„Aber gewiß doch!" entgegnete der Däne mit unerschütterlicher Ruhe und" tippte ein Nakkigläschen herunter: „Die Geschichte ist die: Nach der Jnselüberlieferung hat sich Christus auf dem Wege nach Golgatha, von der Last des Kreuzes ermüdet, einen Augenblick vor dem Haufe des Schusters Eupater ausgeruht. Als der ihn zum Weitergehen aufforderte, soll Christus ihm geantwortet haben: .Die Steine werden vergehen, aber du sollst ewig leben!' — Eupater ist dann nach China ausgewandert, hat dort geheiratet und eine Familie gegründet. Die Nachfahren dieses Schusters sind dann alles sterbliche Menschen gewesen und werden sterbliche Menschen bleiben, an denen aber die Sünde des Urvaters beim- gesucht worden ist bis ins tausendste Glied: denn rastlos und ruhelos, ewig aber sterblich, wandern die Zigeuner von Ort zu Ort, und niemand weiß, von wannen sie kommen und wohin sie gehen. Unsterblich allein ist Eupater geblieben und gerade jetzt — ob Sie mir glauben wollen oder nicht — hat man ihn wieder drüben in Makri auf der anatolischen Seite, dort, wo die neuen Kupfergruben sind, gesehen. Ein Mann von Simi, der halbverrückt von dort wieder gekommen, ist ihm auch begegnet: ein Greis mit einem langen Barte und einem Stock in der Hand, so streift er drüben in den Bergen herum. Man hat sogar versucht, ihn zu erschießen, aber er ist kugelfest, wie ein Schatten geht er durch die Menschen hindurch. Der Schreck über sein Austauchen ist so groß gewesen, daß man sogar das Sägewerk ein paar Tage hat still legen müssen, weil keiner der Arbeiter sich auf den Weg getraut hat..."
Nedland schwieg, zerdrückte seine Zigarette im Aschenbecher und starrte nachdenklich vor sich hin. Dann blickte er auf und ein undefinierbares Lächeln umspielte seine Lippen: „Tja", sagte er gedehnt, „so ist's! Shakespeare wird schon gewußt haben, warum er das Wort von jenen .Dingen prägte, von denen wir uns in aller unserer Schulweisheit nichts träumen lassen. Ist's nicht so?"
„So ist's!" entgegnete ich und erhob mich. Denn es war schon spat geworden und der Vollmond war heraufgekommen. Es sah aus, als ob die gelbe Scheibe genau auf dem messerscharfen Grat des nahen Gebirgszuges befestigt sei. Die Nacht war so hell, daß ich ganz deutlich den „Mann im Mond" zu erkennen glaubte. Und ich bedauerte, daß er nicht als Dritter im Bunde uns Gesellschaft geleistet hatte. Denn der hatte gerade noch gefehlt...
Vom Glück des Lesens.
Von Reinhard Piper.
Wer unter uns könnte aus seinem Leben wegdenken, was er den Büchern verdankt?
Die schönen alten Reime unseres ersten Bilderbuches bleiben uns für das ganze Leben hasten. Unbewußt haben wir durch sie zum erstenmal Dichtung in uns ausgenommen. Wie fing doch der „Eispeter" an?
Als Anno zwölf das Holz so rar
Und als der kalte Winter war, Da blieb ein jeder gern zu Haus, Nur Peter muht auf's Eis hinaus.
Wir brauchen solch einen Vers nur vor uns hinzusprechen und unsere ganze Kindheit steigt um uns auf.
Unser Märchenbuch hat uns neben der alltäglichen Welt eine neue Welt der Phantasie erschlossen. Die Taten und der Tod Siegfrieds erschütterten uns mit einer ersten Ahnung von dem Schicksal alles Heldentums. Aus dem Geographie- und Naturkundebuch der Schule lernten wir langsam den Zusammenhang der tausendfältigen Wirklichkeit um uns her verstehen. Gar mancher hat diesen einsachen Büchern Jahrzehnte hindurch die Treue bewahrt und noch als Erwachsener sein Wissen aus ihnen ausgesrischt.
Bücher begleiten uns durch unser Leben. Sie sind Mittel unserer Menschwerdung, sie vertiefen unser Bewußtsein.
Wie der Mensch die praktischen Geräte, die er braucht, nicht alle selber machen kann, so auch nicht sein geistiges Gerät. Wir sind alle aus Geben und Empfangen angewiesen. Zu den unentbehrlichsten Gerätschaften gehört das Buch. In ihm empfangen wir, was die großen Geister empfunden, gedacht und erlebt haben, — und zwar für uns mit erlebt haben. Das Buch führt den Leser also nicht von der Wirklichkeit ab, — es läßt uns im Gegenteil die Wirklichkeit tiefer erleben, weil der Dichter sie tiefer erlebt hat als wir gewöhnlichen Sterblichen es könnten.
