pav'a.
Volksweise.
$)err (Borg von Fronsperg, Herr Görg von Fronsperg Der hat die Schlacht vor Bavia gewannen. Gewannen hat er die Schlacht vor Bavia in eim Tiergart, In neunthalben Stunden gewannen Land und Leut.
Der König aus Frankreich,
Der König aus Frankreich
Der hat die Schlacht vor Bavia verloren.
Verloren hat er die Schlacht vor Bavia in eim Tiergart, In neunthalben Stunden verlor er Land und Leut.
Nun grüß dich Gott, du Königstöchterlein im ganzen Frankenreich! Euerm Vater hab ich abgewunnen in neunthalben Stunden Land und Leut. Ich Habs gewagt frisch unverzagt,
Ich Habs gewagt frisch unverzagt, . n ,
Euerm Vater hab ich abgewunnen in neunthalbsn Stunden Land und Leut.
Im Blut mußten wir gähn, Im Blut mußten wir gähn Bis über bis über die Schuch: Barmherziger Gott, erkenn die Not! Barmherziger Gott, erkenn die Not! Wir müssen sonst verderben also.
Lärmen lärmen lärmen
Lärmen lärmen lärmen
Tat uns die Trummel und die Pfeifen sprechen!
Her her her! ihr frommen deutschen Landsknecht gut!
Laßt uns in die Schlachtordnung ftahn. Laßt uns in die Schlachtordnung ftahn, Bis daß die Hauptleut sprechen: Jetzt wollen wirs greifen an!
Reiter zum Pferd, Sattel und Zaum! Der Feind der ist vorhanden.
Oie Versuchung des Pescara.
Novelle von Conrad Ferdinand Meyer.
(Schluß.)
„Zwei Stimmen gegen eine, denn so lautet auch meine Meinung", entschied Pescara. Moncada schwieg mit verschlungenen Armen, Leyva, dessen große Narb« sich mit Blut zu füllen schien, zerrte den Schnurrbart, Bourbon aber erhob sich, bot Franz Sforza den Arm und geleitete ihn aus dem Saale.
Draußen stieß er mit Del Guasto zusammen, der ihm zuslüsterte, es sei befremdend: die Truppen Leyvas zögen sich gegen den Palast. Bourbon runzelte die Stirn. „Beobachtet und berichtet!" gebot er. Del Guasto wollte enteilen, rief aber zurück: „Noch eins: ich höre, Donna Viktoria sei am Tore angelangt und verlange nach dem Feldherrn."
Da Bourbon in den Saal zurücktrat, forderte eben Leyva den Kerker, die Folter und, nach vervollständigtem Bekenntnisse, Block und Beil für den erbleichenden Marone.
„Auf die Folter!" stöhnte dieser. „Wenn ihr mich windet wie ein Tuch, so werdet ihr nichts anderes als Blut und Schweiß aus mir herauspressen. Ich habe mich vor dem Feldherrn ausgebeichtet. Du bist nicht grausam, Pescara!"
„Pfui, Leyva", rief Bourbon, sich wieder in den Kreis setzend. „Will sich der Herr an den Zuckungen dieses närrischen Gesichtes ergötzen? Das leide ich nicht. Ich lasse mir meinen Marone nicht verdrehen. Zittre nicht, Girolamo! Dir wird kein Haar gekrümmt: du wirst mein Schreiber. Mein gnädiges Urteil lautet: Girolamo sitze in seinem Hause, und man bewache ihn, bis ich mir ihn vom Kaiser werde erbeten haben."
„Mir scheint, das genügt", entschied der Feldherr. „Marone hat gestanden vor drei glaubwürdigen Zeugen, deren einer ich selber bin. Keine unnütze Marter, sondern sichere Haft. Zwei Stimmen gegen eine. Nehmet ihn, Hoheit. Mir ahnt, daß Girolamo Morone sich noch einmal umwandelt und in kaiserliche Dienste tritt."
