Der Inspizient lief hin und her, schrie nach dem Techniker: der rechte Scheinwerser war zu hell. — Fleischmann mahnte den Vorhangzieher. „Vorsichtig sein, nur wenn ich rufe, ziehen Sie. Siewers stand am Vorhang und sah durch das Guckloch: „Ausoerkauftes Haus. Gleich in der ersten Reihe der Intendant des Landestheaters, neben ihm ein älterer Herr, den ich nicht kennet Konradius drängte ihn zur Seite: „Das ist der Werberq aus Dresden, und da ist ja auch der neue Intendant aus Coburg und Kleefeld vom Thalia-Theater aus Hamburg. Alles versammelt zu dem neuen Schmarren." _ , . , ,,
(Bertie hatte sich gegen einen Tisch gelehnt, sie brauchte einen Halt; ihr war jämmerlich zumute, sie konnte kaum noch stehen. Sie suchte krampfhaft nach den ersten Worten, die sie sagen mußte, aber he fielen ihr nicht ein. In ihren Ohren braust es, sie horte das Rauschen und
e'ne Zigarette aus der Schachtel, ohne darum gebeten zu fein, — Bücher stehlen sie doch. Denn ein Buch zwanzig Jahre lang nicht zurückgeben, heißt ja nichts anderes.
Häufig erfolgt Entlehnung eines Buches aus einer Art von Assimilationstendenz an den Besitzer. Wo hat nur der Kerl seine Ueberlegenheit her? denkt man. Natürlich aus feinen Buchern. Man borgt sich deshalb das Buch, von dem er gerade spricht, aber das heißt noch durchaus nicht, zu lesen. Die Funktionstheorie von Lagrange, die man mit großer Begeisterung entführt hat — zu Hause angelangt weih man nicht recht, was man mit ihr anfangen soll. Immer weiter fchiebt man das Studium hinaus. Allmählich wird einem schon der Anblick des Buches Zuwider. Zuletzt fühlt man sich sogar dem Eigentümer entfremdet. Dieses Buch, denkt man, kann mir gestohlen werden. Und richtig: eines Tages wird es einem gestohlen.
Vielfach sind es auch materielle Gründe, aus denen Bucher nicht zurückgegeben werden. Das befleckte und zerrissene Buch kommt me zu- rück. Auch weiß man nicht mehr recht, wem das Buch gehört. Oder man steht verzweifelt vor der Aufgabe, es einzupacken und zu adressieren Man hat keinen Boten zum Schicken. Es persönlich zuruckzubrmgen, fallt einem nicht ein. Denn derselbe „Zauberberg", den man vor drei Jahren in der Aktenmappe befördert hat, geht jetzt in bie Oteic^e JDlappe md)! mehr hinein. Ist die Mappe kleiner geworden? Der „Zaubeick>erg dicker. Nein nur war damals die Freude, das Buch zu lesen, mit eingcpadt, unb bie war zart, währenb bie Unlust, es zurückzugeben, wesentlich kom- Patauher geschlossenen Bücherschränken gibt es keine Hilfe gegen dieses soziale Uebel ' Ein Exlibris? Da lebt in Deutschland em Mann, der sammelt Exlibris, indem er einfach die damit versehenen Bucher nicht zurückgibt. Er ist so zu einer schonen Bibliothek gekommen, hat aber viel Mähe gehabt, da er die Bücher immerhin einzeln zusammenborgen mußte. Anders ein hoher Beamter in I, der bei Eintritt m sein letziges Amt die gesamte Bibliothek aus seiner früheren Stellung in feinen Privatsalon verpflanzte. Aber was ist das gegen de» berühmten alten Gelehrten der kürzlich feinen Erben eine kostbare Bibliothek hinterließ, in der sich Bücher befanden, die er durch Entlehnen aus einer Nationalbibliothek erworben hatte.
