seit dem zwölften Jahrhundert die materielle Kultur auf allen @e« ieten erhebliche Fortschritte macht« und damit auch bei der Nahrung, Löhnung und Kleidung des Bauern manches Eingang fand, was früher ort unbekannt war. Die Rechtshistoriker weisen auf verschiedene gesetz­liche Maßnahmen hin, die der Bedrückung der Bauern entgegenwirken □Uten, auf di« von uns schon erwähnten Erleichterungen und auf die Semlich ausgedehnten Selbstverwaltungsrechte der dörflichen Gemeinden. Schließlich scheinen auch literarische Zeugnisse mit ihren Schilderungen Endlicher Vergnügungen, Schmausereien und Zechereien für ein gewisses Wohlleben der Bauern zu sprechen.

AU dies kann indes nicht darüber Hinwegtäuschen, daß die allgemeinen Jerhältnisse, in denen das Landvolk lebte, armselig genug waren.Der Zauer behielt nicht mehr als den dritten Teil des Ertrages für sich, denn hrta «in Drittel desselben wurde als Zins vom Grundherrn erhoben, on den übrigen sechsundsechzig Prozent hatte er sechs Prozent als Zehnt rt die Kirche abzugeben. Es verblieben daraufhin sechzig Prozent, wovon nn Drittel der Bogt erhielt und zehn Prozent auf die Steuern entfielen" 3. Kulischer). Nun besaß aber der Bauer im größten Teile von Deutsch- □nd infolge der Güterteilungen durchschnittlich kaum mehr als zehn bis fünfzehn Morgen, oft noch weniger. Dazu gelang es bei der damaligen Wirtschaftsweise Dreifelderwirtschaft mit Brache, ungenügender Dün- ntng, Bearbeitung der vielfach recht klein gewordenen Betriebe oft nur nit Hacken; manchmal taten sich auch mehrere Bauern zum Erwerb eines Zfluges zusammen, meist wurde das Saatgut nicht eingeeggt, und die Sögel fraßen einen Teil davon; statt rationeller Bewirtschaftung verließ nan sich auf Zaubersprüche und fromme Flurgänge nur einen Bruch­ei! von dem zu erzielen, was heute auf gleicher Anbaufläche erreicht j>irb. Was besagen der Tatsache gegenüber, daß eine ganze Familie vom teilten Teile des aus solch kleiner Bauernwirtschaft gewonnenen Ertrages !:-ben mußte, die sogenannten hofgenossenschaftlichen, in den SBeriümcrn ausgezeichneten Rechte und die literarischen Zeugnisse, bei denen erst ein­mal systematisch festzustellen wäre, wie viele sich von ihnen auf die ver- Altnismäßig wenigen für den Bauer günstigen Landesteile und wie der IrrühmteMeier Heimbrecht" auf gehobene Gruppen beziehen oder nur ler Ausdruck einer den Bauern feindseligen Gesinnung sind? Und wenn ler Bauer, der das Jahr über hungerte und in Lumpen ging, vielleicht r n Festgewand besaß, bas bei feinem Tobe nicht selten alsTodsall" «t die Herrschaft ubgetiefert werden mußte, sich bei Hochzeit und Taufe mb einigen kirchlichen Festen toll und voll und trank, sein Vieh bei Mdjen Gelegenheiten schlachtete und seine Vorräte bis auf den letzten fceft vertilgte, so beweist auch dergleichen nicht eben viel für einen blühen- Isn Wohlstand des Bauerntums.

Außerdem wurde die Landbevölkerung bei ihrer nichts weniger als /änzenden Lage häufig von furchtbaren Katastrophen heimgesucht, lieber« chwemmung oder Mißernte bedeutete ein Jahr äußerster Not und Ent- l-ljrung; in den zahllosen Fehden und Kriegen wurden die Felder ver­wert, die Hütten niedergebrannt, die Landleute grausam mißhandelt. . nb war ber Lanbesherr ein Bauernschinder, dann boten weder Gesetze wch uralte Gewohnheiten einen ausreichenden Schutz.

