öen Nebeln ballen sich wogende Bilder, Gesichte erscheinen, und wie der 'Uionh — man ahnt ihn nur — über der Fjordwand austaucht, wird die Stunde ganz geisterhaft. Es könnte sein, dah der Troll umgeht, daß man in dieser Nacht wirklich dem Spuk begegnet, der dem Peer Gynt als der „Große Krumme" erschienen ist...
Stille der Nacht.
Don Gottfried Keller. Willkommen, klare Sommernacht, Die auf betauten Fluren liegt! Gegrüßt mir, goldne Sternenpracht, Die spielend sich im Weltraum wiegt! Das Urgebirge um mich her Ät schweigend, wie mein Nachtgebet; Weit hinter ihm hör ich das Meer Im Geist, und wie die Brandung geht. Ich höre einen Flötenton, Den mir die Lust von Westen bringt, Indes heraus im Osten schon Des Tages leise Ahnung dringt.
Ich sinne, wo in weiter Welt Jetzt sterben mag ein Menschenkind — Und ob vielleicht den Einzug hält Das vielersehnte Heldenkind.
Doch wie im dunklen Erdental Ein unergründlich Schweigen ruht. Ich fühle mich so leicht zumal Und wie die Welt so still und gut. Der letzte leise Schmerz und Spott Verschwindet aus des Herzens Grund; Es ist, als tat der alte Gott Mir endlich seinen Namen kund.
Darwin und die Dichter.
Von Dr. Friedrich Spreen.
Darwins wissenschaftliche Großtat ist heute, ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode, nicht mehr so allgemein anerkannt und unbestritten wie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, dem sein Wirken angehort. Man erblickt nicht mehr in der Geschichte der Erde und des Lebens nur eine sich langsam und stetig vollziehende Entwicklung, sondern räumt den os- misch bedingten Katastrophen der Revolution gegenüber der Evolution, eine größere Bedeutung ein. Auch der Fundamentalbegriss seiner Lehre von der „natürlichen Auslese" wird vielfach angegriffen und stark « = geschränkt Trotzdem bleibt ihm das unvergängliche Verdienst, der rtw stanimungs- und Entwicklungsforschung den Weg gewiesen zu haben und eine ganze geistesgeschichtliche Aera, die Zeit um die Wende vom 19 zum 20. Jahrhundert, hat unter seinem Einfluß gestanden. Das zoigt. sich am deutlichsten in den starken Spuren, die s<m Wirken in der Literatur jener Epoche hinterlassen hat, und es verlohnt sich wohl, diese Seite des Darwinismus einmal zu beleuchten^ . n(rfpn
2((ä Darwins grundlegendes Werk von der Entstehung der -Urten 1859 erschien herrschte in Deutschland der Materialismus und so waren es denn die führenden Geister dieser Richtung, Ludwig Buchner und Carl Vogt die zuerst für den Darwinismus eintraten.. Dagegen aber erhob sich' ein Entrüstungssturm, der hauptsächlich »lber die vmr Darwin gar nicht direkt ausgesprochene Abstammung des Menschen vom Mn sich entlud Erst allmählich lernte man, die fruchtbaren Ideen, deren Au bildung und Weiterführung Darwin selbst in seiner behutsam bescheidenen Weise nur angedeutet hatte, auch auf geistige Gebiete.auf Psychologie, Ethik, Soziologie, Geschichte und Ö mar
scharfsinnige Kritiker des Materialismus, Friedrich Albert Lange war einer der'ersten, der die Bedeutung des Darwinismus siir Natur logische Betrachtung der Welt, llr die Stellung des Menschen zur uca.ur untersuchte Man knüpfte jetzt die neuen Gedanken an die alten Probleme anTbVÄSW Geschichte der ^ilofop^ie unb Waturrnmenj schäft „Vorläufer Darwins". An Herder und Kant erinnerte man mit wenig Glück; mit stärkerer Wahrscheinlichkeit mochte Ha e ck e l >n seinen Dortrügen über „Natürliche Schöpfungsgeschichte (W , bie bii Äennt nis der neuen Lehre erst Deutschland vermittelten Gth- zumi P^t-n des Darwinismus, erfuhr aber schon 1871 in der Schnft Oskar Schmid s ..War Goethe ein Darwinianer?" gewichtigen Wiöer(pr'ch^chMn 6 Deraanaenbeit— in der Gegenwart muhte man die Geistesverwanolen Darwins suchen; die Gedanken seiner Weltanschauung lagen damals m, Dem^Dichterblick eröffnete der Darwinismus grandiose die Intasie mächtig anregende Bilder und Vorstellungen. <-t
