Unser
Kuh- hoch-
grüne
ten der Besuvwolke hinter uns. Sie ändert sich nur ganz langsam, mit dem Wind, nimmt diesem oder jenem Dors für einen ganzen Tag die S°®ir^°Hnben den „Fiorenza-Weg"; ein Serpentinenpfad durch die Asche Reiter kommen uns von weit unten entgegen, hinteremander, klein wie Insekten. Sie klettern mühelos und tänzelnd, zierlich mutige glänzende Tiere. Ein schönes englisches Mädchen und zwei Herren^ am Ende der italienische Treiber, auch zu Pferd. „Cavallo, Signonna. — Cavallo?" fragt er, zurückbleibend. Als wir schütteln sprengt er den °l b<5ie find' schon °weit über uns, eine schöne fremdartige Karawane m dieser Verlassenheit. Wie auf spanischen Bildern. Sonst m Stunden kein Mensch. Erhabene Einsamkeit, v . ... . , „
Tief unten über dem Land in gelber Sonne und über dem sanften Gebirge am Angelo ruht ein still leuchtender Sonntagnachmittag.
Der Wind treibt uns verlorene Töne eines Knabengesanges entgegen, seltsam rührend in dieser Stille. Ein Lied ohne Rhythmus und Text, klar und stark ausschwebend wie Wolken und Wind, getrieben wie sie, voll unerweckter Knabenreinheit.
Nun sehen wir ihn auch. Sechzehnjährig, braun, schmal, lehnt er vor der flachen weißen Fiorenza-Hutte auf der halben Hohe, wo wir Wegegeld geben sollen. Er versucht uns zu beschwindeln, spr cht nut Leidenschaft vom padrone3 * 5, wir sollen roten vmo trintcn aus dem einzigen Glas und Lavaftückchen kaufen, und wollen gar mcht verstehen. Wir geben ihm alle soldi, die wir haben, und noch ^rancodollr- dazu, viel ru viele: aber er ist etwas verstimmt und es dauert eine Weile, vis wir fein zögerndes Lied wieder hören, nun schon hoch über uns, hell in den späten Nachmittag verklingend.
1*. «uf °.m 8chl°-.n,.id -I» weißes flaches Häuschen, von hochgeftauter starrer Lava halb erstickt, UCr(3ewirb Abend. Ein flattriger Wind streicht über die weißen Lupinen mit blaßblauen Spitzen, die in zarten tanzenden Reihen auf dem schwarzen Lavageröll stehen, auch weiß und gelbe, wie tausend Kerzen.
Wunderbare Gärtchen. . ,
hinter den Mauern manchmal ein viereckiger Brunnentrog von süßem, sehnsüchtigen Kinder-Hellblau. ..
Bor der tiefen abendblau-goldenen Bucht von Castellamare die ersten Häuser von Boscotreease; ein breiter, sacht fallender Straße eine rosa und weiße Reihe, menschenleer, zauberisch wie von innen her leuchtend im sanften gläsernen Schein des Zwielichts. ,
Im Dorf steht die Lava wie Felsen. Kinder spotten uns nach, wollen führen. Sie lachen, sind nicht an Fremde gewöhnt, die zu Fuß gehen.
Wir sitzen wartend im Abendwind und Dunkelwerden vor dem kleinen Bahnhofsgebäude von Torre Annunziata. Fledermäuse. Wir sind müde und wie im Traum.
Das Aquarium.
«us einem Heisetagebuch.
Bon Wera W a g e n s ch e i n'.
Vesuv.
Wir fahren mit der Circumvesuviana zwischen Gärten. Dielfentöpfe auf den Mauern. Das Dorf Pugliano. Hier steigen wir aus. Heller moraenheißer Platz. Ein hellblau-buntes Leierklavier auf einem Karren, der lölann schiebt, die Frau leiert, geht mit schweren wiegenden Tritten, abwesende Augen unter dem blauen Tuch. Brauner Bursche bietet uns Apfelsinen, lächelt: er trägt die goldroten Kugeln im aufgespannten ^Einchmer schwüler Hohlweg, dem Besuv entgegen. Zwischen schwärzlichem Lavagervll stehn Blumen mit Blüten wie Wespen, gelb und braun. Zyklamendüfte ziehn über den Weg, frisch und hold in der großen Schwüle. Ziegenherde klettert vor uns her, wir sehen die langhaarigen Ziere hierhin und dorthin ste.gen; lässige launige kleine Sprunge, die großen gedrehten Hörner oft nach uns umgewandt, das Fell der Jungen in der Sonne wie Seide. .,
Wir vergessen, sind müde und offen; Deutschland 'st weit.
