Auch Gleichebeuter hießen sie, weil sie, Me es Immer und übereil beim Piratenvolk der Brauch gemejen ist, ihre Beute ehrlich teilten.
Dem SchifssvoU der Kauffahrteischisfe, gleichgültig welcher Flagge, erstarrte 'Mark und Blut, wenn sie durch das Dunkel der Nacht, durch den Morgen- oder Abendnebel das Gellen der Befehlspfeifen von den Raubkoggen hörten, sich dann die hohen, breiten Schatten, über denen die schwarzen Wimpel wehten, Bord an Bord an die Kausfahrer heranschoben, die Feuerbrände und Enterhaken flogen, und an der Spitze des heulenden, johlenden Satansvolks die wilde Gestalt Störtebeckers oder Gödeke Michels auf das verlorene Handelsschiff niederjprang.
Um diese Zeit — es ist das Jahr 1390 — nennt die Geschichte wirklich neben dem obersten Führer der Bitalienbrüder, Gödeke Michels, zum ersten Male Störtebeckers Namen als den eines jungen Hauptmanns der Gleichebeuter. Bon der Insel Gotland und der reichen Stadt Wisby, die sie sich zum Raubnest und Hauptquartier ausevsehen hatten, schwärmten sie wie böse Wespen über die ganze Ostsee und wagten sich, was früher kaum geschehen war, auch durch den Sund in die Nordsee hinaus, so daß auch diese bald von Wasfenlärm und Seeraub widerhallte.
Vergebens ergingen gemessene Befehl« der Städte Wismar und Rostock und des mecklenburgischen Herzogs an ihre Freunde^ di« Schiffe der Verbündeten, also vor allem di« hansischen, zu schonen. Di« Bitauenbrüder kümmerten sich um solche Mahnungen nicht. Wieder kam es so weit, daß man all« Handelsschiffahrt einstellen niuhte, wollte man nicht alles verlieren. Aber auch darum scherten sich die Freibeuter nicht. Wurde die Beut« auf den Meeren selten, dann warfen sie sich aus die Küstenstädte und Seeburgen, mordeten und raubten, brandschatzten Malmö und hausten grauenhaft im reichen Bergen, das damals unter dem „hansischen Kontor" ein Hauptplatz deutschen Handels war. Sie wagten sich selbst die Elbe bis Hamburg hinauf und häuften überall auf ihren Seezügen Schätz« auf Schätze, die, waren sie auch nicht so unermeßlich wie die Phantasie des Volkes sie sich ausmalte, dennoch erstaunlich genug gewesen
sein mögen.
Manchmal freilich erreichte da und dort ein Raubschiff sein Schicksal. So, als eine Schar Gleichebeuter eine nach Stralsund heimsegelnde Handelskogge Überfiel, im Kampf unterlag und an di« hundert Seeräuber gefangen wurden. Da man sie noch fürchtet«, wenn sie in Ketten lagen, jo setzte man jeden Bitalienbrüder zu leichterem und ungefährlicherem Transport« in eine leere Tonne, schlug dann den Deckel, in den man ein Loch geschnitten hatte, wieder darauf, so daß nur die Köpfe des Gesindels yervorfahen. Schichtete di« Tonnen übereinander und führ diese greulich fluchende und lammemde Ladung gleich zu dem Richtplatz von Stralsund, wo der Henker den Tonnen samt und sonders die Köpfe ab- mähte. Aber was konnte das helfen! Für hundert Geköpfte lief dem Störtebecker und Gödeke die dreifache Zahl von Abenteurern zu Ehe man die Führer fing, konnte man dem liebel nicht steuern.
Da gab nach endlosen Verhandlungen Margarete den Kdmg Albrecht frei, der sechs Jahre ihr Gefangener gewesen war. Als ihr nun durch die Kal'marische Union die Kronen Dänemarks, Schwedens und Norwegens wirklich zufielen, machte sie ihren Frieden mit den Städten. Damit ging den Vitalien-brüdern auch der letzte Schein von Rechtmäßigkeit verloren. Denn auch Wismar und Rostock und der Mecklenburger erklärten di« Kaperbriefe für null und nichtig. Aber das betrübte di« Gleichebeuter nicht.
