Mozart", wie es auf seinem Grabstein zu lesen ist. Es steht darauf aber auch geschrieben: „dem Wohltäter der Familie Mozart gewidmet von keiner Gattin und seinen dankbaren Stiefsöhnen".
Sechzehn Jahre hat die Mozartin ihren zweiten Gatten und Lebenskameraden Überlebt. Sein „Mozart-Werk" brachte sie, fast siebzig Jahre alt, vollendet in Leipzig heraus. Sie kehrte nicht mehr nach Kopenhagen zurück Sie blieb in Salzburg. Dort starb sie. fünfundachtzig Jahre alt. Fünfzig Jahre hat sie ihren „göttlichen Wolfgang Amadeus" überlebt. Und als ihre Todesnachricht in Kopenhagen eintraf, ahnte hier kaum noch jemand, daß Mozarts Witwe als Dänin gestorben ist.
Es gibt kein sichtbares Zeichen, das Zeugnis davon ablegen konnte von den zehn Jahren, die die Mozartin hier oben verlebt. — Nicht ein Erinnerungstäfelchen gibt es hier ihr zu Ehren. „Im Musikhistorijchen Museum" besitzt man wohl noch eine Mozart-Reliquie, ein winziges Anhängsel, das Mozart an seiner Uhrkette einst getragen. — Sein Klavier aber das als heiliger Altar im „Etatsrats" Musiksaal des Hauses an der Lave'ndestraede gestanden hat, ist spurlos verschwunden. Die Mozartin nahm er 1820 nicht mit. Der Hofgeiger Füslel, ein intimer Freund Nissens erwarb es. Mehr weiß man nicht... Und hätte auch dies kaum gewußt' hätte der Organist und „Mozartianer" Knud Linhard uns nicht hieran erinnert.
Mozarts Textdichter.
Von Dr. Anton Mayer.
Allen Musikfreunden sind die Melodien des „Don Juan" und der „Zauberslöte", des „Figaro" und der „Entführung" liebster Besitz; die Herrlichkeit des musikalischen Geschehens in Mozarts Werken ist fo stark, daß sie alles Interesse für sich selbst in Anspruch nimmt und nicht ost die Frage nach den Männern austauchen läßt, an deren Worte und Szenen Wolfgang Amadeus feine Kompositionen geknüpft hat. Gewiß waren alle seine Librettisten ihm an Genie weit unterlegen, man kann sogar von einigen behaupten, daß sie nicht einmal Talent besaßen; aber doch sind ste alle merkwürdige Beispiele einer abenteuerlichen Epoche, die eine Fülle kurioser und anziehender Gestalten schuf, wie sie in späteren Jahren kaum noch anzutresfen sind.
Gleich der erste, mit dem Mozart als Librettisten in persönliche Berührung kam, der Verfasser des „Jdorneneo", seiner ersten großen Oper, die er als Erwachsener schrieb, war ein sonderbarer Heiliger in des Wortes wahrster Bedeutung: der Abbe G. B. Varesco nämlich amtierte als Kaplan des Erzbischofs von Salzburg und wurde als Textdichter nur deshalb ausersehen, damit „Komponist und Librettist besser zusammen- arbeiten könnten", obwohl der gute Abbe leider keine Spur von Bühnengefühl hatte und einfach an dem Text einer schon 1712 komponierten und in Paris aufgeführten Oper einige Aenderungen vornahm. Als Italiener beherrschte er die äußerlichen, dem berühmten Operndichter Mctastasio — um mich milde auszudrücken — nachempfundenen Formen und brachte so ein Werk zusammen, das als Ganzes unmöglich, einige hübsche Verse enthält. Er war denn auch außerordentlich stolz aus seine Arbeit und verlangte, als Mozart auf einigen Strichen und Aenderungen bestand, sehr erbost, daß sein Drama vollständig im Druck erscheinen sollte. Dieser operndichtende Abbe, ein hochgestellter Geistlicher, ist, ob mit oder ohne Talent, doch ein Typus jener bühnenfreudigen und leichtlebigen Aera des sterbenden Rokoko, gewiß nicht ohne Grazie und mit einem weltmännischen Wesen begabt, das im nüchternen 10.. Jahrhundert von anderen und weniger großzügigen Bestrebungen abgelöst wurde.
