fuß geeinigt hatte, verschwanden die Schiitzenstinten van selber hinter bem Rücken

(fs war der Tag der Vergeltung noch nicht, es war nur eine Seifen- blase, durch einen Pudel aus der Stimmung kommender Ereignisse ge­zogen und mit einer Prise zum Platzen gebracht; denn als der erst« Nieser kam, prustete auch schon verstohlenes Gelächter, das bald zur allgemeinen Heiterkeit anfchwoll, als einer nach dem anderen, nicht oe* wähnt zu schnupfen, zu niesen ansing, und also statt der Flinten sich die Nasen der Aufrührer lösten. Bald konnten die Schifferknechte mit dem befreiten Holländer abziehen, der seinen Pudel nicht weniger kopfschüt­telnd unter dem Arm trug, als der Kommandant noch immer seine Ta- baksdofe in der Hand hielt Die Binger aber, einmal aus ihrem Gewerbe- fleih gestört, sanden den Weg zur Arbeit an diesem Tag nicht mehr zurück; aus der Jahresfeier der Franzosen wurde ein Abschiedsfest für die Wei chen, wie es ein Witzbold nannte. Und wenn der Kommandant seine-gestörte .Anisprache auch nicht vollenden konnte, saßen ihrer in den Wirtschaften genug, die den Schaden mit anderen Reden wettmachten, während der befreite Holländer das Laufbrett des Schiffes von, Ufer abgezogen hatte und verdüsterten Gemüts feinen Pudel in den Rhein ver­senkte, der allein das Opfer dieser vermeintlichen Volkserhebung gewor­den war, von deren Gefahr und kaltblütigen Abwendung ein Geheim­bericht des Kommandanten noch große Worte nach Paris sandte, indessen dort schon der Kaiser sein letztes Aufgebot raffte.

Klaus Störtebecker und die Vitalienbrüder.

Bon Alfons von Czibulka.

An einem Herbsttage des Jahres 1402 lief aus den Toren Hamburgs Diel Volk auf dem Graasbrook zu Häuf, wie man das damals noch ein­same, unbebaute Wiesenland am Ufer der Elbe nannte, auf dem man angesichts des Stromes, der Schisse, Masten und Wimpel die Seeräuber zu richten pflegte feit alters. Kops an Kopf also stand die Menge und starrte gebannt aus den bunten, festlichen Zug, der aus dem Tore her­um kam und sich durch die Gassen des Volkes zum Richtplatz bewegte. Die Stadtpfeifer voran, der Fron im scharlachroten Mantel mit seinen Knech­ten, deren einer das Schwert trug, und hinter ihnen, von den Wachen geleitet, in ihren besten Gewändern die wilden, verwegenen Gestalten der vielen Bitalienbrüder, die man mit ihrem großen Hauptmann Störte- becker, der, düster und hochmütig um sich blicken«, an ihrer Spitze zum Tode schritt, bei der Insel Neuwerk vor Curhaven gefangen.

Siebzigmal blitzte das Schwert des Meisters Rosenfeld als ein schauriges Blinkfeuer über den silbergrauen Strom, von dem her ein scharfer Seewind wie zum letzten Gruße über das weite Grasland strich, und bis zu den Knöcheln stand der Henker hn Blute. Staunend und vor Grauen sich schüttelnd, sah das Volk, wie der wilde Störtebecker, der sich vom Rate erbeten, daß jenen seiner Gesellen Gnade werden sollte, an denen er enthauptet vorüberschritte, nun, als sein Kopf über das Gerüst gerollt war, ohne Haupt bis zum fünften Manne ging. Bis ihm der Henker einen Prügel vor die Füße warf, damit der geköpfte Seeräuber da« Schauspiel des Tages nicht gänzlich verdürbe, wenn er am Ende ohne Kops bis zum Siebzigsten ginge.

Als aber der Fron fein schon vom Blute dampfendes Schwert zum letzten Male geschwungen, da gab er den Ratsherren, die ihn fragten, ob er nun endlich müde wäre, die fröhliche Antwort, er wäre es so wenig, daß er sich getraue, noch den ganzen Hamburger Rat auf der Stelle zu köpfen. Was dieser so übel nahm, daß zum Abschluß des solennen Schauspiels Meister Rosenfeld wegen feines kecken Wortes so­gleich selbst vom jüngsten Ratsherrn enthauptet wurde.

Mit einem so wilden, von Kraft überschäumenden Bilde, aus dem man den Atem jener Zeit zu fühlen meint, und in dem auch die derben Späße nicht fehlten, läßt die Volkssage den Seeräuber Störtebecker sein Leben beschließen. Köstlich ist es zu sehen, wie sich in dieser farbenglühenden Szene das Empfinden der Menge an jenem Tage widerspiegelt. Wie sie den kühnen Meerfürsten, von dem die Sage gleichsam schon bei Leb­zeiten Besitz ergriffen, fast zum Helden macht, und das Volk dennoch der Haber sticht vor Freude, daß der Seeräuberschrecken vorüber ist. Wie so ost, weiß auch hier die Sage sind von ihr auch nur Bruchstücke über­liefert anschaulicher und kraftvoller als alle geschichtliche Forschung darzustellen, was in jener Zeit die Gemüter bewegte. Denn die Geschichte weiß von Störtebecker wenig. Hin und wieder nennt sie seinen Namen. Aber von seinem Leben erzählt sie nur, daß «r vielleicht aus Wismar stammte, einer der obersten Hauptleute der Bitalienbrüder war und bald nach dem Jahre 1400 mit einer Schar seiner Spießgesellen unter dem Schwerte des Hamburger Henkers endete.

