GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1952 Freitag, den K Oktober Nummer 80
Drohung.
Von Carl Spitteler.
Wenn du dich noch einmal unterstehst Und mir im Kopf herumgehst. Hol ich gleich nebenbei Die Stadtpolizei.
Die hängt dir jedenfalls
Einen Schandbrief um den Hals, Damit jeder es liest, Was für ein Spitzbub du bist.
Wenn du mir das noch einmal machst Und mich im Traum anlachst, Guckt aus der Münstertür Der Kapuziner herfür.
Der malefizt dich mit seinem Latein Von Schwarztunst so rein, Daß von dir Hexenweib Bloß das Apfelhäuschen bleibt.
Wenn du mir nur noch einmal kommst Und nicht gleich zu mir kommst, Hetz ich mein Hündlein nach dir. Das beißt dich zu mir.
Dann sperr ich dich, Gott sei Dank, In einen gläsernen Schrank.
Ein Schlüssel hängt dran. Daß ich auch hineinkann.
Kuhwarme Milch.
Voll Dr. Eugenie Schwarzwald.
Als ich einmal in jungen Jahren in einem Marsroman las, auf dem Mars mühte jeder Mensch für sich allein in einem Kämmerlein seine Nahrung zu sich nehmen, taten mir die Marsbewohner leid. Gesellige Freude an den Gaben der Natur schien mir das wichtigste an einer Mahlzeit.
Neuerdings neige ich immer mehr zu den Sitten der Marsbewohner. Seitdem das Essen als Krankenkost ausgemacht erscheint und Gegenstand fortwährender theoretischer Erörterungen ist, hat man das dringende Bedürfnis nach einem stillen Winkel, um da gefräßig ein paar Bissen in sich hineinzuschlingen.
Es kann nämlich das gemeinsame Essen niemanden mehr recht freuen. Wenn die Dame, di« neben einem sitzt, mit todesmutiger Entschlossenheit nichts als zwei Bananen und eine halbe Grapefruit zu sich nimmt, der Herr gegenüber mit schlecht gespieltem Behagen seinen ungezuckerten Kamillentee schlürft und ber Tischnachbar einem die glückliche Botschaft ins Ohr flüstert, es gäbe jetzt ein Del, welches, ohne die geringste Veränderung zu erleiden, den menschlichen Körper wieder verließe, dann muß einem der Appetit vergehen. Wenn ich erst genau weiß, wieviel Kalorien und wieviel Vitamine eine Speise hat, dann habe ich die größte Mühe, sie zu schlucken. Ich bin ganz der Meinung meines achtjährigen Freundes Walter: „Was gesund ist, schmeckt nicht."
Ein Kind hat es nämlich im Instinkt: „Was schmeckt, ist gesund! Es will schwarzes Brot mit Butter essen. Es lechzt nach Obst. Es reißt die gelbe Rübe aus dem Boden, wo es ihrer habhaft werden kann und verzehrt sie, wenn es sich unbemerkt weiß, mit samt der Erde. Erbsen zu schälen, fällt keinem Kinde ein. Zur Zitrone steht es in einem geradezu . zärtlichen Verhältnis; um einer Limonade willen hat schon manches Kind Kopfweh simuliert.
Die Höhepunkte kindlichen Lebens in meiner Generation waren: in eine grüne Gurke, in eine rote Tomate, in eine gelbe Aprikose hinein- zubeißen; dagegen verhielten wir uns durchaus ablehnend zu eingebranntem Gemüse. Aber das half uns nichts, denn die Köchm, die aus der Tatra stammte, hatte die Gewohnheit, sogar das Kompott mit Meh^ einzubrennen. Gegenstand zu häuslichem Unfrieden bildete das täglich austretende gekochte Rindfleisch. Nicht einmal die Drohung: „Wenn du kein Rindfleisch ißt, bekommst du keine Mehlspeise", konnte verlangen. Bis ich endlich ein Mittel fand, mich dieser Speise zu entziehen: Ich behauptete nämlich, ick bekäme von ihrem Genuß eine rote Nase. Man sieht alle Kinder von einst standen ungefähr dort, wo heute der hygienisch informierte Mensch steht. Wenn man uns Kinder damals nach unlerer Lust hätte essen lassen, so brauchten wir letzt nicht alle eä>s Monate zu einer neuen Diät überzugehen, denn wir wußten, wie alle besseren ~iere es wissen, welche Nahrung uns gut tut. .
In voller Erkenntnis der bisher noch recht unerforschten ungehmeren Wichtigkeit der Ernährung, stehe ich doch mit den wechselnden opeije-
Methoden von früher Jugend an auf schlechtem Fuße. Natürlich nicht ohne Grund: das alles kommt von der kuhwarmen Milch.
Das war nämlich so. Am Ostersonntag, als ich mit meinen Eltern behaglich beim Nachmittagskaffee sah, kam unversehens Tante Emmeline dazu und sagte zu meiner Mutter: „Das Kind muß kuhwarme Milch trinken. Sie ist lächerlich mager, und da gibt es nichts besseres als kuhwarme Milch, ich habe es selbst in der .Gartenlaube* gelesen." Mit Unlust hörten meine dreizehnjährigen Ohren dieses Diktum. Erstens begegnete ich allen Aeußerungen meiner Tante von früh ab mit Mißtrauen, und zweitens ging mir das Wort „kuhwarm" irgendwie auf die Nerven.
