Wendel.

Eine Ostergeschichte von Irmgard von Faber du Faur.

Nach altem Volksglauben macht die Sonne am Ostersonntagmorgen drei Sprünge vor Freude über die Auferstehung des Herrn.

Es war ein wunderbarer Ostermorgen. Die Sonne machte ihre drei frohen Osterfprünge. Die Sonne war fo froh, daß sie goldene Funken um- herstrcutc in die österliche Welt hinein. Drei Funken fielen in einen Teich, der mitten im Walde lag, und verfaulen. Am Teich lag die Schlange Kluge und gab acht. Tie Schlange Kluge hatte in einem alten Buch gelesen: aus dcnr Teich wird einmal einer kommen, dem die ganze Welt gehört.

Die Schlange Kluge hatte ihre Eier in den Teich gelegt, denn sie wollte, daß das ihr Sohu sei, der aus dem Teiche käme und dem die ganze Welt gehöre. Nun gab sie Tag und Nacht acht, ob sich nichts regte.

Sic sah die drei goldenen Funken aus der Ostersonnc in den Teich fallen itnb richtete sich auf und crfpähtc, was gcfchah.

Die Flut bewegte sich und eine kleine Bachstelze hob sich herauf und wippte fröhlich am User hin und her.

Und wieder bewegte sich die Flut und ein Reh hob sich heraus und fetzte seine schönen Füße fröhlich ins Ufergras. _

Die beiden Tiere blickten erwartungsvoll auf den Teich.

Die Flut bewegte sich wieder und ein Kind stieg herauf, ein Knabe, in einem strahlenden Licht.

Er legte seinen Arm um den Hals des Rehes, und die Bachstelze setzte sich ihm aus biC' Schulter.

Guten Morgen, Schlange Kluge", sagte er,wie schön ist die Welt. Dies sind meine Freunde, Schönfuß, das Reh, und Tirili, die kleine Bach­stelze. Ich bin Wendel, das Kind."

Die Schlange fragte:Wer hat dir meinen Namen genannt?"

Das Kind erwiderte:Ich sah dich an und wußte, daß du klug bist. Willst du mit uns gehen?"

Kluge fühlte sich geschmeichelt durch die Anrede des Kindes und sagte ja.

Da gingen sie. Voraus das Kind mit seinen beiden Tieren, und hinterher zog sich die Schlange durchs Gras.

Und die Schlange sah, wie sich die Osterblumen, wo das Kind ging, aus der Erde drängten und öffneten mib wie die singenden Vögel ihm folgten. Wendel begrüßte jeden Baum, jede Blume, jeden Vogel wie einen »Ilerlicbsten Freund.

Da lag mitten im Gras etwas wie ein grauer Stein und der bewegte sich aus einmal. Wendel erschrak davon. Die Schlange richtete frch aus und flüsterte ihm ins Ohr:Das ist die häßliche giftige Kröte, flieh vor rhr! 1 c>st sie häßlich und giftig?" fragte Wendel und wandte sich um und sah in zwei tiefe goldene Augen, in ein tieftrauriges Gesicht. Er kam heran und streichelte die Kröte und sagte:Verzech mit, daß ich vordn erschrak Darf ich ein bißchen neben dir sitzen? Unb bte Kröte ruckte em wcmg auf die Seite, und Wendel und Schönsuß unb Twill setzten sich hm.Ich will dir erzählen", sagte die Kröte,denn ich weiß Mele Geschichten. Aber ich konnte sie noch niemand erzählen, denn niemand hat sich noch still neben mich hingesetzt. Von dem Mond und der Sonne erzähle ich btt, und den Seelen der Bäume und den Geistern der Wasser und Steine. Und die Kröttz fing zu erzählen an und war so froh, daß jemanb ihr zuhorte, und ihre Geschichten wurden schöner und schöner.

Wendel und Schönsuß und Tirrli waren ganz glücklich, aber Kluge wand sich vor Zorn, daß sie nicht recht behalten hatte. _

Zuletzt schliefen die drei ein und wußten Nicht, träumten ste oder er­zählte die Kröte noch? - Aber die Kröte, als sic alle drei schlafen sah, war leise weggehüpft, und in einer Pfütze fpiegelte ich der Mond und sie betete zu ihm und dankte ihm, daß er ihr Wendel geschickt hatte.

