SiehMrZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1951 Zreitag, den 26. Juni Nummer 49

Oer Mond ist aufgegangen.

Von Matthias Claudiu».

Der Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar;

Der Wald steht schwarz und schweiget. Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar.

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen Und ist doch rund und schön!

So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen. Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel.

So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder;

Kalt ist der Abendhauch.

Verschon' uns, Gott, mit Strafen Und laß uns ruhig schlafen!

Und unfern kranken Nachbar auch!

Oas Heckerlied.

Anekdote von Wilhelm Schäfer.

(Nachdruck verboten.)

Nach dem Gefecht bei Kandern ging es dem Hecker Icharf an den Kragen obwohl er mit seinen Freischärlern nicht weit ins badische Land gekommen war, verlegte ihm das Militär die Straßen so daß er durch den Schwarzwald auf ungewissen Wegen reitend einen Durchschlupf nach der Grenze gewinnen muhte. Er fand zu seinem Gluck im unteren ~obt- moos einen Knecht, der ihn zur Nachtzeit ins Hügelland der Murg hinüber brachte. Wie er da gegen Mittag vorsichtig spähend aus dem Wald von Eggberg ins Rheintal hinunter schritt, sein Pferd am Zugel führend, todmüde und verdrossen von der Nacht und der «Letzten Flucht vorher, sand er seitab von allen Wegen und sicher genug zurRas-me Waldkapelle. Er band seinen Fuchs an eine Birke, lang am Zugel, damit er araien konnte und setzte sich verstaubt und gähnend vor Erschöpfung hinein, den Einbruch eines drohenden Frllhlingsgewitters abzuwarten, um dann im Regen den letzten Ritt zu wagen.

Der kleine Raum war mulmig und durch den Widerschein der früh- lingsgrllnen Buchen im Gewitterlicht glasig erhellt; auf einem bröckeligen Steinaltar stand neu bemalt die holzgeschnitzte Muttergottes und üichel e Er war zu dreisteren Stunden nicht abgeneigt gewesen, solch einem Holz bild kindttcher Unterwürfigkeit den Hals abzudrehen; nun ch'en es [einem (Brnll nls ob kie ein Recht zu lächeln hatte, wie er als Re[I unaus- gerich'teter Heldentaten vor ihr dafaß; doch weil die Schwule des nahen­den Gewitters drückte, nahm ihm ein Schlaf die bleierne Erichopfung ab und ließ den Fürstentöter rasch in die Grunde hinunter sinken. di« der Vernunft und Aufklärung nicht mehr erreichbar sind. Da blühten auq in seinem Geist, ganz unbekümmert der Gefahr d,e bunten Traumbluten auf und mitten drin stolzierte die angemalte Jungfrau und lächelte ihn an, wie nur auf Bildern die Frauen einen

dürfen. So halb wach war sein Traum daß er sich selber Wafdnd wußte und also deutlich das Wunder spurte, mwend.g e^e^ Zauberwelt^zu haben, darin der eigene Körper der doch [dM f . .

Wachsein war und mit der Jungfrau Hand m Hand spaZ'erengng^ to hatte ihr Kind eilfertig auf einen Grashang gelegt, wo "der ihm der Stengel einer Bärenklau im Wind schaukelte und Mit den Scha"en semes Blattwerks die Sonne von ihm abstreichelte. Er suhlte ihre dünnen Fing

in der Hand, als ob sie wirklich hölzern wären, doch lebte sie trotzdem und führte ihn mit lächelnden Lippen einem Waldrand zu, darin das Dunkel zwischen den Stämmen von starrenden Flintenläufen, alle auf seine Brust gerichtet, durchlöchert war.

Trotz aller Deutlichkeit der Bilder blieb ein Gefühl bei ihm, daß alles nur ein Blendspiel seiner träumenden Sinne vorstellte; und wenn ihm die Wirklichkeit sichtbar gewesen wäre, die sich unterdessen vor seinen schlafenden Augen vollzog, er hätte der verräterischen Holzhand leicht ein paar Finger abgebrochen. Denn weil ein Sturm dem aufmarschierenden Gewitter heimtückisch in die Flanke gefallen war, verließ es mit den ersten Tropfen den stolz gewählten Kurs und zog sich rechts abschwenkend mit einer grollenden Kanonade ins Aargau zurück; gerade als ein Land­streicher, den auch die Kriegsnöte dieser Tage seitab getrieben hatten, gleichfalls an die Kapelle kam. Der sah mit bösem Gewissen das gesattelte Pferd und nach vielfacher Vorsicht durchs Fenster spähend, dann an der Türspalte horchend auch den Herrn dazu, gemächlich neben seinem Hut und Mantel eingeschlafen. Er war beherzt genug, den von der Jung­frau angebotenen Tausch nicht auszuschlagen; als er den Schlapphut nicht schlecht im Maß fand, ließ er die Kappe dafür liegen, die nicht so neu, für einen Fußgänger aber passender war, nahm auch den Mantel; und wenn der Schläfer statt um drei um ein Uhr aufgewacht wäre, hätte ec ihn können abreiten sehen, den Heckerhut stolz auf dem Kopf trotz seinem schlecht rasierten Stromergesicht, die Rechte lässig in die Hüfte gestützt, wie ers aus irgend einer Reitknechtszeit her kannte; erst steil den Wiesenhang hinunter und dann dem schmalen Fahrweg nach auf Säckingen zu.