Auh wie viel Arten können wir lefen — und alle Arten find wohltätig! Wir können lesen, um uns zu zerstreuen, und können es, um uns zu sammeln.
Das zerstreuende Lesen lenkt uns freundlich von uns und unseren Gegenwartsnöten ab, wir können sie und uns vergessen und in diesem Vergessen neue Kräfte sammeln. Es hat einmal einer gesagt: „Es ist etwas Lästiges, immer derselbe zu sein". Bücher befreien uns von dieser Last, sie sind Zaubermittel, sie ermöglichen uns, unser Ich abzustreisen und uns zu verwandeln. Wir können lesend mit Kolumbus über das Unbekannte Weltmeer segeln und mit dem großen König aus der Terrasse von Sanssouci spazieren gehen.
Andere Bücher wieder helfen uns, uns selbst zu finden. Sie zeigen UNS den Weg zu unserem Innern, sie helfen uns, unser eigenstes Wesen zu entdecken. Vor einigen Jahren hatte die Münchner Buchwoche den guten Gedanken, Preise auszuschreiben für die schönsten Bekenntnisse zum Thema: Das Buch und mein Leben. Ergreifend war da vor allem, was ein Hotelportier schwerfällig und unorthographisch schrieb: „Als Junger Knabe bekam ich sämtliche Bände son Karl Mai zu lesen. Dieselben erweckten in mir einen Drang nach Abenteuern in weiter Ferne. Als ich aber mit Karl Mais Bänden fertig war, bekam ich durch Zufall fon Schoppenhauer einen Band zu Lesen. Anfangs las ich ohne eigentlich zu fer stehen, als ich aber in der Fremde war und das Schicksal mich hart Prüfte, so wurde ich an Schoppenhauer erinnert, so lernte ich immer mehr fer stehen, was es heißt, auch mit der Seele zu Leben und nicht blos mit dem Körper. So kam ich mit Karl Mais Bänden in die weite
Welt hinaus und mit Schoppenhauers Band in die innere Welt hinein und ich wurde so mit Lesen der beiden Schriftsteller ein ganzer Mann, was ein anderer nach Hunderten fon Jahren die er Leben Würde nicht werden kann." So hat also dieser einfache Leser mit Karl May sich zerstreut und mit Schopenhauer sich gefunden und beide haben ihm geholfen, er selbst zu werden.
Ein anderer Leser berichtete damals, wie viel Erquickung er einem einzigen Buch, der Odyssee, in den schweren Jahren im Felde verdankt habe: „Krast und Aufschwung gab ost ein einziger Vers, wenn der Regen auf den Unterstand rann ober der Fuß im Schlamm versank, und die Welt der Götter und Helden überglänzte siegreich das Chaos der Gegenwart." Aus demselben zerschrammten Band hat er dann viele Jahre später an stillen Abenden daheim am runden Tisch auch seiner jungen Frau vargelesen und die Odyssee hat auch sie beglückt.
Bücher an sich sind freilich nur tote Dinge, wie andere Gegenstände auch Es kommt auf den Menschen an, ob er sie sich lebendig machen kann ober nicht. Lesen ist nicht bloßes Zur-Kenntnis-Nehmen. Lesen muß schöpferisch sein, muß zum Anstoß werben zu eigenem Erleben, zu selb- ftänbiger Tat. Man muß sich Bücher erobern, wie man sich einen Menschen ober ein Stück Natur erobert.
Erobern soll man nur, was bes Eroberns wert ist, unb bas ist nur bas Dauernd. Ein Buch ist ja nicht schon beshalb etwas wert, nur weil es ein Buch ist. „Vom Schlechten kann man nie zu wenig unb bas Gute nie zu oft lesen", sagt Schopenhauer. Man soll eigentlich nur bas lesen, was sich immer roieber zu lesen lohnt. Bücher sinb für ben wahren Leser nichts Fertiges unb ein für allemal Abgeschlossenes. Schon wenn wir basselbe Blich ein zweitesmal lesen, ist es ein anberes. Der Anfang hat ein neues Licht von dem Ende empfangen, das wir nun schon kennen. Auch unsere eigene Stimmung ist nicht dieselbe mehr. Wir entdecken Stellen, die uns das erstemal entgangen waren. Und bei der dritten und vierten Lektüre genießen wir die früheren nochmal nach. So ist bas Buch inzwischen ein Gefäß unseres eigenen Lebens geworben. Es wirb zum Lebensgefährten, der sich roanbelt wie wir unb sich boch treu bleibt, bet uns immer Neues zu sagen hat unb zugleich bas Altvertraute bewahrt, bet immer für uns ba ist, wenn wir ihn suchen.
