Ausgabe 
17.7.1933
 
Einzelbild herunterladen

Geheim ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <933

Montag, den 17. Juli

Nummer 54

Gommerabend.

Von Martin Weise.

Nun kommt die linde Sommernacht, Und kommt wie eine Mutter sacht Zu ihrem müden Kinde.

Die Grillen zirpen schon im Korn, Ein letzter Bogel klagt im Dorn, Leis flüstert noch die Linde.

Die Wälder werden schwarz und weit. Die Welt steht still im Feierkleid, Die Sterne sind angezündet.

Der Himmel raunt in Ewigkeit. Langsam den Stundenschlag der Zeit Die ferne Dorfuhr kündet.

Ich denk' der Hellen Kinderzeit Und wie das alles nun so weit, Verrauscht dahingegangen. Da wird das Heimweh in mir laut Und Knabenwünsche, heiß, vertraut, Erfüllen mich mit Bangen.

Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird.

Roman von Walter Julius V l o e m (GDS.).

(Nachdruck verboten.)

Früher genügte ein kleines weißes Porzellanschild, auf dem in schwar­zen, schön verschnörkelten Buchstaben zu lesen stand, daß hier die Spezerei­warenhändlerswitwe Elfriede Wagenschanz 'wohnhaft sei. Jetzt befindet sich an der gleichen Stelle ein Messingschild, das in hochmütiger Ruhe ankündigt: Dr. phil. Anton Wagenschanz, Chemiker. Dieses Schild, kann man es ihr verdenken, wird von der stolzen Mutter an jedem Samstag­abend blank geputzt.

Das ist jedoch die einzige sichtbare Veränderung im Vergleich zu dem früheren Zustand. Die Grünkramhandlung ging nicht etwa in die Hände des Sohnes über, sie befindet sich vielmehr nach wie vor im Besitz der Witwe Wagenschanz.

Anton wäre nicht von selber auf die Universität gegangen, aber seine Mutter wünschte sich auf jeden Fall einen studierten Sohn. Nun ja, den Wunsch sah jie erfüllt. Aber auch jetzt gefällt ihr einziger Sohn ihr nicht recht: weil er keine Stellung findet ... weil er ihren Ehrgeiz nicht erfüllt.

Es ist noch nicht lange her, da zweifelte Anton Wagenschanz keinen Augenblick, daß alle Türen sich sperrangelweit vor ihm öffnen würden. .Jetzt werden wir es den Leuten mal zeigen, jetzt sollt ihr was erleben!' So stand er mit seiner Bauerngesundheit vor den Toren des Lebens, siegesgewiß und unverbraucht. Natürlich gab es zuerst einige Schwierig­keiten, um überhaupt auf irgendeinen Arbeitsplatz zu kommen. Aber Anton hatte seine Sache gelernt, seine Professoren bescheinigten ihm, daß er etwas konnte, und ohne Zweifel begann er eine erfolgreiche Laufbahn. Das sagte jeder, der ihn sah, alle Bekannten der Wstwe Wagenschanz blickten wohlgefällig hinter dem Studiosus Wagenschanz her, wenn er in den Ferien zu Hause bei seiner Mutter war: .Seht ihn euch an, wie er geht und steht, schwerkalibrig, jawohl, kein abgeleckter Modeschwengel. Paßt auf, was der einmal leisten wird, blickt in seine ruhigen Augen: damit schaut er sich seine Sache erst von vorn und hinten an und bann schafft er sie, einer der Unfrigen!'

Daran bestand nicht der mindeste Zweifel im Bekanntenkreis der Witwe Wagenschanz. Sie teilten ihm sogar schon diese oder jene Frau zu, es war eine unausgesprochene Hoffnung, und jeder meinte eine feiner eigenen Töchter. Wer nimmt es be#i Leuten Übel? Jeder wünscht, daß die ©einigen aus dein ewigen Rechnen um die kleinen Notwendigkeiten herauskommen, durch Beruf oder Heirat.Der junge Wagenschanz ist jetzt Doktor geworden", hieß es vor fast zwei Jahren,nächste Woche kommt er heim. Gib dir Mühe, Lieschen, und zeig ihm, was du kochen kannst."

Als bann ber Doktor Wagenschanz von ber Universität kam, würbe er jeben Sonntag in einem anbern Hause gefeiert, Lieschen unb Trübe unb Anni sahen kerzengerabe in schönen, neuen Kleibern ba, rebeten sittsam ober hielten klugerweise ben Munb. Ein Sommer fing an, unb an den dunklen, warmen Abenden küßte Anton die hübschesten von ihnen reihum. Diesem Enkel eines Bauern fiel es nicht ein, erst jede einzelne mit Blumen und süßen Redensarten bedächtig einzuwickeln, er nahm sie in die Arme, wo er sie ungesehen traf, und richtete sich auch nicht im mindesten danach, welche von ihnen das meiste Geld besaß. Er war

ein stämmiger Kerl von unversieglicher Gesundheit, ber bie begrünbete Zuversicht hegte, das Leden werde ihm immer ein anständiges Gesicht zeigen.

Er begab sich mit Macht auf die Stellensuche, täglich ging irgendein Bewerbungsschreiben zur Post. Und als er merkte, daß er nicht ganz jo einfach ins Brot kam, da verdoppelte er diese Bemühungen. Die Monate gingen dahin, und sieben ober acht Anstellungsschreiben an einem einzigen Tag bildeten eine Art Gesetz. Anton fing an zu begreifen, daß er in eine böse Zeit hineingeraten war, es ging abwärts mit diesem Land, viele Firmen machten zu, viele entließen einen Teil ihrer Angestellten. Die Wirtschaft schrumpfte ein, sie spie Menschen zu Millionen aus.

