Lorhelt aus der dunkeln Kapelle in die noch schwach durchhellte Nacht hinaus trat, brachte er das Gefühl von seinem Traumerlebnis mit ihr nid>t völlig fort, als er — die Kappe vorerst noch in der Hand — zu Fuß denselben Weg antrat, den Mittags ein anderer mit seinem Hut und Mantel stolz geritten war, den steilen Wiesenhang hinunter und dem schmalen Fahrweg nach auf Säckingen zu.
Der Sichelmond fuhr gerade aus einem schwarzen Wolkenwald in ein üchtblaues Sternenfeld, als er — mit vieler Vorsicht — sich aus einer Seitengasse an die gedeckte Holzbrücke machte, die Kappe auf die Ohren gedrückt und mit den Schritten absichtlich schleifend. Sie war, wie er sofort bemerkte, von blinkenden Flintenläusen bewacht; er blieb nicht stehen, schwenkte nur, die Hände steif in den Taschen, linksab in den Ort zurück, in dem längst alles zu schlafen schien, und wollte gerade dem Laternenlicht von einer Wirtschaft ausweichen, als ihm von hinten einer derb auf die Schulter schlug.
Cs war auch wirklich ein Soldat, ein Württemberger, der seitwärts an der Mauer gestanden hatte und ihn, stark angeraucht, mit in das Wirtshaus nötigte. Weil er geradeaus schon wieder eine Postenkette spürte — der er auf seinem Seitenweg nun richtig in die Falle gegangen war — schien es ihm klug, dem Mann, der ihn nicht los ließ, gutwillig in den Schenkraum zu folgen, wo nur noch drei Soldaten am runden Tisch übrig geblieben waren, doch alles von einem vorhergegangenen Verkehr in einer qualmigen Wärme schwamm. Der andere vergaß ihn da gleich wieder, so daß er sich bescheiden seitab setzen und bei der Wirtin einen Käs mit einer Halben Halauer bestellen konnte, indessen die Kameraden den Württemberger aus ihrer schläfrigen Trunkenheit gröhlend begrüßten; namentlich ein dürrer Korporal — der an der Leber zu leiden schien — saß schwer im Dampf, schlug mit dem Säbel auf dem Holztisch den Takt und sang das Heckerlied,.wie wenn er den neuen Gast damit begrüßen und verhöhnen wollte.
Der Hecker blieb hinter seinem Käs steif sitzen und kaute mit beiden Backen, weil er sich nicht verraten wollte, auch einen wüsten Hunger hatte. Er dachte erst, daß sie nur um den schmählichen Sieg bei Kandern so versoffen wären und merkte erst allmählich aus ihren Reden, wie sie den Stromer mit seinem Pferd und Mantel mittags gegriffen hatten, der nun als Hecker im Spritzenhaus zehnfach bewacht das Kriegsgericht abwartete. Er sah sich plötzlich wieder Hand in Hand mit der Madonna, wie sie ihn lächelnd vor die starrenden Flintenläufe leitete, und weil es ihm warm ausschoh vor Dank, bekam die Himmelsjungfrau unmerklich auch chr Teil.
So saß er auf gefährliche Art gesichert und aß getrost einen zweiten und dritten und schließlich noch einen vierten Käs, als etwas Unerwartetes ihn störte. Die vier Kerle hatten im selben Wirtshaus sein Pferd eingestellt, das ihnen als Kriegsbeute zugefallen war; sie wollten es aus- würfeln, doch gab das großen Umstand, erst Gelächter, zuletzt säst Streit, wobei schon einer mit seinem Stuhl hinfiel. So kamen sie darauf, es zu verkaufen, da sie doch Infanteristen wären und morgen früh abrücken müßten, und den Erlös redlich zu teilen. Wie Pe nun dafaßen in dem Qualm und inneren Dampf, durch den wüst verschlemmten Wein mit ihren Sinnen an den Umkreis ihrer nächsten Umgebung gebunden und also den Schenkraum und die verdrießliche Wirtin nach Käufern musternd, fielejt dem Korporal die Sporen an den Stiefeln des Heckers auf; und weil ein Betrunkener noch mehr als fönst einer leichtgläubig ansieht, was seinen Wünschen paßt, saß er gleich fest auf der Idee, der Mann im Vollbart mit der verregneten Kappe wäre ein Pferdehändler.