Der sehr kleine Hirt, 7jährig; nackte Fuße, lange zerschlissene Hasen. Er tUttert wie seine Tiere, findet und betrachtet allerlei; blaß und hungrig und ernst, ist er doch voll stillen Lebens. Er sieht sich ost nach uns uni,9ab9weifenb zuerst und forschend, später so, als ob wir zu den Seinen 9Cl)Gitnnbauernbe5 leises Rascheln: zahllose grüne Eidechsen spntzen da- von der dünnen Lust. Kälte. Die Sonne verdeckt durch die Rauchwolke.
Wir überholen die Herde. ...... s '
Ein Kind in hellblauem Kleid geht neben uns, war plötzlich da. Wir verstehen nicht, was sie sagt, nur daß sie unsere Apfelsinen will.
Die wilden rotgelben Ringelblumen. „
Es ist so hell und heiß. Ist der Weg recht? — Ein Lavastrom ver- ^^Äter^Mann führt uns seitlich durch Weingärten auf die richtige
eÖ2ln beiden Seiten nichts als Asche. Kein Vogel kein Halm. Kein Geräusch als des Windes Sausen und das trockene Rollen der Aschenkrümel. . . , ,
Aber der Berg lockt, zieht nach oben.
Hört, spürt man ihn beben? ~
Auf der halben Höhe ein kleines Haus mit schwarzen Fensterhohlen. Wir wollen ein bißchen ausruhen. Der Wind stöhnt wie auf Schissen. Kühle. Modrig drinnen, draußen flimmernde Luft und Asche. Es ist nicht geheuer, als seien wir nicht allein hier. Ich fürchte mich. Mittagsgespenft. '^Untere Stufen verschwinden eine Zeitlang, wir müssen dw steilen Geleise überqueren, tun es mit geschlossenen Augen, auf allen Vieren.
Noch acht Absätze.
Nock) drei. „ ,
Oben hocken fünf alte Führer. 5 Sire. „Avanti/ los!
Wir drei auf dem Grat. Hintereinander. M. und ich mit leerem Kops von der dürren Luft. Kälte. Die Sonne verdeckt durch die Rauchwolke.
Fahles ^LichO unten. Nebel brodeln. Es wirkt traumhaft, mondlich, unbestimmt in den Dimensionen. Aus dem ebenen Grunde des erstarrten äußeren Kraters steigen schwefelige Raumsäulchen, unheiin,ch und erregend Schwefelgelb sind auch die Jnnenwandungen des Kraters und der Auswurfskegel in der Mitte, grünlich-gelb leuchtend, seltsam in dem sah- len Licht des Ganzen. Man denkt zuerst an Moos ober Flechten.
Der Auswurfskrater stößt Rauchmassen aus sich empor, wie Gewitterwolken, unaufhörlich. „ ,
Einmal in der kurzen Zeit, die der brangenbe Führer laßt, bonneit «s in der Tiefe, im Innern, und wir fehen mit Schrecken als etwas Erstes, noch nie Gesehenes feurige hell glühende Fetzen — ihre Form verändernd — im dumpf-roten Rauch sich erheben, sehr langsam und wieder zurücksinken. Dazu ein schauerliches Geräusch, nicht sehr laut: dumpfes Donnern, unterirdisches Schießen, Knallen, Helles Rauschen, als ob ein Ungeheuer Schl Sch! macht. Dies feurige, drohend-ernste Aktive im Gegensatz zu der tönernen, tödlich jenseitigen Ruhe des äußeren Kraterranbes. Beides aber unwirklich wie ein marnenbes Bilb nur ber übcrnienfchlichen Wirklichkeit.
Die Drahtseilbahn ist vermessen.
Der Führer läßt uns am Kraterranb stehen. Wir Horen noch hinter uns bas stumpfe Tosen unb beginnen ohne Weg und Ziemlich bewußtlos bergab zu rutschen. Durch bie tiefe graubraune Asche, die gleich die Schuhe füllt den {teilen unsagbar sremben Berg hinunter, ber kahl unb schwärzlich, düster unb hoffnungslos 1200 Meter bis nahe ans Meer sollt das hellblau unb abseitig unten im Mittag schlummert, mit ver-
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Lavaströme, schwarze auf dem Gelbbefonnten, neben dem Ichweren Schat-
* Bgl. den ersten Artikel in Nr. 2S.
