wogt. Dte gebogenen Linien des Aehrenfeldes lassen die gekrümmten Rücken des gierig lechzenden Tieres ahnen; man glaubt, seine Augen im Korn flimmern zu sehen. Getreu der Natur der Winde und Wolken, die bald fördernd, bald zerstörend auf die Vegetation einwirkcn, schreibt man seinem We en eine doppelte Verrichtung zu. Nach den einen nähren sie sich im Saatfeld von den Körnern und machen die Aehren taub, nach den andern bewirken sie Fülle des Getreides, und zwar entweder als männlich, zeugende oder weiblich-gebärende Mächte. Zur Erntezeit ist die Geburt vollendet Beim Schneiden des Kornes flieht der Dämon von Ackerstuck zu Ackerstück. Wer während der Erntearbeit krank wird, der ist unver- sehens auf das göttliche Wesen gestoßen und wird für die profane Be- rührung mit körperlichem Hebel bestraft; ihn hat, wie das Volk sagt,der Roggenwols untergekriegt, der Erntewolf gestoßen'.

Neben diese vielgestaltige, im Korn ihr Wesen und Unwesen treibende Tierwelt treten auch menschliche Dämonen, so das Kornweib, dem sich wohl auch ein Kornmann und ein Kornkind gesellen. DieseKorn, mutter" auchgroße Mutter" genannt, ein Symbol der fruchtbar waltenden'Zeugungsmacht, hat feurige Finger, mit denen sie die Kleinen in glühend-eisernem ©riff packt. Sie jagt durch die Felder wie das schnellste Pferd frißt das Korn, dörrt es aus, macht es bisweilen, wenn sie dem Bauer günstig gesinnt ist, besonders reif und gut. Sie hat den Namendie Alte"; doch führt die Bezeichnungder Alte" häufiger ein männlicher Korndämon. In vielen Teilen Deutschlands wird er derVilwis-, Bilfen- oder Binsenschnitter" genannt und erscheint als ein sehr mageres Männchen, das manchmal auf einem schwarzen Ziegenbock reitet, leise daherkommt in seinem langen Rock und dreieckigen Hütchen; auf dem Kornfeld zieht es den rechten Schuh aus, nimmt ihn unter den Arm, bindet an die große Zehe eine kleine scharfe Sichel und mäht schmale lange Gassen ins Getreide. AuchKornmann",Dengelmännchen" heißt der Ge­treidedämon, am häufigsten aberder Alte". Von Garbe zu Garbe rettet sich der Fruchtbarkeitsgeist vor den Sicheln der Schnitter; immer weiter geht die Jagd, bis er endlich in der letzten Garbe gefangen wird. Daraus erklärt sich die hohe Bedeutung, die den am Schluß der Ernte gemähten Halmen zukommt. In ihnen wohnt der Dämon und strahlt aus fie seine

geheime Macht aus.

Der Kult der letzten Garbe bestand in ältester Zeit darin, daß man dies Büschel Aehren auf dem Felde stehen lieh, damit dem Felde die Fruchtbarkeit wie sie sich in dem gefangenen Dämon darstellte, erhalten bliebe Noch heute findet sich dieser Brauch vielfach, z. B. be, Weißenfels in Sachsen Das übrig bleibende Aehrenbüschel führt die Namen des Geistes, heißt baldder Alte", baldWolf". In diesem Zurücklassen der letzten,Garbe wie in manchen anderen Zeremonien, ist stets der Wunsch ausgedrllckt das Wachstum im kommenden Jahre möge durch die bis­herige Fruchtbarkeit gefördert und vermehrt werden. Man umtanzt die buntgeschmückte letzte Garbe und läßt sie als S p e n d e f u r d i e V o g e l tehen Vielsach aber findet auch eine feierliche Einholung ins Gehöft statt. Die letzte Garbe wird mit Rock, Hose und Weste sowie einem alten Hut versehen und so zur leibhaftigen Verkörperung desAlten", der mit einem Spruch dem Gutsherrn vorgeführt wird.

Naht sich der August mit seinem Ende, und sährt der Wind über die kahlen Stoppeln, dann wird aus den letzten Aehren der prächtige E r n te­tra n z oder dieErntekrone" gewunden und im festlichen Zuge mit einem frommen Segensspruch auf den Hof eingebracht. DasErnte- oder Sichelbier" fließt reichlich; beim heiteren Mahl und bei luftigen i-ieöern und ausgelassenem Tanz ist alles vereint. Der weltlichen Feier folgt die kirchliche, das Erntedankfest mit dem andächtig gesungenen:Nun danrei alle Gott".

3n der Hölle der Schiffskessel.

Als Kohlentrimmer Über den Atlantik.

Von Fridolin Gruber.

