elneneit Gefchmacke, zur vergnüglichen Unterhaltung der einen, welche gern etwas Neues sehen wollten, und zur Bewunderung der anderen, besonders der Frauen, welche nach erbaulicher Anregung dürsteten. So ward errasch zum Helden eines artigen Romanes, an welchem er gemeinsam mit bw Stadt und liebevoll arbeitete, dessen Hauptbestandteil aber immer noch
alledem "verlebte Strapinski, was er in seiner Dunkelheit früher nie gekannt, eine schlaflose Rächt um die andere, und es ist mit Tadel hervorzuheben, daß es ebensoviel die Furcht vor der schände, als armer Schneider entdeckt zu werden und dazustehen, als das ehrlickeGewlsseii war, was ihm den Schla- raubte. Sein angeborenes Bedürfnis, etwas Zierl ches und Außergewöhnliches vorzustellen, wenn auch nur in der Wahl der Kleider, hatte ihn in diesen Konflikt geführt und brachte ,etzt auch lene Furcht hervor und sein Gewissen war nur insoweit mächtig, daß er beständig den Borsatz nährte, bei guter Gelegenheit einen Grund zur Abreise zu finden und dann durch Lotteriespiel und dergleichen die Mittel zu gewinnen, aus gehemmis- voller Ferne zu vergüten, um was er die gastfreundlichen Goldacher gebracht hatte. Er ließ sich auch schon aus allen Städten, wo es Lotterien oder Agenten derselben gab, Lose kommen mit mehr oder wem^r bescheibe- nem Einsätze, und die daraus entstehende Korrespondenz, der Empsang der Briefe wurden wiederum als ein Zeichen wichtiger Beziehungen und Ver- hälinisse vermerkt.
Schon hatte er mehr als einmal ein paar Gulden gewonnen und dieselben sofort wieder zum Erwerb neuer Lose verwendet, als er eines ^.ages von einem fremden Kollekteur, der sich aber Bankier nannte, eine namhafte Summe empfing, welche hinreichte, jenen Rettungsgedanken auszuführen. Er war bereits nicht mehr erstaunt über sein Glück, das sich von selbst zu verstehen lchien, fühlte sich aber doch erleichtert und besonders dem guten Waagwirt gegenüber beruhigt, welchen er seines guten Essens wegen sehr wohl leiden mochte. Anstatt aber kurz abzubinden, seine Schulden gradaus zu bezahlen und abzureifen, gedachte er, wie er sich vorgenommen, eine kurze Geschäftsreise vorzugeben, dann aber von irgend einer großen Stadt aus zu melden, daß das unerbittliche Schicksal ihm verbiete, je wreder- zukehren; dabei wolle er feinen Verbindlichkeiten nachkommen, ern gutes Andenken hinterlassen und seinem Schneiderberufe sich auss neue und mit mehr Umsicht und Glück widmen, oder auch sonst einen anständigen Lebensweg erspähen. Am liebsten wäre er freilich auch als Schneidermeister in Golbach geblieben unb hätte jetzt bie Mittel gehabt, sich ba ein bescheidenes Auskommen zu begrünben; allein es war klar, daß er hier nur als Graf leben konnte. .
Wegen des sichtlichen Vorzuges unb Wohlgesallens, besten er sich bet jeber Gelegenheit von Seite des schönen Rettchens zu erfreuen hatte, waren schon manche Redensatten in Umlauf, unb er hatte sogar bemerkt, daß das Fräulein hin und wieder bie Gräfin genannt würbe. Wie konnte er biesem Wesen nun eine solche Entwicklung bereiten? Wie konnte er das Schicksal, bas ihn gewaltsam so erhöht hatte, so frevelhaft Lügen strafen unb sich selbst beschämen? . .