Und doch sind nur wenige Weisen durch Jahrhunderte so viel gelungen worden als das heute verklungene Lied vom Störtebecker. Von seinen Burgen und Schlupfwinkeln, von feinen Taten und unermeßlichen Sckzätzen ist zwischen Ostfriesland und Danzig die Ueb erlief erung noch heute lebendig. Ein Wunder ist es nicht. Denn nichts konnte in jenen Jahrzehnten tiefer an das Gemüt der vielen rühren als das höllische Treiben der 'liitalienbrüber, die draußen auf dem nahen Meere, oft wirklich vor aller Augen die Kauffahrteischiffe anfielen und den Handel der Hansestädte gefährlicher bedrohten, als alle Kriege es vermochten.

Daß Klaus Störtebecker gelebt hat und einer der Anführer der Frei­beuter war, bestreitet auch die Geschichte nicht. Also wird die Sage wohl im Recht sein, daß sie gerade ihn aus seiner Zeit heraushob, ihn gleich­sam, wie sie das so gerne tut, aus dem Gewöhnlichen, Alltäglichen und Engen ins Symbolische erhob, ihn zum Träger des Empfindens der breiten Masse machte die, fürchtete sie den Störtebecker auch wie das höllische Feuer, dennoch den reichen Handelsherren diesen bösen Aderlaß durch die Piraten gönnte und so zugleich mit dem Bilde seines Lebens einen Querschnitt durch jene Epoche gab.

Diese aber war bewegt, wild und ungewöhnlich genug, daß in ihr ein so abenteuerreiches Leben in unbekümmerter Wildheit dahinstürmen konnte wie es die Sage von Klaus Störtebecker erzählt. Denn bald nach der Mitte des 14. Jahrhunderts begann die Ostsee von Raubgesindel zu

wimmeln. Freibeuter haben auf allen Meeren ihr Wesen getrieben, seit es eine Handelsschiffahrt gab. Doch um jene Zeit nahm das Piraten- unwelen in der Ostsee in einem Maße zu, wie es bis dahin noch nicht erhört war.

An rückfichtsloisem und herbem Vorgehen gegen diese Räuber sehlte es nicht. So pflegte Herzog Heinrich von Mecklenburg jeden Räuber, den er fing, mit eigener Hand aufzuhängen.Du most mi dorch den Ring fiten r sprach er väterlich und knüpfte sein Opfer kunstgerecht an den nächsten Baum. Deshalb ritt er auch niemals ohne einen Vorrat von Stricken, die er am Sattel hängen hatte, über Land. So ist er auch als Heinrich der Henker in die Geschichte eingegangen.

Aber mit diesen Versuchen, Ordnung und Sicherheit zu schassen, ver­größerten die Städte und die Fürsten fürs erste nur das Uebel. Denn alles Raubvolk, dem das .Handwerk nun zu gefährlich oder zu wenig einträglich wurde, warf sich auf die Meere und lief den wenigen See­räubern zu, die es damals erst gab. Was für den Handel natürlich weit gefährlicher war als die Räuberplage auf dem Lande. Das Unwesen wuchs in kurzer Zeit so beispiellos an, daß für Jahrzehnte aller Seehandel in der Ostsee fast unmöglich wurde und es hen Städten geradezu ans Leben ging. Bald gab es keine Stadt und keinen Reeder mehr, die nicht an Schiff und Gut die empfindlichsten Verluste erlitten hätten. Denn die See wimmelte von dem heillosen Volk der Teufelskinder, wie ein alter Chronist die Piraten nennt, und oft konnte man die hochbordigen, wehr­haften Raubkoggen vor 6en Häfen selbst auf die aussegelnden Kauffahrer lauern sehen. Nacht für Nacht stand der blutrote Schein brennender Meer­schlösser oder in Flammen ausgehender Schisse über der dunklen See. Daß man gemeinsam eine Seepolizei aufstellen und Kriegsschiffe aus­schicken müffe, darüber waren sich die Städte einig. Dennoch geschah I jahrelang nichts. Denn da die Ausführung solcher Friedekoggen, wie man sie nannte, natürlich Geld kostete, so entspann sich auf den großen zu Lübeck und Rostock, zu Wismar und anderswo abgehaltenen Tagfahrten erst einmal ein gewaltiger Kuhhandel zwischen den Ratsherren und Sendboten der einzelnen Städte über die Verteilung der Lasten.