Das war vor anderthalb Jahren. Als der Winter kam, fiel es Anton allmählich auf, daß er nicht mehr eingeladen wurde, die Lieschen und Trudchen unb Anni betrachteten ihn mit zögernden Gesichtern,Frau Doktor" heißen, ist sicher sehr schön, aber man muß auch leben können. Das fing mit kleinen, spitzen Fragen anHaden Sie denn immer noch keine Stellung?", das spiegelte sich im sorgenvollen Gesicht feiner Mutter, das türmte sich unheimlich in ben Ablehnungsschreiben der chemischen Betriebe. Aber man darf ben Mut nicht verlieren.

Sv lebte er in einer ziehenben Ungebuld, ein volles Jahr hindurch, daß endlich etwas geschähe, was, statt Wirklichkeit zu werden, sich mehr und mehr in eine Fadel verwandelte, schlechthin in einen Glücksfall, den man nicht mehr ernsthaft erwarten konnte.

In jener Zeit verliebte er sich in einem Grade, der unter erträglichen Umständen seine Leistungsfähigkeit vervielfacht hätte.

*

Ein fünfundzwanzigjähriger Mensch hat bas Recht, sich zu verlieben. Aber so wenig wie jeder Liebende ahnt Anton Wagenschanz, daß er in einen Menschen hineinblickt als in ben großen Zauberspiegel ber Zu­kunft: bas SBilb strahlt mit faltenlosen, immer fröhlichen Wangen, es zeigt eine schwerelose Gestalt, bereu Füße kaum ben Boben berühren. Hinter bem Spiegel jeboch liegen verborgen alle Zeiten, ein Säugling an ber Brust biefer künftigen Mutter, Pflicht unb Sorge für viele Köpfe, spielenbe Kinber unb Heranwachsenbe: Glück, Gram unb Krankheit stehen unsichtbar hinter bem Spiegel: Särge senken sich in das Erdreich: Falten, weißes Haar unb gebeugte Rücken sind vorbereitet unb ber Stolz unb Friebe über ein vollendetes Leden, dem nichts an Kummer, Last, Arbeit und zäh erreichtem Lohn erspart blieb.

In diesen Zauberspiegel blickte der junge Anton Wagenschanz hin­ein, sieht nur die blühenden Wangen, das Lachen und die schwerelose Gestalt.

Es ist ein Mädchen wie hunderttausend andere, nett und gesund, eine seit Jahren erwerbslose Stenotypistin, bie mit einer Freunbin im Häus­chen ber Witwe Wagenschanz eine Mansarbe bewohnt. Sie heißt Elli Hampel, als Kinb einer vielköpfigen Arbeiterfamilie spielte ihr Leben sich ab in büftern Hinterhäusern, ihr finb Kellerwohnungen und Mansarden nicht fremd: sie besitzt eine alte Nähmaschine, auf ber sie Gelegenheits­arbeiten für bie arme Nachbarschaft leistet, unbezahlte Arbeiten sehr oft. Es geht ihr schlecht, aber sie leibet niemals Not, weil sie auf eine ge­heimnisvolle Weise mit allen Möglichkeiten umzugehen versteht.

Diese Elli Hampel liebt Anton Wagenschanz. Vorläufig barf es nie­mand wissen. Es würde ja geradezu komisch klingen:Wollen Sie meine Frau werden, Elli?" Ja, wovon denn, bitte?"

Fragt man ihn: Wie kam denn das, bist du verrückt, du, Doktor philo- sophiae, wie kannst du dich in so ein kleines, dummes Mädchen verlieben? er würde langsam und nach langem Besinnen antworten: Ich weiß nicht, wie es kam. Sie wohnt schon lange bei meiner Mutter. Das ist beinah alles, was ich über sie sagen kann. Oder, würde er sich verbessern, es wäre tausenderlei über Elli zu sagen, weil feine Frau ihr gleicht. An­dere zanken sich mit ben Menschen, mit benen sie nun mal leben müssen, sie hält Frieben. Anbsre versinken in untätigem Trübsinn auf Ellis Tisch steht immer ein Blumenstrauß aus sechs Fetzchen Seide zaubert sie einen bunten Lampenschirm.

*

Alle Gesichter, die ihn einst willkommen hießen, haben sich grausam verändert. Der Sohn der Witwe Wagenschanz wird nicht mehr mit hoch- achtungsvoller Höflichkeit von den Vätern heiratsfähiger Töchter gegrüßt und Sonntagszu einem Löffel Suppe" eingelaben. Man verbietet den Töchtern jeden Umgang mitdiesen Leuten". Der Frau Hugendudel, deren Mann ein gutgehendes Schuhgeschäft in der Weifenallee besitzt, fiel es auf, daß ihr Trudchen bei kleinen Einkäufen ziemlich lange ausblieb. Das Mädchen macht doch wohl keine, Geschichten? Das Mädchen ging ahnungs­los mit schnellen Schritten über den Alten Ratsmarkt und verschwand in den krummen Gassen der Bvrstadt, ungesehen im Abstand hinter ihr die Mutter. Trudchen Hugendubel betrat schließlich den Grünkramladen ber Witwe Wagenschanz, sie ließ sich von Anton, ber um biese Zeit fast im­mer hinter ber Theke saß, ein Tütchen gemahlenen Pfeffer geben, ein