einmal hatte er sie gefragt: „Willst du meine Frau werden?" Sie entsann sich genau: in der Keithstratze war es gewesen, lange, bevor Büchner kam, lange, bevor der Theatergedanke da war. Ganz jung war sie gewesen, und er war ihr so alt vorgekommen, und dann war die Scheu da: er ist reich, sie werden alle sagen: „Isa ist schlau, sich den Vetter zu fangen." Sie kannte doch die lieben Verwandten und Freunde. Dann das zweitemal: Großmutter hatte Geburtstag, und er hatte sie alle ins Union-Hotel eingeladen, hatte den Tisch festlich schmücken lassen, hatte eine kleine Rede gehalten, und, als sie aufbrachen, war wieder die Frage gefallen. Sie war fortgelaufen; am nächsten Tage aber hatte Büchner mit ihr gesprochen; er hätte sie beobachtet, glaube an ihr Talent. Da hatte sie zugegriffen: Arbeit — Theater, das mußte Leo ja fernliegen, das war ja eine andere Welt. Sie hatte gehofft, ihn zu schrecken. Aber sie hatte ihn nicht geschreckt.
Büchner! Da war der Gedanke.
Isa schloß die Augen fester. Der Gedanke schmerzte. Warum fand sie keinen beruhigenden Schlaf? „Hätte ich doch das Mittel genommen", dachte sie.
Sie hatte Büchner nicht mehr gesehen seit der unglückseligen Probe. Er war abgefahren ohne ein Wort. Das hatte weh getan, bitter weh. Er mußte doch empfunden haben, wie es um sie stand; er war doch nicht blind. Ebensowenig wie sie blind war gegen Leos Liebe. Und kein Wort zum Abschied. „Er hätte meine Liebe nicht so zurückweisen dürfen." Aber wies sie Leos Liebe nicht ebenso zurück? Sie suchte ihre Gedanken zu bremsen, aber sie gingen unerbittlich weiter. Es war ja etwas Wundervolles um eine große Liebe, um eine wartende, werbende Liebe. Wie die ihre wohl gewesen. Wie die Leos sicher war. Eine Liebe, die immer wieder bittet und immer wieder fragt. Wie oft hatte sie sich gesagt: „Er wird ja lernen, mich wiederzulieben, meine Liebe muß ja seine wecken." Und er war gegangen, ohne ein Wort.
Durfte sie Leo auch so weh tun? War es nicht Sünde, ihn zurückzustoßen? Sie wußte nun: Es gibt so wenig große, echte Liebe in der Welt, daß man dankbar fein soll, wenn sie einem dargebracht wird, daß man sie festhalten soll, weil sie das Edelste ist, was ein Menschenherz zu verschenken hat.
Nein, sie hatte kein Recht zu verwunden, wo sie glücklich machen konnte.
Was hatte der Arzt gesagt? „Lebenswille!" Was hatte Gertie gesagt? „Du mußt ihm helfen, du!"
Sie kannte nun ihren Weg.
Da kam auch die große Ruhe über sie.
Als Jfa am nächsten Tage ins Krankenhaus trat, hatte Peter seinen Willen schon allein durchgesetzt: er lag in der dritten Klasse als Kassenpatient. Der Saal hatte zwölf Betten, aber Peter war zufrieden. Er hatte noch seine Kompresse aus dem Kopf, sah aber schon aus anderen Augen: frisch, fieberfrei. Er winkte ihr entgegen; in feinen Augen stand schon wieder Lachen und Lebenswillen.
„Gertie war bei mir", sagte er, „sprechen konnten wir hier ja nicht viel, aber gefreut hat es.mich doch."
Isa war's froher ums Herz. „Was hast du denn mit Gertie?" fragte sie und konnte sogar schon lächeln. Sie ahnte plötzlich Zusammenhänge, erinnerte sich: Wie oft gatte Gertie früher in Berlin nach Peter gefragt, wie gern hatte sie ihn in ihrem Auto mitgenommen, in dem kleinen, grünen Wagen, der jetzt soviel Sorge und Leid gebracht hatte. Fest sah sie Peter an. „Also, was ist mit Gertie?"
Er zwinkerte mit den Augen. „Nicht neugierig sein, Kleines. Ich erzähle es dir später."
Ein Weilchen saß sie an seinem Bett, stumm, wortlos, denn er sollte ja noch nicht viel sprechen. Durch den weiten Raum blickte sie, über die anderen Krankenbetten, in denen still und blaß Menschen lagen, die sie nicht kannte, die ihr nun aber mit ihrem Schicksal verbunden schienen: gemeinsames Erleben, Kameradschaft im Leiden. Ihr Frohmut sank: warum mußte es auf dieser Erde Krankheit geben, auf dieser (Erbe, die doch eiegntlich so schön war?