Er hatte von seinem Lotteriemann, genannt Bankier, einen Wechsel bekommen, welchen er bei einem Golbacher Hans einkassierte; biese Verrichtung bestärkte abermals bie günstigen Meinungen über seine Person unb Verhältnisse, ba bie soliden Handelsleute nicht im entferntesten an einen Lotterieverkehr dachten. An demselben Tage nun begab sich Strapinski auf einen stattlichen Ball, zu dem er geladen war. In tiefes, einfaches Schwarz gekleidet erschien et unb verkündete sogleich den ihn Begrüßenden, daß er genötigt sei, zu verreisen.
In zehn Minuten war die Nachricht der ganzen Versammlung bekannt und Nettchen, deren Anblick Strapinski suchte, schien, wie erstarrt, leinen Blicken auszuweichen, bald rot, bald blaß werdend. Dann tanzte sie mehrmals hintereinander mit jungen Herren, setzte sich zerstreut und schnell atmend unb schlug eine Einladung des Polen, bei endlich herangetreten war, mit einer kurzen Verbeugung ans, ohne ihn anzusehen.
Seltsam aufgeregt und bekümmert ging er hinweg, nahm seinen famosen Mantel um unb schritt mit wehenden Locken in einem Gartenwege auf und nieder. Es wurde ihm nun klar, daß er eigentlich nur dieses Wesens halber so lange dageblieben sei, daß die unbestimmte Hoffnung, doch wieder in ihre Nähe zu kommen, ihn unbewußt belebte, daß aber der ganze Handel eben eine Unmöglichkeit darstelle von der verzweifeltsten Art.
Wie er lo dahinschritt, hörte er rasche Tritte hinter sich, leichte, doch unruhig bewegte. Nettchen ging an ihm vorüber unb schien, nach einigen ausgernsenen Motten zu urteilen, nach ihrem Wagen zu suchen, obgleich derselbe auf der anderen Seite des Hauses stand unb hier nur Winterkohlköpfe unb eingewickelte Rosenbäumchen ben Schlaf der Gerechten verträumten. Dann kam sie wieder zurück, und ba er jetzt mit klopfenbem Herzen ihr im Wege stanb unb bittend die Hände nach ihr ausstreckte, fiel sie ihm ohne weiteres um ben Hals unb fing jämmerlich an zu weinen. Er bedeckte ihre glühenben Wangen mit seinen fein buftenben bunklen Locken, unb fein Mantel umschlug die schlanke, stolze, schneeweiße Gestalt des Mädchens wie mit schwarzen Adlerflügeln; es war ein wahrhaft schönes Bild, das seine Berechttgung ganz allein in sich selbst zu tragen schien.
Strapinski aber verlor in diesem Abenteuer seinen Verstaub und gewann das Glück, das öfter ben Unverstänbigen hold ist. Nettchen eröffnete ihrem Vater noch in selbiger Nacht beim Rachhausesahren, baß kein anberer als ber Graf bet Ihrige sein werbe; bieser erschien am Morgen in aller Frühe, um bei bem Vater liedenswürbig, schüchtern unb melancholisch wie immer, um sie zu werben, unb ber Vater hielt folgenbe Rebe: „So hat sich beim bas Schicksal unb bet Wille dieses törichten Mädchens erfüllt! Schon als Schulkind behauptete sie fortwährend, nur einen Italiener oder einen Polen, einen großen Pianisten ober einen Räuberhauptmann mit schönen Locken heiraten zu wollen, unb nun haben wir bie Bescherung l Alle inländischen wohlmeinenben Anttäge hat sie ausgeschlagen, noch neulich mußte ich ben gescheiten unb tüchtigen Melchior Böhni heimschicken, ber noch große Geschäfte machen wirb, unb sie hat ihn noch schrecklich verhöhnt, weil er nur ein rötliches Backenbärtchen trägt unb aus einem silbernen Döschen schnupft! Run, Gott sei Dank, ist ein volnischer Graf ba aus wilbester Ferne! Nehmen Sie die Gans, Herr Graf, unb schicken Sie mir dieselbe
wieder, wenn sie in Ihrer Polackei friert und einst unglücklich wirb und heult! Ach, was würbe bie selige Mutter für ein Entzücken gemeßen, wenn sie noch erlebt hätte, baß bas verzogene Kind eine Gräfin geworden ist!
