Verantwortlich: Or. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univeriitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gieben.
Zum Amtsbezirke der Stadt gehörig, aber reichlich eine Meile südwärts, lag ein großes Dorf: im Rücken Buchen- und Tannenwälder, vor sich das breite, silberne Band eines Flusses, der ein weites Wiesental durchströmte. Auf einem Vorsprunge oberhalb des Wassers stand der Kirchspielskrug mit seinem alten, wetterbraunen Strohdachs, den seit Menschengedenken stets der Sohn von dem noch rüstigen Vater überkommen hatte. Land- und Gastwirtschaft gingen Hand in Hand: die Gäste fanden neben bäuerlicher Behaglichkeit billige Preise, frische Butter zum selbstgebackenen Brote und goldgelben Rahm zum wohlgekochten und geklärten Kaffee.
Unterhalb des Gartens der sich schräg abfallend bis fast an das Fluhufer hinabzog, war das Abnahmehaus*, wo noch vor kurzem der Vater des letzten bäuerlichen Wirtes wohnte. Zwar hatte auch er, gleich seinen Vorvätern, den Staven** mit allen Gerechtigkeiten seinem Sohne abgetreten; ^ber an Sonn- und Festtagen, wenn die Gäste zu Wasser und zu Qaifbe aus den benachbarten Städten heranzogen, stieg er in seinem besten Staate nach seiner alten Wirtschaft hinaus, um vorne in der kleinen Gaststube den Ausschank zu verwalten und dabei sein« Geschichten von Anno damals an den Mann zu bringen. Und selbst die Stammgäste hörten es gern noch einmal, wie er im Walde drüben den großen Wildeber von seines Vaters gelben Semen abgesagt oder wie er drunten am Flusse Ottern aufgelauert hatte, die in mondhellen Nächten an dem Dorf oorbeigeschwommen waren.
Aber die bäuerlichen Besitzer hatten Haus und Garten verkauft und sich weit vom Dors« auf ihr Land hinausgebout: und mit ihnen verschwanden neben den alten Geschichten auch die billigen Preise, der goldgelbe Rahm und di« frisch getarnte Butter.
--Der neue Wirt war Herr Zippel. Es schien unglaublich, was er alles leistete, noch mehr, was er alles leisten wollte. Sein jetzt schon ziemlich angegrautes Haar befand sich stets im Zustande höchster Aufgeregtheit; er wollte zeigen, was aus diesem Erdenfleck zu machen sei, den seine dummen Vorgänger so lange als totes Kapital von Hand zu Hand gegeben hatten; nicht einmal einen Namen hatten sie für ihr „Etablissement" ersinnen hönnen. Es sollte gründlich anders werden!
Und schon war der hinter der Gaststube liegende Tonzsaal durch
* Altenteil. — "Bauernstelle mit den dazu gehörigen Ländereien.
brachen worden und daran nach der Flußseite eine große Veranda in den Garten hinausgebaut. Eben wurde von den Zimmerleuten ein« schwere Bekrönung ^daraus befestigt, welche auf blauem Grunde in goldenen Buchstaben eine fußhohe Inschrift in die Welt hinausstrahlte.
Herr Zippel stand sehr bettachtend der Veranda gegenüber neben einem alten Bauer aus der Nachbarschaft. Der all« rauchte behaglich seine kurze Pfeife. Herr Zippel hatte die vor fünf Minuten angezundet« Zigarre schon bis zur Unkenntlichkeit zerbissen, seine Augen leuchteten, seine Finger spielten unruhig in der Luft; als nun aber endlich da droben der letzte Hammerschlag verhallt war, las er halblaut mit vor Erregung bebender Stimme: „Hermann Tobias Zippels Wald- uni) Wafserfreude!" Dann nickte er bestätigend mit dem Kopf«, ergriff den Arm seines Nachbarn und zeigte nach dem Fluß hinab, wo an zwei neuen, weiß und grün gestrichenen Booten dieselbe Inschrift auf dem Wasser schaukelte.
„Ja, ja, Nawer,“ sagte der Bauer in seinem Platt, „bat kost t wat! dann nickte er auch und rauchte ruhig weiter.
Herr Zippel \al) ihn fast entsetzt an. „Kosttt was, meint Ihr? - Bringt war ein, lieber Freund! Bringt was ein!“ Und liebreich, aber mit begeisterter Ueberlegenheit klopfte er dem Allen auf die Schulter.
„Ihr versteht das nicht," fuhr er fort, da jener statt der Antwort nur ein paarmal hustete; „wird auch kein Mensch von Euch verlangen!