Aus ganz anderen Kreisen stammte der Verfasser der „Entführung aus dem Serail", dem deutschen Singspiel, welches dem „Jdorneneo" folgte — eigentlich muß man sagen d i e Verfasser, allerdings stellen die Abfassungen des Textbuches eine ganze Reihe von Plagiaten bar. Der Intendant der Oper war ein Mann namens Gottlob Stephanie: er versprach, Mozart das Libretto zu schreiben. Er hatte ein abenteuerliches Leben geführt, galt als notorisch unzuverlässiger Charakter und hatte seine dramatische Laufbahn mit einem Militärstück begonnen; er spielte, da er selbst Soldat gewesen war — was damals gerade keine Empfehlung bedeutete — seine Militärrollen ganz gut. Eine „Macbeth"-Bear- beitung von ihm beherrschte lange als Spektakelstück mit Zaubereffekten die Bühne — was merkwürdig modern anmutet. Im übrigen wird er als der böse Genius der Wiener Bühne beschrieben und ^neidisch, habgierig, unermüdlich und zänkisch" genannt — wobei es amüsant und bezeichnend ist, daß in Wien, wo man immer viel Zeit hatte, die Unermüdlichkeit auch als schlechte Eigenschaft gewertet mürbe. Er war jeden- salls einer der Menschen, die jede sich ihnen bietende günstige Gelegenheit ergreifen, ohne sich weiter Skrupel über die bürgerliche Anständigkeit ober bie künstlerische Moral zu machen. So entnahm er den Text einfach mit einigen Aenderungen dem Singspiel eines gewissen Herrn Bretz- n e r, der sein Buch im gleichen Jahr für den Komponisten A n d r 6 geschrieben hatte und dann auch wütend protestierte, daß man feinem Werk schlechte Verse eingefügt hätte. Ader auch mit Bretzners Autoransprüchen war es nicht allzuweit her: denn sein Stück war eine sehr genaue Nachahmung einer englischen komischen Oper „The captive", die in London mehr als 10 Jahre vorher aufgeführt worden war — die ganze Unbekümmertheit jener Zeit steigt aus solchen literarischen Streitigkeiten auf, die sich übrigens auch bei den Komponisten, sogar bei Mozart, bemerkbar macht, der aus Holzhauers „Günther von Schwarzburg" ganze Stellen in di« Zauberflöte für die Partie des Sarastro übernahm.
Sehr viel interessanter aber, eine ganz eigenartige Persönlichkeit, ist Lorenzo da Ponte, der für Mozart den „Figaro", den „Don Juan" und „Cosi fan tutte"schrieb. Er war von jüdischer Abstammiing, sein Vater Geremia Conegliano arbeitete als Schuster in dem Flecken Ceneda bei Conegliano im Venetianischen; als er aber eine Katholikin zur zweiten Frau zu nehmen wünschte, ließ er sich und seine drei Söhne taufen. Die Zeremonie wurde vom Bischof Monsignore da Ponte mit großer Feierlichkeit vollzogen, der Zeitsitte entsprechend nahmen die Täuflinge
den Namen des Taufenden an; der älteste Sohn Emanuel wurde Lorenzo genannt. Der Bischof interessierte sich für den sehr geweckten, aber ganz unerzogenen Vierzehnjährigen, der „lo spiritoso ignorante“, der geistreiche Dummkopf, genannt wurde, und lieh ihn auf seine Kosten im Seminar erziehen, wo der Heranwachsende Jüngling mit außerordentlicher Hingebung antike Sprachen und Italienisch studierte. Bald waren ihm die alten und neuen Dichter seines Landes völlig geläufig; er erwarb sich damals jene große Leichtigkeit und Beherrschung der Sprache, bie ihm später bei seinem ungewöhnlich schmiegsamen und sangbaren Operntexten — bi« burch die Uebersetzungen ins Deutsche schrecklich verballhornt worden sind — sehr zu statten kam. Später studierte er Philosophie und Mathematik. Nach kurzer Zeit begab er sich in die damalige Hauptamüsierstadt Europas, nach Venedig, und lebte dort höchst fidel, indem er seine Zeit hauptsächlich am Spieltisch und in den Boudoirs schöner Damen verbrachte. Nachdem er verschiedene Abenteuer mit galanten Frauen und deren manchmal recht ungalanten Männern ober Liebhabern bestanden, auch beständig, wie jeder Spieler, zwischen Ueberfluß und Armut geschwankt hatte, verließ er nach einem Skandal, der wegen seiner freigeistigen Ansichten ausbrach, Venedig, und kam mit einem Umweg über Dresden im Jahre 1779 nach Wien, wo sich damals alles zusämmenfand, was mit Musik, höfischem Leben und Abenteurertum zu tun hatte.