Da schrie Morone unklug vor Freude über das geschenkte Leben und die erlassene Folter: „Pescara, ohne dich kein Italien! Das ist vorbei. Mach' mit mir, was du willst. Ich bin das Geschöpf deiner Großmut und Güte... Und wenn noch weiter geredet werden soll, so erfahret, Herrschaften, und darin ist alles andere enthalten: die Liga ist dem Kopfe der Heiligkeit entsprungen, wie Athene der Stirne des Zeus..." Seine Zunge stand plötzlich still, da er neben sich einen ansehnlichen Mann im Reisekleid gewahrte, der eben eingetreten war. Dann rief er: „Das weih niemand besser als der da!" Es war Guicciardin, dessen Blicke neugierig im Kreise umliefen, endlich aber unverwandt auf dem Antlitze des Pescara haften blieben.
„Ich störe, Erlaucht?" sagte er. „Doch ich werde mich kurz fassen. Ich komme mit Eilpost von der Heiligkeit, die diesmal besser einen andern geschickt hätte. Die Heiligkeit läßt Erlaucht wissen, sie habe auf die erste Kunde der eröffneten Feindseligkeiten einen ihrer Vertrautesten nach Madrid gesendet, den Kaiser zu unterrichten, daß sie dem Bündnis der italienischen Staaten fremd geblieben ist. Eine heilige Liga existiert nicht. Der oberste Hirte schaudert vor dem Schwert."
„Halleluja!" rief der Kanzler, den die Lebensfreude berauscht und völlig toll gemacht zu haben schien, der Feldherr aber entgegnete: „Wie, Guicciardin? Eben hat Morone an den Tag gebracht, daß die Liga das Werk der Heiligkeit ist. Was ist Wahrheit?"
„Beides", versetzte Guicciardin. „Mein Auftrag ist ausgerichtet und damit gut." Er verbeugte sich und verließ den Saal, aber Bourbon, in den der Satan fuhr, rief dem Gesandten des Papstes nach: „Florentiner, sage deinem Herrn, ich werde nach Rom kommen, seiner Wahrhaftigkeit den Pantoffel zu küssen, mit lauter Lutheranern und Marranen, und nachts will ich meine brennende Kerze umwerfen, daß der Heiligkeit ein Licht aufgehe!" Die Lache, die der Unselige aufschlug, scholl gellend wider aus der Kuppelwölbung und aus den Ecken des Saales wie aus dem Munde schadenfroher Dämonen, so daß Guicciardin erschreckend umblickte. Der Feldherr wies nun auch den Kanzler mit seiner Wache weg, sei es, daß er es für unziemlich hielt, das Haupt der Christenheit preiszugeben, oder er war der menschlichen Komödie müde.
Da sich Guicciardin und der Kanzler draußen zusammensanden, fragte jener: „Man führt dich zum Blocke?"
„Bewahre!" .
„Durchgeschlüpft? Unvergleichlicher! Doch wie begab es sich In Novara?"
„Oh, ich kam auf den Esel zu sitzen ... Dieser Pescara ist das Rätsel der Sphinx ..." t.
„Das ich errate, Kanzler, aus seinem Antlitz. Es tragt dl« hippokratischen Züge, und ich werde vielleicht der Heiligkeit eine Todesnachricht zu bringen haben. Erinnerst du dich noch, Girolamo, was ich dir in den vatikanischen Gärten sagte, von einem möglichen letzten Hindernis in der Brust Pescaras? Wenn ich wörtlich wahr geredet? Wenn der Feldherr bei Pavia den Tod empfing und ihn verheimlicht hat? Wenn wir einen nicht mehr Derfuchbaren in Versuchung führten?"
Der Kanzler schlug sich vor die Stirn: „Du sagst es, Guicciardin! Aehnliches, das ich damals nicht verstand, hat mir der Arzt des Feldherrn, Messer Ruma Dati, in Novara angedeutet."
„Also die Wahrheit", schloß der Florentiner. „Nicht Pescara trog. Wir selbst haben uns betrogen. O Weisheit der Menschen!" Mit dieser Betrachtung fchieden die beiden. .
In dem Thronsaal herrschte ein« unheimliche Luft. Die drei Feldherrn und der bei ihnen zurückgebliebene Moncada standen in weiten Entfernungen. Pescara, völlig entkräftet, wie es schien, hatte sich auf den über den Thron ausgebreitete Goldbrokat geworfen. Bläffe bedeckte fein Gesicht, die Brust arbeitete. Bourbon maß den Saal in leichtfertigem Tanzfchritt, während er Moncada scharf beobachtete. Dieser, in einer Fensterbrüstung lehnend, winkte aus einer andern Leyva zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist Zeit. Er hat sich enthüllt. Tot oder lebendig ..." ,, _ „
Jetzt rief auch Pescara den Herzog. „Setze dich neben mich, Karl, keuchte er leise. „Führst du Papier und Stift?"
