:Abend vollkommen das Abendessen. Eine Sache, die sich In seinem Leben aum ersten Male ereignete. Ruhelos und von widerstreitenden Gedanken zerrissen wanderte er immer aufs neue die acht Quadratmeter seines kahlen Hotelzimmers ab. Aber wie sehr er auch sein Gedächtnis nach allen Einzelheiten dieses mysteriösen Falles durchpslugte, und so aufrichtig er bemüht war, einen einigermaßen plausiblen Grund dafür zu finden, daß er plötzlich von seiner Reise nach Ostpreußen abgeschwenkt war und einer Fährte folgte, für deren Richtigkeit vorläufig auch nicht das Allergeringste sprach — nichts, als dieses ruhelos tastende Gefühl m ihm selber, das ihn magisch dieser Spur nachzog. Es gelang ihm nicht, irgendeinen konkreten Anlaß zu finden, der seinen Entschluß gerechtfertigt hätte. _. , , ,, ...
Kling war kein Mensch, der sich mit irrealen Dingen befaßte. Und wenn er auch zum erstenmal im Leben derartigen Dingen nachgab, so blieb er sich doch jeden Augenblick darüber klar, daß fein ganzes Unternehmen mit neunundneunzig Prozent Wahrscheinlichkeit ein Luftsch.oß war Denn ebenso, wie er diesen sicherlich auf die normalste Werfe verstorbenen Mann verfolgte, bloß, weil er den Namen Fuchs trug und eine Nichte besaß, zwei Eigenschaften, die er ohne Zweifel mit einer ganzen Reihe von anderen Menschen teilte — ebensogut hätte er auch irgendeinen harmlosen Passanten auf der Straße anhalten können, auf die bloße Tatsache hin, daß er einen roten Bart hatte.
Kommissar Kling kam sich nach dieser Selbstanalyse ziemlich lächerlich vor. Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er kurz entschlossen mit dem nächsten Zug nach Stralsund zurückgefahren und hätte sowohl Herrn Caspar Fuchs als auch seine Reise nach Marienburg glatt im Stich gelassen. Nur sein Eigensinn und der ihm in Fleisch und Blut übergangene Grundsatz des Kriminalisten, niemals auf halbem Wege umzukehren, hielt ihn davon zurück. — r..
Am nächsten Morgen verließ er kurz nach acht das Hotel. Kaufte sich in der Nähe einen fchwarzen Zylinder und begab sich nach dem Trauer-
war ein altes, einstöckiges Haus mit Spiegelfenstern und altmodischem Klingelzug. Der Typ eines wohlhabenden altberliner Bürgerhauses. Ein sauberes Dienstmädchen öffnete ihm und führte ihn durch das mit wertvollen Teppichen ausgelegte Vorzimmer in einen hohen und hellen Raum, der dem verstorbenen Herrn offenbar als Arbeitszimmer gedient hatte.
„Das Fräulein wird gleich kommen. Die Schneiderin ist gerade bei ihr", entschuldigte sich das Mädchen, in dessen etwas heiseren Organ Kling sofort die Stimme am Telephon wieder erkannte.
„Komme ich denn auch nicht ungelegen?" fragte er bescheiden und blieb mit dem Zylinder in der Hand vor dem ihm angebotenen Stuhl stehen. „Fräulein Hohmann ist gewiß sehr beschäftigt heute und ..."
„Das macht nichts! Sie hat mich beauftragt, Sie zu empfangen. Nehmen Sie doch Platz, bitte!"
Sie ging und Kommissar Kling hatte fast eine Viertelstunde Zett zu einer eingehenden Rekognoszierung des Terrains. Das Zimmer an sich hatte nichts Merkwürdiges. Ein [orgfälHg aufgeräumtes Herrenzimmer mit eingelegtem Parkettfußboden und schönen, alten Mahagonimöbeln. Der Schreibtisch machte einen kahlen und unbenutzten Eindruck. Man hatte anscheinend alle Papiere und Schriftstücke nach dem Wieben des Hausherrn weggeräumt. In einer indischen Schale waren noch Aschenreste, und daneben lag eine alte, angetaute Zigarrenspitze, in der eine halbgerauchte Zigarre steckte. An einem hinter einem Schrank verborgenen Kleidergestell hing ein einsamer schwarzer Ulster von einer Schäbigkeit, die in der bürgerlichen Gepflegtheit des Raumes auffallend wirkte. Kling versuchte vergebens, sich in diesem bettelhasten Kleidungsstück den Wann vorzustellen, der dieses Zimmer bewohnt hatte. Es konnte nur ein Mensch gewesen sein, der auf feine äußere Erscheinung nicht den geringsten Wert gelegt hatte. Entweder aus Geiz oder aus irgendwelchen anderen Gründen, von denen der der Armut von vornherein ausschaltete.
