wir Wache, da kannste dich sputen, daß du deine Siebensachen verstaust undTrimmertreß" hochholst!" weckt mich mein Freund aus meinen Träumen.

DieAmtshandlung" ist bald vorüber, Lunge, Herz inOrdnung". Nun zum Ersten (Erster Ossizier). Der sieht meinen Patz durch und stößt aus das Wort Oesterreich. Er läßt die Feder sinken, die brennende Zigarette aus dem Mund sollen, und ich fürchte, er hat die Maulsperre. Sprachlos starrt er mich eine Weile an, um dann atemholend loszubrechen:Mann, Sie sindn Oesterreicher? Ja, zum Teufel, wie könn' Sie sich heuern lassen? Na da harn wo die Bescherung. Da Ham se wieda n' Schlapp- chwanz an Bord jesetzt. Sie, bet sag ich ihn'gleich, bei uns mutz jearbeitet werden, bis die Rahen (Rippen) springen. Wir brauchen Leute an Bord, uu mit euch Oesterreicher is nich weit her."

Ich bin getuscht und schleiche die Wendeltreppe hinunter. Wie kann das erst im Kesselraum werden, und wie wird das enden? Ich nahm mir felsenfest vor, eine Ausnahme unter denSchlappschwänzen" zu sein, saßte Schweißtuch und Holzpantoffeln, auch meine Ration Marmelade, echt gefärbt, undButter", nämlich reine Margarine, für acht Tage, und selbstverständlich auch Schwarzbrot.

Um 16 Uhr geht der Tanz los. Jede Wache besteht aus zehn Mann, sechs Heizern und vier Trimmern. Drei Heizer und zwei Trimmer steuer­bords und ebensoviele backbords. Wir steigen in den Schlund hinunter. Ich habe das Gefühl eines Sträflings, eines Zwangsarbeiters.

Heiße Luft und Kohlenstaub strömt uns entgegen. Die Ecken bei jedem Feuerloch sind vollgefüllt mit Kohle. Unsere erste Arbeit ist Schlacke reißen und Aiche buften. Mit verschränkten Armen gibt der Oberheizer die Be- sehle Bon jeder Wache müssen sechs Feuer gereinigt werden Lange, schwere Eisenstangen und Krücken sind die ersten Werkzeuge, oie in Be­tracht kommen. Weißglllhende Schlacke wird mit diesen Stangen vom Roste getrennt und mit der Krücke herausgerissen. Fällt vor die Füße. Gieß auf!" schreit der Heizer, und der Trimmer gießt Kübel aus Kübel in die weiße, glühende Masse zu seinen Füßen. Gelbe, grüne Dämpfe zischen auf erfüllen den Raum, nehmen den Atem. Die Arbeit geht hurtig vor sich damit die Feuer nicht erlöschen. Jeder Griff muß gelten. Das Schweißtuch in den Mund gestopft und sestgebissen. Schweißtriefend Mann für Mann. Unentwegt beobachtet der Oberheizer die Manometer, die Zeiger dürfen nicht abfallen. Die nur mehr rotglühende Schlacke wird mit schweren Hämmern zerkleinert, glühende Spritzer treffen nackte Körper. Reißzangen und Krücken werden heiß, die Teppichfetzen als Handschoner nutzen wenig, die Handflächen brennen.

Stumm, keuchend arbeiten die glänzenden Leiber im Feuerschein. Hostend wird Asche ausgekrückt, frische Grobkohle ausgefeuert, Kessel um Kessel.An die Büste!" ertönt der Ruf des Oberheizers. Die beiden Trichter surren und rauschen. Schaufel um Schaufel Asche und Schlacke fliegt in den Schlund und saust durch die Bustrohre über Bord. Es ist ein Höllentempo in der Arbeit.

Die Ecken lichten sich. In die Bunker.Kohle, Kohle!" schreit der Heizer. Schippe um Schippe wird angefahren. Die Korbe fliegen von back- nach steuerbord. Wir haben nur Backbord-Seitenbunker. Kohlenstaub und Schweiß bedecken die nackten Leiber mit einer schmutzigen Schicht. Die Augen brennen. Wenn wir durch den kühlen Tunnel fahren, bilden sich hinter den Ohren und um den Mund Salzkristalle. Noch immer sind die Ecken nicht auf Borrat voll. Die Gebläse pfeifen. Bielgefra^g, unersättlich sind die Feuer Wir arbeiten taumelnd, rennen mit dem Kopf an Wand und Schotten, Räder gehen über die Holzpantoffel, Kohlenstucke treffen Fuß und Knie. Wir spüren nichts, dürfen nichts spuren. Kohle. Kohle!

