Sie dachte zuerst nicht an die Verabredung, schellte, erbat ihr Frühstück und die Morgenzeitung, Aus sie stürzte sie sich und richtig: es war schon eine Vorbesprechung da: „Großer Erfolg, der nicht nur dem recht guten Stück sondern vor allem der neuen Entdeckung Fleischmanns zu danken ist, der lugendlichen Gertie Rose. Ein starkes Talent, humorbegabt und mit echten Herzenstönen."
Wieder und wieder las sie es, froh, stolz. Das hatte der gute Professor geschrieben; sie vergab den Pensionsmüdels die ganze Quälerei am Samstag. , „
Da hörte sie draußen eine Hupe, ihre Hupe. Sre stürzte an ihr Nachtschränkchen, blickte auf ihre Armbanduhr, die dort noch lag: halb eins. Nun aber schnell. Dem Mädchen klingelte fie: „Sagen Sie den Herren, ich wäre in zehn Minuten fertig, sie möchten sich gedulden." Zehn Minuten — und dabei war sie noch im Schlafanzug und Morgenrock und wußte noch nicht einmal, was sie anziehen sollte.
Queis machte kein sehr heiteres Gesicht, als das Mädchen die Botschaft brachte. „Und Mutter Brandel hat Schleie für ein Uhr", sagte er, „ausgerechnet Schleie, die das Stehen nicht vertragen. Er lief auf und ab, denn es war herbfikühl geworden. „Ich dachte, wenigstens aus diese Gertie Rose wäre Verlaß. Aber man lernt ja nie aus, bei Frauen mutz man eben immer eine halbe Stunde zulegen." Peter wollte Gertie verteidigen, aber Leo wehrte ab: „Hör' auf, du bist in diesem Falle Partei."
Endlich kam Gertie mit Autokappe und Ledermantel.
Queis setzte sich sofort ans Steuer. „Keine lange Begrüßung! Einsteigen! Mein Essen wartet."
Mit dem ihr vertrauten Griff klappte Gertie den Notsitz nach vorn. „Unsinn, Sie in Ihrem dünnen Mantel. Hier komme ich hin, ich bin dafür angezogen und kenne den Rummel." Er widersprach: „Auf keinen Fall ..." Da griff Queis ein: „Halte das Geschäft nicht,auf, Peter."
Sie fuhren an, kamen selbst in der Stadt gut vorwärts, die sonntagsstill war. Dann kam die Chaussee, da legte Leo zu.
Gertie sah durch den Schlitz des leichten Roadsterverdecks die Straße entlang, die sich anfangs schnurgerade hinzcg. Jetzt kam eine scharfe Rechtsbiegung. „Na", dachte sie, „Jnnenkurve in der Fahrt." Sie kannte doch ihren Wagen, aber schon fing Queis das Tempo ein wenig ein. Sie war beruhigt: er ist doch vorsichtig.
Aber im gleichen Augenblick schrie sie auf. Ein Motorfahrer kam ihnen in einem Höllentempo entgegen mitten aus der Straße, in der Absicht, die Kurve zu schneiden. Es mußte einen Zusammenprall geben, mußte Unwillkürlich zog Gertie den Kopf zwischen die Schulter. Sie fühlte, wie Queis den Wagen scharf nach rechts riß. Das leichte Ding gehorchte sofort. Ein gewaltiger Ruck. Gertie wollte noch einmal ausschreien, sie fühlte, sie wurde emporgeschleudert, heraus aus dem Notsitz.
Aber der Schrei kam nicht mehr von ihren Lippen. Es war dunkel, schwarz, Nacht. —
Irgend jemand faßte Gertie und hob ihren Oberkörper. Sie fühlte es, fühlte gleichzeitig einen dumpfen Schmerz in ihren Schultern, hörte ein Sausen in ihren Ohren. Sie versuchte die Augen zu öffnen, es gelang, sie spürte Helle, Licht. Sie preßte einen Laut heraus: „Ja."
Man lieh sie wieder zurückglellen. Einer sagte: „Warten — sie wacht auf." Ein anderer: „Gut."
Gertie dachte: „Ich höre ja, ich verstehe ja." Sie nahm alle Kraft zusammen, zog den rechten Arm an sich: „Ich muß hoch", riß die Augen gewaltsam auf, sah zwei Männer über sich gebeugt, fremde Gesichter. Da kam ihr alles Bewußtsein zurück.
„Nun geht's?" fragte der eine.
Sie richtete sich auf, es ging. Die letzten Vorgänge wurden ihr blitzartig klar. Den Kopf hob sie. Angst brach in ihr auf. Zwei Worte brachte sie heraus. „Peter — Queis?"