Als die Sonne golden herauskam, wachten die Drei auf und machten sich wieder auf den Weg. Hinterher zog sich die Schlange durchs Gras

Sie kamen an eine große breite Straße, bte durch den Wald geschnitten war. Sie sahen einen Mann, der sah böse und wild aus und ging geradeaus ohne rechts und links zu blicken; gerade auf Wendel und bte Aier.e zu. Wendel erschrak und wollte sich hinter ein Gebüsch kauern. Die Schlange zischte ihm ins Ohr:Das ist ein schlimmer Mensch, ber etwas Schreckliches ÜOtSt er schlimm?" sagte Wendel und sah den Mann an und da sah er nichts als Verzweiflung in feinem Gesicht.Es tft em armer Mensch , sagte Wendel zur Schlange und blieb aufrecht stehen, bis der Mann heran­kam. Er hatte den Arm Schönsuß' um den Hals gelegt und Tirrli faß aus seiner Schulter. Der Mann sah die drei an mit einem scheuen, erschrockenen Blick und drehte den Kopf auf die Seite und wollte Vorbeigehen. Wendel berührte ihn und sagte:Dürfen wir mit dir kommen? - und schon legte er seine Hand in die Hand des Fremden.Wohin mit? fragte der Mann. Weißt du, wohin ich gehe?" - Wendel schüttelte den Kopf. Der Mann sagte:Seit du vor mir stehst, weiß ich es auch Nicht mehr. Vielleicht hat meine Mutter mich einmal so gesehen, wie ich dich vor mir sehe. Den Weg, den ich ging, kann ich nicht zu Ende gehen." Er murmelte:Zu ihr muß ich zurück. Ich wäre ihr fast aus immer verloren gegangen. «Hab Dank, du Kinb", sagte er zu Wendel, und Wendel sah in ein ganz verändertes gutes Gesicht.Dort geht's zur Mutter", sagte der Mann und deutete rückwärts und wandte sich und verschwand zwischen den' nett.

Wendel und Schönfuß und Tirili gingen auf der Straße weiter und Kluge wand sich böse im Staub hinterher.

Auf einmal war der Wald zu Ende erst kam em graues ödes Feld, und weiterhin standen graue Hauswürfel mit schwarzen Fensterlochern, einer neben dem andern, und Qualm und Rauch breitete sich darüber aus.

Wendel fragte erschrocken:Wer wohnt dort?"Viele Menschen, sagte Kluge.Auch Kinder?", fragte Wendel.Viele Kinder", sagte 5U1'!scf) will sie hinausführen", sagte Wendel,aus dem Qualm und Rauch in den Osterwald".Sie werden nicht kommen", sagte Kluge,sie haben dort alles, was sie freut. Tiere aus Blpch, die man aufziehen kann, daß sie sich bewegen, Kästen und Drähte, die Musik machen, Bücher, in denen d,e Geheimnisse der großen Leute stehen. Die kommen nicht nut dir rn den Wald" Ich will es doch versuchen", sagte Wendel und ging mit seinen Tieren in die große Stadt hinein. Er hatte den Arm um den Hals von Schönsuß gelegt und Tirili saß auf seiner Schulter. Stfuge traute sich nicht mit in die Stadt aus Angst, überfahren zu werden.

Die Kinder in der großen Stadt fahen zum Fenster hinaus; als sic Wendel und seine Tiere erblickten, liefen sie die Treppen herunter und ließen ihre Tiere von Blech und ihre Kästen, die Musik machen, und ihre Bücher der großen Leute und gingen Wendel und den Tieren nach. Und es wurden immer mehr Kinder, ein ganzer großer Zug, alle Kinder, bte in der Stadt wohnten; und welches Kind nicht gehen konnte, das ließ sich von den andern führen oder in einem Wagen schieben. Und Wendel führte sie in den Osterwald zu den Osterblumen und den großen blühenden Bäumen. Die Vögel empfingen die Kinder mit ihren Liedern, die kleinen Bäche fprudelten und blinkten, die Rehe blickten durchs Gesträuch und die Hasen machten ihre Männchen vor ihnen. Aber Schönfuß ließ sich streichelu und Tirili slog von einem Kind zum andern. Es war unausdenkbar schön für die Kinder. Als sie spät abends alle in ihren Betten lagen, träumten sie weiter vom Osterwald. .... _ - , . ...

Wendel hatte sie mit seinen Tieren zurückbegleitet. Daun kehrten sie in den Wald an den Teich zurück, in den die drei Funken gefallen waren und schliefen vor Müdigkeit ein. Rur die Schlange bewegte sich leise. Sie konnte nicht schlafen. Sie kochte vor Wut, daß sie dreimal nicht recht behalten hatte. Als es hell wurde, kroch sie zum Wasser und wollte sehen, ob nichts aus ihren Eiern gekommen war. Da spülte die Flut ihr die Eier hin, die waren verfault und verdorben.

Kluge kehrte zu den Schlafenden zurück und sah Wendel giftig ms Gesicht und sagte:Dir soll die Welt auch nicht gehören", und zu Schönfuß und Tirili:und dir und dir auch nicht".