*

Nach zwei Stunden haben roirs geschafft.Fisteen!' schreit der Ober­heizer. Fünfzehn Minuten Rast. Die Ecken find voll. Lauwarmer Kaffee, ein graubraunes, leeres Wasser, löscht den brennenden Durst. Die Pulse pochen in den Schläfen und im Halse wie Hammerwerke. Wir reiften die Windhutzen auf und sinken auf umgestülpte Kubel. Kuhl haucht die Seeluft von Deck herunter in die Hölle. Wie fein schmeckt, wie andächtig raucht sich eine schlechte Zigarette. . o ...

Wir (eben und freuen uns der Rast; zwei Stunden wahnsinniger Arbeit sind in zwei Minuten vergessen. Seeleute!

*

Bon den fünfzehn Minuten sind kaum zehn vergangen, da müssen wir wieder ans Schippen. Rastlos Kohle, Kohle. Das Tempo nimmt zu. Cs muß draußen schwere See sein; das Schiff ächzt in ollen Nieten und Sparren, donnernd brüllen die Wogen an die Wanten und schütteln den Kasten" wie ein Spielzeug. Die Schippe gehorcht nicht mehr in den Händen. Wir fallen hin, fahren talab und wieder herauf Das Gleichgewicht ist nicht zu halten. Mit den Schippen ist es nicht mehr zu schaffen, wir werfen ständig um und müssen wieder die verdammten Korbe schleudern. Feuern!" schreit der Oberheizer,mehr Dampf, nur immer ran, Jung s, wir fahren ganze Kraft!"

Cs ist wie in einem Tollhaus. Keuchend werfen die Heizer Schaufel um Schaufel in die gefräßigen, glühenden Rachen, Kohlenstaub verflammt i Wurf.Stücke ran!", schreien die Heizer. Wir werfen m den Bunkern die Kohlenberge durch nach Stücken. Die Hitze ist unerträglich. Jede Gelegen­heit, unter einer Kühle spendenden Windhutze durchzurommen, wird aus­genutzt. Nur einen Atemzug frische Luft! Die Körbe mutzen in einem Schwung, Boden nach oben, zehn Meter weiter m den Ecken landen. Die Handgelenke krachen vom aufwärtsdrehenden «chwung, die utur- menschliche Anstrengung im Aufruhr der Elemente jpannt jebe Sehne zum Zerreißen. Fester Stand, rechter Schwung im Schlingern und Aufbaumen des Schiffes ist nötig. Waden- und Bauchmuskel schmerzen Der Tritt aus ein nur nußgroßes Kohlenstück bringt den Mann zu Falle Dann ist er em Tölpel. Doch, die Stücke halten Feuer. Nach einem Wahnsinnstempo tonnen wir auf Vorrat arbeiten. Die Ecken füllen sich langsam Aber noch immer ist das Tempo rasend, darf nicht Nachlassen. Die Ablösung mutz

volle Ecken vorfinden. Nach knappen vier Stunden haben roirs geschafft und steigen die heißen Eisenleitern und Treppen aufwärts.

Die See wütet. Wir können nicht das Mitteldeck aufrechtgehend pas­sieren. Schwere Sturzwellen dröhnen darüber hinweg. Ein handlanger Fisch hüpft vor die Kombüse. Wo ist der Koch? Kriechend riskieren wir die zehn Schritte zum Mannschaftsgang die Reling entlang. Der Wellen­gang zieht ab. Ein Satz, ich bin geborgen. Wir kommen durch.

Nun ins Bad. Essen ist unmöglich, die Gedärme schlingern mir im Hals, der Magen ist ein vollgesogener Badeschwamm, die Glieder wie zer­droschen, die Hände voll Blut und Wasserblasen. Brandwunden und Beulen spüre ich nicht. Die erste Wache ist vorüber. Ich falle in die Koje wie tot. Acht Stunden Freiwache. Der Schlappschwanz hat durchgehalten.

Die nächste Wache ist nicht viel besser. Ich empfinde den Dienst als furchtbar. Ruhige See erheischt wohl flotte Arbeit, aber immerhin kein irrsinniges Tempo, und so halte ich mit zusammengebissenen Zähnen durch. Nur noch 26 Tage, dann sind wir am Ziel.

Täglich um 14 Uhr sind Schottenmanöver. Der Dampfer ist nämlich in Schotten (Räume) untergeteilt, so daß bei Unglücksfällen die Schotten, in welche das Wasser eingedrungen ist, hermetisch abgeschlossen werden können. Dies ist also eine Uebung, bei der alle Sicherheitseinrichtungen überprüft werden. Die Signale ertönen in allen Räumen, doch bei unserer hastenden Arbeit im Bunker achtet man nicht darauf.