Da sesselte auf einmal etwas anderes die Aufmerksamkeit des Kriminalisten in noch höherem Maße. Sein Blick hatte die Bibliothek gestreift, die in hohen Regalen fast die Breite des Zimmers füllte. Und diese Bibliothek war nicht die eines Geschäftsmannes und Börsenspekulanten, der im Adreßbuch unter dem schlichten Titel „Makler" rangierte. Handbücher über Bodenspekulation und Wechselgesetze und andere handelswissenschaftliche Werke bildeten nur einen verschwindenden Teil ihres Inhalts. Die anderen waren zumeist philosophische und medizinische Schriften — Haeckel, Nietzsche, Swedenborg und Freud. Auch eine vollkommene Ausgabe des Pitaval im französischen Originaltext fand sich darunter, und das sechsbändige Werk eines Professors der Universität Upsala über Autosuggestion und Magnetismus. Alles in allem die Bibliothek eines Gelehrten oder doch zum wenigsten in hohem Maße wissenschaftlich intereffierten Mannes.
Während Kling noch in ratloser Verblüffung vor dieser Büchersammlung stand und sich umsonst bemühte, von diesem vielseittgen und erstaunlichen Menschen ein Bild zu gewinnen, ging die Tür auf, und eine schwarzgekleidete junge Dame trat ins Zimmer.
Es vergingen ein paar Sekunden, bis Kling zu der Rolle eines Trauerbesuchers zurücksand. Während er zögernd und mit geschickt gespielter Verlegenheit auf die Eingetretene zuging, prägte er sich ihre Erscheinung mit allen Einzelheiten ein. Er hatte zu Beginn seiner Laufbahn ein Jahr beim Erkennungsdienst gearbeitet und war dadurch gewissermaßen darauf eingeübt, sich aus einem einfachen Signalement die Physiognomie eines Menschen, den er nie gesehen hatte, bis zur Porträtähnlichkeit zu rekonstruieren. Und hier galt es festzustellen, ob das Signalement jener Unbekannten, die Donald Grau im Auftrage von Fuchs gemalt hatte, auf die junge Dame stimmte, die ihm jetzt im Zwielicht des nebligen Morgens gegenüberstand.
Dieses Frl. Hohmann war ein hübsches, sogar ausfallend hübsches, rothaariges Mädchen mit blendender Haut und einer schlanken, sportlich entwickelten Figur. Die Farbe ihrer Augen war schwer zu bestimmen.
Sie wechselke von einem hellen Braun bis ins Grünliche. Und der kühle Blick dieser an sich schönen Augen wurde nur gemildert durch die warme Sinnlichkeit eines roten, weichgeschwungenen Mundes. Ihr kräftiger Händedruck ließ darauf schließen, daß sie mit Ruder und Racket gut um- -uqehen verstand. Alles an ihr erweckte den Eindruck körperlicher und geistiger Frische und Gespanntheit und machte es einem schwer, ihr Alter zu erraten. Sie hätte ebensogut achtzehn wie fünfundzwanzig sttn kon. nen. Denn sie vereinigte mit einer nicht unangenehmen Burschikofttat die Anmut und Sicherheit einer jungen Dame.
Während Kommissar Kling ihr gegenüber Platz nahm und ein paar einleitende Höflichkeitsphrasen wechselte, überlegte er angestrengt Es er- schien ihm nicht ausgeschlossen, daß dieses Mädchen dieselbe Person n>ar, die Grau gemalt hatte. Die Beschreibung stimmte im allgemeinen. Dazu kam noch, daß Grau sein Modell nur im Kostüm gesehen hatte — einem Kostüm, das Gesicht und Gestatt sehr wesentlich verändern muhte. Und — daß er sie mit dem idealisierenden Auge des Künstlers sah! Vielleicht war dieser „gefährliche Zauber", den ihr der Maler zuschrieb, nur eine Spiegelung feiner eigenen überschwenglichen Phantasie. Ein durch Ein- samkeit bis zur Verzücktheit gesteigertes Begehren, das ihm diese Frau in der Aureole einer fast unwahrscheinlichen Schönheit zeigte... Und Kling sagte sich mit Recht, daß seine eigene sachlich kühle Betrachtung, die vielleicht eine Identität dieses Mädchens mit dem Unbekannten geleugnet haben würde, mit der übersteigerten Ideenwelt eines Künstlers — unD eines Verliebten dazu! — keine Parallele halten konnte. Darum ließ er in seinem Innern die Frage vorläufig noch offen und trachtete danach, der Lösung auf andere Weise näher zu kommen.