Wer niemals noch gebunkert,

An Bord von Beaf geslunkert,

Nicht Haferschleim noch Grütze kennt, Kartoffeln Gabe Gottes nennt, Der hat noch nie geheuert!

Ich wohnte im Deutschen Seemannsheim in Buenos Aires in der Calle Carlos Calvo und unser lieber Kommandant bzw. Verwalter, Herr Kapitän Schiller, wußte, daß ich gern in die Heimat trimmen mochte. Eines Tages wurde ich denn auch um 14 Uhr in die Schreibstube gerufen und erhielt vom Kapitän mit den besten Wünschen einen Heuerschein als Trimmer für DampferMadrid". Mein Wunsch war erfüllt. Rasch, rasch, um 15 Uhr wirdKlar Schiss" gemacht. Ich komme eben über die Dreh­brücke im Puerto, als das dritte Abfahrtssignal ertönte. Gerade erreichte ich noch das Schiss; hinter mir wurden die Stege eingezogen. Wie erstauni war ich aber, als ich, an die Reling gelehnt, einen mir bekannten Seemann auf Deck erblickte. Auch er erkannte mich, als ich ihm winkte. Staunen, Freude und Händeschütteln wollten kein Ende nehmen. Als ich ihm meinen Heuerschein zeigte, führte er mich mit einem Freudenruf in die Box, wies mir meine Koje an, und ich mußte bei seiner Wache bleiben.

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Indessen hat sich der Dampfer in Bewegung gesetzt, die Schrauben wirbeln den schmutzigen La Plata, den Silberstrom, Tücher winken, letzie Grüße in die Heimat hallen von der Mole herüber, die Schiffskapelle spien In der Heimat", immer schmaler wird der helle Streifen der argen­tinischen Küste; der Lotse geht von Bord. Ein Jugendtraum verfließ! w Dunst das Land der Sehnsucht entrückt den Blicken, eine Hoffnung gey am Horizont unter. Bald sind wir von der Einsamkeit des Weltmeer-s umfangen, Stimmungen wollen aufsteigen, Gefühle sich Bahn brechen, ooq für den neugebackenen Trimmer ist dazu keine Zeit.Hallo, Mensch kind, man los zum Schisssarzk und dann zum Ersten, um 16 Uhr yave

Seiten Altvorderen ruhte zur Zeit der Ernte alles alltägliche Geschehen des Lebens; kein Gericht ward gehalten und keine Hochzeit. Die Ernte war ein eigener festlicher Abschnitt des Ja h r e s. Noch heute schmücken sich die Mäher und Binderinnen hie und da mit bunten Bändern unb Sträußen; bessere Speisen, wie Weißbrot oder Kuchen, verschonen d,e an Mühen so reiche Zeit. Allenthalben treten Sitten hervor, die auf den Zusammenhang dieser Festtage der Natur mit der Ho chblüte menschli ch en Liebeslebens, der Hochzeit, Hinweisen. Die Roggenernte heißt z. B. direkt Rogqenhachzeit; das Weizenerntefest in der Grafschast GlatzWeeshuchzig . Das beste Flachsstück in der Flur hieß früherdie Braut im Felde ; der Schnitter und die Schnitterin, die die letzten Halme schneiden, heißen Braut und Bräutigam, oder die letzte Garbe muß eine Braut brnden.

Den Beginn der Ernte heiligt ein Gebet. In manchen Gegenden werden während der ersten Erntewoche besondere Gottesdienste abgehalten, oder der Bauer trägt wie in Siebenbürgen, die erste Garbe zum Pfarrer auf daß er sie segne.' Wer beim Erntegottesdienst in der Kirche fehlt, der lädt schweres Unheil auf sich; nicht nur sein Getreide verhagelt ihm, sondern er muß selbst eines schlimmen Todes sterben. Feierliches Glocken­geläut verkündet, vom Kirchturm her in aller Gottesfrühe über den Dorf- frieben schwebend, ben Anbruch bedeutsamer, arbeit- und segensreicher Wochen In Sonntagskleidern und in feierlichem Aufzug ziehen fast überall beimersten Anschnitt" die Mäher aufs Feld. Mit einem herzlichen Walt's ©ott'" wird der erste Sensenschnitt getan; ihn führt der Vor­mäher der Gutsherr, auch eine Jungfrau oder ein siebenjähriges Kind; die ersten Aehren, die ersten Garben gelten als besonders heilig.