Der Herr mahnte: „Ruhe. Dor allem Ruhe. Tut Ihnen etwas weh?"
Sie fuhr mit beiden Händen nach ihrem Kopf. „Nein — nein — nein." Sie stieß die Silben zitternd heraus. „Aber die anderen, wo sind die anderen?"
„In unserem Auto. Versuchen Sie doch erst sich zu beruhigen. Kommen Sie." Er stützte sie unter die Arme; sie folgte der Bewegung; auch der andere griff zu. Sie stand, sah fünf Schritt von ihr ihren Wagen halb- umgestürzt an der Böschung, die Kühlerhaube zusammengepreßt, das Verdeck oufcjeriffen. Leer. Grauenvoll.
Ihr Körper begann wieder zu zittern, zu fchwanken. fr8eben sie?" Wie schwer das Sprechen war.
„Ja, sie leben."
„Sind sie verletzt?"
„Regen Sie sich nicht auf. Die beiden Herren leben, sie sind aber noch ohne Bewußtsein. Wir haben sie schon in den Wagen gebettet. Können Sie gehen?"
Sie nickte, ließ sich führen.
Oben auf der Chaussee standen, zwei große Limousinen. Auf die vordere gingen sie zu. An der hinteren waren mehrere Personen beschäftigt.
„Sehen Sie nicht hin", sagte der Herr. „Wißen Sie in Weimar Bescheid? Kennen Sie ein Krankenhaus?"
Sie entsann sich. „Ja gleich am Anfang der Stadt. Aber nun sagen Sie mir doch, was ist mit den anderen?''
„Wir wissen es nicht. Aber sie (eben, das versichere ich Ihnen." Er schob sie in den Wagen. „Wir müssen erst einmal fahren."
Sie lehnte sich zurück, schloß die Augen. Wieder kam das Beben. Jemand rief taut: „In Ordnung. — Folgen!"
Die zwei fliegen ein, einer ans Steuer, der andere neben fie. Der Wagen begann zu rollen. Vom Volant her kam der Satz: „Gut, daß wir gerade kamen."
Gertie hörte die Worte. Sie richtete sich auf. „Und der Motorradfahrer?"
„Wir haben keinen Motorradfahrer gesehen."
Sie suchte sich die Erinnerung zusammen. „Er kreuzte uns doch aber. Graf Queis wollte ihm ausweichen: Da geschah es. Ich sah im Notsitz."
„Wir dachten es uns so."
Sie wurde ungeduldig: „Und die beiden? So sagen Sie es mir doch.
Wir sahen den umgestürzten Wagen, hielten, liefen hinzu. Glücklicherweise hatte sich der Motor irgendwie gedrosselt. Beide Herren waren bewußtlos. Wir versuchten die Türen zu öffnen, es ging nicht. Inzwischen kam der hintere Wagen an. Wir rissen gemeinsam das Verdeck ab."
Sie unterbrach ihn: „Ja doch, ja doch, waren sie verletzt?"
„Aeußerlich nur wenig. Das andere können wir nicht beurteilen. Der Herr am Steuer ..."
„Was denn — was denn?" drängte sie.
„Er war eingeklemmt."
Sie schloß von neuem die Augen, hob die Hand zur Stirn. „Furchtbar!"
„Haben Sie Schmerzen?"
„Nein — nein."
Die ersten Häuser von Weimar tarnen: Siedlungsvillen. Dann das große Gebäude des Krankenhauses.
„Dort rechts!" rief Gertie dem Herrn am Steuer zu.
Der nickte, bog in die Vorfahrt ein. Sie stiegen aus. Gertie blieb am Auto stehen. Eine Schwester kam, die Herren gingen auf sie zu, sprachen mit ihr. Sie lief zurück, drehte sich noch einmal um, rief: „Den anderen Wagen gleich an den Seiteneingang rechts!" Im Haus gingen Klingeln.
Wieder war eine Schwester da. „So, Fräulein, kommen Sie herein." Ruhig ließ sich Gertie führen. Es ging über Gänge bis an eine Tür, ein weißes Zimmer öffnete sich. „Ziehen Sie sich den Mantel aus", sagte die Schwester, „legen Sie sich. Sie müssen jetzt auch Ruhe haben "
Da wachte Gertie aus ihrer Lethargie auf. „Schwester, Schwester, id) kann nicht hierbleiben. Ich muh zu den anderen, zu den beiden Herren."
Die Schwester schüttelte den Kopf. „Das hat gar keinen Zweck. Helfen können Sie doch nichts."