Damit führt« er den ruhig Fortrauchenden durch die offen« Veranda in den Tanzsaal und blieb derselben gegenüber vor einem Piano stehen, dessen Deckel er mit gewandter Hand zurückklappte.
„Hm!" sagte der Alt«, nachdem er sich die Sache eine Zeitlang angesehen hatte.
„Nun?“ {rüg Herr Zippel.
Und endlich kam die ersehnte Gegenfrage, ob denn nicht ine Tochter, „bat lütt Seern", auf diesem Ding da spiele.
Jetzt aber war Herr Zippel in seinem Fahrwasser: das Kind, da» Genie, das sie in ihren roten, fünf Zoll langen Schühchen schon gewesen! Sein unerschöpfliches Thema war angebrochen.
Der alte Nachbar betrachtete unterdessen eine seitwärts angebrachte Einrichtung; es war eine Estrade mit einem kleinen Sitz und einem be- weglichen Notenpult davor, alles hübsch in Holzmanier gestrichen uni lackiert. Diese Einrichtung war für ein zweites Genie, das der neue Witt schon innerhalb der ersten acht Tage hier im Dorfe selbst entdeckt hatte. Es steckte in einem kleinen, hinkenden Schneider, welcher die Violine spielte und von dem einmal ein Musikfreund gesagt hatte, es sei chade, daß er nicht gelernt habe. In der Tat aber hatte er sich zu einer Art natürlicher Fertigkeit hinaufgearbeitet, ja mitunter brauch durch seine ungeschulten Töne etwas, das aus der Tiefe der Menschenbrust zu kommen schien und selbst den kundigen Hörer stutzig machte. Er hieß Peter Jensen; die Bauern aber, vielleicht in unbewußter Anerkennung, nannten ihn „Sttäkelstrakel". — Das dürre Männchen saß jetzt säst alle Feierabend auf den Bänken der Estrade und blickte auf ein chunkelsarbi- ges Mädchen, das schräg ihm gegenüber am Klaviere saß. Und mch! nur Tänze und Liedermelodien, selbst eine Mozartsche Sonate hatte die junge Virtuose mit ihm einstudiett. Herr Zippel unterstützte das nach Kräften, denn es gehörte mit zu seiner „Wald- und Wasserfreude; während draußen in der Veranda di« Gäste seinen Wein tranken und seine „Soupers“ und „Dejeuners" verzehrten, sollt« vorn Saale aus die Kunst ihre höhere Natur ergötzen.
„Seht Ihr, Nachbar," schloß er seine beredte Auseinandersetzung, „das ist es, was in der Bauernwirtschaft hier gefehlt hat!“
Der Alte nickte ein paarmal, während er wie prüfend mit seiner rauhen Hand das Notenpult betastete. „Süh, fühl“ sagte er endlich, ohne aufzublicken, „ward uns' Sträkelstrakel noch up sin ölen Sagen en Staatsmus'kcmt!" .
Aber Herr Zippel wurde von einem Arbeiter in den Garten geraten, und der Alte wanderte langsam hinterher, um zu sehen, was es denn dorten wieder Neues gäbe. _ ,, n „
Statt ihrer traten aus der Tür der Gaststube zwei ander« Gestalten in den dämmerigen Raum des Saales. Kätti, sie war die ein«, obgleich jetzt volle siebzehn Jahre alt, glich fast noch einem halberwachsenen Kinde; nur ihr« Wangen waren jetzt sanft gerundet und das blmche Braun derselben waren von einem roten Hauch durchbrochen, dm schwarzes Haar aber trug sie noch immer in zwei langen Zöpfen; w war eigensinnig, sie wollte es nicht anders, und auch die rote Schleife an der linken Seite durfte niemals fehlen.
Mit ihr, Geige und Bogen in der Hand, war der kleine Musikani hereingetreten. Er pflegte sonst nicht so früh am Nachmittage, sondern erst zu dem stets für ihn bereiten Abendbrot sich einzustellen; aber heute galt es, die Mozartsonat« zu dem Einweihungssefte der Veranda env zuüben. Nun hatte er auf den Ruf seiner jungen Meisterin mitten im Tagewerke Nadel und Bügeleisen fortgeworfen. .
Es war etwas stilles in der Erscheinung des Mädchens, wie sie K01 ans Klavier schritt uyb die Noten auflegte, während der klein« Mann schweigend seinen Platz erkletterte und, den Bogen am Anstrich, erwartend nach ihr blickt«. ,.
Plötzlich „Allegro, Sttäkesttakel!“ rief eine junge Stimme, und dayu> brausten die Töne der ungeschulten, aber tapferen Musikanten. Mitunter freilich, wenn es gar zu sorglos überhin ging, gebot dieselbe auch wohl „Hali“, und wieder „Halt“; und der Geigenbogen stockte endlich, nachdem er noch eine Weile feurig in die Figuren der nächsten Takte hinausgeschossen war.