Hier machte er sich schnell einen Namen als Operndichter, schrieb für den berühmten ©alierie und arbeitete mit Mozart, dessen Genie er sogleich als einer der ganz wenigen Verständigen erkannt hatte, auf das beste zusammen, bis er im Jahre 1790, nach dem Tobe seines Gönners Joseph II., infolge aller möglichen Jntriguen, an denen er nicht unschuldig gewesen ist, fliehen mußte und nach Triest ging. Dort verliebte er sich in die Tochter Nancy eines englischen Kaufmanns; die Familie des Mädchens hatte gegen eine freie Verbindung augenscheinlich nichts «inzu- wenden, und so verließ das Paar Triest, um in Paris fein Glück zu versuchen. In Prag besuchte er auf der Durchreise Casanova, — zwei ver- verwandte Seelen fanden sich — auf dessen Rat er nach London ging. Hier scheint er indessen nicht viel Glück gehabt zu haben; so finden wir ihn 1805 in Neuyork wieder, wohin er vor seinen Gläubigern geflüchtet war. Nun verlief sein Leben, immer an der Seite feiner treuen Gefährtin Nancy, in ruhigeren Bahnen. Er wurde Sprachlehrer und brachte sich schlecht und recht durch, bis er den großen Moment seines Lebens genießen durfte: 1825 hatte der 76jährige die Freude, seinen „Don Juan" wieder auf der Bühne zu sehen, als Garcia mit seiner eigenen Truppe ein amerikanisches Gastspiel absolvierte. Mit 83 Jahren verlor «r seine Freundin; es ist rührend, eine wie starke Kraft dieses wilde Leben in langjährigem freien Zusammenleben bewies!
Immer noch ist die Ansicht vorherrschend, daß Emanuel Schikaneder Verfasser des „Zauberflöten"-Textes sei. Das ist aber nur sehr bedingt richtig, da der Direktor des Theaters an der Wieden jedenfalls nur bie Szenen des Papageno, den er selber spielte, beigesteuert hat, währenb die ernsten, freimaurerischen Auftritt« wohl ohne jeden Zweifel von einem Schauspieler seiner Truppe herrühren, der Johann Georg Metzler hieß, aber als Schauspieler den Namen Gieseke führte. Er war nach einigen Studienjahren an der Universität Göttingen nach Wien zum Theater gekommen (später ist behauptet worden, er sei das Urbild des Wilhelm Meister gewesen, was aber schwierig zu beweisen wäre), und hatte einige Operntexte, wie den zu Wranitzkys „Oberon", geschrieben. Nach feiner Wiener Zeit, deren Dauer nicht feststeht, machte er verschiedene wissenschaftlich-mineralogische Reisen, hörte auch wieder Kollegs der Steinkunde und eröffnete dann in Kopenhagen eine mineralogische Schule. Christian VII. von Dänemark schickte ihn auf eine Forschungsreise nach Grönland (man bedenke die Zeit — 1806!), wo er acht Jahre blieb, um bann, wie ein Eskimo in Pelze gehüllt, 1813 in England zu landen. Hier wurde er herzlich ausgenommen und bekam im nächsten Jahre bie neugegrünbete Professur für Mineralogie an ber Universität Dublin. Als er später ben Auftrag erhielt, bem Kaiser von Oesterreich eine wertvolle Steinsammlung zu überbringen, und bei dieser Gelegenheit Wien besuchte, bekannte er sich als Verfasser ber inzwischen berühmt gewordenen „Zauberflöte"; und es ist nicht anzunehmen, daß er, der inzwischen eine hohe und geachtete Stellung errungen hatte, aus Eitelkeit sich ein ihm nicht zustehendes Recht angemaßt hätte. Er behielt die Dubliner Professur bis zu seinem Tode im Jahre 1833, hielt Vorlesungen und hat auch einige Briese über wissenschaftliche Fragen mit Goethe gewechselt. Er starb als Junggeselle nach einem guten Abendessen, mit bem Portweinglase in ber Hanb, vom Schlag getroffen — ein schönes Enbe für ein Leben, bas phantastisch anmutet wie bie Dichtung, welche uns von ihm geblieben ist.
Mozart-Anekdote.
Der einzige Lehrmeister.
Daß Mozart alle Wunberkinder ablehnte, wissen wir aus mancherlei Begebnissen. Gelegentlich einer Reise kam er in bas Haus eines begeisterten Musikfreundes, bessen zwölfjähriger Sohn sehr gut Klavier spielte. Der Knabe wanbte sich an Mozart: „Ich möchte gern selber auch komponieren. Können Sie mir nicht sagen, wie ich bas anfangen soll?" Mozart wehrte ab. „Du bist ja noch viel zu jung!" — „Sie selber haben boch schon viel früher komponiert, wibersprach ber Knabe. Mozart polterte: „Aber ich habe keinen gefragt, wie mans macht. Wenn man ben Geist dazu hat, so brückts und quälts einen, man muß es machen, und mau rnachts auch und fragt nicht warum." Der Knabe war beschämt. „Ich meinte ja nur, ob Sie mir nicht ein Buch nennen könnten, wonach ich es lernen könnte," sagte er schüchtern. Da streichelte Mozart ihm bie Backe. „Nein, nein", sagte er, bas ist alles nichts. Es gibt nur einen Lehrmeister, der fitzt in Ohr, Kopf und Herz. Wenn es da richtig ist, dann nimm in Gottes Namen die Feder zur Hand und schreib, und wenn bu’s niedergeschrieben hast, dann frag einen verständigen Mann um Rat."
verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei« R. Lange, Gießen.