Diese uralte Verehrung der zuerst gemähten Halme, die noch eine lleberlieferung des germanischen Feldkultus ist, hat sich vielfach in manchen Bräuchen erhalten. So wird die erste Garbe z. B. in dem größten Teil des altsächsischen Gebietes mit einem feierlichen Spruch dem Guts­herrn überreicht. Anderwärts besucht der Herr des Ackers seine Arbeiter und wird mit einem kleinen Kranze, aus den ersten Aehren gebunden, woraus er sich durch eine Spende löst. Später wird bann überhaupt jeber Fremde, der das Feld betritt, gebunden und kann sich nur durch ein Geldgeschenk befreien. Die drei ersten Aehren, die jeder Mäher schneidet, haben heilende und segnende Kraft. Die Schnitter binden sie sich an Die Lenden und sind dadurch gegen Kreuzschmerzen und gegen Verwundungen mit der Sense gefeit. Die drei ersten Aehren werden auch kreuzweise auf den Acker gelegt oder an der Haustür festgenagelt, um böse Geister von Feld und Haus fernzuhalten. Gegen was für schlimme Drachen unb Un­geheuer bie erste Erntegarbe Schutz unb Hilfe gewährte, davon erzählt ausführlich ein bekanntes Werk über den Aberglauben aus dem 17. Jahr­hundert, die sogenannte Chemnitzer Rockenphilosophie.

Heilig ist dem Mäher auch die Mittagsruhe, die nicht gestört werden darf, denn dann wandelt die Mittagsfrau oderMittagsmutter übers Feld, weiß gekleidet, eine Sichel in der Hand; denen, die etwa dann noch arbeiten, verwirrt sie als ein heftig daherfahrender Wirbelwind das Haar und vielleicht auch den Geist. In manchen Gegenden verrichtet sie, wie es heißt, während der Ruhepause bie Feldarbeit, bringt sich wohl auch ein paar Gespielinnen mit, holt sich einige Garben unb verschwindet bann im Gebirge. Hier begegnen wir zuerst einem der vielen Erntedämonen, die auch im deutschen Feldkult eine so große Rolle spielen und einen unheimlichen phantastischen Zug in die Jdyllik der Erntebräuche bringen. Das überall im Volksglauben waltende Bewußtsein, von höheren Machten umgeben, gefördert und geschädigt zu sein, verdichtet sich zu geisterhaften Gestaltungen, die sich aus dem Wogen der Aehren, dem Flüstern der Halme gespenstisch aufrecken, aus der unheimlichen Schwüle eines Sommernach- nNttags, aus dem brütenden Grauen eines Gewitters herausgeboren werden. Am häufigsten erscheinen wohl in der germanischen Volkskunde Roggenwolfund Roggenhund, auch Bock und Sau als tierische Geister, die im Getreide ihr Wesen zu treiben scheinen, wenn es in Wellen

gemäht hatte, meinte, bei ihm auf dem Hof könnte er wohl einstweilen bleiben. Und wieder ein anderer und dann noch einer sagten dasselbe, bis man endlich am Ende übereintam, daß der irembe Knecht abmed)fe(nb bei allen helfen unb arbeiten sollte bis sich etwas für ihn ergab. Und ,o kam er in den Hof, von dem aus die Magd ihn zuerst m der Nacht hat mähen hören. Jetzt, wo fie ihn so nah sah, hatte sie keine Furcht vor ihm, sondern lachte ihn an.

Deutsche Erntebräuche.

Von Dr. Friedrich Spreen.

In meiner Heimat grünen Talen Da herrscht ein alter schöner Brauch: Wann hell die Sommersterne strahlen Der Glühwurm schimmert durch den Strauch, Dann geht ein Flüstern und ein Winken, Das sich dem Aehrenselde naht, Da geht ein nächtlich Silberblinken Von Sicheln durch die goldne Saat.

Der schöne Erntebrauch, den Gottfried Keller in diesem Gedicht -schildert indem er von den jungen Burschen erzählt, die den reichen Segen auf der Witwen und Waisen Acker schneiden, ist nur eine Blute in dem vollen Kranz gemütstiefer Sitten und poesievoller Anschauungen mit dem die Volksphantasie das heilige Werk der Ernte geschmückt hat. Es sind Gefühle frommer Scheu und dankbarer Demut den hohen gewaltigen Mächten der Fruchtbarkeit und des Lebens gegenüber, die hier vorwalten. Der Mensch geht ja bei dem Erntewerk gleichsam eine Ehe nut der Natur ein, die ihm die Schätze ihres Schoßes hingibt; er verbringt die folgereichste Arbeit des Jahres, er weiß, daß nur mit Gluck und Gnade sein schweres Tun zum herrlichen Ende geführt werden kann, daß böse Gewalten ihn überall umlauern, ihm noch im letzten Moment den Lohn all seiner Muhe aus der Hand winden können. Darum rüstet er sich zur Ernte wie zu einem frommen Fest, beginnt fie wie den Gottesdienst, ist mit Andacht und Fröhlichkeit dabei und beschließt sie wieder mit Segensspruch und