Weil sie auch Überall für vögelfrei erklärt wurden — was nichts daran änderte, daß Wismar und Rostock ihnen noch heimlich die Markte zum Verkauf ihres Raubes öffneten —, einzelne Städte und der Hochmeister des deutschen Ordens ihnen gefährlich zu Leche ruckte so dehnten sie ihr« Seezüge in immer entferntere Gebiete aus. Zogen nach Rußland oder an bi« spanischen und französischen Küsten. Der 'nächtigste Haufe aber, mit ihnen di« Piratenfürsten Gödeke, Störtebecker, Wichmann und der Magister Wigbold ließen sich in Dftfrieslanb nieder, wo damals noch unzählige Häuptlinge über ein rauhes Volk als Herren faßen und einander in unaufhörlichen Fehden zerfleischten. In diesem fnedlosen Gebiete, das ihnen mit seinen Küsten, Kanälen und vorgelagerten Inseln treffliche Schlupfwinkel bot, fanden sie gerade bei den mächtigsten Häuptlingen freundliche Aufnahme, weil der eine sie gegen den andern ^raucben ju können glaubte. Schlösser und Burgen stellten ihnen die Friesenfursten zur Bersügunq. Noch heute wird da und dort eine Ruine gezeigt, Lus Störtebecker und Gödeke Michels gegen d>° hansischen Englandfahr «nsgezogen sind. Das wurde letzt ihr eintrag! chftes Gewerbe, sich auf d,e Seeitraken zu werfen, die die deutschen Hansestadt« mit Holland und Lag ^d verbänden Äett sie aber auch englische Schisse nicht. ichonten, so glaubte Richard II., der wußte, wie «inst Wismar und Rostock die See räuber beschützt hatten alle diese Greueltaten geschähen im Emoerstand-
mit A keuLn Hansa. Da gebot er. deren Schiffe aufzuheben, wo '""Well nan'burd) diesen Kaperkrieg, den die Städte natürlich mitbem gleichen Vorgehen beantworteten, ein wirklicher Krieg wit Engla d drnbte es überdies glücklich so weit gekommen war, daß die Kausfahrer
0M merlt än der Ostsee m°t der Ausrottung der Räuber zu beginnen. Während dort seit d r Hochmeister der Insel Gotland bezwungen der UNMstzWZZW WÄÄ ff Atu & - "'M SSI -TsK
Schocke und Simon von Utrecht mit einer i Neuwert, wo
Denn diesmal kämpften die Piraten um ihre Köpfe. Siebzig Seeräuber, darunter Störtebecker und Wichmann, würden gefangen und im Herbste 1402 zu Hamburg enthauptet. Bald darauf ereilte auch Gödeke und den Magister Wigbold das gleiche Schicksal. Die Köpfe der Seeräuber steckte man, wie es in jener rauhen Zeit noch der Brauch war, zur Warnung für, ihre übrigen Spießgesellen am Ufer der Elbe auf Pfähl« Doch verging noch manches Jahr des neuen Jahrhunderts, bis das Raubvolk von der Nord- und Ostsee verschwand, und der Schiffshauptmann Bockeimann auf dem Fockmaste feiner großen Danziger Kriegskogge, dem „Mariendrachen", einen gewaltigen Besen hissen konnte, zum Zeichen, daß er die beiden Meere von den letzten Resten der Bitalienbrüder reingefegt habe.
Trost.
Von Theodor Fontane.
Tröste dich, die Stunden eilen. Und was all dich drücken mag, Auch das Schlimmste kann nicht weilen. Und es kommt ein andrer Tag.
In dem ew'gen Kommen, Schwinden, Wie der Schmerz liegt auch das Glück, Und auch heitre Bilder finden Ihren Weg zu dir zurück.
Harre, hoffe. Nicht vergebens Zähltest du der Stunden Schlag, Wechsel ist das Los des Lebens, Und es kommt ein andrer Tag.
das
hin- kön-
Oer Kriegökommiffar des Königs.
Roman von Friedrich F r e 11 a.
Copyright 1931 by August Scherl. G. m. b. !)., Berlin.
(Fortsetzung.)
