schreiend, die Männer verweigerten rundweg jede Beihilfe, und im übrigen trieben sie Allotria mit der Angelegenheit, Alles ruhte allein auf meinen Schultern.
Da fiel mir zum Glück ein Verwandter ein, ein erprobter Schlachtengeneral, schneidig wie ein Junger -der wohl kaum vor so ein paar Schwänzchen zurückschrecken würde. Und unter Verschweigung des wahren Grundes lud ich ihn andern Tags zum Essen ein. Er kam.
Ich hatte mein Möglichstes getan, um ihn in gute Laune zu versetzen. Ich hatte die besten Weine aus dem Keller geholt, ich hatte — Blütezeit der Inflation! — einige Billionen für Austern ausgegeben, und ich hatte einen Kognak beiseitegestellt, dessen Anschaffungswert kosmische Zahlenbegriffe streifte.
Das kleine Frühstück verlief denn auch sehr angeregt; der Schlachtengeneral blitzte vor Laune, er gab tollkühne Reiterstückchen aus seiner Jugend zum besten, er machte den Damen den Hof, alles ging gut. Und beim Mokka nebst kosmischem Kognak offenbarte ich, was mir die Seele abdrückte.
„Was ist denn da dabei?" meinte er leichthin und setzte mit wahrhaft großartiger Nonchalance hinzu: „Das werden wir gleich haben!"
Oh, erlösendes Wort, oh, dreimal gefgnetes Wort! Ja, da hatte ich den rechten Mann berufen! Er amüsierte sich herzlich über meine flehenden Bitten um zarteste Behandlung der Opfertiere, er lachte sich kaputt über die entsetzten Klagen der Damen, und indem er seinen kosmischen Kognak kippte, meinte er zärtlich: „Ein spaßiges Volk, die Frauen!"
Er war ganz ausgezeichnet in Form. Ich ließ ihm nicht viel Zeit zur Siesta, diese Schwänzchen mußten sollen, eher kam ich zu keinem Wohlbefinden. Und kaum waren die Zigarren zu Ende, lockte ich ihn in den Garten wo auf verborgenem Tische schon das furchtbare Messer lag und einige trostreiche Zuckerstückchen. Ich hatte auch sonst gut vorgesorgt, hatte den Pudelchen Bindfaden an die Schwänzchen gebunden, da, wo sie fallen mußten, keinerlei Ueberlegung war mehr nötig, nur eine Tat!
Die ganze Hundemeute folgte uns, voran die kleinen Delinquenten, die wie die Narren rannten. Ich traute mich ihnen gar nicht in die Augen zu sehen ihnen nicht und nicht ihren Eltern. Pan, der vornehme, würde allerdings diese Verwandlung seiner Abkömmlinge in Hunde von Distinktion durchaus billigen; aber was sollte Bolle von uns denken, wenn wir auf einmal ihren Kindern die Schwänze abschnitten? Und was die Kleinen? Nichts Liebliches, soviel stand fest. Oh Götter, roär’s nur schon vorbei! Und ich wünschte, wie schon so ost in diesen Tagen, die vermaledeiten Schwänzchen vierkant zum Deubel!
Die Damen schrien auf, als wir an den furchtbaren Tisch kamen, die Herren machten unpassende Bemerkungen; aber der Schlachtengeneral wiederholte leichthin sein tröstliches Wort: „Das werden wir gleich haben!" _ und schwenkte ab! Er schwenkte nach links zu einem Blumenbeet, wo er sich ausführlich über Rosenzucht äußerte. Er sprach fünfzehn Minuten lang. Dann ging er zu einer Tannengruppe und sprach über den deutschen Wald 25 Minuten lang. Dann schritt er in der Allee aus und ab und erzählte von seinem alten Regiment. 40 Minuten lang.
Ich starb tausend Tode vor Ungeduld, aber alle meine leisen Mahnungen tat er leichthin ab mit jenem: „Das werden wir gleich haben!", das mich zuerst so tief beseligt hatte. Ich verstand es mit verzweifeltem Raffinement, seine Schritte immer wieder zum bewußten Tisch zu lenken, aber er ging jedesmal elegant vorbei. Hilf, Himmel, es war kein Zweifel mehr: er versuchte sich zu drücken!
Zwei und eine halbe Stunde ließ er mich so zwischen Himmel und Erde bangen, bedenken Sie, zwei und eine halbe Stunde, eine Zeit wie eine Ewigkeit! Und dann zog er seine Uhr und fand, daß es höchste Zeit sei, in die Stadt zurückzufahren.
Aber nun hatte ich genug! Ich ließ alle Hochachtung dahinten, und der Betroffene sah sich zwangsweise dem entsetzlichen Tische gegenübergestellt. Er versuchte noch einige Ausflüchte, und er machte es gewandt, das muß man sagen, aber bald erkannte er das Haltlose seiner strategischen Lage, und da sagte er etwas sehr Merkwürdiges; er fugte: „Diese armen, kleinen Tiere! Wie brutal das heutige Frauengeschlecht ist!"