Indessen schlief der Hecker sich immer dicker aus buntem Traum In schwarzen Schlaf hinein und wurde erst am Nachmittag geweckt, als ein steinaltes Holzweib mit einer Kerze kam. Er brauchte lange, der Advokat aus Mannheim, bis er sich als besiegter Freischärlerführer in der Kapelle wiederfand, darin der glasige Gewitterschein schon lange dem gewohnten bräunlichen Dunkel gewichen war. Die Stromerkappe gefiel ihm nicht, noch weniger aber, daß sein Mantel fort war und, als er nachsah, draußen das Pferd. Erst wollte er das alte Weib bedrohen; sie wußte wirklich nichts und die Madonna war ausgewacht aus ihrem Traum und stand mit bunten Farben bemalt als steifes Holzbild da. Alles, was ihm Böses widerfahren war in diesen Tagen, die klägliche Niederlage und die Feig­heit der Genossen, die Mühsal und Beschämung der eigenen Flucht, das alles hatte ihm den Rest von Mannesmut nicht töten können, den dieser Lumpenstreich am Hals erwürgte; als ob ihn die Erbärmlichkeit von Deutsch­land selber das Pferd gestohlen hätte. Er gab dem Kerzenweib, das ihn zitternd für einen Räuberhauptmann in Reiterstlefeln halten mochte, ein Geldstück und zog sich querseitlich in den Wald zurück, immer dichter ins niedere Gestrüpp, manchmal auf allen Vieren kriechend, nicht anders als ein Tier, das sterben will. Doch kam er nicht ins Dickicht, wie er dachte, sondern unvermutet durch Ginster und steinichtes Geröll auf eine Fels­koppe, die ihm eine geschützte Aussicht ins Rheintal bot.

Da blieb der besiegte und ausgeplünderte Feldherr der deutschen Frei­heit liegen, sah die Sonne ein wahres Welttheater mit durchglänzten Wolken machen als ob es seine Luftschlösser wären sah die blauen Waldberge der freien Schweiz so nah, daß ein Vogel in zehn Minuten hinüberfliegen konnte, und ganz unmerklich kam in den Hochmut der trüben Erbitterung, in den rauchenden Zorn die Stärkung des guten Schlafes und die lächelnde Buntheit seines Traumes zurück, die ihn damit zur Demut führten. Solange er mit Hut und Mantel noch im Sattel gesessen hatte, war er noch immer der geschlagene Führer gewesen; seitdem ein Stromer aber mit seinen Feldzugspapieren im Mantel wer weiß wo ritt, war er kaum besser als die andern, die nur frühzeitiger ihr Leben retteten und ihm die Schlacht mit ihrer Feigheit verloren. Sie durften trotzdem laufen, soweit sie konnten; er aber, durch dessen Schuld doch mancher zerschossen auf der Wahlstatt lag, er hätte zur Freiheit stehen müssen mit einem tapferen Opfertod. Und obwohl di« Menschen­seele in ihm erstaunt vor solchem Ueberschwall den Kopf hob, und die Grundlage seiner Meinungen und Taten das eigene Leben nicht gefährdet sehen mochte: so fielen doch di« stolzen Gewänder seiner Ideale wie Lappen von ihm ab, so daß er unter Gottes Himmel demütig übrig blieb und nicht mehr Deutschland um sein persönliches Schicksal bemühte.

So stand mit der Dunkelheit ein anderer fröstelnd von seinem Gras­lager auf, als der sich nachmittags hitzig dahin geworfen hatte. Die eingetauschte Kappe des Landstreichers war ihm zu schäbig gewesen, nun schien es ihm geraten, sie auf dem Kopf zu haben. Noch einmal kam er dadurch zur Holzjungfrau zurück, die jetzt im Kerzenlicht der alten Frau ihr ärmlich geehrtes Dasein hatte; im Gesprenkel flackernder Schatten von unten her beleuchtet, schien ihr Gesicht merkwürdig frech, als ob sie über den Umschwung seiner Gesinnung spotten wollte. Er blies ihr rachsüchtig wie ein Knabe das Licht aus und obwohl er kopfschüttelnd über soviel