Der kleine Geiger hörte sich nicht gern bei seinem Uebernamon nennen; wenn aber bei solcher Gelegenheit Kätti ihren Finger hob und ntu einer eigentümlich lieblichen Betonung sagte: „©trätet — Sttakel“, bann krümmt« er sich vor Wohlbehagen auf feinem lackierten Holzbänkchen, und unermüdlich wurden hierauf die hapernden Takte wiederholt, bi» das dunkle Köpfchen nickte und es wiederum mit losen Zügeln weiter- ging. (Fortsetzung folgt >
Zur «-Wald- und Wasserfreude".
Novelle von Theodor Storm.
(Fortsetzung.)
Ein« unschuldige Heimlichkeit begleitete dies Beisammensein. Kätti schwieg gegen jedermann, aus unbestimmter Furcht, es könne ihr geraubt werden; den jungen Primaner aber hielt eine Vs bewußte Scheu zurück, seinen Verkehr mit dem eigenartigen Backsischchen der Kritik seiner Kommilitonen auszusetzen. Und da Kättif ur jeden Ton das feinst« Ohr hatte, so entging es ihr nie, wenn unten durch die Haustür ein Gymnasiastenschritt hereinstürmte. Bevor er noch die unterste Treppenstufe erreicht hatte, war sie jedesmal verschwunden und huschte später aus irgendeinem Bodenwinkel in das Unterhaus hinab.
Und dennoch einmal! Wulf Fedders hatte eben ihr ßiebhngsheb gelungen, und Kätti faß vor ihm auf ihren dicken Büchern, die dunklen Augen wie im Traum auf ihn gerichtet, die eine ihrer schwarzen Flechten um die Hand geschlungen.
Sie Blumen in dem Walde, Sie Blumen auf der Halde, Sie blühn im Sun Mn fort.
Er hatte kaum geendet, da trat, ohne daß einer von beiden es bemerkte, der „forscheste" aller künfttgen Studenten in das Zimmer und warf mit einem derben „’n Morgen!" — es war nicht einmal Morgen feine rote Mütze neben ahnen auf den Tisch. ' z
Im Nu war Kätti aufgesprungen und flog an ihm vorüber.
„Was war denn das für eine schwarze Katze?" rief der Forsche.
„Es ist die Wirtstochter,“ entgegnete Wulf nicht ohne sichtbare Verlegen l) eit _
Der andere klopft« ihm vertraulich auf di« Schulter. „Ja sol — Du scheinst mit ihr zu schwärmen, alter Freund!"
„Sie ist ein Kind; sie hatte mir den Tee gebracht.
Kättt stand noch hinter der halboffenen Stubentür und macht« mit ihren kleinen Händen ein paar Krallen gegen den groben Eindringling, bevor sie ganz verschwand. Mit ihrem Freunde war sie wohl zufrieden. „Wirtstochter!“ Nur ,/die Wirtstochter I“, das Wott war ihr eben recht; auch er hatte nichts verraten wollen.
— — Aber das letzte Semester des Schülerlebens ging zu Ende. Als Wulf Fedders, um von feinem Witte Abschied zu nehmen, in dessen Wohnzimmer trat, kam ihm dieser mit einer Tapetenrolle in der Hand entgegen. „Leben Sie wohl, Herr Fedders“, rief er; „es ist ganz recht, daß Sie dem Nest den Rücken kehren! Sehen Sie da!“ und er entrollte eine wirklich prächtige Tapete. „Zehn Mark Kurant per Stück, ich hab' sie selbst für feste Rechnung; aber glauben Sie, daß diese tnitferige Gesellschaft auch nur zu einem Ofenschirm davon getauft hat? Wenn Sie wieder dies« werte Stadt besuchen sollten, nach Hermann Tobias Zippel brauchen Sie nicht mehr zu fragen."
Kätti wurde vergebens gerufen; erst als das Fortrollen des Wagens durch das Haus dröhnte, schlüpfte sie oben aus einem dunkeln ©eiten« raume des Bodens.
In der Giebelstube war alles ausgeräumt; nur die Gitarre hing noch an der Wand. „Für Kättt" stand auf dem Zettel, der durch die Saiten geschlungen war. Jetzt wurde leis die Tür geöffnet, und auf den Zehen, als fürchte es auch jetzt noch überrascht zu werden, schlich das Kind herein. Als sie die Wotte auf dem Papierstreifen gelesen hatte, drückte sie ihre Lippen darauf und brach in lautes Schluchzen aus.


