viele hübsche Frauengesichter zu blicken, und ging daher von Theater zu s Theater und an alle Orte, wo dergleichen beijauimen waren; lief} mich auch in verschiedene gute Häuser und Gesellschaften etnsühren. Ich sah in der Tat viele tüchtige Gestalten von edlem Schwung und Zuschnitt und in deren Augen nicht unebene Gedanken lagen; aber alles was ich sah, führte mich nur auf Lydia zurück und diente zu deren Gunsten. Sie war nicht zu vergessen, und ich war und blieb aufs neue elend verliebt in sie. Ich hatte das allerunheimlichste, sonderbarste Gefühl, wenn ich an sie dachte. Es war mir zu Mute, als ob notwendigerweise ein weibliches Wesen in der Welt sein müßte, welches genau das Aeußere und die Manieren dieser Lydia, kurz deren bessere Hälfte besäße, dazu aber auch die entsprechende andere Hälfte, und daß ich nur dann würde zur Ruhe kommen, wenn ich diese ganze Lydia fände; oder es war mir, als ob ich verpflichtet wäre, die rechte Seele zu diesem schönen halben Gespenste zu suchen; mit einem Worte, ich wurde abermals krank vor Sehnsucht nach ihr, und da es doch nicht anging, zurückzukehren, suchte ich neue Sonnenglut, Gefahr und Tätigkeit und nahm Dienste in der französisch-afrikanischen Armee. Ich begab mich sogleich nach Algier und befand mich bald am äußersten Saume der afrikanischen Provinz, wo ich im Sonnenbrand und auf dem glühenden Sande mich herumtummelte und mit den Kabylen herumschlug." |
Da in diesem Augenblick das schlafende Estherchen, das immer einen Unfug machen mußte, träumte, es falle eine Treppe hinunter, und demgemäß auf feinem Stuhle ein plötzliches Geräusch erregte, blickte der erzählende Pankrazius endli chauf und bemerkte, daß feine Zuhörerinnen schliefen. Zugleich entdeckte er erst jetzt, daß er denselben eigentlich nichts als eine Liebesgeschichte erzählt, schämte sich dessen und wünschte, daß sie gar nichts davon gehört haben möchten. Er weckte die Frauen auf und hieß sie ins Bett gehen, und er selbst suchte ebenfalls das Lager auf, wo er mit einem langen, aber gemütlichen Seufzer einschlief. Er lag wohl so lange im Bette, wie einst, als er der faule und unnütze Pankräz- lein gewesen, so daß ihn die Mutter wie ehedem wecken mußte. Als sie nun zusammen beim Frühstück saßen und Kaffee tranken, sagte er, mit seinem Bericht fortfahrend: ;
„Wenn ihr nicht geschlafen hättet, so würdet ihr gehört haben, wie ich in Ostindien im Begriffe war, aus einem Murrkopf ein äußerst zutulicher und wohlwollender Mensch zu werden um eines schönen Frauenzimmers willen, wie aber eben meine Schmollerei mir einen argen Streich gespielt hat, da sie mich verhinderte, besagtes Frauenzimmer näher zu kennen und mich blindlings in selbe verlieben ließ; wie ich dann betrogen wurde und als ein neugestählter Schmoller aus Indien nach Afrika ging zu den Franzosen, um dort den Burnusträgern die lächerlichen tunnartigen Strohhüte herunterzuschlagen und ihnen die Köpfe zu zerbläuen, was ich mit so grimmigem Eifer tat, daß ich auch bei den Franzosen avancierte und Oberst ward, was ich geblieben bin bis jetzt.