Dieser Ausspruch, aus seinem Munde und auf mich angewandt, weckte große Heiterkeit; und das nahm er krumm. Gott fei Dank, er wurde wütend, ein guter, brauchbarer Männerzorn stieg in ihm auf und trieb zu Taten. Und ehe auch nur einer von uns sich dessen versah, vermutlich ehe er selbst es glaubte, hatte er die Kleinen ergriffen, die zwischen seinen Füßen mit aroßem Getöse Fangen spielten — das Messer zuckte — zwei recht schwache Klagelaute, der Dritte sand es überhaupt nicht der Mühe wert, sich zu äußern, und ehe das längst fäUige Wehgeschrei der Damen losbrach, saßen die Pudelchen wieder auf der (Erbe.
Die Hundemutter stürzte herbei, um die nicht einmal blutenden Wunden zu lecken aber sie tarn nicht recht dazu; denn die Patienten nahmen augenblicklich das unterbrochene Spiel wieder auf, rasten zwischen den Beinen ihres Henkers hin und her, kollerten übereinander und bissen sich wie kleine Banditen. Und ihre verkürzten Schwänzchen wedelten, froh wie der junge Morgen!
Ich stand recht verblüfft! War das nun alles? Darum all die schlaflosen Nächte, all die Unruhe, oll die Sorgen, darum all diese Tage voll heimlichem Leid? Ich kam mir außerordentlich lächerlich vor.
Immerhin, es war vorbei! Ach, es war vorbei! Und eine Last fiel mir vorn Herzen. Hatte die Sonne heute vormittag auch schon so strahlend geleuchtet? Oh, und wie blau der Himmel war! Die Amseln fangen, die Birken wehten in der warmen Luft, und aus den Wäldern herüber kam der süße Dust des Seidelbast. Gab es etwas anderes als Fröhlichkeit auf der Well? '
Aber am Tische, sichtlich mitgenommen, lehnte der Schlachtengeneral. Er stimmte nicht mit uns ein, nicht in die Jubelruse der Damen, nicht in bas homerische Gelächter ber Männer, nicht in meine herzinnige Fröhlichkeit Das Messer noch immer in ber Hanb, starrte er geistesabwesenb auf feine Strecke, die in Gestalt dreier schwarzwollenen Schwanzftllckchen vor ihm tag; dann hob er einen blassen Blick zu mir auf und sagte mit einer Stimme, die jeder Festigkeit entbehrte: u
,,©ib mir mal einen Kognak, mein Kind, aber ein bißchen hurry!"
Wir starrten uns sprachlos an, er zuerst in bissiger Wut, bann eher «legen Ich mindestens ebenso verblüfft.
Das war ja der junge Heidelberger Medizinstudent, der sich hier am jAein einige Monate eingemietet hatte, um für das Staatsexamen zu «beiten ein honoriger Junge, von uns Gymnasiasten angeftaunt wegen | nes männlichen forschen Wesens. Ein Urbild von Kraft und ruhig über- l9et@'m Pennäler!" sagte er zuerst tonlos, „wahrhaftigen Gott ein Pendler! Weshalb in aller Well stellst du gerade dort einen Maibaum auf, Wnge, Säugling, weshalb?" ,
Ich berichtete wahrheitsgemäß, erzählte etwas emgeschuchtert zuerst, c er dann wieder mutig, denn der Teuselszorn schien aus den Zügen des fcubenten ganz verschwunden und die besten Geister rheinischer Lustigkeit Welten um seine kräftigen Lippen. Ich erzählte, wie das Fräulein die ü utter so rührend pflege und so schön sei, deswegen habe ich den Baum oi fgeftellt. Der Student nickke: „Nimm mir den Angriff nicht übel, mein ;inge es sollte dir ja nichts geschehen, es ist sozusagen eine Verwechslung, 6 er erzähl weiter, erzähl das nochmals von dem Fräulein!"
Er lud mich zum Sitzen ein, und ich war sehr stolz, mit dem berühmten fcubenten wie mit einem Freunde zusammenzusitzen; wenn das die andern shen würden, dachte ich. Und so saß ich und erzählte von dem schönen ftäulein, und es mag von meiner Nachtigallensehiffucht auch wohl einiges i meine Rede geklungen waben.
Der Student hörte zu, lächelte zu meinen uferlosen Geschichten und tnnbte sie immer roieber auf bas schöne Fräulein. Alles wollte er wissen, r e lange sie hier wohne, was sie tue und lasse, ob sie viel gefeiert werbe, nnn sie zu meiner Mutter komme, wie oft, zu welchen Stunben, wie tage sie bleibe. Dabei ging er in bem Zimmer auf unb ab, unb als ich si,wieg, strich er mir einmal leicht über bas Haar unb sagte leise, fast tmnte 'man sagen scheu: „Nämlich, an bie rechte Seite bes (Eingangs i ber weihen Villa drüben, hatte ich, ehe du kamst, meinen Pfingstbaum a sgepflanzt. Als ich gehen wollte, kamst du, ich konnte dich nicht erkennen mb geriet in Zorn, daher mein Ueberfall, den du mir verzeihen mußt!"