Eben hob sich die Sonne empor und schwebte zwischen den Bäumen. Du siehst nach deinen Kindern", fauchte Kluge,vor mir kannst du fte nicht schützen" und sie versetzte Tirili einen tödlichen Biß. Und Tirili schüttelte sich und wurde ein goldener Funken und flog in die Sonne hinein. Die beiden anderen waren aufgewacht.Aber dich erreiche ich", sagte Kluge und stach Schönsuß ins Herz. Und Schönsuß hob sich auf und wurde ein goldener Funken und flog in die Sonne.

Kluge stürzte sich auf Wendel:Willst du auch kommen?', fragte d,e Sonne. Wendel hob feine Arme auf und bat:Laß mich hier." Und Wendel fühlte sich unter dem Biß der Schlange wie aus einem Traum tauchen.

Blick unser deutsches Volk au. Wir waren Streiter durch den Streit mtb" haben Taten getan, davon die Kunde nicht vergehen wird, solange Menschen auf Erden atmen. Aber wir waren auch immer wieder Streiter durch das Leid. Als Napoleon die Gottesgerßel über uns schwang. Als irembe Völker dreißig Jahre auf dem Boden unseres Vaterlandes ihre Kn>ge austrugen; denn nicht ein Krieg war es, sondern Krieg nach Krieg Krieg aus Krieg. Woraus aber ist unser Volk großer hervorgegangen, au bCmAu^dem^Leid^ Wer wollte daran zweifeln? Ein Menschenalter nach jenem europäischen Kriege, den wir den Dreißigjährigen nennen und der unser Heimatland tiefer verwundete, gefährdender ausbluten ließ als der Krieg der nun auch schon fast zwanzig Jahre währt, wurde Johann Se­bastian Bach geboren. Und als noch kein volles Menschenalter nach ^ena und Auerstädt vergangen war, schrieb Johann Wolfgang Goethe den

d-m --<» D» russt:

rast über das Wort des Elias hinweg:So mmm, Herr, meine Seele. ? Du willst das Leid abwerfen? Du hebst Deine Hand wider Dich selbst, um? a

"Di^äKuN°°^Di^bie Worte, die Du Anderen zum Trost sagtest?" ^Welche Worte?"

Nur aus den Vernichtungsbränden steigt der Vogel Morgenrot.

Tod ist Leben, Leben Tod.

Nirgend Anfang, nirgend Enden."

Ja auf erftetjen!"

Dem Karfreitagsleid folgt in jedem Leben ber Ostermorgen.

Der Mann gab seiner Frau bie Hand unb legte, als auch bte Augen sich gefunden hatten, ihren Arm in ben seinen. Emen Augenblick dnrch- zitterte es sie, deren Worte tapferer geklungen hatten als ihr Herz:Wohin? Doch schon sagte der Mann:Komm. Heim!" Der Himmel hing noch tiefer auf bie Erde herab. Es schneite. Die Bäume froren. Als die Hermkehrenden in ben Garten traten, rief der Mann:Schneeglöckchen! Die hast Du sicher noch nicht gesehen!" Er pslückte eines ab und steckte es der Schweigenden an die Brust. Da sie unter den Bäumen hingingen, staunte der Mann: Ist es möglich, der Spindelbaum griinelt!" Die Frau antwortete:Das sah ich in der Tat noch nicht!", und sie brach von dem Untergeholz des Parkes Zweige ab, die voller Erstlingsblättchen waren, um sie vor dem Heimgekehrten hinznstellen.Hörst Du dort oben den Fink?" fragte ber Mann. Die Frau nickte.Weißt Du auch", fragte ber Mann weiter,wie ber Volksmund seinen Ruf beutet, wenn er ihn, Wie jetzt, im verschneiten Märzbaum ausstöht?"Ja", erwiderte die Frau, ,,'ch weiß es:De, Tied is door! Dei Tied is door!" Vielleicht ist nun wirklich bte Zeit da, daß Gott das Leid unseres Volkes, daß Gott auch Dein Werkleid wendet. Wenn aber nicht"Mich zu knussen, daß ich begreife, hast Du nicht notig! meinte der Manm Die Frau lächelte. Nachsichtig, gütig. Der Mann Wollte, die Treppe empor, in das Haus eilen.Halt!" tief die Frau.Hier Wartet noch einer, daß Du ihn nicht wieder übersiehst." Als der Mann die Bluten des Winterlings erkannte Sonnentüpfelchen im Märzenschnee kamen ihm nach Wochen der Wirrnis Tränen. Er schämte sich ihrer nicht.Du weinst?" tastete die Frau sich zu ihm hin.Nun", anwortete der Mann, nun, da das Leid sich in mir löste, da das Leid mich erlöste, nun darf und soll in unserem Hanse Ostern werden."