Ich war wieder so einsilbig und trübselig als je und kannte nur zwei Arten, mich zu vergnügen: die Erfüllung meiner Pflicht als Soldat und die Löwenjagd. Letztere betrieb ich ganz allein, indem ich mit nichts als mit einer guten Büchse bewaffnet zu Fuß ausging und das Tier aufsuchte, worauf es bann darauf ankam, dasselbe sicher zu treffen, oder zu Grunde zu gehen. Die stete Wiederholung dieser einen großen Gefahr und das mögliche Eintreffen eines endlichen Fehlschusses sagte meinem Wesen zu und nie war ich behaglicher, als wenn ich so seelenallein auf den heißen Höhen herumstreiste und einem starken wilden Burschen auf der Spur war, der mich gar wohl bemerkte und ein ähnliches schmollendes Spiel trieb mit mir, wie ich mit ihm. So war vor jetzt ungefähr vier Monaten ein ungewöhnlich großer Löwe in der Gegend erschienen, dieser, dessen Fell hier liegt, und lichtete den Beduinen ihre Herden, ohne baß man ihm beikommen konnte; benn er schien ein burchtriebener Geselle zu sein unb machte täglich große Märsche kreuz unb quer, so baß ich bei meiner Weise zu Fuß zu jagen lange Zeit brauchte, bis ich ihn nur von Ferne zu Gesicht bekam. Als ich ihn zwei- ober breimal gesehen, ohne zum Schuß zu kommen, kannte er mich schon und merkte, baß ich gegen ihn etwas im Schübe führe. Er fing gewaltig an zu brüllen unb verzog [ich, um mir an einer anderen Stelle wieder zu begegnen, und wir gingen o umeinander herum während mehrerer Tage wie zwei Kater, die sich zausen wollen, ich lautlos, wie bas Grab, unb er mit einem zeitweiligen roilben Geknurre. !
Eines Tages war ich vor Sonnenaufgang ausgebrochen unb nach einer noch nie eingeschlagenen Richtung hingegangen, weil ber Löwe Tags vorher sich aus ber entgegengesetzten Seite herumgetrieben unb einen vergeblichen Raubversuch gemacht; ba bie dortigen Leute mit ihren Tieren abgezogen waren, so vermutete ich, der hungrige Herr werde vergangene Nacht wohl diesen Weg eingeschlagen haben, wie es sich denn auch erwies. Als die Sonne aufging, schlenderte ich gemächlich über ein hügeliges goldgelbes Gefilde, dessen Unebenheiten lange himmelblaue Schatten über den goldenen Boden hinstreckten. Der Himmel war so dunkelblau wie Lydias Augen, woran ich unversehens dadurch erinnert wurde; in weiter Ferne zogen sich blaue Berge hin, an welchen das arabische Städtchen lag, das ich bewohnte, und am andern Rande ber Aussicht einige Wälber unb grüne Fluren, auf benen man ben Rauch unb selbst bie Zelte ber Be- buinen wie schwarze Punkte sehen konnte. Es war totenstill überall und kein lebenbes Wesen zu erspähen. Da stieß ich an ben Rand einer Schlucht, welche sich burch bie ganze steinige Gegend hinzog und nicht zu sehen war, dis man dicht an ihr stand. Cs floß ein kühler frischer Bach auf ihrem Grunde, unb wo ich eben ftanb, war bie Vertiefung ganz mit blühenbem Oleandergebüsch angefüllt. Nichts war schöner zu sehen, als das frische Grün dieser Sträucher und ihre tausendfältigen rosenroten Blüten und zu unterst bas fließende klare Wässerlein. Der Anblick ließ eine verjährte Sehnsucht in mir aussteigen, und ich vergaß, warum ich hier Herumstrich. Ich wünschte, in den Oleander hinabzugehen unb aus bem Bach zu trinken, und in diesen zerstreuten Gedanken legte ich mein Gewehr auf ! den Boden unb kletterte eiligst in bie Schlucht hinunter, wo ich mich zur Erbe warf, aus bem Bach trank, mein Gesicht benetzte und dabei an