Die tapferen Schwaben waren so versessen in ihr erneutes Glück, daß es bald einen lärmhasten Aufbruch nach dem Stall gab, wo der Hecker feinen Gaul bei der Laterne mit schwerer Fachkunst bemäkeln mußte. Der Handel wurde schließlich, den Sattel eingerechnet und der besseren Verteilung wegen, auf 32 Gulden festgesetzt, die er danach mit einer Maß Veltliner in der Schenkstube aufzählen sollte. Wie er so unvermutet die starrenden Flintenläufe sinken sah, kam ihm auch schon die Advokatenschlauheit wieder: Sie sollten ihm den Kauf bescheinigen, damit er nicht noch Schwierigkeiten bei ihren Kameraden hätte. Das konnten sie nun freilich nicht, ihm eine Art Passierschein geben, doch fand der Korporal, der seine acht Gulden entschwinden sah, rasch einen Ausweg: wenn er noch in der Nacht heim wolle nach Eglisau, sei es gescheiter, auf Schweizerboden dem Rhein entlang zu reiten und hier in Säckingen die Brücke zu nehmen, wo sie ihn selber durch den Poften geleiten konnten.
So kriegten sie das Geld mit Gold und Silber aus seinem Brustbeutel in vier Häufchen auf den Holztisch gezählt und auch die Maß Veltliner, und tränten sie und schwadronnierten noch, bis seine Ungeduld zum Ausritt drängte. Dann gab es einen Auszug, der den Säckingern, obwohl ihn außer der Wirtin keiner bemerkte in der Nacht, für Kindeskinder in der Erinnerung blieb: der Hecker hoch zu Roß mit einer Kappe auf den Ohren, von seinen Häschern an die Brücke und mit vielem Lärm auch durch den Widerstand der Schildwache gebracht, indessen der Stromer im Spritzenhaus dreifach verriegelt sein Tagesglück verschlief. Sie gaben dem Reiter noch alle herzhaft die Hand, wie deutsche Männer tun, wenn sie ein Bruderherz gefunden haben, und weil den Korporal um der acht Gulden willen der Teufel ritt, fang er ihm auch zum Abschied noch einmal das Heckerlied. Er hätte dos aus manchen Gründen besser unterlassen; denn nun faßte den Mann, der Deutschland vom Elend seiner Fürsten hatte erlösen wollen, doch wieder sein Stolz und Jähzorn an: er warf dem Sänger die Kappe mitten aufs Maul. Sie hielten das für einen Abschiedsspah und wollten vor Gelächter bersten, während er langsamen Schrittes von den Holzplanken hinunter ritt Und als er längst auf freiem Boden im Galopp hinjagte und fast zu Schaden gekommen wäre, weil ihm die Tränen wild ausbrachen, torkelten die Glücksschwaben noch immer an dem erstaunten Rheinstrom und krähten um acht Gulden das Heckerlied, indessen die Holzjungfrau in ihrer Waldkapelle ohne Kerze auf dem Steinsockel stand und ganz im Dunkeln lächeln mußte.
Das verlassene Mägdlein.
Von Eduard M ö r i t e.
Früh, wann die Hahne krähn. Eh' die Sternlein verschwinde^, Muß ich am Herde stehn.
Muß Feuer zünden.
Schön ist der Flammen Schein, Es springen die Funken;
Ich schaue so drein. In Leid versunken.
Plötzlich da kommt es mir.
Treuloser Knabe, Daß ich die Nacht von dir Geträumet habe.
Träne auf Träne dann Stürzet hernieder;
So kommt der Tag heran — O ging’ er wieder!
Oer Bauer im deutschen Mittelatter.
Von Johannes Bühler.
Aus dem im Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen Buche „Das erste Reich der Deutschem Non der Pälkerwanderung bis zur Reformation". Mit 80 Bildtafeln. In diesem Buche lernen wir die politischen und kulturellen Lebensmächie kennen, die eines der glorreichsten Zeitalter der deutschen Bergangen- heit geformt haben.
Man hat die Zeit vorn zwölften bis zum vierzehnten Jahrhundert und auch bis zum Ausgang des Mittelalters überhaupt als eine für das deutsche Bauerntum günstige gerühmt. Und in der Tat hatte sich gegen früher das Los der landarbeitenden Bevölkerung in manchem wesentlich gebessert: Der freie Pachtvertrag und die freie Erbleihe für die lieber« nähme herrschaftlicher Grundstücke unter Wahrung der persönlichen Freiheit hatte sich in großem Umfange durchge^etzt, die Abgaben und die Fronarbeiten waren vielfach vermindert worden, die persönliche Abhängigkeit war vor allem dadurch gelockert worden, daß sie teilweise in Geldabgabe umgewandelt worden war, außerdem hatte der an die Scholle Gebundene in wichtigen Menschenrechten, wie zum Beispiel bei der Eheschließung, etwas größere Freiheit erhalten.
