GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Sreitaa, den 24. Juli nuntnitrSI
Oer Hausgötze.
Volksweise.
Uni> welche Frau ein Götzen hat. Die schläft wohl ohne Sorgen;
Er wäscht die Tisch, er wäscht die Bänk, Das tut er alle Morgen.
Sie gab ihm ein Besen in sein Hand» Das Haus sollt er ihr kehren;
Wiewohls der Götze nicht gerne tat. Noch dürft er sich nicht wehren.
Und wenn der Götze essen wollt. So tät sie ihm bald geben. Sie gab ihm nichts als Sauerkraut Und Wassersuppe daneben.
Sie nahm ein Prügel in ihre Hand, Dazu zween harte Steine, Sie schlug den Götzen vor'den Kopf; Noch dürft er ihr nicht weinen.
Sie nahm ein Strick in ihre Hand, Und band ihm alle Viere, Sie hing den Götzen an die Wand Und ging danach zu Biere.
Und da es kam an den dritten Tag, Das Fräulein kam zu Haufe;
Sie nahm den Götzen von der Wand, Er sollt ihr lernen mausen.
Sie gab ihm ein Korb in seine Hand, Nach Pilzen sollt er laufen;
Der Götze war von Flandern, Er sprach: Frau! ich will wandern. Bleib bei euch nun nicht mehr.
Oer falsche Zopf.
Eine Düsseldorfer Gefchichte.
Von Hans Müller-Schlösser.
Kürzlich war in der Altstadt eine große Aufregung. Es war gegen zchn Uhr, als in der engen Mühlenstraße plötzlich ein Auflauf entstand, ein Zusammenlaufen schreiender und lachender Menschen, daß sich der ganze Verkehr staute. Keine Karre, kein Auto konnte durch, und es war gerade Hauptmarkt. Sogar die Elektrische mußte stehen bleiben. Die Polizei war machtlos. „Da ist er!“ hörte man, „halt' ihn doch fest!“ Frauen kreischten auf. „Er hat einen Kopf im Maul! Ganz voll Plut! Hu!, ich kann es nicht sehen! Polizei! Polizei!“ Manchmal öffnete sich eine Lücke, aber gleich schloß sie sich wieder. Die sich schiebenden und stoßenden Menschen starrten alle auf den Boden. Plötzlich ein allgemeiner Schrei. Aus dem Beingewirr löste sich ein kleiner ftrupiger Köter, entsprang den Stöcken und nach ihm greifenden Händen und raste wie toll davon nach dem Marktplatz, schlüpfte unter die Bauernkarren her, setzte über die Gemüsekörbe, rannte Blumentöpfe um, hinter ihm her die schreienden und johlenden Menschen. Der Köter trug etwas im Maule, das sich in der Behendigkeit, mit der der Hund flüchtete, nicht erkennen ließ. Es konnte tatsächlich ein Kopf fein, denn langes braunes Frauenhaar schleifte über das Pflaster. Jetzt schlüpfte der Hund durch die Rathaustur. Zwei Polizisten hielten mit Mühe die nachstllrrnenden Menschen zurück, während zwei andere Polizisten dem Hund di« Treppe hinauf nachsetzten. Der Hund übersprang immer zwei Stufen. Die Polizisten rasten ihm keuchend nach bis zum dritten Stock, wo der Hund durch den düsteren Flur lief, an dessen Ende eine Milchglasscheibe leuchtete mit der in verschnörkelten Buchstaben gemalten Aufschrift „Kanzlei“.
„Jetzt haben wir das Biest!" riefen die Polizisten, aber in diesem Augenblicke öffnete sich die Tür, und der Hund sprang durch die Beine des heraustretenden Beamten, der vor den Polizisten zurückprallte. Als die Polizisten in die Kanzleistube stürmten, sahen sie den Hund vor dem Stuhle eines älteren Kanzlisten auf den Hinterbeinen sitzen, fern Schwänzchen wedelte lustig. Mit den Vorderpfoten machte er „bitte, bitte“, unb im Maul hielt er dem Kanzlisten einen rotbraunen, halb aufgelösten Zopf hin.
Der Kanzlist starrte erschrocken auf den Hund. Die übrigen Kanzlisten [prangen von den Stühlen auf und traten, die arbeitsnaffe Feder in ber Hanb, näher. Die Polizisten aber liehen dem alten Kanzlisten feine Ze», sich zu fassen, sondern fragten ihn barsch:
„Ist das Ihr Hund?"
„Jawohl" antwortete er ganz verdattert, und die anderen Kanzlisten nickten bestätigend.
„Dann kommen Sie mal mit! Die Sache muß aufgeklärt werden."
Der alte Kanzlist stand auf, trocknete die Feder an einem bunten Läpp» djen ab und legte sie hin, nahm dem Hund den rotbraunen Zopf aus dem Maul und folgte den Polizisten. Der kleine Hund lief hinterdrein.
„Sie heißen? fragte ber Kommissar den alten Kanzlisten, während bie beiben Polizisten an ber Tür des Amtszimmers Posten faßten.