Kein Wunder, daß seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts da und fort Unruhen ausbrachen und es schließlich 1525 zum Bauernkrieg kam.

Berühmte Reisende schreiben ins Beschwerdebuch...

Von Dr. Herbert Schmidt-Lamberg.

Es gibt Leute, die meinen, das Beschwerdebuch gehöre dem Witzblatt Öet einer längst verschollenen Zeit an. Wer sich diesem Glauben hin- i bt, ist sehr im Unrecht, denn kluge Gastwirte und Hoteliers haben auch laute noch in allen Kulturstaaten die Gewohnheit, den Zorn ihrer Gäste '3>er diese ober jene vermeintliche Ungerechtigkeit und Nachlässigkeit sich in lihristlichen Ergüssen ablagern zu lassen. Wenn ganz allgemein diese Sitte bftünbe, so dürfte man davon überzeugt sein, daß viele laute und iTianflänbige Lebensarten und Tadelsworte nörgelsüchtiger Besucher und (»äffe gar nicht zur Welt kämen oder doch in höslicher und mindestens uiiroanbfreier Weise fein säuberlich zu Papier gebracht würden. Es gibt t.tsächlich mehrere Kulturstaaten, in denen das Beschwerdebuch von der holizei obligatorisch eingeführt worden ist und wo die Schimpferei des belftes im Hotel oder Restaurant als Geschäftsschädigung vorn Wirt leElagt werden kann. Diese Staaten sind die Türkei, Bulgarien, Finnland, llhile, Japan, Mexiko und die Südafrikanische Union. Es ist sehr bebauer« Ich, baß sich gerade die großen westeuropäischen und mitteleuropäischen ilullurnationen dieser Sitte noch nicht angeschlosfen haben, da die Nörgel- ftcht mancher Gäste geradezu ins Aschgraue geht.

Dafür zeugen nun auch eine Reihe mehr oder weniger humorvolle ^otizen, die Unzufriedene in den Beschwerdebüchern früherer und heutiger --eiten untergebracht haben und von denen wir die besten bekanntgewor- dnen Niederschriften, oft berühmter Leute, wiedergeben wollen.

Da treffen wir in den alten Büchern auf eine Notiz von der Hand les berühmt-berüchtigten Fürsten Me t t e r n i ch aus einem römischen Sutel, die folgendermaßen tautet:Würde ich hier zu befehlen haben, f ließe ich gegen den chef cuisinier ein Verfahren wegen versuchten Anschlages auf die Person des Erftministers eröffnen. An den Spaghetti biinahe erstickt, hinterher am sogenannten jungen Puter einen goldenen Okkzahn zerbrochen. Der Teufel hole solche Garküche/ Für das Tempera- n»nt des großen österreichischen Ministers gewiß ein nicht zu übertreffen« d-s Zeichen. Von der Hand des österreichischen Lyrikers Samberg [fuben wir in Salzburg aus dem Jahre 1843 folgende Notierung in einem sftitelbeschwerdebuch:Verziehen hab ich, daß das Zimmer kalt, ver­lachen, daß das Huhn zu Mittag alt verziehen hab ich, daß um 11 lellosch das Licht, doch in mein Manuskript gepackt der Lachs: das ncht!" Ueberhaupt prägt sich die Dichtereitelkeit in manchen Beschwerde« chern in sonderbarer Art aus. Uhland schreibt einmal in Straßburg [filgenbe Philippika:Es regt mich nicht weiter auf, daß die Oberkellner Iwid Marqueurs jenseits des Rheines mich nicht kennen, aber datz he »ich nach ber Vorstellung für einen Weinhändler gleichen Namens hielten, l*« ist toll. Sind alles Schwefelbrüder hier."