Noch einmal faßte sie Peters Rechte. „Ich bin bald wieder bei dir." Dann stand sie auf und ging zu Leo.
Ein Schreck durchfuhr sie: er lag fast bewegungslos. Eine Schwester faß an feinem Bett: also ständige Wache. Sie wußte, was das hieß: Gefahr.
Sie wollte wieder gehen. Aber da hob er die Lider, sah sie an, bewegte die Lippen. Sie mußte sich über ihn beugen, um ihn zu verstehen.
„Danke, Isa." Und dann wieder wie gestern: „Bleibst du?"
„Ja, Leo."
„Es wird schon besser werden."
So setzte sie sich an die andere Seite des Bettes, der Schwster gegenüber. Wieder legte sie ihre Hand auf die seine. Es war ganz still im Zimmer. Es wurde auch ganz ruhig in ihr. Sie sah Leo an, sah, wie er atmete, sah, daß er atmete. Das genügte ihr.
Einmal dachte sie: „Gestern im Auto kam mir mein Leben noch sinnlos vor, zwecklos, heute sitze ich hier, und das ist schon ein Lebenssinn, ein Lebenszweck." Eines wußte sie selbst noch nicht: Daß sie auch wieder ein Lebensziel hatte.
Aber sie spürte wie drüben bei Peter: Kameradschaft im Leiden, Der- bundensein in Schmerz und Sorge. Sie faltete die Hände ineinander und begriff plötzlich, warum Gott die Krankheit in die Welt geschickt; denn sie öffnete Tore, zeigte Wege, hemmte allzu heftig Stürmende. Ein Gedanke wurde fest in ihr: „Vielleicktt sind diese weißen Zimmer die einzigen Zellen der Rast für Herz und Hirn in unserer verhetzten Zeit; wer hier liegt, mer hier sitzt, muß einmal ganz tief über sich und feine Umwelt Nachdenken.
So saß sie, sah immer nur den Vetter an, Leo Queis. Und wieder war Erinnerung da: an weiche, liebe Worte, die sein Mund gesprochen, an warme Blicke, mit denen feine Augen sie umfaßt. Und Mund und Augen
waren fetzt geschlossen. Da tarn ein Sehnen in ihr auf: nach jenen Worten, jenen Blicken. Sie wartete, und die Zeit strich dahin.
Die Aerzte kamen zur Visite. Sie stand leise auf, ging hinaus, blieb dicht an der Tür, lauschte. Nun klopfte ihr Herz. Drinnen waren ihr die Stunden nicht lang geworden, hier draußen schienen ihr die Minuten ohne Ende.
Endlich war der Professor fertig, trat heraus. „Sie sind seine nächste Verwandte?" Sie nickte. — „Wir sind zufrieden", fuhr er fort. „Herz und Lungen tadellos. Der Körper arbeitet besser, als mir heute früh erwarteten. Ich glaube, wir können volles Vertrauen haben, wenn wir natürlich auch nie vergessen dürfen, daß der Eingriff schwer war." Er machte eine Pause, sah sie an, prüfend, durchdringend. „Sie können wieder hineingehen. Aber denken Sie auch an sich selbst. Essen Sie, schlafen Sie, machen Sie sich Bewegung. Damit Sie nicht selbst elend und nervös werden. Nervöse Menschen dürfen wir nicht im Krankenzimmer dulden, sie schaden." Sein Gesicht war ernst, jetzt hellte es sich auf. „Sie find die Schwester von dem jungen Herrn auf Station 3? Da haben Sie wohl schon selbst gesehen, daß Sie keine Sorge zu haben brauchen. Aber er darf uns nicht zu früh ausrücken. Am liebsten wäre er heute ja schon nach Jena gefahren. Ein paar Tage muß er noch Geduld haben."
Auch Isa mußte Geduld haben. Nicht nur mit ihrem Kranken, nicht nur mit sich selbst, auch mit Roses, mit allen dreien. Sie verstanden sie nicht. „Sie brauchen doch nicht immer im Krankenhaus zu sitzen. Ihr Bruder und Vetter sind doch in besten Händen." Sie stellten Ansprüche an sie: Durch Weimar mußte sie die Eltern begleiten und nach Tiefurt und Belvedere. Am Dienstag hatte sie sogar mit in das Goethe-Theater kommen müssen, um Gertie zu sehen. Der Gedanke „Theater" war ihr zuerst furchtbar gewesen, aber bann hatte sie (Berties Spiel doch gepackt, hatte sie mitgezogen selbst in ihrer trüben Stimmung, und sie mußte Fleischmann zustimmen: es war eine große Leistung. Später hatten sie wieder im Hotel zusammengesessen, diesmal mit Gertie, da hatte sie es der Freundin gesagt: „Wirklich wundervoll, jetzt glaube ich auch an dich." Glücklich war Gertie über das Wort gewesen; sie war überhaupt glücklich. Vater war jetzt einverstanden; Fleischmann hatte ihn besiegt, hätte ihn mehr überzeugt als Ihr Spiel, aber das Wie war ja für den Enderfolg gleichgültig. Und Mutter Rose war stolz; sie halte sich von allen Zeitungen, die Kritiken brachten, zehn Exemplare oder mehr gekauft und verschickte sie an Bekannte.