bie schöne Lydia dachte. Ich grübelte, wo sie wohl sein möchte, wo sie setzt herumwanble und wie es ihr überhaupt gehen möchte? Da hörte ich ganz nah den Löwen ein kurzes Gebrüll ausstoßen, daß der Boden zitterte. Wie besessen sprang ich auf und schwang mich den Abhang hinauf, blieb aber wie angenagelt oben stehen, als ich sah, daß bas große Tier, kaum zehn Schritte von mir, eben bei meinem Gewehr angekommen war. Unb wie ich baftanb, fo blieb ich auch stehen, bie Augen auf die Bestie geheftet. Denn als er mich erblickte, tarierte er zum Sprunge nieder, gerade über meiner Doppelbüchse, daß sie quer unter seinem Bauche lag, unb wenn ich mich nur gerührt hätte, so würbe er gesprungen sein unb mich unfehlbar zerrissen haben. Aber ich ftanb unb ftanb so einige lange Stunben, ohne «in Auge von ihm zu verwenben unb ohne bah er eines von mir verwandte. Er legte sich gemächlich nieder und betrachtete mich. Die Sonne stieg höher; aber während die furchbarste Hitze mich zu quälen ansing, verging die Zeit so langsam, wie di« Ewigkeit der Hölle. Weiß Gott was mir alles durch ben Kopf ging: ich verwünschte bie Lybia, beren bloßes Anbeuten mich abermals in biefes Unheil gebracht, da ich darüber meine Waffe vergeßen hatte. Hundertmal war ich versucht, allem ein Ende zu machen unb auf bas roitbe Tier loszuspringen mit bloßen Hänben; allein bie Liebe zum Leben behielt die Oberhand, und ich ftanb unb ftanb wie bas versteinerte Weib des Loth, ober wie ber Zeiger einer Sonnenuhr; benn mein Schatten ging mit den Stunden um mich herum, wurde ganz turz und begann schon wieder sich zu verlängern. Das war die bitterste Schmollerei, bie ich je verrichtet, unb ich nahm mir vor unb gelobte, wenn ich biefer Gefahr entrönne, fo wolle ich umgänglich unb freunblich werben, nach Hause gehen unb mir unb andern das Leben so angenehm als möglich machen. Der Schweiß lief an mir herunter, ich zitterte vor krampfhafter Anstrengung, um mich auf selbem Fleck unbeweglich aufrechtzuerhalten, leise an allen Gliedern, unb wenn ich nur bie vertrockneten Lippen bewegte, so richtete sich ber Löwe halb auf, wackelte mit seinem Hintergestell, funkelte mit ben Augen unb brüllte, so baß ich ben Munb schnell wieber schloß und bie Zähne aufeinanber biß. Indern ich aber so eine lange Minute um die andere abwickeln und erleben mußte, verschwand ber Zorn und bie Bitterkeit in mir, selbst gegen ben Löwen, und je schwächer ich wurde, desto geschickter ward ich in einer mich angenehm blinkenden, lieblichen Geduld, daß ich alle Pein aushielt und tapfer ertrug. Es würde aber, als endlich ber Tag schon vorgerückt war, doch nicht mehr lange gegangen sein, als eine unverhoffte Rettung sich auftat. Das Tier und ich waren so ineinander vernarrt, daß keiner von uns zwei Soldaten bemerkte, welche im Rücken des Löwen hermarschiert kamen, bis sie auf höchstens dreißig Schritte nahe waren. Es war eine Patrouille, die ausgesandt war, mich zu suchen, ba sich Geschäfte eingestellt hatten. Sie trugen ihre Orbonnanzgewehre auf ber Schulter unb ich sah gleichzeitig dieselben vor mir aufblitzen gleich einer himmlischen Gnabenfonne, als auch mein Widersacher ihre Schritte hörte in der Stille ber Lanb- schaft; benn sie hatten schon von weitern etwas bemerkt unb waren so leise als möglich