Da hieß es auf einmal, der König fei in der großen Schlacht bei Kunersdorf geschlagen worden. Alles schien damit verloren zu s«n. Heinrich sah alte Offiziere meinen. Es war nur ein Glück, daß Russen und Oesterreicher uneinig waren. Der König raffte an Truppen zusammen, was er konnte, operierte geschickt und konnte am Ende des Feldzugs so feste Stellungen einnehmen, daß der Feind aus dem großen Siege wenig gemacht hatte.
Hier erschrak Heinrich: Diese frische, lebenslustige, breite Frau war heimgegangen — verdorrt wie irgendein Gras auf dem Felde, wenn der Herbst kommt? Er raffte sich auf und las weiter: „Teilen Sie meinem lieben Schwiegersohn in der Anverlobnis, dem Kriegskommissar Heinrich Fritsche zu Stettin, mit, daß meine Tochter Klara eines Tages davongegangen ist in aller Heimlichkeit und mir nicht hinterlassen hat, wohin sie sich gewandt. Schreiben Sie ihm, ich hätte immer gehofft, das Mädchen würde zurückkehren: denn sie hat ihre Flucht auch vor der Bekanntschaft verheimlicht, hat erzählt, sie würde ins Braunschweigische zu Verwandten gehen. Ich bitte nun meinen Schwiegersohn herzlich, er soll es bem Mäbchen nicht zum Uebel anrechnen, soll sich ihrer erbarmen denn ich hege die feste Hoffnung, daß sie nur fortgereift ist, um zu ihm zu kommen Wie oft hat sie des Abends geseufzt: ,War ich nur bei meinem Heinrich, dann wär' all die Unruhe fort, bie in mir ist!
Den Rest der Zeilen, der einen persönlichen Trosi und eine Ermahnung des Herrn Pastors Grünengrund enthielt, überflog Heinrich nur. Er saß wieder an feinem Tisch, stützte den Kopf in die Hand, pruste wieder und wieder das Gelesene. Also war es Klara ernst gewesen, zui ihm zu kommen; es war ein Notschrei des Mädchens gewesen und er hatte ihn nicht verstanden. Jetzt irrte sie in der Welt umher, und nicht einmal den Brief, der ihm das alles anzeigte, hatte er zur Zeit geöffnet. Wo mochte fie jetzt fein? Hatte sie vielleicht angeklopft an seiner Tur, und er hatte auch das nicht gehört?
Alles Sinnen und Denken Heinrichs war von den Geschäften genommen. Schon um vier erhob er sich, um um fünf arbeiten zu nen, und die Kerzen auf seinem Arbeitstisch erloschen oft erst um Mitternacht. Als er in einer Nachtstunde zurückgelegte Schriftstücke durchsah, fand er zu seinem Erstaunen einen Brief, den er feit vierzehn Tagen nicht geöffnet hakte. Der Brief trug eine fremde Handschrift, war persönlich an ihn gerichtet und hatte ihn darum nicht gekümmert. Er erbrach das Siegel und las, indem er eine lange höfliche Anrede überschlug und zugleich aus der Unterschrift ersah, daß der Briefschreiber der ihm als Seelsorger der Frau Pfarrerin Mahlmann wohlbekannte Pastor Grünengrund aus Halle war, eilig diese Zeilen: „--Und liegt mir nun bie
Pflicht auf, Ihnen mitzuteilen, was mir die nun in bie Seligkeit hm- gegangene Frau Pfarrerin auf dem Totenbett anvertraut hat .."
Heinrich wurde während des Winters wieder nach Stettin geschickt, um von Pommern aus die Magazine für bie im Osten operierende" Abteilung des Heeres sicherzustellen. Hier fand er alles unverändert; auch die Schweden hatten, trotz ihrer Uebermacht, und obgleich fie im General von Lantinghausen einen neuen Oeberbefehlshaber hatten, wenig ausgerichtet. Die Bevölkerung bewies ihre Liebe zum Vaterlande: Die Pommern gaben den letzten Groschen, den letzten Scheffel Korn, das letzte Kalb her, um bie Armee nicht Not leiden zu lassen. Doch in den Berichten mußte Heinrich oft schreiben: „Geht cs so weiter, so wird ' Land bald nur noch von Bettlern bewohnt ..."