Einen Augenblick der Ueberwindung hatte Isa der Abend gekostet. Gertie ließ sich nach dem Essen Ansichtskarten kommen und sagte: „Wir wollen an Doktor Büchner schreiben; ihm habe ich doch alles zu danken." Aber als die Karte dann vor Isa lag, schrieb sie ihren Namen mit festen Zügen.
Im Krankenhaus ging es aufwärts, mit Peter schnell, mit Leo langsam. Peter war ein ungeduldiger, Leo ein geduldiger Patient.
Wenn Isa zu Peter kam, schalt er: Auf die Aerzte, die unbedingt noch eine Bestrahlungskur mit seinem Schädel machen wollten, auf die Schwestern, die nicht duldeten, daß er las, auf die Autos, auf den Unfall, auf Isa. Und schließlich auf (Bertie. „Warum kommt (Bertie nicht her? Sie kann mich doch auch mal besuchen."
Isa beruhigte: „Sie hat zwei neue Rollen von Fleischmann bekommen. Sie hat keine Zeit."
„Verfluchtes Theater!"
Wenn Isa zu Leo kam, ging fein Blick freudig zu ihr. Jeden Tag war der Blick etwas frischer, freier, jeben Tag bie Stimme etwas klarer, lauter. „Bitte, telephoniere boch nach Scherkalben, Jfa, unb sag' ..Ein kleiner Auftrag folgte unb machte Jfa froh. Oder er bat: „Besorge mir ein bißchen Kaviar, Isa, aber du mußt auch davon essen." Er wandte sich zur Schwester: „Ob ich schon ein (Blas Sekt trinken darf? Fragen Sie doch den Professor." Er wartete sehnsüchtig auf die Augenblicke, wo die Schwester das Zimmer verließ; Isa fühlte es; dann sagte er: „Ich bin so dankbar, Isa, daß du da bist."
Am Tage, an dem Peter entlassen wurde, teilte der Professor Isa mit: „Wir können jetzt bie Tagesschwester bei Ihrem Vetter fortlafsen. Er ist nun über ben Berg. Aber Sie müssen noch ein bißchen für ihn sorgen."
Sie stand mit Peter auf dem Flur: er schon zur Reise gerüstet/ eine Falte des Aergers auf der Stirn. „Nein, nein, du brauchst mich nicht zur Bahn zu bringen. Ich finde meinen Weg schon allein. Mich braucht niemand zu bringen, verstehst du, niemand. Hier hat sich keiner um mich gekümmert, soll mir auch draußen niemand mehr helfen."
„Sei doch nicht dumm, Peter, ich bringe dich."
Er zuckte die Achseln. „Wenn du durchäus neben mir herlaufen willst? Ich kann's nicht hindern." Er packte seine Handtasche, bie sie ihm vom Hotel ins Krankenhaus gebracht hatte unb stieg bie Treppe hinab. Jeber Schritt war ein Vorwurf gegen bas Leden.
Durch ben schmalen Vorgarten gingen sie, burch das fchmiebeeiserne Portal.
Draußen stand (Bertie. Isa war erstaunt; bann fiel ihr ein: Richtig, sie hatte ihr ja bie Entlasfungsstunde mitgeteilt.
„Guten Tag, Peter", sagte (Bertie.
Er rückte an feinem Hut: „Guten Tag!" unb ging weiter.
Sie sah ihm ins Gesicht, lächelte. „Böser Peter?"
„Ich wüßte nicht, warum Ich böse fein sollte. Böse kann man nur auf Menschen sein, von benen man vorausfetzt, daß sie Interesse für einen haben. Zum Beispiel, wenn man im Krankenhaus liegt."
Wieder lächelte Gertie, diesmal aber zu Isa.
„Mach' kehrt, Isa, laß uns allein. Ich gehe mit zur Bahn. Ich bringe ben bummen Peter schon wieder in Ordnung."
Er nickte kurz, unwillig. „Geh doch, Isa, geh doch. Sie hat ja recht. Ob du neben mir herläufst ober sie, ist schon eins." Wieber rückte er an seinem Hut. „Auf Wiebersehen. Grüß Leo."
Gertie nickte ihr zu, immer noch lächelnb.
Da brehte Isa um unb ging ins Krankenhaus zurück.
(Schluß folgt)
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck unb Verlag: Vrühl'fche Llntverfitäts-Vuch- unb Steinöruckerei. Jt Lange, Gießen.