gegangen. Plötzlich schrien sie jetzt: ,Schau' bie Bestie! Hilf bem Oberst!' Der Löwe wandte sich um, sprang empor, sperrte wütend ben Rachen auf, erbost wie ein Satan, und war einen Augenblick lang unschlüssig, auf wen er sich zuerst stürzen solle. Als aber bie zwei Solbaten als brave luftige Franzosen, ohne sich zu besinnen, auf ihn zusprangen, tat er einen Satz gegen sie. Im gleichen Augenblick lag auch ber eine unter seinen Tatzen, unb es wäre ihm schlecht ergangen, wenn nicht ber anbere im gleichen Augenblicke bem Tier, zugleich den Schuß abfeuernd, bas Bajonett ein halbes Dutzend mal in bie Flanke gestoßen hätte. Aber auch biesem würbe es schließlich schlimm ergangen fein, wenn ich nicht enblich auf meine Büchfe zugesprungen, auf ben Kampfplatz getaumelt wäre und dem Löwen, ohne weitere Vorsicht, beide Kugeln in bas Ohr geschossen hätte. Er streckte sich aus unb sprang wieber auf, es war noch ber Schuß aus ber andern Muskete nötig, ihn abermals hinzustrecken, unb enblich zerschlugen wir alle brei unsere Kolben an bem Tiere, so zäh und wüd war fein Leben. Es hatte merkwürdigerweise keiner Schaden genommen, selbst ber nicht, ber unter bem Löwen gelegen, ausgenommen feinen zerrißenen Rock und einige tüchtige Schrammen auf ber Schulter. So war bie Sache für biesmal glücklich .abgelaufen, unb wir hatten obenein ben lange gesuchten Löwen erlegt. Ein wenig Wein unb Brot stellte meinen guten Mut vollenbs wieber her, und ich lachte wie ein Narr mit ben guten Soldaten, welche über bie Freunb- lichkeit und Gesprächigkeit ihres bösen Obersten sehr verwundert und erbaut waren.
Noch in selber Woche aber führte ich mein Gelübde aus, kam um meine Entlassung ein, unb so bin ich nun hier."
So lautet bie Geschichte von Pankrazens Leben und Bekehrung, und seine Leutchen waren höchlich verwundert über seine Meinungen unb Taten. Er verlieh mit ihnen bas Städtchen Seldwyla und zog in ben Hauptort des Kantons, wo er Gelegenheit sanb, mit feinen Erfahrungen unb Kenntnissen ein bem Lanbe nützlicher Mann zu sein und zu bleiben, unb er warb sowohl biefer Tüchtigkeit, als feiner unverwüstlichen ruhigen Freundlichkeit wegen geachtet unb beliebt; benn nie mehr zeigte sich ein Rückfall in bas frühere Wesen.
Nur ärgerten sich Estherchen und bie Mutter, baß ihnen bie Geschichte mit ber Lybia entgangen war, und wünschten unaufhörlich deren Wiederholung. Allein Pankraz sagte, hätten sie damals nicht geschlafen, so hätten sie dieselbe erfahren; er habe sie einmal erzählt unb werde es nie wieder tun, es fei bas erste und letzte Mal, baß er überhaupt gegen jemanben von biesem Liebeshandel gesprochen, unb bamit Punktum. Die Moral von ber Geschichte sei einfach, baß er in ber Frembe burch ein Weib und ein roilbes Tier von ber Unart bes Schmollens entwöhnt worben sei.
Nun wollten sie wenigstens ben Namen jener Dame wissen, welcher ihnen wegen seiner Fremdartigkeit wieder entfallen war, und fragten unaufhörlich: „Wie hieß sie denn nur?" Aber Pankraz erwiderte ebenso unaufhörlich: „Hättet ihr aufgemerkt! Ich nenne diesen Namen nicht mehr!" Und er hielt Wort; niemand hört« ihn jemals wieder das Wort aussprechen, unb er schien es endlich selbst vergessen zu haben.
Verantwortlich: 0r. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sch« Universitäts-Duch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