Schiffskreisel und Taucherglocke.
Don Dr. Franz Mittler.
Mancher, ber noch bas Gelb bazu hat, würbe gerne eine Seereise machen, aber bie Furcht vor ber Seekrankheit hält ihn zurück. Eine beträchtliche Anzahl innerlicher Mittel wirb angeboten, um sie zu bannen. An Ratschlägen, was man alles treiben soll, damit man von ihr verschont bleibt, ist gleichfalls kein Mangel. Aber darüber ist sich wohl jeder klar, daß die endgültige und allgemeine Rettung nur von dec Technik kommen kann. Mit der Behauptung, daß sie müßig gewesen sei, geschieht ihr bitteres Unrecht. Die Schiffe gehen heute viel ruhiger als früher. Durch ihre Bauart unb burch befonbere Maßnahmen sinb ihre unangenehmen Bewegungen, ist das Schwanken um die Längsachse, das Schlingern, und ist die Auf- und Niederbewegung um die Querachse, bas Stampfen, erheblich verminbert worden. Immerhin reichen beide bei entsprechendem Seegang noch aus, um das Schiff mit ben bekannten „Leichen" zu bebecten.
Allen benen, die zur Seekrankheit neigen, war es unter diesen Umständen eine willkommene Kunde, als im Jahre 1903 der Direktor des Germanischen Lloyd, Otto Schlick, den Schiffskreisel erfand. Dieser Schiffskreisel besteht aus einem schweren Kreisel, der durch elektrischen oder Dampfantrieb in rasche Umdrehungen versetzt wird. Die Achse eines schnell sich drehenden Kreisels läßt sich nur schwer und nur durch entsprechend starke Kräfte aus ihrer Lage bringen. Verbindet man den Kreisel fest mit einem Schiffskörper, so wird das Beharrungsvermögen der Kreiselachse auch diesen beeinflussen. Auch seine Sage wird stabiler. Beim Schiffskreisel ist der Kreiselkörper in einen pendelnden Rahmen gelagert. Der Rahmen liegt wiederum in Lagern, die nut dem Schiffskörper ein starres System bilden. Dadurch werden die Schlin- gerberoegungen abgedämpft oder ganz aufgehoben.
Derartige Schiffskreisel wurden mehrfach in kleinere Schisse eingebaut und verliehen ihnen tatsächlich einen ruhigen Gang. Für große Schiffe braucht man entsprechend große und schwere Kreisel. Man braucht auch Maschinen zu ihrem Antrieb. Die Kreiselanlage nimmt Platz weg. Diese und eine Reihe weiterer Umstände wirkten verzögernd auf die allgemeine Inangriffnahme des Kreiselproblems. Jetzt soll aber ein Versuch in größtem Maßstabe gemacht werden, der für bie Zukunft ber Personenschiffahrt von entscheibenber Bebeutung fein dürfte, -ter neue große italienische Dampfer „Conte di Savoia", ein gewaltiges 1 Schiff von 45 000 Tonnen, wird mit einer Kreifelanlage ausgeftattet. Das Gewicht ber in bas Schiff einzubauenden Kreisel soll 900 Tonnen betragen, so baß also bie Stabilisierungseinrichtung etwa 2 v. H. ausmachen wirb. ,
Man sieht bavon ab, bie Stabilisierung burch einen einzigen Kreyei bewirken zu wollen. Den Berechnungen unb Anschauungen ber Erbauer zufolge bilden für bas 45 000-Tonnen-Schiff brei Kreisel bie günstigste Lösung. Sie werben so angeorbnet, baß sie zusammen bie Wirkung eines einzelnen hervorbringen. Die brei Kreisel gewähren auch ben Sorten, baß man sich ber Wellenbewegung gut anpassen kann. Bei geringem : Wogengang wirb nur einer in Betrieb gesetzt. Bei stärkerem arbeiten I zwei, bei stürmischer See treten alle brei in Tätigkeit. Da ber Antneo ■ ber Kreisel auf elektrischem Wege erfolgt, erforbert bas Anlassen keine befonberen Maßnahmen. Es wirb lediglich ein Schalter betätigt.
Die brei Kreisel ber „Conte di Savoia" werben unmittelbar auf bem Doppelboden bes Schiffes unb in feinem Vorberteil unterhalb ber Brücke ausgestellt. Die Mittelachse bes Schiffes läuft parallel zur SW bes Dreiecks, bas sie miteinanber bilben. Aus beiben Seiten der Kreiseu anlage befindet sich bie für ihren Betrieb vorgesehene eigene Kraftanlage. In ber Mitte des Dreiecks wird das Schaltbrett angebracht, das zum