„Um Gottes willen, Ferdinand, merkst du nichts? Du bist bedroht! Di« beiden flüstern. Leyva ist verdächtig. Sie wollen dich verhaften!"
„Führst du Papier und Stift?" wiederholte der Feldherr. Der Herzog gab sie. Nach ein paar Zügen sagte Pescara: „Meine Hand zittert, schreibe
'„Ferdinand, bist du blind? Siehst du nicht, wie Moncada sich regt?' „Er wird mich nicht erreichen", sagte der Feldherr und diktierte mit gepreßter Stimme: „An die Majestät des Kaisers. Erhabener Herr, Mailand ist Euer. Pescara hält Treue bis zum letzten Atemzug. Lohnet sie ihm mit drei Erfüllungen ..."
,Ich beschwöre dich, Ferdinand! Er kommt auf dich zu! Ermanne dich! Wir fechten... Ich rufe die Wachen..." Bourbon wollte auffpringen, Pescara aber hielt ihn fest: „Schreibe! Er erreicht mich nicht, fage ich dir. Wo bist du? ... mit drei Erfüllungen: Majestät schütze Sforza! Ma,e- ftät begnadige Morone! Majestät gebe mein Kommando dem Konne- tabel..."
„Er steht wenige Schritte vor dir! Zieh! Wo hast du deinen Degen t
„Ich vergieße kein Blut mehr..." Pescara unterzeichnete, und der Stift entglitt seiner Hand. Mit einem schwachen Schrei und erlöschenden Augen sank er in die Anne seines Freundes.
Moncada, der jetzt ganz nahe getreten war, stand bestürzt. „Was l|i dem Feldherrn?" fragte er, und ihn betrachtend: „Verschieden?"
„Geschieden!" weinte der Herzog.
„Ein Herzschlag. Der Feldzug hat ihn getötet", sagte Moncada uns hob das Papier auf, das an den Boden gefallen war. Er las, uni) bei der dritten Bitte angelangt, stand er sinnend. Dann übergab er, ohne die Miene zu ändern, das Papier dem Herzog mit den Worten: „Wir ehren seinen letzten Willen. Hoheit hat das Kommando. Hoheit befehle.
Bourbon erschien als ein Heimatloser und Entwerteter dem Sohne Ferdinands des Katholischen ungefährlich und war, ohne Pescara, ouM Leyva minder verhaßt, denn um die Gunst des großen Feldherrn halle diefer den Konnetabel beneidet.
Karl Bourbon winkte sie weg und bettete Pescara auf den Goio- brotat. Der Palast war ganz stille geworden, und selbst die Wachen an den Toren schritten leise, in der Meinung, der Feldherr halte zu dieser Stunde Siesta, wie seine Gewohnheit war. Auch der Herzog, das geliebte Haupt im Schoße haltend, versank in einen Mitlagstraurn, er vergaß das tragische Los des Toten und das eigene aus Ruhm und Schmach gefloall tene, er empfand nur einen dumpfen Schmerz über den Verlust des einzigen Freundes. .«
Stimmen erschollen vor der Saalpforte. „Nein, Madonna, er rupt verbot Del Guasto, und Viktoria rief durchdringend: „Weiche, Böser! äM will zu ihm!" Bourbon vernahm nahende Schritte, er wendete nicht einma das Haupt. Er legte den Finger an den Mund und flüsterte: „Lei! . Madonna! Der Feldherr schlummert." ... .
Viktoria trat zu dem Gatten. Pescara lag ungeroaffnet und ungerum auf dem goldenen Bette des gesunkenen Thronhimmels. Der starke IW-, in [einen Zügen hatte sich gelöst, und die Haare waren ihm über d> Stirn gefallen. So glich er einem jungen, magern, von der Ernte erschöpfte» und auf seiner Garbe schlafenden Schnitter. ,
Verantwortlich: l)r. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche UniversitätS-Buch- und Stetndruckerei. R. Lange, Gießen.