Als Waldemar III. von Dänemark gestorben war, hatte der unmündige Sohn Olaf der Norwegerkönigin Margarete unter ihrer Vormundschaft den dänischeif Thron bestiegen. Bei ihrem großen Plane, mit dem sie sich 1 trug, alle nordischen Reiche unter ihrem Zepter zu einen, erkannte die Königin bald, welche Dienste ihr das seemännisch vorzügliche, tollkühne Seeoolk gegen die mit ihrem Gegner Albrecht von Schweden verbündete Hansa leisten könnte, deren immer reicher aufblühender Handel ihr ohne­hin ein Dorn im Auge fein mußte. So öffnete sie willig den Freibeutern Städte und Häfen, wo sie ihren Raub bergen konnten, und stellte ihnen Raubbriefe aus, die der Ehronift mit erfrischender Offenheit Stehlbriefe ; nannte.

| In dieser höchsten Not beschlossen die Städte, jegliche Handelsschiff- i fahrt in der Ostsee überhaupt einzustellen, um sozusagen diesen Stäuber» ! staat auf dem Meere vom Lande her zu blockieren. Aber was halfst Diese Blockade spürten die Städte nicht minder als jene, denen sie galt. Die Waren wurden selten. Die Preise stiegen ins Ungemeffene. Bankrott und Armut drohte den Handelsherren, und so ließen sie, war es auch mit Strafen an Leib und Gut bedroht, ihre Schiffe dennoch heimlich in See stechen. Also fehlte es den Piraten trotz der Blockade nicht an Beute. Da verfiel man auf ein seltsames, doch, wie es schien, wirksames Mittel.

! Man verpachtete die Ausrottung der Freibeuter gegen eine bestimmte Summe an den Hauptmann und späteren Bürgermeister von Stralsund, Wulf Wulfrarn. Dafür gehörte ihm die Deute. Der aber verstand fein Handwerk. Und hätte nicht wieder die Politik einen Streich gespielt, er wäre der Plage Herr geworden. Denn schon nach kurzer Zeit verließen die Seeräuber, die der Hauptmann mit seinen Friedekoggen von Schlupf­winkel zu Schlupfwinkel jagte, daß ihnen der Atem verging, in Scharen ihre Schiffe.

Da starb im Jahre 1389 der Knabe Olaf von Dänemark. Nun ver- wirklichte Margarete ihren alten Plan und nannte sich auch Königin von Dänemark und Schweden, wenngleich doch Herzog Albrecht von Meck­lenburg schon seit fast einem Vierteljahrhundert die schwedische Krone trug und nun selbst den Titel eines Königs von Dänemark und Norwegen annahm. Natürlich kam es zum Kriege. König Albrecht unterlag und wurde gefangen. Schweden gehörte der Königin. Nur Stockholm, das durch die Mecklenburger Herrschaft fast ganz in deutschen Händen war, hielt sich noch, wurde von den Truppen Margaretes belagert und von der See her blockiert. Da waren es Herzog Johann von Mecklenburg und Ne Städte Wismar und Rostock, die die 'Partei des gefangenen Königs er­griffen und ihm wenigstens die Hauptstadt zu retten versuchten. Doch es fehlte an Mannschaft. Was konnte dann in dieser Not willkommener b in : als das wilde Schiffsvolk der Raubkoggen, das, wohl durch den Stralfun- der Hauptmann versprengt und geschwächt, sich immer noch auf dem offenen Meere, in entlegenen Schlupfwinkeln ober im Lande umhertrieb 1 So wurde denn in den beiden Städten ein Aufruf angeschlagen, in dem t es wörtlich hieß, daß jeder, der gegen Ne Reiche Dänemark und Nor- wegen abenteuern wolle, um dort zu rauben, zu plündern und zu bren­nen, aber auch Stockholm mit Lebensmitteln zu versehen, sich in Wismar ober Rostock einfinden möge,- wo man ihn mit Raubbriefen ausstatten werde. Das ließen sich die Freibeuter nicht zweimal lagen.

Eben das war das Gefährliche, daß diefer Ausruf all« Abenteuer­lustigen in Aufruhr brachte, auch viele adelige Herren den Seeräubern I zuliefen und mit ihnen Ordnung und Manneszucht unter die Freibeuter kam. Wie ja überhaupt nun erst ihre gefährlichste Zeit begann. Denn es ! verbündeten sich nicht nur zwei Hansestädte mit ihnen, wodurch jebes gemeinsame Vorgehen ber Hansa unmöglich würbe, sondern es erhoben sich nun auch aus ihrer Mitte verwegene, ja heldenhafte Führer, in deren Hände die Freibeuterfchiffe zu einer furchtbaren Waffe wurden.

Weil die Piraten den Auftrag hatten, Stockholm mit Lebensmitteln, also mit Viktualien zu versehen, fo nannten sie sich fortab Bitalienbruder und führten biefen Namen auch weiter, als sie längst mit der Verprovian­tierung dieser Stadt nichts mehr zu tun hatten.