche Nachzügler noch einmal mit aller Pracht aufrichten. un» so ist es ein sachtes Farbenspicl, das durch das Land gebt. ' der westlichen Grenze ist salzburgischer Charakter wohl zu fu ne , nächst der östlichen mag man bett Hauch der ungarischen Cv-n wahrnehmen, der dort die Flußläufe zustreben: den Süden bete, der reizvolle Wellenschlag derWindischen Bühel", ein Sonnenland mit tankend Weinbercchttaeln, und soweit der «Jan , der Südwind, vom Landwirt und Weinbauer mit 6efottberem - - dacht registriert wird, scheint auch etwas nont Südslawischen i - Land zu strömen. Die slowenisch (windisch") besiedelten Teile oc