Genie und Schicksal.
Don Dr. Hedwig Fischman«.
Einem Mann dem der Tod schon seinen Stempel aufgedruckt und ihn der feiernden Mitwelt streitig gemacht hat, galten die Ehrungen, mit denen die Schweiz und darüber hinaus alle Stamme deutscher »unge Gottfried Keller an seinem 70. Geburtstag überhäuften. Es war in all feinem Ruhm und Glanze ein trauriges Fest. Der Tod seiner immer getreuen streitbaren Schwester, mit der er trotz aller Wesens- und Geistes- Verschiedenheit, trotz der täglich nusgefochtenen häuslichen Fehden aus das innigste »erwachsen war, hatte schon im voraus einen dunkeln schatten über den Tag gebreitet. In des Dichters Zimmer zu Seelisberg, wohin er in dem vergeblichen Versuch, sich dem Ansturm zu entziehen, von Zurich geflüchtet war, türmten sich in buntem, gleichgültig aufgestapeltem Wirrwarr Riesenberge von Kränzen und Adressen, Briefen und Telegrammen, ohne auf dem Antlitz des Gefeierten einen Schimmer der Freude hervor- zurufen. Eine scheue und gedrückte Stimmung lastete °»f dem Kranken, der geführt werden muhte und sich nur mit Muhe aufrecht erhielt. Vor seinem inneren Blick aber mochte wohl jener andere 19. Juli auftauchen, der ohne jedes ermunternde Zeichen seiner Umwelt an dem Jüngling, der sich so heiß nach einem richtunggebenden Halt gesehnt hatte, voruber- zog, und an dem er in seinem Tagebuch notierte: „Meine Hoffnungen sind um nichts besser geworden." Welche von der Lebensnot zuruck- qedämmten Kräfte hätte damals ein Bruchteil der Anteilnahme, die ihn jetzt in ihrem Uebermah zu Boden drückte, entsiegeln helfen!
Aber kaum jemals wohl barg eine zu fpat gewahrte Schicksa.sgunj einen so scharfen Stachel tragischer Ironie wie der Kampf und endliche Scheinsieq, den Joseph Kainz auf seinem Totenbette um einen lebenslänglichen Vertrag mit dem Wiener Burgtheater erfocht. Bedingungen, wie sie noch nie vor ihm einem Künstler dieser Buhne gewahrt worden, erringt er in zähem Streit um jeden Urlaubsmonat, um lede Klause, als ob ihm noch ungemessene Zukunfts- und Sch«ffensmoglichke.ten offen ständen. Und kämpft doch nur mit der Verzweiflung des Todgeweihten sich am Leben Anklammernden um ein leeres Traumbild. Zwei Monate, nachdem das Ziel seiner Wünsche erreicht, sind die lebensdurstigen Augen dieses „Prinzen aiis Genieland" auf immer geschlossen. Aber «»mal. em einziges Mal, bricht doch das wehe, immer willig überdeckte Bewuhhem von der Truggestalt des Wunschgebildes aus dec T.efe,hervor, al-ihm zwei Tage vor feinem Hinscheiden die ihm als letzte Freude zugedachte Ernennung zum Regisseur mitgeteilt wird, da vermmmt er sie nut em m schnell verlöschenden Lächeln und einer mudabwehrcnden Handbewegung. "^Gleich' unbarmherzig im Gewähren wie im Versagen spielte undsspottete das Schicksal mit dem einem frühen Tode verfallenen Musiker Carl Maria von W e b er. Gescheitert waren seine Hoffnungen auf einen materiellen Erfolg der Londoner Reise, die der Kranke mit dem traurigen Wissen angetreten: „Ob ich reise, ob ich nicht reise, bin ich m einem Jahre em toter Mann. Wenn ich aber reise, haben meine Kinder zu essen, wenn der Vater tot ist während sie hungern, wenn ich bleibe. Aber das Opfer war vergeblich gebracht. Durch die Anstrengungen der Londoner Tage unb i)ie Bitternis der Enttäuschung waren die letzten Kräfte erschöpft. Run drängte sich all seine Sehnsucht in dem einen Wunsch nach Rückkehr SU den Leinen zusammen. Doch auch diese Gunst versagte das Geschick dem Lebenden. In der Nacht vor der geplanten Reise in die Heimat ftarb er einjam im fernen Land. Erst 18 Jahre später ward dem Toten ersullt was der Sterbende so heiß ersehnt: durch das tatkräftige Eintreten Richard W a g -
lieber dem Lebenswerk des verstorbenen Malers Les,er Ury, wie es sich in der großen, als Feier zu seinem 70. Geburtstag geplanten Berliner Ausstellung darbietet, die nun zu einer Totenehrung geworden ist, stehen mit unsichtbarer Flammenschrist die anklagenden Worte. Zu spatl Letzter Wunschtraum eines mit sich, mit der Welt Zerfallenen dessen Verwirklichung die dahinschwindenden Lebenskräfte in sieberhaster l^tigkelt verzehrte, hat Erfüllung gesunden, als das Auge des Meisters sich schon auf immer geschlossen hatte. In dem traurig mahnenden „Zu spat! aber schwingt und klagt ein Chor von Stimmen mit, die alle von einst unaestüm ersehnten, zu spät beschiedenen Glucks- und Ruhmesgaben künden. Und wie uns heute, wie uns erst vor wenigen fahren ibeim L.ahin- fcheiden des Dichters Arno Holz, über dessen letzten Wochen die Hoff- nuna auf den alle Daseinsnot endigenden Nobel-Preis gestanden diese müte Weise umschwebte, so klang sie oftmals seit frühen Tagen, cm trübes Finale der Lebenssymphonie vieler unserer Großen im Reiche der Kunst.