Noch mehr aber die Sache selbst. Meine Mutter — jeder neuen Anregung im Interesse ihrer Kinder zugänglich — hatte nämlich leider bald einen Bauernhof ausfindig gemacht, nur zwanzig Minuten von unserem Wohnhause entfernt, wo man geneigt war, mir dieses köstliche Naß all- morgendlich vor der Schule direkt von der Kuh zu kredenzen. Nun begannen schlimme Tage. Es hieß eine ganze Stunde früher aufftehen, bei jedem Wetter den schlechten Weg gehen, um dann am Ziele das unangenehme Getränk mit zugehaltener Nase einzugießen. Der Stall roch abscheulich. Das Kälbchen, dem man seine angestammte Nahrung wegsoff, tat einem leid. Die unerhörte Intimität, in der man gezwungen war, mit einem anderen Lebewesen zu stehen, erweckte Abscheu. Das Ganze war eine Zumutung.
Aber nicht lange. Ein lebensfähiges Kind weiß jede Sache so zu drehen, daß zuletzt ein Rosenschimmer von ihr ausgeht. Ich konnte schon ein wenig Latein und wußte, daß es heißt: Solamen miseris, socios habuisse malorum. Ein Trost für die Unglücklichen, Leidensgenossen zu haben.
Solche Genossen begann ich anzuwerben. Mit dem Fanatismus aller Neubekehrten pries ich meinen Schulkameradinnen das Gluck des Genusses kuhwarmer Milch an. In kurzem war es in meine; Klasse die große Mode, kuhwarme Milch zu trinken. Bald schritt ich fröhlich an der Spitze einer kleinen, aber tapferen Schar von Kolleginnen zu bcr heilbringenden kuhwarmen Quelle. Was allein eine Pein und beinahe eine Schande gewesen war, mit Gleichgesinnten zusammen war es eine Ehre, jedenfalls ein Vergnügen. Ein flavifches Sprichwort sagt: Guter Gesellschaft zulieb läßt sich der Zigeuner sogar aufhängen. Genau so sind Kinder. Gemeinsamer Lebertran ist ihnen lieber als einsamer Nektar. Bild bildeten „die Kuhwarmen", so nannten wir uns, eine eigene Gruppe mit feststehenden Riten, einer Geheimsprache und kleinen Ueberheblichkeiten gegen die Umwelt, von der wir uns durch ein am Kleide angestecktes grünes Blatt unterschieden.
Den Höhepunkt aber erreichte unsere Unternehmung im Mai, als meine Freundin Hermine ihren Bruder Rudolf mitbrachte. Er war schon siebzehn Jahre alt und sah, darauf schwöre ich noch heute, sehr gut aus. Er nannte uns alle „Fräulein" und übte an uns alle Artigkeiten ein, die er in der Tanzstunde mit großen Mädchen getarnt hatte. Ich aber war ihm mehr. Mir brachte er an einem Tage einen Mniglockenstrauß, an einem andern ein Büscherl Walderdbeeren und eines Tages sogar — wie war das atemraubend schön — ein Gedicht. Er sagte es nicht, aber es war ganz deutlich: ich war seine Muse. Denn wenn er durch seine Dichtung ein Mädchen wandeln liefe, welches permanent ,chie rote Flamme" genannt wurde, so konnte das nur ich fein. Kannte doch die ganze Stadt das hochrote Kleid, das ich anhatte seit drei Jahren. Früher hatte ich es verwaschen und ausgewachsen gefunden. Jetzt war ich damit auch des Sonntags festlich angetan.
Jede Woche bekam ich ein Gedicht. Nie zuvor hatte ich geahnt, dafe die Natur, unsere klein« Stadt und meine Person so viel Stoff bieten könnten. Leider zog ich mir auf einmal den Zorn des Dichters zu. Ich war nämlich ohne besonderen Anlaß drei Tage dem Milchtrinken fern« geblieben. Da überreichte er mir, nicht wie sonst, mit einem vielsagenden Blick, sondern traurig und abgewandt ein Gedicht. Es stak ausnahmsweise feierlich in einem Umschlag. Sechs Strophen waren es, in denen Sehnsucht nach der Ungetreuen abgewandelt wurde, bei dem Refrain „O liebliche Schlange, mir ist so bange" schauerte ich jedesmal zusammen. Aber auch das war Glück. Alle meine Tage waren durchsüfet und durchsonnt. Mein Ansehen in der Klasse aber stieg von Stunde zu Stunde.
Am 29. September, am Michaelistag, ich weife das Datum deshalb, weil wir „Kuhwarmen" vorhatten, zur Feier des Tages im Freien Kartoffeln zu braten, stürzte Tante Emmeline in unser Speisezimmer. In der Hand schwang sie ein Heft von „lieber Land und Meer". „Denkt euch", rief sie aufgeregt, ,cha drin steht, dafe kuhwarme Milch Tuberkelbazillen enthält und für zarte Kinder Eist ist." „Sag mal", fragte sie mich mit jenem Vorwurf, der ihrer Stimme angeboren war, „du trinkst doch nicht etwa kuhwarme Milch?" „Doch!", antwortete ich ruhig. „Um Himmelswillen, dann mußt du sofort damit aufhören", sagte sie in jenem Ton. der in unserer Familie als kategorisch galt.
Der nächste Tag war schwarz verhangen für mich. Ich mußte in der Klasse bekennen, dafe das mit der kuhwarmen Milch ein Irrtum der