„Aber wann erfahre ich denn ..."
„Sobald wir selbst etwas wissen."
Dann war Gertie allein. Sie trat ans Fenster. Ein Garten lag da. Zwei Männer gingen auf und ab, aus den Mänteln sahen unten blau- weiß gestreifte Hofen heraus. Gertie folgte ihnen mit den Blicken, ohne das Bild eigentlich zu erfassen. Was war? Was wurde? Queis — Peter — Peter. Der liebe gute Peter. Aber fie lebten ja beide, sie lebten ja. Aber was fehlte ihnen?
Sie trat vom Fenster zurück, fetzte sich auf das Bett, starrte vor sich hin. Wenn nun etwas geschah? Das Furchtbarste eintrat? Sie drängte den Gedanken zurück. Es durfte nicht fein, nein. Sie faltete die Hände: „Gott, hilf du."
Kam denn die Schwester nicht? Die beiden muhten doch längft im Haus fein. Sie ging zur Tür, wollte auf den Flur, um zu sehen, wo die Schwester bliebe, trat bann wieder zurück: es hatte ja keinen Sinn.
Wie allein sie doch war. Keinen Menschen zur Hilse. „Die Eltern", dachte sie, „Isa .
Ja, Isa muhte sie benachrichtigen — Isa. Isa muhte kommen, zu Peter kommen.
Die Tür ging. Sie schreckte zusammen. Ein junger Arzt im langen weißen Kittel stand vor ihr.
„Was ist?" Sie schrie es fast.
Er hob di« Hand. „Nichts Schlimmes. Wollen Sie sich nicht erst setzen?" Er zog einen Stuhl heran. „Bitte."
Sie setzte sich. Eine seltsam« Beruhigung ging von der weißen Gestalt aus. ’
„Also, gnädiges Fräulein, es ist anscheinend noch günstig abgelaufen. Der jüngere Herr hat ein« Gehirnerschütterung erlitten, er liegt noch in schwerer Ohnmacht, äußere Verletzungen sind nicht festzuftellen, auch an weitere innere glauben mir nach dem Befund nicht."
Gertie atmete auf. „Und ...?"
„Bei dem älteren Herrn liegt der Fall etwas komplizierter. Er hat schwere Quetschungen erlitten, zwei Rippen sind gebrochen. Wir müssen da gleich einen Eingriff vornehmen; er ist schon im Operationssaal. Er war aber bereits wieder bei Bewußtsein, wir wissen: Graf Queis-Scher- kalden. Aber auch hier liegt zur Zeit keine akute Gefahr vor."
Sie nickte.
„Und Sie selbst, gnädiges Fräulein? Haben Sie Schmerzen?"
„Nein, mir fehlt nichts. Ich danke Ihnen. Aber bitte sagen Sie mir die ganze Wahrheit."
„Ich sagte sie. Kann ich Ihnen sonst noch irgendwie dienen?"
„Ich möchte telephonieren. Nach Berlin. An Herrn von Weihers Schwester."
Der Arzt verbeugte sich.
„Darf ich Sie führen?"
Dringend meldete Gertie Berlin an. Es war fast sofort da. Jfa war am Apparat. (Berties Stimme flog.
„Isa, bekomme keinen zu großen Schreck. Wir hatten einen Auto- unfall. Graf Queis, Peter und ich. Es ist nichts Ernstes. Isa, hörst du? Nichts Ernstes, nichts allzu Ernstes. Peter hat eine Gehirnerschütterung. Nein, nicht schwer. Queis zwei Rippen gebrochen. — Sprich doch nicht dazwischen, Isa. — Nicht schlimm — nicht ernst. Ich sprach den Arzt. Mir fehlt nichts. — Aber du mußt kommen, Isa. Sofort kommen, verstehst du? Sofort. Zu mir, Jfa Und zu Peter. Hör' doch: nein, keine Gefahr. Rufe die Eltern an. Sie sollen mit dir im Auto herfahren. Jawohl im Auto. Bitte, bitte! — Sei verständig. — Ich rufe sie auch noch an. Um sieben könnt ihr hier fein. Städtisches Krankenhaus. Kommst du? — Eisenbahn dauert zu lange. — Also du kommst. — Danke."
Sie hing an.
Eine Schwester stand hinter ihr, fing sie auf.
Langsam sank sie in sich zusammen. Die Schwäche schloß ihr die Augen.
Ohnmächtig trugen sie Gertie wieder in das weiße Zimmer.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Dru<^ und Verlag: Brühl'sche Aniversitäts'Buch- und Steinbrudetei, -K. Lange, Gießen.


