Jahrgang (952

Sreitag, den März

Nummer 20

Straße tat wohl. Wir gingen zu ? Etwas Wunderbares war meiner

uife, es war nicht allzuweit, geschenkt. Sie brannte von

Vorfrühling.

Von Paul Heys».

Stürme brauften über Nacht, Und die kahlen Wipfel troffen.

Frühe war mein Herz erwacht. Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.

Horch, ein traut geschwätz'ger Ton, Dringt zu mir vom Wald hernieder. Niften in den Zweigen schon Die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weiße Streif

Zweifelnd frag' ich mein Gemiite: Jst's ein später Winterreif, Ober erste Schlehenblüte?

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Farben und Tönen, ohne daß ich doch bestimmter Formen noch hätte habhaft werden können; vielmehr sie entwanden sich, wo man sie sest- zuhalten strebte; eine solche Vielgliedrigkeit geklärten Lebens vermochte mein ungeübter Verstand nicht zu meistern. Indes eine Einzelheit war doch ganz genau da, und sie schien mir die Krone des Ganzen. Bald zu Beginn hatte sie mich gefangen genommen, dieses Eine war mir ganz klar geblieben, und mein Bubenherz weidete sich daran. Da ist nämlich, schon im ersten Aufzug, eine Szene, in der der Baumeister Socke! dem allmächtigen Kammerdiener Wolf in die Hände fällt und ihn bestechen muß, damit er und kein anderer den Neubau des Schlosses erhält. Nach abgeschlossenem Geschäft erklärt Wolf scheinheilig, der Vorteil seiner gnä­digen Herrschaft ginge ihm über alles, und Sockel geht mit dem Ausruf: Große Seele!" weinend ab. In der Tür aber dreht er sich noch einmal um und sagt, von rückwärts auf Wolf blickend:Lump!"

Das war nun ganz unvergleichlich gewesen. Diese Szene war ein Meisterstück, der Schauspieler, der das sagte, schien mir den Preis zu verdienen, und je leichter es mir ward, mir dieses Eine zu wiederholen, gegenüber der kaum mehr zu entwirrenden Farbenpracht des übrigen Spieles, um so mehr stand es mir fest, daß dieser Augenblick der höchste des Abends gewesen sei.

Ich ging neben den Eltern her, die Mutter hatte sich in den Vater eingehängt und führte mich an der andern Hand; auch sie schwelgten noch in den Eindrücken des festlichen Abends. Der Mutter Gesicht stand in lichtem Schein. Die Rede des Vaters führte, sie folgte mit leise bestätigen­den Einwürfen, jede Szene erlebten sie noch einmal, der Leistung jedes Schauspielers suchten sie Ehre zu erweisen und seine Besonderheit in Worte zu fassen und ich folgte mitgenießend und bald neugierig und gespannt, denn es gab etwas, worauf ich wartete. Ich wurde ungeduldig, sie nannten ja alles und jedes, das alte Weiberl und den Chevalier und die Liefe! und den Bettler, nur nicht was ich hervorgehoben wünschte; bis sch endlich dreinfuhr:Ja, aber der Baumeister Sockel, wie der sich im Fortgehen noch umdreht und sagt: ,Lump!' das war halt pracht­voll!"

Meine Mutter, in anderen Gedanken, gab mir flüchtig recht. Doch ich blieb hartnäckig und verlangte von meinem Vater die Erklärung, daß es ein großer Künstler gewesen, der das gesprochen hätte. Allein er ver­weigerte sie, und ich blieb unbefriedigt. Und am Ende verflieg ich mich zu der undankbaren Vermutung, daß meine Eltern nicht so gut wüßten wie ich was schön sei, oder nicht genug aufgepaßt hätten.

In dieser seltsamen Einseitigkeit verblieb ich in der nächsten Zeit. Der Gedanke an den schönen Abend kehrte beglückend wieder, es ging ein zauberischer Glanz davon aus! Aber im Grunde bedeutete mir jener eine Augenblick den ganzen Abend; wenn ich den Wunsch hegte, den Verschwender" noch einmal zu sehen, so war es vornehmlich dieser Stelle wegen, und wenn ich daheim das Hobellied fang, so meinte ich auch damit eigentlich diese eine Stelle, die da kurz und gut lautete:Lump!", und die freilich nicht gut unausgesetzt rezitiert werden konnte. Der Name des Schauspielers, der den Baumeister Sockel gegeben hatte, schien mir von romantischer Schönheit; er hieß Plateys. Auf dem Schulwege suchte ich ihn immer auf den Theaterzetteln und fand ihn gewöhnlich gegen Ende der aufgezählten Künstler.

Nun kam in jenen Tagen mein Geburtstag. Meine Eltern hatten auf mein Entzücken über denVerschwender" wohl geachtet, und ihre Gute und Aufmerksamkeit wählte als das richtige, das einzige Geschenk, das mir damals Freude machen konnte, das Textbuch desVerschwenders", und sie legten denBauer als Millionär" noch dazu. Die beiden Heftchen sahen recht unscheinbar aus. Aber ich war einfach selig. Der Vater zeigte mir das Hobellied und das Duett zwischen Valentin und Rosa und las es mir vor. Ich war ungeduldig und konnte es kaum erwarten, bis er das Heftchen wieder meinen Händen überließ. Ich durchblätterte es und sah bei jedem Auftritt das letzte Wort nach. Allein ich fand nicht, was ich suchte. Mein Vater fragte. Die Szene des Baumeisters Sockel? Nun, er kannte sich ans in dem Stück und hatte sie mir gleich aufgeschlagen. Da hatte ich es endlich gedruckt vor mir, wie Sockel weinend zu dem garstigen Kammerdiener lagt:Große Seele!" Danach stand in Klammer: beide in Flottwells Kabinett ab. Schluß. Und sonst nichts. Ich war enttäuscht. Verstört sah ich den Vater an.