Wie tief ergreifend jenes Bild des greisen Grillparzer, zu dem sich qanz Wien an seinem 80. Geburtstag die schmale Treppe nach dem bescheidenen Stübchen im vierten Stockwerk des Hauses m der Spiegel- gasse hinaufdrängt, Exzellenzen und vornehme Damen, Deputationen und Boten beladen mit Blumen und Geschenken! Und war doch i>as|elbc Wien, das einst seinem Lustspiel „Weh dem, der lügt einen hohnvollen Empfang bereitet und auf immer die Schasfensfreudigkeck des munosen- hast Verletzbaren ertötet hatte. Vergraben in seinem Pulte blieb seit jenem Tage alles, was er geschrieben hatte. Und die Regierung, die ihm, stolz auf desterreichs größten Sohn, durch ihre Würdenträger dis höchste Auszeichnung, das Großkreuz des Franz-Jofef-Ordens übersandte— war das wirklich derselbe k. und k. Bürokratismus, der durch ein Gestrüpp von Zensurhindernissen seine Dramen von der Buhne des Burgtheaters ferngehalten, der in ihm nichts anderes hatte sehen wollen als einen durch Dichten sich unliebsam bemerkbar machenden, unbotmäßigen «ub- alternbeamten? So mochte sich wohl der sehr müde, freudlos gewordene Greis dem alle diese Huldigungen galten, an diesem Tage fragen. Uno indessen der Strom der Gratulanten schier unerschöpflich herein- und hinauswogte, klang es mutlos von den Lippen des Gefeierten: „Früher zu wenig, jetzt zu viel! Es find Gnadenstöße, die mir versetzt werden. Wenige 'Tage später erinnerte nichts mehr in dem zum stillen Alltag zurückgekehrten Dichterheim an diese unerwünschten, verspäteten Ehrungen. So schnell wie möglich hatte der Verbitterte alles, was ihn an den^„Ehrentag" gemahnte, entfernen lassen. Nicht eine Blume im Glase durste stehen-
ners wurden Benefiz-Vorstellungen an allen größeren deutschen Bühnen veranstaltet - wie bitter hatte Weber einst unter der Gleichgültigkeit seiner Heimat gelitten! — und die endliche Heimkehr des toten Meisters zu den Seinen ermöglicht.
Unvollendet ein Lebenswerk zurückzulassen, das Krönung, das weithin ragender Gipfelpunkt bedeutet hätte, nur weil es nach langem Harren auf Schultern gelegt wurde, die schon des Greisenalters schwere Bürde schleppten - das war der Schlußakt der großen Lebenstragodle M , ch e l• angelos. Zum Bauherrn des ersten Tempels der Christenheit ward der 71jährige Meister berufen. Seit dem Tage, da seinen großen Gegner Bramante der Tod von seinem Schassen an St. Peter hinweggeri.fen, hatte Michelangelo manchen Künstler im Dahingleiten der Jahre an dieser weithin sichtbaren Stelle schaffen gesehen. Raffael, Antonio da S a n Gallo, Peruz zi wurden erkoren. An ihm, dem eigenwilligen, ungeselligen Meister, gingen die Päpste scheu vorüber. Das Beispiel der nie gestalteten Fasfade von S. Lorenzo in Florenz mit der von Temperamentsausbrüchen ihres Bildners durchtobten Baugeschichte schreckte. Erst als die hohe Zeit der Renaissance sich zur Rüste neigte, als nicht mehr m verschwenderischer Fülle die urschöpferischen Künstlerpersönlichkeiten zur Wahl standen, ward der greife Michelangelo berufen. Ihm aber, den die Jahre, den die Lebensschicksale zu tief religiöser Einkehr aufgerujen, war die Bauleitung von St. Peter nicht nur eine künstlerische Aufgabe, die seine Schaffenskraft zur Einsetzung des höchsten Könnens spornte, sie war ihm darüber hinaus ein gottgefälliges Werk, in dessen Vollendung er willig seine letzten Kräfte erschöpfte. Doch wie er sie nun in kleinlichen, nie abreihenden Streitigkeiten mit kirchlichen Behörden, mit den seinem Willen widerstrebenden Werkmeistern und Bauleuten im zermürbenden Gang der Jahre schwinden fühlt; wie er sich nur noch manchmal mühsam von 'seinem Maultier auf den Bauplatz tragen läßt, aber Die hohen Baugerüste nicht mehr besteigen kann; wie selbst die zitternde Hand nrcht mehr den Zeichenstift regiert: da dämmert in ihm die wehe Erkenntnis, daß seine Augen das heilige Werk, zu dem er zu spät berufen, niemals vollendet schauen würden. Selbst die Kuppel, dieser kühne -träum beseligter Schasfensstunden, die dieses Baues festlich-frohe Krönung werden sollte, sieht er nicht mehr über den ragenden Pfeilern sich wölben. Mehr als ein Vierteljahrhundert schlummert er bereits in seiner Vaterstadt Florenz, als sie, nach dem Modell des Meisters von fremder Hand gebildet, emporwächst zu dem unvergänglichen Wahrzeichen der Ewigen Stadt. 3n ber hohen Feierlichkeit ihres Schwebens aber, in ihrer Erd- und Zeuentruckt- heit, die kein irdisches Maß kennt, ist alle Bitternis, alle Anklage gegen ein allzu spät spendendes Schicksal erloschen, gelöst in ewigen Harmonien.