Vielleicht die älteste Beschwerdebucheintragung ist eine schriftliche Notiz des nach Potsdam reifenden Voltaire im Hotel du Koi Soleil in Nancy:Die Stadt hat schöne Mädchen, doch kann man nicht ganz drum verzeihen, daß der Siarqueur (Kellner) seine Perücke in der Suppe badet. Auch ist es unverzeihlich, daß noch immer die Salate mit gemeinem Del zubereitet werden, wozu als einzige Entschuldigung gilt, datz man meint, so ein schriftstellernder Weltreifender habe noch niemals deren bessere genossen. Es ist zu hoffen, daß bei meiner Rückreise auch dieser elende Fisch nicht mehr serviert wird, von dem gewiß schon di« vorige Genera­tion gegessen hat, der natürlich nicht ganz so schlecht dabei wurde wie mir gestern mittag. Sonst war aber alles in Ordnung und es wären zwei oder drei Kleinigkeiten für einen courageufen Wirt, das Getadelte zu beheben." Manche englischen und amerikanischen Beschwerdebücher bieten oftmals noch krassere Fälle von giftigen Ergüssen oder derbkomischen Anzapfungen. Da ist beispielsweise vom Trafalgar-Hotel in einer nord- englischen Mittelstadt ein Beschwerdebuch aus dem Jahre 1847 erhalten, in dem man von der Hand eines Sir Eric Harward lieft:Der Bursch« von Schuhputzer guckt morgens durchs Schlüsselloch und freut sich über den Zorn der Gäste, wenn sie die schlechtgeputzten Schuh« sehen. Diesen Lümmel in den Müllkasten! Das Zimmermädchen erscheint nicht, wenn man die Glocke schwingt oder in die Hände klatscht, wie das ortsfittig. Aber wenn man ihr eine Kußhand hinwirft, und einen Sovereign blinken läßt, da bleibt sie sogar. Der Kellner, der hier oben die Bestellungen ent­gegennehmen soll, ist schwerhörig und läßt alle Speisen kalt werden, ehe sie heraufkommen. Dieser ist faul und gehört mit der liebeslüfternen Bonn« in den Fluß. Es kommt mir in den Sinn, daß die ganze Wirt­schaft nur einem anderen Wirt unter di« Finger kommen möge, um besser dazustehen. Ober ist etwa biefer noch nicht verheiratet? Dann ist die Sache mit einer resoluten Gatkin in Ordnung zu bringen." Als Welling- t o n in Genua weilt«, wohnte er in der Casa Bianca und hatte dort über Ungeziefer zu klagen. Er trug folgend« grimmigen Sätze in das Beschwerdebuch ein, das man noch heute in dem städtischen Museum dort finden kann:Scheinen hier mit den Franzosen Übereins zu fein. Haben jedenfalls zäheres Fußvolk und stichficherere Reiterei. Allerdings liebt das Volk hier den heimtückischen Ueberfatt zur Nacht und denkt nicht daran, daß ein alter Soldat ein wenig schlafen muh. Der erst« Eindruck von dieser Stadt werden immer diese nächtlichen Attacken fein; wenn ich Genua einmal im Sturm nehme, lasse ich sämtliche Flöhe erschießen. Die sind gefährlicher als der franzosenfreundlichste Genueser sein kann."

Auch Wilhelm II. hat sich in einem deutschen Badeort in das Be­schwerdebuch mit folgender Notiz eingetragen:Ist das eine Erziehung der Leute, wenn ich als Graf B. ankomme und in der nächsten Stunde schreit mich jeder Pikkolo mit Majestät an? Es gibt im Hotel soviel Dinge, die man leise und diskret behandeln muß und ich bitte darum, auch anonyme Monarchen zu diesen Gelegenheiten zu rechnen." In Brüssel hat Eduard VII., der ja alle Monate einige Tage im kleinen Paris verbrachte, folgende Verse in ein Hotelbeschwerdebuch eingetragen:Ich möchte gern essen gut und viel. Aber ihr macht aus der Mahlzeit ein frivoles Spiel. Meint ihr denn, daß ein Herrschermagen Könnte zehnmal soviel als ein anderer vertragen? Ein wenig weniger das wäre mehr. Zeigt im kleinen, was ihr könnt, mir her."