Daß diese Art von Seelenschlamperei nicht neu ist, kann man an einer Geschichte aus der Wiener Biedermeierzeit erkennen. Wenn Freunde des alten Lustspieldichters Bauernfeld ein ihm geliehenes Buch 3Hru<*P<;*? langten so sagte er: „Mein Gott, wie kann ich wissen, wer dein Buch hat! Nimm dir einfach eines aus meiner Bibliothek". Einmal befolgte ein Freund den Rat, und als er bann das Buch zu Hause aufmachte stand darin in wunderbar verschnörkelter Handschrift: „Joseph Hellmesberg , widmet dieses köstliche Geistesprodukt seinem trauten Freunde Dr. Joses Weistel"
3n Stunden der Auflehnung fühlt man sich versucht dem alten Herrn recht zu geben, den ich einmal in einem Pariser Buchladen habe ausrufen hören: „Wer Bücher entleiht, ist ein Verbrecher . Nein, doch nicht. Die Entlehner sind keine Verbrecher. Sie stehen unter einem kosmischen Gesetz. Augenscheinlich richtet das Buch an den Beschauer die stumme W orberunq: nimm mich mit. Der darin wirkende Autor verlangt nach Beachtung. Schon zu lange hat keiner von ihm Kenntnis Jeder, der Bücher nimmt, vergißt, verliert, unter die Leute bringt Ixit die Funktion eines Windstoßes, der Samen mertertragt, barmt irgendwo eine neue Pflanze Wurzel fasse. Aber das ist kein Trost für den Verlustträger, der den schweigenden Umgang mit den hachsten Recht liebt. Denn diese Großen sind wirklich sehr lieb und tactvoll. Ma- caulan sagt von ihnen: „Plato ist nie schlecht gelaunt, Cervantes stt nie frech Demosthenes kommt nie zu ungelegener Zeit. Dante hat nicht bie •’ÄS SB SÄ; -°«. N ein g*. Um;» b-. dangen. Win frieblid) füllen doch die Bncher an den Wenden! Wie tröst- iid) ift manchmal ein Satz, absichtlich aufgesucht oder zufällig aufge- schlaqen. Schon der Anblick eines Buchdeckels kann beruhigend wirken. Da schleppt man einem das Buch fort und es ist ausem Geben ge= schwanden Manchmal verspürt man noch eine Leere. Allmählich schwindet auch diese, dann erst ist das Buch ganz weg. Man i)t armer geworden und weiß es nicht einmal.
Also bitte: Wer hat meine Bucher?
Ztvei wollen zum Theater.
Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz.
Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Gertie war machtlos, wehrlos. Sie ließ alles über sich ergehen, sand nicht die Krast, das junge Volk abzuschütteln ö'e.^
das eine neue Welle von Angst in ihr aufpeitschte. ,Krick Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Der Literatur-Professor wurde also morgen abend ini Parkett sitzen, um bann über sie unb ibre i.erftungen »u be- richten Und nicht nur er, sondern noch sechs oder acht andere Kritiker, vielleicht noch mehr, denn es war ja eine Uraufführung, über die in den -Peilungen des ganzen Reiches berietet wurde, eine lU-auffuhrung bei Ämnnn ürSie man sich auch in Berlin, Dresden, MünchenFran^ lurt und Wien interessierte. Die Kritik — das war eine neue Angst. Alenn sie jetzt die Mädels davonjagte, erzählen es die womöglichs morgen dem Drofellor und er war dann von vornherein gegen sie eingenommen.
Sie stellte sich a?fo auf und ließ sich knipsen. Es blwb naturl ch „,ch bei der einen Ausnahme, das Mädel rollte eine gan3e 0Umf^ile ab xie anderen umdrängten inzwischen die Lehrer,n, be gatten l$on muöer einen neuen Plan ausgeheckt: sie waren m We,mar, ,n Pension, sie waren mit Goethe geladen, mit Goethe überfüttert seh „
genie" bei sich, hatten an dieser klassischen Stelle^ Szenen aus chr lestn wollen; nun stürzten sie sich von neuem auf Gertie. „Sie m 11
h Sie erwachte frühzeiUg, war müde, unausgeschlafen. Wie sie über diesen Tag sortkommen sollte, wußte sie nicht. Sie wagte sich dem Hause. Wieder und wieder las sie ihre Rolle, immer törichter erschienen ihr die Worte, die Handlung. Sie begriff schließlich nicht mehr, daß sie das alles einmal gut gefunden hatte, daß sich für den Unsinn irgendein Publikum überhaupt interessieren sollte Immer klarer wurde ihr es gab einen Durchfall mit Pauken und Trompeten. Und nicht nur bas: es war auch ein Wahnsinn von ihr gewesen, überhaupt den Versuch zu machen, zur Bühne zu gehen; warum war sie Isa: Wecher nachgelaufen, warum hatte sie diesen blöden Unterricht bei Pistorius genommen, was hatte ihr Büchner beigebracht?
Um sechs Uhr schlich sie zum Theater. Durch Nebenstraßen sw konnte sich nicht entschließen, über den Markt zu gehen, wo sie vielleicht Peter oder Leo Queis, der ja auch kommen wollte, in die Arme lief.
Sn der Garderobe lagen die Kleider, die sie sich für den Abend batte machen lassen: ein sommerliches Sportkostüm für den ersten, ein leichtes Nachmittagsfähnchen sür den zweiten und eme große Abend ollette fur den dritten Akt. Sie hatte sie mit aller Liebe ausgesucht. Jetzt schienen sie ihr abgeschmackt, scheußlich. Besonders die Abendtoilette die brennend rot war, weil sie Isa damals bei der Premiere im Hebbel-Theater gejagt ^Ja, * damals war /te Irisch gewesen. Was nutzte ihr das Rot heute, wo sie' blaß, übernüchtigt, elend war?
