Das Kind am Brunnen. 1
Bon Friedrich Hebbel.
Frau Amme, Frau 2lmme, das Kind ist erwacht!
Doch die liegt ruhig im Schlafe.
Die Vöglein zwitschern, die Sonne lacht, Am Hügel weiden die Schafe.
Frau Amme, Frau Amme, das Kind steht auf, Es wagt sich weiter und weiter!
Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf, Da stehen Blumen und Kräuter.
Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief!
Sie schläft, als läge sie drinnen!
Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief, Die Blumen locken's von hinnen.
Nun steht es am Brunnen, nun ist es am Ziel, Nun pflückt es die Blumen sich munter: Doch bald ermüdet das reizende Spiel, Da schaut's in die Tiefe hinunter.
Und unten erblickt es ein holdes Gesicht, Mit Augen so hell und so süße.
Es ist sein eigenes, das weiß es noch nicht. Viel stumme, freundliche Grüße!
Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind Winkt aus der Tiefe ihm wieder.
Herauf! Herauf! so meint's das Kind, Der Schatten: Hernieder! Hernieder!
Schon beugt es sich über den Brunnenrand.
Frau Amme, du schläfst noch immer! Da fallen die Blumen ihm aus der Hand Und trüben den lockenden Schimmer.
Verschwunden ist sie, die süße Gestalt, Verschluckt von der hüpfenden Welle. Das Kind durchschauert's. fremd und kalt. Und schnell enteilt es der Stelle.
Das dunkle Gefühl.
Erzählung von Carl Ferdinands.
Wir vier Grauköpfe faßen bei einem Abendschöppchen und besprachen dies und das. Sanitätsvat Füllrott, der in feiner Jugend Schiffsarzt gewesen war und alle Küsten der alten und neuen Welt kannte, hielt uns mit heißen Geschichten in Atem. Aber allmählich wußte uns Freund Merkens wieder auf fein Lieblingsthema zu bringen, die geheimnisvollen Zusammenhänge des Lebens, die Unverständlichkeiten des Alltags, die unerklärlichen Zufälle, di« jeder in seinem Dasein zu kosten bekommt.
„Gut", meinte Dr. Füllrott, „auch hierzu will ich etwas berichten. Zwei Jahre war ich als Schiffsarzt gefahren, dann hatte ich genug und nahm eine Assistentenstelle an einem chirurgischen Krankenhaufe in Gelsenkirchen an, weil ich dort in der Nähe meiner Mutter war, deren Ge- fundheitszustand meine Aufmerksamkeit erforderte. Aber wie es so geht, eines Tages wuchs in mir wieder die Sehnsucht nach der langen Fahrt. Heimlich fragte ich bei meiner Schiffahrtsgesellschaft an und da ich in guter Erinnerung war, gelang es mir bald, eine Schiffarztstelle auf der „Flores^, einem der großen Qftasiendampfer, zu erhalten. Ich kündigte meine Stelle, bereitete eine neue Vertretung vor und begab mich nach Hamburg, nachdem ich mich durch Besuche bei meiner Mütter überzeugt hatte, daß ich wirklich nach menschlichem Ermessen beruhigt fein konnte.
Ich bezog, da der Dampfer erst in zehn Tagen ab fahren sollte, meine geräumige Ärztkabine und besorgte tagsüber im Hauptgebäude der Gesellschaft ärztliche Dienste: nachts sollte ich an Bord schlafen, wie das üblich ist. Und ich wußte von früher her, es schläft sich ganz gut da draußen am Pier, man wird eingelullt vom leisen Lärm des Hafens, von Sirenensignalen, fernem Dampfpferfengetön und ähnlichen Geräuschen der nie rastenden Arbeit. — Nach einem Klatsch mit einigen Kollegen von der Seefahrt, die auch eben im Hafen lagen, ging ich um Mitternacht an Bord und lag nach wenigen Minuten in dem schmalen Bett, dessen Form ich von den früheren Jahren her gut kannte. Weil ich von der Arbeit des Tages müde war, schlief ich bald ein:.wohltuend umspielten meine ersten Träume die Hoffnungen auf den Osten und seine Wunder.