»enkliche Vorzeiten zurückführende Heldendrarnc. der Welt- werdung, wies einen stolzen Weg zum Weiterschreiten s £.ret)[un9q hinauf zur Höhe, enthüllte das Geheimnis der R !! , „nö:aPeit bCg stellte den Einzelnen zugleich hinein in die ehern ^Wilhelm
Naturgeschehens, gegen das er in tragischem Ring ।
Jordan hat als „Dichter des Darwinismus vor Dar«m E m
seinem „Demiurgos" die „Züchtung einer neuen Horcher gatt 9 I r™ Erdkreis" gefordert und aus „der Wesen stetem Krieg; die Stngerung der Lebensform erklärt. In seinem Nibelung-n-Epas smd dann Äarwm^ sche Gedanken mit einer manchmal komisch wirk («untber sagt-
alten Mythen und Sagen hineingetragen, so wenn ».Gunther |aflL -.Denn Zuwachs durch Zuchtwahl für alle Zeilen l Ideen der
der wir leben." Noch stärker und unvermiNetter treten l» Ideen der modernen Naturwissenschaft in seinen beiden Romanen hervor, o ganz schematisch Beispiele der Rassenveredlung, der B rerbung uh°. °ar gestellt werden. Wie populär diese Gedanken in den 70er Jahren wuroe ,
wie wenig ernsthaft, ja spielerisch äußerlich sie damals noch behandelt wurden, zeigt ein „komisch-tragischer Roman": „Darwin" von Alexander Jung, in dem die wunderlichen Verwirrungen, Schrullen und Exzentrizitäten eines Phantasten karikiert werden, die die Lehre in seinem Hirn hervorgerufen. Der Verfasser sagt selbst, daß er seine Satire nicht etwa gegen Darwin selbst richte, nur gegen manche seiner Anhänger; er habe seinen Namen zum Titel gewählt, „wie man etwa den Namen eines gefeierten Helden in eine Fahne stickt ober ein Dampfschiff mit solchem Namen benennt".
Die tieferen poetischen Probleme, bie ber Darwinismus bot, wußte erst bie naturalistische Dichtung für sich zu gewinnen. Vor allem war es bas „eiferne Gesetz der Vererbung", das als ein wichtiges dramatisches Motiv auftrat. Ibsen verwandte es zuerst in der Nebengeftalt des Dr. Rank in der „Nora", der das lustige Leutnantsleben seines Vaters mit unheilbarer Krankheit büßt; er stellte es in den Mittelpunkt feiner Handlung in den „Gespenstern" (1881). Die Macht der „physischen Erbsünde", des Blutes vernichtet hier den Helden so erbarmungslos und unschuldig wie das Schicksal und der Zorn der Götter in der griechischen Tragödie. Die Gebundenheit des menschlichen Lebens durch die Mächte der Abstammung und des Milieus, das vergebliche Sichaufbäumen gegen diese von der Natur aufgerichteten Schranken, das Zerschellen und Untergehen des Menschen in diesem Kampf, das wurde ein Hauptthema des neuen Dramas und schuf den entscheidenden Konflikt in Hauptmanns Erstlingswerk „Vor Sonnenaufgang". Ueberhaupt lenkte Darwins Anschauung, nach der auch der Mensch als ein Produkt seiner Abstammung und feiner Umgebung erscheint, die Aufmerksamkeit ber Dichter auf Züge der Wirklichkeit, die bisher vernachlässigt worden waren. In Zola erftanb ein Dichter, der den Darwinismus in feinen kühnsten Folgerungen in die Dichtung übertrug. Der Riefenplan feiner „Rougon-Macquart" ist gleichsam ein Beispiel für bie Gesetze ber Auslese und Vererbung, der Entwicklung und Rückbildung in einem bestimmten Milieu, an einer einzigen Familie nachgewiesen. „Die Erblichkeit hat ihre Gesetze wie die Schwere", dieser Satz der Vorrede war das Leitmotiv. Die (Übertragung solcher exakten Gesetze der Naturwissenschaft auf bie Geisteswissenschaft hatte schon Tal ne versucht, der von Darwin beeinflußt, seine Milieutheorie für die Geschichte aufstellte. „Tugend und Laster sind Produkte wie Vitriol und Zucker", verkündete er. Sein Nachfolger 25 u n e t i e r e ist im „literarischen Darwinismus noch weiter gegangen und hat in ber Dichtung wie in der Natur bestimmte Arten erkennen wollen, so Lyrik, Drama, Roman, die wachsen, sich umformen und in ihrem Leben eine natürliche Zuchtwahl offenbaren wie die physischen Organismen.