Ein unwirkliches Abenteuer wie der Vesuv, hold wie jenes grausig war Diele Wesen sehr fremd, schillernd und scheinend im allerlieblichsten Bunt: Hellblau, Lila, Golden, durchsichtig und sanft wie Perlmutter, sind f'e In ^die Glasgehäuse strömen Luft und Meerwasser in glitzernden Perlen. In manche fallen grünliche Sonnenscheinbuschei, in denen die Tiere, aus dem Dämmerlicht kommend, kurz aufleuchten.
Es wohnen Lebensgemeinschaften zusammen.
Durch Reflexion sieht man das Ganze doppelt.
Seesterne, violette und hellrote, halten sich mit Saugsühen an ber Scheide und bewegen sich langsam davon.
Ganz durchsichtige Gebilde wie aus bläulich opalisierendem Wasser wedeln wellig mit den zarten Flossen, schwiiumen vor und zuruck; man ist gebannt durch ihr großes tiefblaues Auge.
Quallen, wie gläserne Gurken; sie schweben, unb in ihren Abern steigen rhythmisch Lichtpunkte in silbernen Schnüren.
Manche stehen angewachsen am Boben wie winzige Palmen unb stiu- beln mit ben Armen. . ,, . ,
Herben von Fischchen burcheilen biese Traumwelt, immer in Harmonie, niemals sich stohenb.
Am glitzernben Boben liegen kleine Muscheln in großer Zahl; bis plötzlich unvermutet wie eine Marionette eine sich erhebt, schnappend und schnell im Zickzack hochstrebt, oben Lust holt, sorglos sich wieder sinken laßt und wieder bei ben andern liegt. .
Schildkröten, groß wie ein Kind, fliegen langsam im Wasser.
Schreckliche Schlangenfische, violette und leopardige, gedreht mit gierig-wachem Jltiskopf. Manche liegen lange wie M, ruf)en fleroUt auf Felsen bis sie beginnen, sich mit unbeschreiblicher Schonheck durchs Wasser zu schlängeln; plötzlich bleiben sie stehen in senkrechter Starr^
Es gibt Gebilde, wie eine Hand groß, die es heben, sich rasch in ben Sand zu buddeln und da ganz verschwunden zu liegen; nur bas Auge auckt heraus wie ein blankes schwarzes Steinchen.
Furchtbare Tintenfische, pulsierend, lange Arme mit weißen Saugern, bas Schlimmste: ein vollkommenes Menschenauge starrt mitten hergus.
Man ist noch sehr befangen in ber Physiognomik des Menschen und der verwandten Tiere. Wenn es gelingt, ein allgemeines biologisches Ausdrucksgesetz zu spüren — aus ber Form, bie in ihrer IBewegung spricht (Abbildungen taugen nichts) —, sehen wir ergriffen nur bie Vollkommenheit jebes Lebenbigen. Das amoralische, grausam Schone unb unbewußt Gute des Lebens. . (
Die höheren Tiere sind uns zu nah. Wir überschauen vieles nicht, weil es unser ist. Die höheren Tiere, vom Aquarium aus gesehen was sind s i e? (Schluß folgt.)
2 Ein Pferd, Fräulein?
3 Von feinem Herrn.
* Wein.
5 Briefmarken.
Um uns nichts als grauschwarze Lava, gefaltet wie riesige staden, Höhlen, ein grausiges Feld. Der Aschenkegel nah und Unten, schon tief die weihe Stabt unb das Meer.
Am Wegrand noch tief violette Samtblumen. Bienen. Zwei
Eidechsen jagen sich, werfen sich um.
Auf halber Hohe bas Observatorium.
Dann kein Mensch mehr
Längs ber Bergbahn auf schmalem Pfad. Heiß.
Dann ber steile Aschenkegel, noch mehrere hundert Meter hoch.
Pfab ist weq, verschüttet, ganz verweht. So müssen wir bfe großen mühsamen Stufen neben ber Drahtseilbahn hachklettern, Mnz langsani. Ich bin vorn. Ein starker Winb saust in ben Ohren, bie Höhenluft legt ich verwirrend um bie Schläfen, beim Abwartsschauen an den Draht, eilen schwindelt uns und wir müssen uns auf die steinernen Stufen