pankraz, der Schmollet.
Novelle von Gottfried Keller.
(Fortsetzung.)
Doch diese Jndierinnen, die schön waren wie die Blumen, gut wie Zucker aussahen und sprachen, waren nichts weiter als dies und rührten mich nicht im mindesten, da Schönheit und Güte ohne «alz und Mehrbarkeit mir langweilig vorkamen, und es war mir peinlich zu denken, wie eine solche Frau wenn sie mein wäre, sich auf keine Weise gegen meine etwaigen schlimmen Launen zu wehren vermöchte. Die europäischen Weiber dagegen, die ich sah, welche größtenteils ans Großbritannien Herstammten, schienen schon eher wehrhaft zu fein, jedoch waren sie weniger gut unb lewst wenn sie es waren, so betrieben sie die Güte unb Ehrbarkeit wie ein abscheulich nüchternes und hausbackenes Handwerk, und selbst die edle Weiblichkeit auf die sich diese selbstbewußten respektablen Weibchen so viel zu gut taten, handhabten sie eher als Würzkrämer denn als Weiber. Hier wird ein Quentchen ausgewogen und dort ein Quentchen sorglich tn die löschpapierne Düte ber Philisterhastigkeit gewickelt. Ueberb.es war nur immer als ob durch bas Innerste aller biefer abenblandischen Schonen und Unschönen ein tiefer Zug von Gemeinheit zöge, die Krankheit unserer Zeit welche sie zwar nur von unserem Geschlechte, von uns Herren Europäern überkommen konnten, aber die gerade bei den anderen wieder zu einem neuen verdoppelten Uebel wird. Denn es sind üble Zeiten, wo die Geschlechter ihre Krankheiten austauschen unb eines bem andern seine angeborenen Schwachheiten mitteilt. Dies waren so meine unwissenden hypochondrischen Gedanken über die Weiber, welche meinem Verhalten gegen sie zugrunde lagen und mit welchen ich meiner Wege ging, ohne mich um eine zu bekümmern.
21(5 nun die schöne Lydia bei uns anlangte und ich mich täglich in ihrer Nähe befand, erhielt meine ganze Weisheit einen ^>toh und nel zusammen. Es war mir gleich von Grund aus wohl zu Mute, wenn sie zugegen war, und ich wußte nicht, was ich hieraus machen sollte. Höchlich verwundert war ich, weder Groll noch Verachtung gegen die e zu empfinden, weder Geringschätzung, noch jene Lust, doch verstohlen nach ihr hinzuschielen; vielmehr freute ich mich ganz unbefangen über ihr Dasein unb ah sie ohne Unbescheidenheit, aber frei unb offen an, wenn ich in ihrer Nähe zu tun hatte. Dies fiel mir um so leichter, als ich in meiner Stellung als armer Soldat kein Wort an sie zu richten brauchte, ohne gefragt zu werden, und also kein anderes Benehmen zu beobachten hatte^ als dasjenige eines sich aufrechlhaltenden ernsthaften Unterof iziers. Auch war mir das Schweigen, besonders gegenüber den Weibern, so zur anderen Natur geworden durch das langjährige Kopfhangen, daß ich bemr besten Willen jetzt nicht hätte eine Ausnahme machen tonnen, auch wenn es sich geschickt hätte. Dennoch fühlte ich ein großes und ungewöhnliches Wohlwollen für diese Person, war in meinem Hsrzen ehr gut auf sie zu sprechen und ihr zu Gefallen veränderte ich meine schlechten Ansichten von den Frauen und dachte mir, es müßte doch nicht so übel mit ihnen stehen wenigstens sollten sie um dieser einen willen von nun an mehr Gnade finden bei mir. Ich war sehr froh, wenn Lydia zugegen war oder wenn ich Veranlassung sand, mich dahin zu verfugen, wo sie eben war; doch tat ich deswegen nicht einen Schritt mehr, als im natürlichen Gange ber Dinge lag; nicht einmal blickte ober ging ich, wenn ich mich im