Von einem drückenden dunklen Gefühl gequält, werde ich einige Stunden später wach, in Schweiß gebadet, unruhig, als ob mir eine schwere Krankheit bevorstände. Ich messe meine Körpertemperatur, sie ist normal: ich überlege, ob ich etwas gegessen haben könnte, was diesen Zustand bewirkte. Nichts, die Speisen waren einwandfrei. Ich untersuche mich selbst, soweit es geht, ich klopfe, horche mit dem Membranstethoskop — wieder nichts zu finden. Und trotzdem dieser Zustand peinigender Beklemmung.
In diesen Arztkabinen ist zugleich die Apotheke des Schiffes untergebracht. Da ich doch nicht schlafen kann, mache ich mich daran, alle
Flaschen nochzuschen, die Stöpsel festzuschrauben und stark riechende Stoffe besonders gut zu verwahren. Alle Behälter sehe ich nach: ich denke, daß vielleicht, obwohl ich sie nicht rieche, eine ätherische oder alkoholische Ntedizin ausgelaufen sei, aber die Apotheke war in musterhafter Ord- nung. — Morgens ging ich, nachdem ich mich von meiner normalen Körpertemperatur überzeugt hatte, an meinen Dienst, etwas müde von der schlechten Nacht. Bis spät nachmittags hielt mich die Arbeit fest, dann aß und trank ich recht vorsichtig, fühlte mich den ganzen Tag aber sehr gut und kam gegen elf Uhr mit dem Ersten Offizier aufs Schiff. Wieder schlief ich ein, wieder wurde ich im Morgengrauen herzklopfend wach, der Schweiß war nicht so stark, dafür aber die drückende Angst desto heftiger. Es war keine Angst mehr, es war ein Grauen vor etwas Unbekanntem, eine unfaßbare Gebensnot, an die ich auch jetzt noch nur mit Schauder, denken kann.
So geht das nicht weiter, beschloß ich am Morgen, ging zu einem Kollegen und ließ mich von ihm von Kopf bis zu Fuß untersuchen. Ich wollt', ich hätte Ihre Gesundheit, sagte der. Von der nächtlichen Angst hatte ich ihm nichts erzählt. Die nächste Nacht schlief ich in einem Gasthaus in der Stadt, prachtvoll, ohne aufzuwachen, von abends bis in den Hellen Tag hinein.
Die nächste Nacht wieder in meiner Arztkabine: ich schlief Überhaupt nicht ein, lag wach, quälte mich und machte mir Gedanken. Ich begann, die Reise nach dem Osten sorgenvoll anzusehen, ich empfand, ohne daß ich es mir eingestehen wollte, untergründig, eine Warnung vor dieser Reise: man hatte doch gehört, daß Leute durch Ahnungen gewarnt würden, wenn dem Schiff ein Unheil auf der Fahrt geschah. Ich besah, indem ich alle Lampen anzündete, noch einmal die ganze Kabine, fand aber, daß. sie sich in nichts von den Sabinen der Schiffe, mit denen ich früher gefahren war, unterschied. Trotzdem kehrte ich auch eine fünfte Nacht in. diese unheimliche Klause zurück.
In biefen Stunden litt ich vielleicht am stärksten, weniger körperlich als geistig, weil alle Seelenkräfte sich dagegen wehrten, von diesem uu- betannten Einfluß besiegt zu werden. Ich war davon überzeugt, daß ein unbekanntes Etwas mich warnen wollte. Vielleicht drohte dem Dampfer, vielleicht meiner Mutter oder mir selbst etwas. Jedenfalls aber war die Vorstellung, daß ich in dieser Marterkammer eine ganze Oftafienreife aushalten sollte, unerträglich. Obwohl sich meine Männlichkeit dagegen sträubte, dachte ich mir einen Grund aus, weshalb ich die Fahrt nicht antreten könnte. Der Gedanke schon machte mich froh und löste mich von untragbarem Druck.