Nach dem großen Kriege ist ja das Beschwerdebuch fast in Vergessen­heit geraten mit Ausnahme von jenen Staaten, die wir oben anführten. Als der Schriftsteller Hans Heinz Ewers auf einer Dftafienreife diese Entdeckung von der obligatorischen Anwendung des Beschwerdebuches hörte, schrieb er in Tokio in ein dort aufliegendes Heft in deutscher Sprache:Müßt bei uns doch auch ein jeder: strafbar ist das barsch Gezeter. Denn des Richters Arm, der trifft dich! Glücklich Land: du schimpfst nur schriftlich." Als Bernard Shaw in Bangkok sich von den Nuhmesmanifestationen einer Riesenmenge, die vor sein Hotel gekommen war, nicht freimachen konnte, ließ er sich das Beschwerdebuch bringen und schrieb hinein:Das kann man euch nicht verdenken, daß ihr einen wildgewordenen Europäer anftaunt, wie wir in unseren Zoologischen Gärten eure weihen Elefanten. Ader bitte tut mir einen Gefallen und denkt an die Tafel, die wir auch als Schutz für eure Elefanten anbringen: ,Das Füttern mit ungeeigneten Gegenständen ist verboten. Das Tier ist dem Schutze des Publikums empfohlen!'" Und Lacoste, der viel­genannte französische Tennismeister, machte in Nizza sogar den Anfang mit einem neuen Beschwerdebuchs in das er auf die erste Seite folgende Zeilen eintrug:Wie der gute Spieler auf dem Tennisplatz, so soll der Gast eine Beschwerde elegant und zielsicher seinem Gegner, dem Wirt, zuwerfen. Dieser soll sie in aller Ruhe auffangen, parieren und in voll­endeter Weise zurückgeben. An der Art wie der Ball geworfen wird, sieht man, mit wem man zu spielen hat, und bei den schriftlichen Notizen kann man vermeiden, daß es zu Differenzen über einen Streitfall kommt."

Man sieht, daß eine Wiedereinführung des Beschwerdebuches viel­leicht auf Interesse stoßen würde, und daß der Wirt und Unternehmer besser als bisher über die wahre Denkart seiner Gäste sich orientieren könnte. Zum Schluß wollen wir einen denkwürdigen Fall aus Sao Paulo erzählen, der sich im Jahre 1922 zugetragen hat. Ein Defraudant war von Lima herübergekommen und nahm in einem ersten Hotel der Stadt Woh­nung. Am zweiten Tage ließ er sich das Beschwerdebuch kommen und trug folgende Zeiten ein:Warum die dumme Pute von Zimmermädchen meine Sachen heute morgen nachgewühlt hat? Ob sie meint, daß, voraus­gesetzt, ich wäre ein Betrüger, ich meine Angelegenheiten derart unvor­sichtig behandelte, daß sie mit einem einfachen Nachschnüffeln etwas finden würde? So dumm würde ich nie fein..." Am folgenden Tage kam eine Kriminalstreife in das Hotel und hatte an den Meldungen und Pässen der Gäste nichts auszusetzen. Der Defraudant schien schon gerettet. Da kam es einem Kriminalkommissar durch Zufall in den Kopf, einmal im Beschwerdebuch zu blättern und natürlich interessierten ihn diese Zeilen über den Vorfall mit dem Zimmermädchen. Die temperamentvolle Art, in der der Fremde den Verdacht der Dummheit zurückwies, lenkte erst die Aufmerksamkeit auf ihn. Man beobachtete ihn und ... am nächsten Morgen wurde er verhaftet. Auch ein Erfolg des Peschwerdebuches.