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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang Ml
Montag, den 30. März
Nummer 26
Er ift's.
Von Eduard Mörike.
Frühling läßt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land. Veilchen träumen schon, Wollen balde kommen.
— Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, ja, du bist's!
Dich hab' ich vernommen!
Ali fängt an zu denken.
Eine erlebte Geschichte aus Persien.
Von Leo Matthias.
Eine der schönsten Geschichten, die ich in Persien erlebt habe, war die mit dem Schlüssel.
Ich weih nicht, ob es Ihnen bekannt ist, wo Kirman liegt —; sollten Sie es nicht wissen, schadet es nichts. Es wird Ihrer Phantasie genügen, wenn ich Ihnen sage: daß Kirman grade dort liegt, wo eine der siidpersischen Wüsten aushört und eine andere anfängt. Kirman selbst sieht aus wie alle südpersischen Städte; denn alle diese Städte bestehen von der Straße bis zum Windfang aus Lehm und ähneln sich wie eine Apfelsine der anderen. Es gibt nur einen Unterschied in der Größe. Kirman ist eine große Stadt. Dis besten und teuersten Perserteppiche lammen aus Kirman.
Ich hatte die Absicht, nur zwei oder drei Tage dort zu bleiben, denn ich wollte weiter: quer durch die Lut (auch eine Wüste) und dann nach Beludschistan und nach Indien. Aber Kirman gefiel mir. Die Stadt liegt auf dem Dach der Welt, über 2000 Meter hoch: um bis zur nächsten Stadt zu kommen, braucht man beinahe eine Woche. Nirgends lebt man daher so ungeschoren wie hier und kann die Zeit vergessen. Auch leben in Kirman sechs Europäer und vier Europäerinnen, und diese zehn Menschen, die dort unter 40 000 Persern ihr Dasein mit tea, Geschäften und Golf verbringen — es gab einen wundervollen Golfplatz — waren die reizvollste Gesellschaft, die ich in Persien getroffen habe. Ich blieb in Kirman acht Tage, dann vierzehn und schließlich mietete ich mir ein Haus mit einem Koch, einer „Badji" — der unvermeidlichen Haushälterin — einem Diener und allem, was sonst noch zu einem persischen Haus gehört.
Der Diener hieß Ali. Er wurde von dem Koch und der Badji der Philosoph genannt, weil er schreiben und lesen konnte. Aber ich fand, daß seine größte Kunst darin bestand, Zigaretten zu drehen und sich mit jedem Menschen, der ihm begegnete, lange und angenehm unterhalten zu können. Schickte ich Ali am Vormittag fort, so kam er meistens erst gegen Abend wieder.
Eines Tages waren ich und Ali allein in dem Haus. Der Koch war in den Basar gegangen, und die Badji brachte meine persischen Pantoffel zum Schuster. Es war an einem Samstag und etwa.10 Uhr vormittags. Ich hatte ganz vergessen, daß an jedem Samstag um' 12 Uhr die Kamelpost nach Indien geht; es fiel mir erst ein, als ich kurz vor 11 meinen Hut aufsetzte, um eine Verabredung in der Stadt einzuhalten. So wie ich war, den Hut auf dem Kopf, erledigte ich schnell einige Briefe, und da in der Eile in und auf meinem Schreibtisch vieles durcheinander geraten war, und die Zeit drängte, ließ ich alles wie es lag, gab Ali die Briefe, die er zur Post bringen sollte und schärfte ihm ein, das Haus abzuschließen, damit niemand in meinem Schreibtisch herumkramen könne. Ich sagte ihm dann noch, daß ich spätestens in einer Stunde wieder zurück sei und gab ihm den Torschlüssel. Es war das ein mo- deimer Patent-Schlüssel, ein Ding, das wie eine winzige gekrümmte Hand nussah. Ein zweites Exemplar dieses Schlüssels hatte ich in der Tasche.
Dann fuhr ich in die Stadt.
Die Unterhaltung dort dauerte etwas länger. Ich kam sehr viel später, als ich gedacht hatte, zurück und war hungrig.
Aber ich bekam nichts zu essen. Vor dem Tor stand der Koch, mit allem was er im Basar eingekauft hatte, und die Badji, neben ihm, hielt meine persischen Pantoffel in der Hand.
Das Tor war verschlossen.
Wo war Ali?
Er kam nicht nach zwei Stunden, nicht nach drei Stunden — endlich, nach beinahe vier Stunden erschien er. Er war traurig und hatte Den Blick eines verlausenen Hundes.
Ich sah ihn toternst an. „Wo bist du wieder gewesen?"
„Ich bin nirgends gewesen", beteuerte Ali.
„Du bist doch auf der Post gewesen?"
„Ja. Auf der Post bin ich gewesen."
„Und dann?"
, „Dann bin ich hier gewesen."
„Ich bin seit vier Stunden hier und habe dich nicht gesehen. Die Badji hat dich auch nicht gesehen."
Ali erregte sich. „Die Badji ist ein Weib. Ein Weib lügt. Ich bin hier gewesen und habe die Badji gerufen. Es ist niemand gekommen."