Nun gab es große Bewegung; in wenig Tagen sollte rasch die Verlobung gefeiert werden, denn der Amtsrat behauptete, daß ber künftige Schwiegersohn sich in seinen Geschäften und vorhabenben Reisen nicht burch Heiratssachen bürfe aufhalten lassen, sondern diese durch die Beförderung jener beschleunigen müsse.
Strapinski brachte zur Verlobung Brautgeschenke, welche ihm die Hülste seines zeitlichen Vermögens kosteten; die andere Hälfte verwandte et zu einem Feste, das er feiner Braut geben wollte. Es war eben FastnachtszeU und bei hellem Himmel ein verspätetes glänzendes Winterwetter.
Um diese Zett geschah es, daß Herr Melchior Böhni in der letzteren Stadt Geschäfte zu besorgen hatte und daher einige Tage vor dem Winterfest in einem leichten Schlitten dahin fuhr, seine beste Zigarre rauchend; und es geschah ferner, daß die Seldwyler auf den gleichen Tag, rote bie Golbacher, auch eine Schlittenfahrt verabredeten, nach dem gleichen Otte, und zwar eine kostümierte ober Maskenfahtt.
So fuhr denn bet Golbacher Schlittenzug gegen die Mittagsstunde unter Schellenklang, Posthorntönen und Peitschenknall durch die Straßen der Stadt, daß die Sinnbilder der alten Häuser erstaunt hetniedersahen, und zum Tore hinaus. Im ersten Schlitten saß Strapinsft mit seiner Braut, in einem polnischen Uebertock von grünem Sammet, mit Schnüren besetzt unb schwer mit Pelz verbrämt unb gefüttert. Nettchen wat ganz in weißes Pelzwerk gehüllt; blaue Schleier schützten ihr Gesicht gegen bie frifäe Suft und gegen den Schneeglanz. Der Amtsrat wat durch irgend em plötzliches Ereignis verhindett worden, mitzufahren; doch war es sein Gespann und sein Schlitten, in welchem sie fuhren, ein vergoldetes Ftauenbild als Schlitten- zierrat vor sich, die Fottuna vorstellend; denn die Stadtwohnung des Amtsrates hieß zur Fortuna.
Ihnen folgten fünfzehn bis sechzehn Gesähtte mit je einem Herten und einer Dame, alle geputzt und lebensfroh, aber keines ber Paare so schön unb stattlich, wie bas Brautpaar. Die Schlitten trugen, tote bie Wer» chiffe ihre Galions, immer bas Sinnbild des Hauses, dem jeder angehorte, so daß bas Volk rief: „Seht, ba kommt bie Tapferkeit! wie schön ist bie Tüchtigkeit! Die Verbesserlichkeit scheint neu lackiert zu sein unb bie Spar- samkeit frisch vergolbet! Ah, ber Jakobsbrunnen und der Teich Bethesda! Im Teiche Bethesda, welcher als bescheidener Einspänner den Zug schloß, kutschierte Melchior Böhni füll und vergnügt. Als Galion seines Fahrzeuges hatte er bas Bilb jenes Männchens vor sich, welcher an besagtem Teiche bteißig Jahre aus sein Heil gewartet. So segelte denn bas Geschwader im Sonnenscheine bahin und erschien bald auf ber weithin schimmernden Höhe, bem Ziele sich nahend. Da ertönte gleichzeitig von ber entgegengesetzten Sette luftige Musik.