Aber diese Besserung war nur relativ, die Lage der Bauern blieb das ganze Mittelalter hindurch gedrückt. Es rächte sich dauernd, daß der gemeinfreie Mann bei dem Uebergang von der volksgenofsenfchaftlichen germanischen Verfassung zur monarchischen und aristokratischen des Frankenreiches sich fast nur um seine wirtschaftliche und kaum um seine staatsrechtliche Stellung gekümmert hatte. Als vom zwölften Jahrhundert an die Geldwirtschaft gegenüber der Naturalwirtschaft immer mehr an Bedeutung gewann und der Geldbedarf der Großen für Kriege, Hofhaltung und Regierung stetig wuchs, begünstigten die Abgabenempfänger selbst die Umwandlung von Naturalleistungen für Hörigkeit und Grundzins und von Fronarbeiten in Geldzahlungen, was zunächst zu Erleichterungen für die Grundholden (hörige Leute) und persönlich Unfreien sühne. Sobald sich jedoch die neuen Verhältnisse befestigt hatten und Arbeitskräfte wieder in größerer Zahl vorhanden waren, trieb die Herren ihr Geldhunger erst recht zur Ausbeutung der von ihnen Abhängigen.
Gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts begann nach der Abschwä- chung der großen Pestkatastrophen eine neue Uebervölkerung des platten Landes. Auf dem altdeutschen Boden bot sich keine nennenswerte Gelegenheit mehr zu weiterer Urbarmachung, da alles Land besiedelt und die Landesherren und Großgrundbesitzer gegen eine weitere Rodung der Wälder waren. Dazu stand die Kolonisation im Osten still, nachdem die Grenzoolker selbst zu erstarken begannen. Die Städte nahmen wohl immer noch etwas von dem Ucberschuß der bäuerlichen Bevölkerung auf, •aber die Mehrzahl der Zugewanderten blieb nun nach dem Ausbau des Zunftwesens in dürftigen Verhältnissen und vermehrte nur das städtische Proletariat. So erfolgte auf dem platten Lande eine üble Güterzersplitterung, im ganzen Westen Deutschlands besaß der Bauer durchschnittlich nur noch eine Viertelhufe, außerdem wuchs nun auch auf den Dörfern die Zahl der fast oder ganz Besitzlosen. Dabei sank setzt der Wert der landwirtschaftlichen Erzeugnisse; der wachsende Verkehr und Handel hatten ihn nur anfänglich gehoben, später, als Schisse mit Getreide und anderen Agrarprodukten Meere und Flüsie durchzogen, fielen die Preise.
Zahlen und fronben aber mußte der Bauer nach wie vor. Ungefähr zu derselben Zeit, da sich das Verhältnis des Unfreien zum Leibherrn und des Grundholden zum Gutsherrn zu lockern begann, fing die Gerichtsherrschast an, auf die Wirtschaft überzugreifen. Seit dem zwölften Jahrhundert verlangte der Gerichtsherr von dem zu seinem Gerichtsbezirk Gehörenden verschiedene Leistungen, auch Frondienste, und beschränkte die persönliche Freiheit und Freizügigkeit seiner Gerichisuntertanen, selbst wenn diese bisher persönlich unabhängig geblieben waren. Als bann aus bcm Gerichtsherrn der Lanbesherr würbe, preßte man zumal in den kleineren Territorien, in ben geistlichen nicht weniger als in den weltlichen, den Bauer aus, soweit es nur möglich war.
Die modernen Historiker beurteilen die allgemeine Lage des platten Landes sowohl für die Zeit des Hochmittelalters wie für die des ausgehenden meist viel zu günstig. Es lassen sich freilich ganze Bände mit Scheinzeugnissen für diese angebliche Blüte des Bauerntums füllen. Es gab wirklich einzelne Gebiete, in denen es den Bauern ganz erträglich ging, ferner fehlte es nicht an einzelnen besser gestellten Gruppen der ländlichen Bevölkerung, die als Inhaber von Meier- und Schulzenhöfen sich sogar eines gewissen Wohlstandes erfreuten, und in besonders fruchtbaren Jahren erzielten die Bauern wohl überall für den unmittelbaren Lebensbedarf ausreichende Erträge. Ferner darf man nicht übersehen,