Mein Kamerad ist ein junger Mann aus der Gegend um Wesermünde, der bereits drei große Fahrten hinter sich hat. Ein lieber Kerl, mit dem es sich gut arbeiten läßt. Ein echter Kamerad. Eben sausen wir mit dem Hund" durch den Bunkertunnel und müssen wieder, im hohen Seegang, die sechzig Kilo schweren Körbe schleudern. Es ist die Zeit der Schotten­manöver. Zwischen Heizraum und Bunker ist eine Schottentür. Ich renne seitwärts, mein Kamerad rückwärts mit dem rollenden Hund, und ich konnte gerade noch den Ausgang des Tunnels in den Heizraum erreichen, als die Bleitür langsam die Zahnradschiene herunterkri^cht. In halber Höhe hat mein Kamerad die Distanz falsch bemessen und rennt in gebücktem Laufe mit dem Hinterkopf an die Kante der schweren Schottentür. Ein handtellergroßes Stück Haut klebt samt den Haaren an der Mütze. Blut fließt ihm über Hals und Nacken. Ich kann aber nicht weiter daraus achten, denn die Feuer brauchen Kohle. Bald kommt jedoch mein Kamerad mit verbundenem Kopf wieder, und abermals geht es in den Bunker.

Tags darauf zum Arzt.Ja, mein lieber Mann", sagt dieser,solange Sie nicht mit dem Kopp unterm Arm zu mir kommen, kann ich Sie nich aus dem Dienst nehmen. Es muß eben gehen!" Drei Wachen hat der Mann noch durchgehalten, bann stellte sich hohes Fieber ein, und er durfte in den Krankenraum. Für ihn ging in Bahia ein Portugiese als Ersatz an Bord.

Morgens gibt es Haferschleim ober Hafergrütze unb sechs Brötchen. Mit Marmelabe unbButter"saßt" man auch etwa ein halbes Kilo Zucker für acht Tage. Haferschleim mit Marmelabe konnte ich erst nicht essen. Doch, als sich später, nachbem sich ber Körper an alles Ungewohnte anpaßte, auch ber Hunger einfteUte, mußte ich feststellen:Ah, bat schmeckt schon!"

Mittags ist Kartossel- ober Reissuppe, manchmal auch Graupensuppe obligat. Schweine- ober Rinbfleisch mit Kartoffeln in Sauce bilben ben Abschluß bes Menüs. Wenn nicht aus Pickelsteiner Fleisch unb Kartossein in Sauce, so besteht bas Abenbessen aus Hackfleisch mit Kartoffeln, bem als Beigabe roieber gekochte Kartoffeln zugesetzt finb. In ber Zeit ber Slequatorüberquerungfaßt" man täglich eine Zitrone unb einmal täglich Sago in Wassermilch mit Eisstücken.

Mit dieser an Kartoffeln für einen österreichischen Magen reichlich geseg­neten Kost hat berSchlappschwanz" im Bunker 28 Tage durchgehaUen. In Bremerhaven gelanbet, verließ er allerbings eilenbs basKartoffel« sch'ff". ___

ZurWald- und Wafferfreude".

Novelle von Theobor Storm.

(Fortsetzung.)

Er schien es nicht beachtet zu haben, baß sie um ben äußeren Rand bes Walbes herumgingen; benn es wuchs unb blühte hier manches, bas seine Aufmerksamkeit erregte, unb Kätti hatte immer Neues ihm zu zeigen unb zu fragen. Plötzlich aber, da er um sich blickte, rief er:Weshalb gehen wir denn hier? Der Fahrweg durch den Wald muß ja viel näher sein."

Der Fahrweg?" Kätti hatte den Kopf gewandt und sprach es in die Lust hinaus:Es kann wohl fein; ich dachte nicht daran!"

Aber du warst vorhin doch selbst so eilig!"

O nein; ich habe Zeit genug."

Du bist ein wunderliches Mädchen, Kätti."

Es dauerte lange, bis sie an die Kate ber langen Irina kamen. Das baufällige Häuschen lag schon im tiefen Tannenschatten; aber bie Tür war verschlossen, unb Wulf Febbers trommelte baran mit beiben Fäusten, ohne baß geöffnet wurde. Als er durch die blinden Fenster hinein­zublicken suchte, sprang von drinnen die schwarz unb weiß gefleckte Katze gegen bie Scheiben unb sah ihn mit ihren grünen Augen an.Brr!" sagte er;nur ber Haushunb ist ba drinnen." In demselben Augenblicke aber, da er einen Schritt zurücktrat, gewahrte er das gegen die südliche Haus­mauer angelernte Brett, woran auch heute noch eine Anzahl von Tier­fellen, mit ber Rauchseite nach innen, angeheftet hing.Kätti!" rief er; wo bist du, Kätti?"

Sie staub seitwärts unter einer einzelnen Tanne unb schien auf bas Moor hinauszublicken, bas sich hier vor ber Hütte ber Alten in unerkenn­bare Ferne hinausstreckte; mit ber einen Hand hatte sie über sich einen Ast ergriffen, so daß sie ihr Köpfchen an dem eigenen Arme ruhte.

Als Wulf Febbers die schlanke Mädchengestalt so säst wie schwebenb gegen ben schon goldig angehauchten Himmel sah, zögerte er einen Augen-