Ich nickte nur, ganz verwirrt und schwieg. Da fuhr der Student fort: „Deine Frau Mutter ist herzleidend? Wer behandelt sie?"
Ich antwortete, daß wir uns recht einschränken müßten und daher mit dir ärztlichen Behandlung noch gewartet hätten. Mein neuer Freund d: chte eine kleine Wette nach, dann sagte er verhalten: „Sag mal, mein Junge vielleicht erlaubt deine Frau Mutter, daß ich sie einmal besuche. 3t, habe schon oft als Arzt vertreten und kann ihr wohl helfen!"
Mir kam diese Aussicht sehr herrlich vor, und ich bat ihn, zu kommen, itp wüßte daß die Mutter sehr einverstanden fein würde.
Am Pfingsttag erschien er wirklich, bemühte sich sehr um meine I utter, und heute muß ich sagen, daß ihre Besserung und Heilung diesem Umgreifen zu neun Zehnteln zu verdanken war.
Die ersten Male stellte er sich zu einer Stunde ein, an der das Fräu- lii:n nicht zu erwarten war; aber nachdem die ärztlichen Verordnungen clledigt waren legte er ihr, wie mir nach Jahren meine Mutter erzählte, cngehend seine Verhällnisie dar und bat sie, seine Fürsprecherin bei dem {-äutein zu sein, das er verehre. Meine Mutter erkundigte sich nach ihm, 11 tam bie besten Auskünfte, unb so fügte es sich, bah er feinen brüten fefud) so einrichtete, baß bas Fräulein eintrat, als er noch am Krankentitte weilte.
So trafen sich bie jungen Leute noch mehrmals. Das mannhaft ritter- lche Wesen bes Stubenten machte sichtbaren Einbruck auf bas schöne ftiiulein, unb ehe er unsere kleine Stabt im Sommer verließ, waren bie buben fürs Leben einig geworben. Und ich mußte mir eine neue Helbin naeiner harmlosen Jünglingsträumereien suchen."
Histone von den drei Schwänzchen.
Von Sofie von U h b e.
Pfingsten ftanb vor ber Tür, Pfingsten, wie es sein sollte: mit ver- ii-ehtem Vettchenbuft in ben Wiilbern unb mit süßem Amsellieb in ben bljonnten Gärten. Das gelbe Haus tag festlich unter bem ersten, grünen Schleier ber Birken und klang vor lauter Fröhlichkeit.
Unb boch gab’s ba noch etwas, was mir ein wenig vor ber Sonne flnnb unb was vor ben Festtagen noch aus der Welt geschafft werden nmßte so oder so. Eine Kleinigkeit nur ober sagen wir besser brei Kleinig- fiiten,' aber sehr ftörenber Art, mit benen es mir ging, wie es einem mit di in Zahnarzt zu gehen pflegt: ist man einmal dort, ift’s rasch vorbei, a-'er man geht nicht hin! m v m
Wirklich es war eine peinliche Sache: mein tüchtiger Pubel Pan unb |( ne kleine'Frau Bolle hatten mir brei Pubelkinber geschenkt, prachtvolle, jc«varze Teufelchen, bie sozusagen ben Championtitel schon in ber Tasche trugen wie sich bas von selbst verstaub bei solcher Abstammung. Aber sie Hullen' was kleine Pubel eben zu haben pflegen, ehe bie „verschönernde" fnnö des Menschen eingreift: sie hatten viel zu lange Schwänze, höchst ihgerlidje, seitlich nach oben gedrehte Ruten, die nach Kupierung schrien! tnb hieraus erwuchs mir ein peinliches Dilemma.
Denn das konnte ich ihren unbescholtenen Ellern nicht antun, daß ich si>- so durchs Leben gehen ließ. Ich konnte es auch mir nicht antun, mein Sinn für Linie revoltierte, obgleich eine innere Stimme fragte, warum dir Hund nicht so am besten sei, wie die Natur ihn schuf? Aber Pudel gl hören nun einmal kupiert, vor allem solche Anwärter auf Ausstellungs- r hm, und höchste Zeit war's auch, sollte die kleine Operation möglichst Iqimerjlos abgehen.
Aber mich beseelte ein tiefes Grauen vor dieser Sache, das Mitleid niit den kleinen Burschen fraß mich auf, und die lächerliche Angelegenheit oirfolgte mich bis in meine Träume. Zehnmal am Tage nahm ich einen Anlauf und zog das Rasiermesser ab, und zehnmal warf ich's beiseite und jc?wor, daß diese drei Schwänzchen unverkürzt blühen und gedeihen sollten b* an aller Tage Abend. .
Eine höchst fatale Sache, unb niemand kam mir zu Hilfe nicht einer Din bem bereits rechi zahlreich erschienenen Hausbesuch. Die Damen diückten unter lautem Klagen bie kleinen Opfer an sich und entwichen