Zola verlor sich in feinen Theorien auf Darwins Spuren nicht in solch schwierige geistige Spekulationen: ihm bot bie Abstammungslehre bie Handhabe für seine naturalistische Doktrin: Das „Tier im Mensch", den entarteten, deklassierten Menschen, der im „Kamps ums Dasein" zugrunde geht, wollte er darstellen. Die wundervolle Grundidee des Darwinismus, bie nicht bie Vernichtung bes entarteten, sondern die Züchtung bes höheren Menschen verheißt, hat Ni« tzsche zum Inhalt eines neuen Lebensgesiihls gemacht. Seine Lehre vom Uebermenschen bedeutet in gewisser Hinsicht einen Höhepunkt bes barwinistischen Einflusses, gibt einen dichterisch geschauten ibealen (Bebantenbau über dem gelehrten Fundament, bas ber Weise errichtet. Der Eindruck der Lehre Darwins ist auf Nietzsche außerordentlich groß und nachhaltig gewesen. Schon in der ersten unzeitgemäßen Betrachtung spielt er gegen Strauß eine „ernst und echt durchgeführte darwinistische Ethik" aus, mit ber man „den Philister gegen sich hätte", weil sie „kühnlich aus dem bellum omnium contra omnes (Krieg aller gegen alle) und dem Vorrecht bes Stärkeren Moralvorschristen für das Leben" ziehen würde. So führte ihn das Studium des Engländers auf die Idee der „Züchtung" einer stärkeren Rasse, der „Erhöhung des Typus: Mensch". Sodann übernahm er den Glauben an bie Vererbung erworbener Funktionen. Er kam dabei bis zu einem förmlichen Aberglauben an bie Sicherheit ber Vererbung: „In zwei bis brei Geschlechtern ist alles verinnerlicht." Der „Kampf ums Dasein" warb ihm zum „Willen zur Macht". Aber nicht aus einer entsetzlichen Notlage erklärte er wie Darwin ben Untergang des Schwächeren, sondern das Wesen der Natur schien ihm einen unendlichen Reichtum, ja Verschwendung in sich zu tragen. Und nur um dieser höchsten Ausspeicherung von Kraft willen ist eine stete Steigerung und Erhöhung bes Menschengeschlechtes vonnöten. „Das bionyfifche Fundament der Dinge" gestaltet den Sklaven um zum Herrn, zum Uebermenschen, ber bie Umwertung aller Werte in einer besseren Zukunft burchfetzen wirb. So entfernt sich Nietzsche von Darwin und ging zugleich weiter als alle anberen Rassenphilosophen, als ber Franzose Gobineau, als ber „Rembrandt- Deutsche" Langbehn, bie, ebenfalls auf ben Grundlehren Darwins fufjenb, zu ihren mehr ober weniger utopischen Menschheitsibealen kamen.
Von Darwins (Brunbgebanfen aus konnte man den Blick auch zurück in die Vergangenheit, zur Wiege ber Menschheit lenken, wie vorwärts zu einer geahnten unb geforberten Höhe. Das tat Heinrich Hart in feinem Sieb ber Menschheit", das die Entwicklung der Erde und des Menschen von dämmernden Uranfängen bis zur Gegenwart vorführen sollte. Der erste Gesang „Tul und Nahila" zeigt am deutlichsten ben Einfluß Darwinscher Gedanken, denn von affenartigen Vorfahren umgeben entfaltet ach hier ein erstes Menschenpaar in seinen primitiven Regungen erster Kultur unb Gesittung. Eine kosmisch-phantastische Ausgestaltung der Entstehung unb Fortbilbung bes Menschen wirb hier angebahnt. Für halb wissenschaftliche, halb bichterische Weltbilber bot bann ber Darwinismus eine unerschöpfliche Funbgrube. Wir begegnen ihnen in Romanen Paul Scheerbarts, in Werken Wilhelm Boelfches, ber so viel von bem Wesen ber Darwinschen Naturauffassung in künstlerischer anschaulicher fVorm bem beutschen Publikum vermittelt hat. Was in so bebeutenben Werken wie etwa Jacobsens „Niels Lhyne" ober Strinbbergs 2Iuf offener See" an Darwinschen (Bebauten nur als Zeitstimmung machtvoll mitgeklungen hatte, wurde zum inneren Gehalt von Dichtungen, wie Boelfches „Mitternachtsgöttin" unb Bruno WiNes „Offenbarungen bes Wacholderbaumes". Seitdem schwingt bie Darwinsche Ibee wohl noch im Dichten und Denken mit, aber doch mehr als Gemeingut, bas in ben Schatz menschlicher Geistigkeit cingegangcn ist.