„Josef Limbach", antwortete der Kanzlist ganz verstört.
„Geboren?"
„Am dritten August achtundsechzig."
„Sie wohnen?"
„Am Hafenwall neun.“
»»Ledig? Verheiratet?“
„Nee, noch lebig.“
„Sie finb Kanzlist in städtischen Diensten?"
„Jawohl. Schon halb breißig Jahr'.“
„Unb bas ist Ihr Hunb?"
„Ja, das ist mein Hund."
®er Hund, noch hinter Atem, japft« mit heraushängender Zunge unl> fajaute fragend abwechselnd seinen Herrn und den Kommissar an.
„Was können Sie zu der Sache aussagen?"
„Ja, da fragen Sie mich zuviel, Herr Kommissar. Ich weiß von nit* „Hm, hm. Wissen Sie vielleicht, wem dieser Zopf gehört?^
Limbach besah den Zopf, den der Kommissar ihm auf einem Lineal entgegcnljielt, wurde verlegen, kratzte sich am stoppeligen Kinn, schaute zu dem Hund hinab und räusperte sich.
„Nun, wem gehört der Zopf?“
„Ja, Herr Kommissar — hm — ich hab' fo’ne Ahnung — und darf! ich em offenes Wort —?"
„Darf? Nichts zu dürfen! Sie müssen!"
„Aha. Ja, bann nützt bat ja all nix, Herr Kommissar, ber Zopf da. ber gehört, ober ich müßt' mich benn arg täuschen, ber Witwe Petronella Meiswinkel."
„Wer ist bas? Kennen Sie bie Dame näher?“
„Jawohl, Herr Kommissar, bie Dame kenn' ich näher.“
„In welchem Verhältnisse stehen Sie zu ihr?"
„Verhältnis? — hm — Verhältnis wär' vielleicht zuviel gesagt. Die Petronella Meiswinkel ist nämlich bie Witwe von ’nem Kollegen, unb ich
hm — ich bin Junggesell unb — unb ba hat sich bat benn sozusagen non selber gemacht, bat ich ab unb zu ber Witwe Meiswinkel einen kleinen Besuch mach', so um guten Tag zu sagen. Ich geh' unb hol' ne Maß Bier und wir sitzen bann zusammen unb verzählen uns wat — ja hm — Sie finb boch sicher verheiratet, Herr Kommissar?“
„Ja. Aber bas tut nichts zur Sache."
„Ich mein’, ba können Sie verstehen, bat unsereins auch mal ein bißchen Gemütlichkeit haben will. Wat hat man benn als möblierter Herr? Ein kalt, ungemütlich Zimmer, ein müssig Bett, wat immer ein bißchen feucht ist, weil es nicht genug gelüftet wirb. Morgens kriegt man dünnen, aufgewärmten Kaffee, mittags Rinbfleischfupp’, bie wie Leim schmeckt, unb abenbs brei Scheiden Schinkenwurst mit ’ner Flascht Bier. Dat ist doch auf bie Dauer nix."
Der Kommissar unterbrückte ein Lächeln unb sagte in strengem Tone:
„Herr Limbach, bleiben Sie bei ber Sache. Das hat boch alles mit bem Zopf nichts zu tun."
„Oh, sagen Sie bat nit, Herr Kommissar! Meiner Ueberzeugung nach sogar sehr viel. Die Witwe Meiswinkel ist ja grab’ nit bat, wat man eine Schönheit nennt. Ihre Ras' ist für meinen Geschmack zu lang. Unb wenn sie im großen ganzen unb überall wat runber mär’, bat hält' ich lieber.“
„Das will ich alles nicht wissen.“
„Dann weiß ich nit, wie ich Ihnen bat mit dem Zopf plausibel machen soll, Herr Kommissar.“
„Na schön, weiter!“
„Jawohl, Herr Kommissar. Also die Witwe Meiswink«! ist sonst eine sehr nette Person. Da sollten Sie bloß mal hingehen und gucken, wie nett und gemütlich die es hat unb so propper. Wie geleckt. Unb vom blanken Fußboben können Sie essen, Herr Kommissar, ja! Unb mir hat sie immer bi« Socken gestopft unb bie ausgerissenen Knopflöcher in ben Hemben geflickt. Unb zum Namenstag hat sie "mir ein Fuchsientöpfchen geschenkt. Da hing an ’nem rosa Bändchen ein Tütchen mit fünf Zigarren, bat Stück für zwanzig Fenning. Ist bat benn nix!“
„Ja, ja, aber bas kann ich boch nicht alles zu Protokoll bringen."
„Ist mir auch lieber, wenn Sie es weglaffen. Es gefrt ja sonst keinen Menschen wat an. Ich erzähl' es Ihnen ja auch bloß, weil —"
„Ja, ja, nur weiter!“
„Herr Kommissar, lassen Sie mich mal bumm fragen: Kennen Ste Zwiebelsupp'?“
„Nein.“