Die Negendank mahnte: „Sie müßen sich fertigmachen." Der Garderobier kam, der Friseur kam. Sie wollten Mut machen: „Famos sehen Sie aus, Fräulein Rose." Aber die Spiegel jagten Gertie etwas anderes.
Auf der Bühne waren die Mitwirkenden des ersten Aktes schon versammelt, als Gertie tarn. Die Stimmung war lau, mehr: war kühl: Trotz- bem rief ihr Siewers zu: „Spucken Sie aus, spucken ©le Ihren Stuhl an dreimal das nutzt." Und Konradius holte Fleischmann heran: Spucken Sie die kleine Rose an, Direktor." Fleischmann war auch erregt, aber machte trotzdem sein „Toi — toi — toi" gegen Gertie. Sie konnten alle von ihrem Aberglauben nicht los, und Gertie war auch schon so m ihm befangen, daß sie dachte: „Jetzt hat er nicht einmal ordentlich gespuckt.
' ind her, schrie nach dem Techniker: der rechte — Fleischmann mahnte den Vorhangzieher: ich rufe, ziehen Sie." Siewers stand am Vor
aus der Iphigenie" sprechen, bitte, bitte. Es wäre zu herrlich: eine richtige Schauspielerin lieft uns in Tiefurt aus der „Iphigenie" vor!
Was war zu machen? Einen Augenblick dachte Gertie: ,Lch und Iphigenie, das ist ja lächerlich". Sie hatte feit Jahren nicht mehr in sie hineingesehen, seit der Zeit, in der sie wie diese Backfische geschwärmt und die Monologe auswendig gelernt hatte. Aber da stand hinter den Mädels wie ein Gespenst der kritikschreibende Literatur-Professor, dem ie berichten würden. Alles schien ihr gar nicht si> lächerlich, wie es war, m Gegenteil: bitter ernst. „
Man drückte ihr das Buch in die Hand. Man rief: „Rem, nicht hier. Man stritt sich: ob vor „Coronas Bank", ob auf der „Theaterwiese ober auf der Terrasse am „Chinesischen Haus''. Sie wußten Bescheid, bte Möbels, wo man zu Goethes Zeiten hier Theater gespielt hatte bie Erzieherin hatte es ihnen eingetrichtert, sie sollten doch nicht umsonst in Weimar gewesen sein. , „ „ , , r.
So wurde Gertie schließlich durch den halben Park gezerrt, bis sie an der Stelle stand, wo einst die göttliche Corona Schroter Iphigeniens Worte gesprochen. Alles gruppierte sich vor ihr, alle fal)en auf fie. Und sie kam fick) unglücklich und zerschlagen vor. Aber sie raffte sich doch auf, las: LL ™. . ,
„Heraus in eure Schatten, rege Wipfel des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines ...
Sie brauchte kaum ins Buch zu sehen, war über sich selbst erstaunt: wirklich, die Worte hasteten nock) in ihrem Gedächtnis. Das junge Volk lauschte, als ob sie ihm eine Offenbarung brachte, es jubelte ihr Beifall, als sie den Monolog geschlossen hatte. Es ließ ihr keine Ruhe; sie mußte auch noch die große Szene aus dem vierten Akt sprechen: Ich muß ihm folgen ...‘‘unb das Parzenlied: „Es fürchten die Gotter das Men- ^^Me?er?ad “es vollen Beifall. Und bann zwangen die Mädels Gertie auch noch, mit ihnen gemeinsam den Rückweg noch Weimar anzutreten.
Sie mußte reden, schwatzen, auf hundert und aber hundert Fragen antworten: Theater und immer wieder Theater.
Der Marsch war eine einzige Qual. Halbtot kam Gertie in der Jenaer Straße an. Sie hatte gebeten, daß man ihr das Abendbrot aufs Zimmer stelle. Nun faß sie vor Teller und Schusseln und konnte nur noch eines: fassungslos meinen. Sie war mit ihren Nervenkraften
Ne d fröstelte erst, bann fror sie. Sie klapperte mit den Zahnen, glaubte Fieber zu haben. Sie dachte: „Es ist aus morgen bm >ch krank, schwer krank: Grippe ober Lungenentzündung, ober noch Schlimmeres. So kroch sie ins Bett, aber auch ba würbe sie nicht warm. Sie versuchte, sich ihre Rolle noch einmal auszusagen, sand kein Wort. Alles war wie weggeblasen. Dafür konnte sie etwas anderes nicht loswerden, es drängte fid) immer wieder in ihr Gedächtnis: „Es furchten bte Gotter das ^M?äo?he? Parzenlieb auf ben Lippen hämmerte sie schließlich