Was hast du denn?"

Das wird nicht das richtige Büchel sein", sagte ich kleinlaut.

Der Vater schüttelte den Kopf.Warum soll das nicht das richtige Büchel sein?" , ,

Ich zeigte die Stelle.Da soll ja noch Lump stehn.

Warum soll da noch Lump stehn?" lachte mein Vater.Daß du einer gift das weißt du auch so, das brauchst du nicht noch gedruckt."

Ich sagte unwirsch, wie ichs meinte. Da antwortete der Vater bedäch­tig:Mein Lieber, das steht nicht im Buch, weil es der Raimund nicht

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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

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Lump.

Von Max Mell.

Es war nicht allzu frühzeitig, daß ich zum erstenmal ins Theater kam; ich ging in die zweite oder dritte Klaffe der Volksschule. Meine Eltern hatten es aufgespart und dann mit Bedacht gewählt. Was ihnen auf der Buhne besonders teuer war, sollte ich als ersten Theatereindruck erleben; denVerschwender". Wir saßen auf der Galerie, ziemlich hoch, aber mit freiem, schönen Blick auf den leuchtenden Ausschnitt der Bühne. Ich genoß aufgeregt, aber immerhin sachlich und geriet keinesfalls außer Fassung. Kindern ist das Wunder gemäß, sie sind gewöhnt, viel in der Welt der Erwachsenen wahrzunehmen, was sie nicht bewältigen können, und alles mit solchen Dingen gemischt zu empfangen; und so nehmen sie, fast undankbar erscheinend, auch Köstlichkeiten als ihnen selbstverständlich gezollt entgegen.

So bat sich mir also das bunte, herrliche Bild des Lebens an, wie es Ferdinand Raimund in seinem Märchenspiel gemalt. Mit festlichem Schwung zieht es sogleich in die Freude und den Trubel hinein, der das Haus des reichen jungen Mannes vor dem Aufbruch zur Jagd erfüllt; wirbelt Herren und Domestiken ergötzlich durcheinander und nährt in -ins doch eine unbestimmte Erwartung dis denn auch, wie ein frischer Windstoß, der, dem unser Herz gehören soll in dem Spiel, ins Zimmer egt: Valentin, der Tischlergesell, nichts Höheres in diesem Haus als ein bescheidener Diener, aber siegreich mit seiner Laune und feinem toll­patschigen Selbstbewußtsein, einer, der bei sich selbst zu Hause ist, wie :r es uns auch in seinem heiteren Gesang vorürägt. In seinen Monolog stiehlt sich eine Lauscherin herein, Rosa, das Stubenmädchen, sie ist die Herrschaft in seinem Herzen, sie besteht auch daraus und will es in jedem Itugenblirf anerkannt haben, und ihr verliebtes Gezänke, wie wäre es Inders möglich, als daß es sich alsbald auch in Gesang verwandelt, den sie >eide ja eigentlich von Anfang an meinten und in dem sich ihre zufriede­nen Seelen wiegen wie die Kinder. Nun, sie sind vorgestellt, sie treten ib, jetzt aber lernen wir den Herrn des Hauses kennen, den reichen «ingen Fiottwell: und immer inniger schließt sich der Reigen der Gestal- *n, die Fee Cheristane, zart und ätherisch in ihrem Kummer, deutet nuf eine höhere Leitung, der die Lebenswege des Unbesonnenen und unjer dler besohlen sind, und der Bettler mit seinem seltsam dunklen Lied, in »ein sich die Rätsel des Daseins vorzutragen scheinen, blickt ins Fenster .'es Lustschlosses und ist niemand anders als die zukünftige Gestalt des Besitzers. Das Geschick des Verschwenders und seines Hauses taucht in Stürme und Schatten, und wir sehen im letzten Aufzug. wie er nach wahren, alternd, gescheitert und verarmt-die Stätte seines Glucks noch intnal aufsucht, sehen auch, was aus allen denen um ihn geworden ist.

Immer satter werden die Farben und immer seelenvoller: wie sie es in einem Sommerabend werden, wenn die Sonne scheidet. Und iiber Demütigung und Armut hinaiis wendet sich doch alles noch zum Guten, 1 nt> der brave Valentin, jetzt Tischlermeister und Vater eines ganzen Grüppchens Kinder, hat sein redlich Teil daran; und wie er zu dem äetslein seines kleinen Pepi, der den gnädigen Herrn versöhnen will, '«läutert:Das hab ich gedichtet, Euer Gnaden...", da hörte ich neben Nir meine Mutter, deren ich nicht eben viel geachtet tjafte, leije _aup hluchzen und als ich sie ansah, da gewahrte ich. wie ihr die Lranen iber die Wangen liefen. Ich wunderte mich; was sie doch hatte; aber im hätte nicht gewußt, was sagen, und die verklärte Gruppe aut der ahne, (in der sich der Schluß aufbaut, lenkte mich auch sogleich wieder ab.

Das Spiel war zu Ende, der Aufbruch aus dem Theater erging iiber inidj als einen Halbbetäubten und Geblendeten; die kalte ~uh auf ici