Am andern Morgen ging ich ins Bureau der Gesellschaft und verhandelte: leichter als ich dachte, war ein Ersatz zu finden, und ich freute mich, meinen Nachfolger, einen frischgeprüften jungen Kollegen, kennenzulernen. Daß er mir am Vorabend der Abfahrt erzählte, wie herrlich er die letzten Tage in der Arztkabine geschlafen habe, beruhigte mich außerordentlich. Und auch bei mir waren Angst und Qual wie ein böser Traum verschwunden, seitdem ich in der Stadt schlief.
Trotzdem war ich überzeugt, daß mir etwas auf der Reise gedroht habe, und kam nun immer mehr zu der Meinung, daß das Leben meiner Mutter in meiner Abwesenheit gefährdet fei, nahm daher für die nächsten Monate nur ganz kurze ärztliche Vertretungen an und hielt mich hauptsächlich bei der alten Dame auf, die sich über die Aufgabe der Ostafien- retfe herzlich freute und ihrem Sohn noch einmal alle ßieblingsfpeifen der Kinderzeit vorfetzte und alle Liebe eines Mutterherzens zu spüren gab.
Dabei verfolgte ich mit heißer Spannung die Bewegungen des Dampfers, und als er nach etwa vier Monaten fahrplanmäßig am Pier anlegte — ich selbst konnte wegen der Uebernaljme einer wichtigen Vertretung nicht dorthin — kam ich mir wie ein Trottel vor. Also hatte das dunkle Gefühl doch einmal wieder getrogen, und man war statt eines Mannes ein Waschlappen gewesen.
Es war vielleicht ein Jahr her, als eine Versammlung ehemaliger Schifssärzke in Hamburg mir Gelegenheit gab, Näheres über die Fahrt der „Flores" zu hören. Mein junger Vertreter damals war zwar nach der einzigen Reise ins Binnenland gegangen und für uns verschollen, aber ein Bekannter von ihm erzählte mir etwas, das mich so tief bewegte, daß mir noch heute ein Schauder den Rücken herunterfährt. Der Kollege hatte sich einen Steward als Heilgehilfen für feinen ärztlichen Dienst herangezogen. Im Roten Meer, als alles, auch der Arzt, unter dem Schattende ck auf Stühlen lag, hatte dieser in der Apotheke geordnet und hatte sich, von der Schwüle überwältigt, auf dem Sofa — ich fehe es noch mit seinem grünen Uederzug unter den Bullaugen an der Wand stehen und habe jelbft in den bösen Tagen ost darauf gesessen — auf dem Sofa aus« gestreckt, um eine Weile zu schlafen. Als nach einigen Stunden der Arzt kommt, findet er ihn halb herabgesunken, gedunsen und röchelnd in den letzten Zügen daliegen. Der dachte zuerst an eine Vergiftung, aber ein alter Fahrensmann, der sich lange in Indien und den Sundainseln Herumgetrieben hatte, sah sich den Toten an, schüttelte den Kops, betrachtete die herabhängende Hand und den Arm und sagte bann: Alle sollen sofort aus dem Zimmer gehen, und als alle hinausgingen und er zuletzt, jagte er leise zu dem Kapitän und dem Arzt: Von der Kobra gebissen!
Der Zusammenhang ergab sich bald. Auf der Herreise war eine Truppe indischer Schlangenbeschwörer nach Hamburg gefahren, eine Kobra war aus der Haft entwichen, die Leute hatten es verschwiegen, die Schlange war, vielleicht vom Dufte der aromatischen Essenzen angelockt, in die Arztkabine gedrungen, war bei zunehmender Kühle ins Innere des Sofas gekrochen und hatte die kalten Wochen in Europa in einer Art Schlaf zugebracht. Die Hitze im Roten Meer erweckte sie, die herabhängende Hand des Stewards, die sich vielleicht bewegte, reizte sie zum Angriff und schlafend erhielt der Unglückliche die Todeswunde. — M>t langen Stangen stöberte man die Kabine durch und sand die Schlange in der Polsterung des Sofas.
Das war mein dunkles Gefühl gewesen. Aber war es nun einfach Witterung, tierisch-feine Witterung, oder war es eine dunkle Vorahnung, die mich nicht zur Ruhe kommen ließ? Wer weiß es?
Beran twörtlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Berlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, B. Lange, Gießen.