Zunächst war sein Bestreben, soviel wie möglich über die Person des verstorbenen Fuchs zu erfahren. Er fetzte eine bekümmerte Miene aus und erkundigte sich teilnahmsvoll: ,,2lber sagen Sie mir doch, liebes Frl. Hohmann, wie ist das nur so plötzlich gekommen? War Herr Fuchs denn schon längere Zeit leidend?"
„Nein — das heißt, leidend war er ja schon feit Jahren. Er hatte Zucker und muhte mit allem sehr vorsichtig [ein. Muhten Sie das gar nicht?"
„Nein — denken Sie! Wenn ich mit Herrn Fuchs zufammenkam, haben wir immer nur von Geschäften gesprochen. Und auherdem war er ja, was seine Person betraf, nie sehr mitteilsam. Wollen Sie mir glauben, daß ich sechs Jahre mit ihm zusammengearbeitet habe und heute zum erstenmal erfahre, daß er eine Nichte bei sich im Haufe hatte? Mir gegenüber hat er davon nie eine Erwähnung getan. Oder sind Sie melleicht erst kurz vor seinem Tode zu ihm gekommen?"
Frl. Hohmann schüttelte den Kopf. „Ich bin schon seit meinem elften Jahr bei ihm. Eigentlich bin ich gar nicht feine Nichte. Unsere Verwandt schäft ist sehr weit hergeleitet. Bei einer Typhusepidemie verlor ich rasch hintereinander beide Eltern. Da nahm Onkel Casus sich meiner an. Ich bin ihm großen Dank schuldig. Er war immer sehr gut zu mir."
Ihre Augen wurden feucht. Aber gleich darauf fuhr sie ganz ruhig fort: „Vielleicht wäre er heute noch am Leben, wenn er besser auf sich geachtet hätte. Aber er hat sich ja niemals geschont — in feiner Weise. Und von Aerzten wollte er überhaupt nichts wissen. Erst als er schon bewußtlos war, konnten wir ihn ins Hospital bringen lasten. Aber da war es bereits zu spät."
Kling rückte interessiert näher. „Ach richtig, das Mädchen sagte gestern am Telephon etwas von einer — Blutvergiftung, wenn ich recht ver» ; standen habe?"
Die junge Dame bewegte zustimmend den Stopf.
„Aber wieso denn? Hatte er sich verletzt?"
„Ja, an der linken Hand. Das Mädchen sagte, er fei am Samstagabend nach Haufe gekommen und hätte die Hand mit Tafchentüchern dick verbunden gehabt. Ich war an dem Abend im Theater und habe ihn nicht mehr gesprochen. Und am Sonntag sahen wir uns auch erst beim Mittagessen. Da sah er schon ganz gelb aus und trug den Arm in der Binde. Ich merkte es ihm an, daß er Schmerzen hatte, und bat ihn, die Wunde anschauen und ihm einen richtigen Verband machen zu dürfen. Aber er lehnte es einfach ab. Und Sie kannten ihn ja — Widerspruch kam gegen Onkel Kajus nicht auf!"
„Er hat Ihnen auch nicht gesagt, wie er sich die Verletzung zu- gezogen hat?"
Er sagte nur, daß er sich mit einem Stemmeisen leicht verletzt hätte, aber.. .*
Kommissar Kling wäre beinahe wie ein abgeschossener Bolzen von seinem Stuhl geschnellt. Ganz verwirrt stotterte er:
„Was — mit einem Stemmeisen? Das ist doch sonderbar!"
Das Fräulein schien seine Verwunderung nicht zu teilen. Kühl und sachlich fuhr sie in ihrem Bericht fort:
„Er muß mit dem Werkzeug hantiert und es sich durch irgendeine Ungeschicklichkeit in die Hand gerannt haben. Ader statt sosort zu einem Chirurgen zu gehen, hat er die Wunde vernachlässigt. Bei Zuckerkranken bedeutet ja jede Verletzung an sich schon eine Gefahr. Dann kam noch eine Sepsis hinzu. Und als ich am Montag wie gewöhnlich gegen sechs vom Dienst nach Hause kam — ich arbeite nämliche an einem bakteriologischen Institut — da lag er bereits im Delirium. Wir brachten ihn unverzüglich ins Elisabeth,Krankenhaus. Aber die Vergiftung war nicht 1 mehr zu lokalisieren. Und in der Nacht ist er bann gestorben..
I Eine lange Pause trat ein. Dann fragte Frl. Hohmann mit einem resoluten Aufatmen: „Darf ich jetzt fragen, Herr Müller, was Sie außerdem noch mit mir besprechen wollten? Sie ließen mir doch sagen, daß ! Sie in einer bestimmten Angelegenheit eine Auskunft von mir haben wollten. Und Sie werden gewiß verstehen, daß meine Zeit heute leider sehr knapp ist."
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


