Geheim KmnlienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang J932 Montag, -en 6. Juni Nummer 43

Ballade.

Von Ernst Moritz Arndt.

Und die Sonne machte den weiten Ritt

Um die Welt.

Und die Sternlein sprachen:Wir reisen mit

Um die Welt";

Und die Sonne, sie schalt sie: ,Hhr bleibt zu Haus!

Denn ich brenn euch die goldnen Aeuglein aus

Bei dem feurigen Ritt um die Welt."

Und die Sternlein gingen zum lieben Mond

In der Nacht,

Und sie sprachen:Du. der auf den Wolken thront In der Nacht,

Laß uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein, Er verbrennet uns nimmer die Aeugelein."

Und er nahm sie, Gesellen der Nacht.

Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond, In der Nacht!

Ihr versteht, was still in dem Herzen wohnt

In der Nacht.

Kommt und zündet die himmlischen Lichter an, Daß ich lustig mit schwärmen und spielen kann In den freundlichen Spielen der Nacht.

Brennendes Schiff.

Von Alexander Thayer.

Ich hatte in Bandoeng zu tun und fuhr zurück nach Batavia. In Batavia nahmen wir Ladung: Zinn in die unteren Laderäume Zucker, Tabak, Reis, Kampfer; an Deck verstauten wir eine Menge Teakholz und einige Weinfässer. ,

Dann lichteten wir die Anker und gingen in See Nach Zwei Tagen ankerten wir vor Semarang, um einige hundert Kisten Batiktucher z laden. Diese werden zu Tausenden in Djoka hergestellt und von dort nach dem ganzen Orient exportiert. Gleichzeitig löschten wir dort Ladung, Farbenkisten aus Deutschland, die eben diese Batikfabriken zur Hers lung ihrer Tücher benötigten.

In Soerabaja nahmen wir noch zweihundert Chinesen an Bord, ich zusammengedrängt lagen die Kulis tagsüber aus dem Vorschiff Sonnenplache, und der Gestank wehte von unferm Schisse bis z , 500 Meter entfernten Land, so daß die Hafenbehorde uns befahl, die Anker zu lichten und dreitausend Meter weiter auf der Reede zu ankern. In den wenigen Kammern auf dem Oberdeck waren em,ge weiße Passa- Bicre untergebracht, ein englischer Missionar, dann Beamte der verfr ch tenden Firmen und eine junge Dame, Tochter eines englischen Blanch^n- besitzers auf Java, die nach Schanghai wollte, um einen holländischen Ingenieur zu heiraten. Sie war eine bildschöne, schlanke, blond g länderin und lag meist zurückgezogen auf ihrem Liegestuhl f Vootsdeck, mit ihrem Roman beschäftigt.

So lichteten wir die Anker und fuhren an einem herrlichen Morgen 'n See, liehen Soerabaja langsam hinter uns. Niemand ahnte, daß es die letzte Reise derDu Shun" sein sollte.

, Am andern Tag ankerten wir vor Boeleleng °uf d°r sagenre,chen Ne( Bali. Nachdem die Ladung übernommen ist, liegenwirausdem Deck und starren in den sternenklaren Himmel. Mit uns der Dolmetscher, Herr Roosevelt, ein Nesse des früheren Präsidenten von Amer, a der hch letzt mühsam als Touristenführer und Dolmetscher auf ' durchbnngü

Dann klapperten wir unsere Omnibusstrecke weiter; Celebes wo wir weitere zweihundert Kulis an Bord nahmen; brei Tage ging $ heimtückische Celebes-See und dann hinaus auf die endlose Flache d Stillen Ozeans.

Die Hitze wurde unerträglich. Wenn der Wind gegen uns war, wehten d'e penetranten Düfte der auf dem Vorschiff lagernden Matzen zu »uf die Brücke. , ,

w Wir sahen abends in unserer kleinen Meffe oder lagen auf dem Bootsdeck im erfrischenden Wind, Unser Telegraphist s ß endliche bne, und der Kapitän spielte mit dem Ersten Offizier ft

Schachpartie, bei welcher der Erste prinzipiell den Alten gewinnen ließ, um ihn in guter Stimmung zu erhalten, und weil ein Erster Offizier überhaupt nicht seinem Kapitän über sein darf, auch nicht beim Schachspiel.

Heber das ganze Deck zog eine eigentümliche Mischung von beißendem Tabakgeruch aus der Ladung, Kampfer und dem Gestank unserer leben» den Fracht. Die Engländerin lag in ihrem Bordstuhl, umgeben von einer betäubenden Wolke eines feinen französischen Parfüms; der Missionar las in seinem Brevier, und die anderen Herren spielten.