„Warum bist du denn wieder weggegangen, wenn du hier warst? Du hast doch den , Schlüssel gehabt?--Oder hast du ihn verloren?"
Mir war erst jetzt dieser Gedanke gekommen, der eigentlich am nächsten lag, um das ganze Rätsel zu lösen.
Ali warf den Kopf zurück und schnalzte mit der Zunge, was soviel wie „Nein" bedeutet. „Herr, was glaubst du von mir? Kann ich einen Schlüssel verlieren, der dir gehört? Aber was ist das für ein Schlüssel? Ich wollte ihn in das Schlüsselloch stecken. Da sah ich, daß er unten, am Bart, gebogen war."
„Na und", fragte ich.
„Ich fing an zu denken und sagte mir, es kann nicht mit rechten Dingen zugehen, daß ein Schlüssel am Bart gebogen ist. Deshalb ging ich zum Schmied und bat ihn, mir den Schlüssel grade zu machen. „Gut", sagte der Schmied, „gib mir zehn Schai, dann will ich dir den Schlüssel grade machen."
Ich gAb ihm zehn Schai. Aber als ich mit dem Schlüssel vor das Tor kam und ihn in das Schloß stecken wollte, sah ich, daß das Schlüsselloch auch gebogen war, genau so wie früher der Schlüssel. Ich ging deshalb zum Schmied zurück. „Du Dummkops", sagte ich, „dieser Schlüssel muß doch gebogen sein. Das Schlüsselloch ist auch gebogen; ich habe es genau gesehen. Bieg mir den Schlüssel wieder krumm." „Gut", sagte der Schmied, „gib mir zehn Schai, dann will ich dir den Schlüssel wieder krumm biegen."
„Ich gab ihm zehn Schai. Dann ging ich mit dem Schlüssel wieder zurück. Als ich aber vor dem Tor stand, sah ich, daß der Schmied den Schlüssel nach der verkehrten Seite gebogen hatte. Ich ging deshalb wieder zu dem Schmied zurück.
„Du Dummkopf", sagte ich zu dem Schmied, „du hast den Schlüssel nach der verkehrten Seite gebogen!"
Der Schmied sah mich groß an. Dann aber sagte er: „Gib mir zehn Schai, dann will ich dir den Schlüssel nach der richtigen Seite biegen."
Ich gäbe ihm zehn Schai. Aber ich sagte dir schon: der Schmied war ein Dummkopf. Er hat den Bart an dem Schlüssel abgebrochen." Ali holte zwei Schlüsselteile aus seiner Tasche. „Ich habe in der ganzen Stadt nach einem ähnlichen Schlüssel gesucht, Herr. Aber es ist ein seltsamer Schlüssel. Auch du wirst keinen zweiten finden."
Er war einzigartig, dieser Ali. Er wollte grade anfangen, mich zu trösten, als mir einsiel, daß es vielleicht doch noch eine Möglichkeit gibt, den Ersatzschlüssel — den ich gebrauchte — zu beschaffen. Es würde nur 32 Tage dauern.
„Hole schnell ein starkes Kuvert."
Als Ali es brachte, tat ich den zerbrochenen Schlüssel hinein und adressierte es mit dem Namen einer indischen Firma, von der mir bekannt war, daß sie verschiedene Patentschlösser führt.
Dann gab ich den Brief Ali. „Lauf schnell zur Post. Vielleicht kann der Brief noch mit der Kamelpost mitgehen." Es kam häufig vor, daß diese Post Kirman mit einigen Stunden Verspätung verließ.
Ali, glücklich, so billig davongekommen zu sein, legte seine rechte Hand auf das rechte Auge und beteuerte bei diesem seinem Licht, daß der Schlüssel mit der Kamelpost mitgehen würde.
Der Weg zur Post betrug hin und zurück etwa 30 Minuten. Ich erwartete All nach einer Stunde.
Aber er kam nicht. Er kam auch nicht nach zwei Stunden und nicht nach sechs Stunden. Am Abend muhte die Badja den Tisch decken, weil Ali immer noch nicht zurück war.
Arn nächsten Morgen war er dann plötzlich da. Zu seiner Ueber- raschung empfing ich ihn nicht mit offenen Armen.
„Wo warst du solange, — du Nichtstuer, du Schriftgelehrter, du Hundesohn!"
„Herr, beteuerte Ali, „die Kamele waren schon in der Wüste. Ich muhte ihnen nachlaufen. Wirst du mir glauben, daß ich schneller ge- lausen bin als ein Kamel?" —
Am Ende der Woche fand ich im Wirtschaftsbuch folgende Eintragungen von der Hand Alis:
10 Schai für das Biegen eines Schlüssels,
10 Schai sür das Biegen eines Schlüssels nach der anderen Seite,
10 Schai sür einen abgebrochenen Schlüssel,
30 Schai für den Kameltreiber, der den Brief mit dem abgebrochenen Schlüssel in seine Tasche gesteckt hat.