Aus einem duftig bereiften Walde heraus brach ein Wirrwarr von bunten Farben unb Gestalten unb entwickelte sich zu einem Schlittenzug, welcher hoü> am weißen Feldrande sich auf ben blauen Himmel zeichnete unb ebenfalls nach ber Mitte ber Gegenb hinglttt, von abenteuerlichem Anblick. Es schienen meistens große bäuerliche Lastschlitten zu sein, je zwei zusammen- gebunben, um absonberlichen Gebilben unb Schaustellungen zur Unterlage zu bienen. Auf bem vordersten Fuhrwerke tagte eine kolossale Figur empor, bie Göttin Fortuna vorstellenb, welche in ben Aether hinaus zu fliegen schien. Es war eine riesenhafte Strohpuppe voll schimmernben Flitter- golbes, bereu Gazegewänber in ber Lust flatterten. Auf bem zweiten Gefährte aber fuhr ein ebenso riesenmäßiger Ziegenbock einher, schwarz und düster abstechend unb mit gesenkten Hörnern ber Fortuna nackyagenb. Hierauf folgte ein seltsames Gerüste, welches sich als ein fünfzehn Schuh hohes Bügeleisen barstellte, bann eine gewaltig schnappenbe Schere, welche mittels einer Schnur auf- unb zugeklappt würbe unb bas Himmelszelt für einen blaufeibenen Westenstoff anzusehen schien. Anbere solche lanb- läufige Anspielungen auf bas Schneiberwesen folgten noch, unb zu Füßen aller dieser Gebilbe saß aus ben geräumigen, je von vier Pferben gezogenen Schlitten die Selbwyler Gesellschaft in buntester Tracht, mit lautem Gelächter unb Gesang.
Als beibe Züge gleichzeitig auf bem Platze vor bem Gasthause auffuhren- gab es bemnach einen geräuschvollen Auftritt unb ein großes Gebränge von Menschen unb Pferben. Die Herrschaften von Golbach waren überrascht unb erstaunt über die abenteuerliche Begegnung; die Seldwyler dagegen stellten sich vorerst gemütlich und freundschaftlich hescheiden. Ihr Dorberfter Schlitten mit ber Fortuna trug bie Inschrift „Leute machen Kleiber", und so ergab es sich benn, baß bie ganze Gesellschaft lauter Schneibersleute von allen Nationen unb ans allen Zeitaltern barstellte. Es war gewissermaßen ein historisch-ethnographischer Schneiberfestzug, welcher mit ber umgekehrten unb ergänjenben Inschrift abschloß: „Kleiber machen Leute!" In bem letzten Schlitten mit bieser Ueherschrift saßen nämlich, als bas Werk ber vorausgesahrenen heibnischen unb christlichen Nahrbeslissenen aller Art, ehrwürbige Kaiser unb Könige, Ratsherren unb Stabsoffiziere, Prälaten unb Stiftsbamen in höchster Gravität.
Diese Schneiberwelt wußte sich geroanbt aus bem Wirrwarr zu orbnen und ließ die Goldacher Herren und Damen, das Braiitpaar an deren Spitze, bescheiden ins Hans spazieren, um nachher die unteren Räume desselben, welche für sie bestellt waren, zu besehen, während jene die breite Treppe empor nach dem großen Festsaale rauschten. Die Gesellschaft des Herren Grafen fand dies Benehmen schicklich unb ihre Ueberraschung verwanbelte sich in Heiterkeit unb beifälliges Lächeln über bie unverwüstliche Laune der Selbwyler; nur ber Graf selbst hegte gar bunfle Empfindungen, bie ■ ihm nicht betagten, obgleich er in ber jetzigen Voreingenommenheit feiner Seele keinen bestimmten Argwohn verspürte unb nicht einmal bemerkt hatte, woher bie Leute gekommen waren. Melchior Böhni, ber seinen Teich Bethesba sorglich bei Seite gebracht hatte unb sich aufmerksam in ber Nähe Strapinskis besanb, nannte laut, daß dieser es hören konnte, eine ganz andere Ortschaft als ben Ursprungsort bes Maskenzuges.
(Sortierung folgt.)
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