Da stürzte mit bleichem Gesicht der Maschinenches herauf und flüsterte dem Kapitän etwas ins Ohr. Der Kapitän sprang von seinem Stuhl, daß die Schachfiguren über das ganze Deck kugelten, und verschwand im Niedergang. Die Schraube blieb stehen, der überschüssige Dampf strömte zischend und brausend durch das Ablaßventil. Nach einigen Minuten kam der Kapitän zurück und ging nervös auf der Brücke auf und nieder.

In der Maschine wurde inzwischen fieberhaft gearbeitet. Durch ein plötzliches Durchgehen der Maschine war ein Kolben aus seinem Lager gerissen worden. Mil Kränen wurde der Kolben wieder an seine Stelle gebracht, und nach vier Stunden war der Schaden behoben. Langsam wurde das Dampfoentil aufgesperrt. Schon bei dem schwächsten Druck ging die Maschine auf sechzig Touren!

Da kam der Maschinenchef auf Deck, legte sich in einen Liegestuhl und zündete feine Pfeife an.Die Maschine ist all right, Sir", sagte er. Warum zum Teufel fahren wir aber nicht", schrie, zornrot im Ge­sicht, der Alte.

Das ist eine andere Sache", erwiderte der phlegmatische Maschinen­chef.Wir haben die Schraube verloren! Glatt am Wellennock abgebrochen!"

Wir stürzten in die Funkkammer.Geben Sie sofort SOS", rief der Kapitän,unsere Position, erbitten Sie Schlepperhilfe aus Manila!"

Entschuldigen, Herr Kapitän", entgegnete der Telegraphist,mir ist heute die letzte Röhre durchgebrannt, Ersatzröhren find doch bei uns hier ein Luxus, den wir uns nie leisten durften. Mit diesem traurigen Rest kann ich keine Signale mehr geben!"

Wir zerbrachen uns die Köpfe. Es war eine trostlose Situation. Wir waren abseits vom Kurs der meisten Dampfer, vor vier Wochen war der auf Gegenkurs laufende Dampfer unserer Linie nicht zu erwarten. Was aber das Aergste war, wir hatten nur Wasser für acht Tage!

*

Am nächsten Tag ging alles noch seinen ruhigen Gang, am zweiten Tag spürte man schon eine gewisse Unruhe unter den Kulis. Sie be­kamen diesmal nur die halbe Ration Wasser. Am dritten Tage sichteten wir noch immer nichts. Als wir an Deck tarnen, fehlten zwei von unfern acht Booten. Offenbar hatte ein Teil der Mannschaft sich auf diese Weise retten wollen und war dem sicheren Verderben in die Arme gefahren.

Die Kulis rotteten sich zusammen und wollten auf die mittschiffs ge­legenen Aufbauten. Einige Revolverschüsse belehrten sie, daß wenigstens die ersten nicht lebendig heraufkommen würden.

Am zehnten Tage aber brach die Meuterei los. Einen direkten An­griff auf die Brücke wagten die Kulis nicht, besetzten aber das untere Deck, während wir Offiziere, die weißen Passagiere und lie laskarische Mannschaft uns auf die Kommandobrücke zurückzogen. Das Bier, die Wasfersässer mit dem Rest unseres Wassers hatten wir auf das Dach des Navigationshauses geschafft und mit Persennings gegen die glühen- den Sonnenstrahlen geschützt. Unten am Bootsdeck kämpften sie wie irrsinnig um die Boote, fünfzig, hundert stürzten sich in ein Boot, eines kenterte sofort, nachdem es zu Wasser kam, ein andres fiel aus dem Block, schwebte an einem Ende in der Luft, während eine Traube zappelnder Menschen in der Luft hing. Einer klammerte sich an den andern, bis sie allmählich abbröckelten und ins Wasser fielen. Schreien und Brüllen aus dem aufgepeitschten Wasser verriet, daß die Haifische ganze Arbeit machten.

In wenigen Minuten war kein Boot mehr an Deck, drei von den acht Booten konnten zu Wasier gebracht werden und fuhren eilig davon. Inzwischen hatte es aufgefrischt und eine lebhafte Nordwestdünung ließ unfern Dampfer von einer Seite zur andern rollen.

Der Telegraphist bastelte unermüdlich an seinem Apparat. Aber auch mit bessern Mitteln, als ihm zur Verfügung standen, hätte man keinen Sender bauen können, der eine Reichweite von 2000 Kilometer besessen hätte.

Nach zwei weiteren Tagen hatten wir nur noch zwanzig Flaschen Bier und 200 Liter Wasser.

Von allen Setten kletterten die Kulis jetzt auf bas oberste Deck. Wir zogen uns in bas Steuerhaus zurück, verschalten die Fenster und über­ließen ihnen das ganze Schiff. Da wir sahen, daß wir uns höchstens nur