erkannte.

Ich weiß nur, daß dis vermeintliche Untat des Professors Fink wäh­rend der Pfingstfeiertage der Gesprächsstoff im Städtchen war, daß es, da an diesen Tagen keine Zeitungen erschienen, keine Möglichkeit gab, ihn zu rehabilitieren. Wir haben ihn als Lehrer nicht mehr erlebt, er nahm einen langen Urlaub und ist dann nach einigen Jahren in den Ruhestand getreten. Die Untersuchung verlief im Sande, sie scheiterte an der Phalanx unsererKameradschaft", die der errungeneSieg" gefestigt hatte.

Ein anderer, jüngerer Lehrer würde sich über diesen Dummenjungen­streich und über das sinnlose Gestammel, das ihm alsPsingstrede" unterschoben worden war, hinweggesetzt haben. Für Fink aber war es der endgültige Zusammenbruch jener Welt, die er vertrat, die endgültige

Gewißheit daß seine Schüler unwiderruflich der Verderbnis verfallen und nicht'mehr zu retten waren. Seine große Gute verlor das Ob,ekt, »°-d nimm,-u.d id> - W.

(oraen daß das geschieht dann mag er die Versicherung hinnehmen, dak wir allesamt doch noch recht brauchtbare Mitgliederder menschlichen Eesellschast geworden sind, moderne Menschen vielleicht, aber Menschen auf jeden Fall, die mit ihm eines Sinnes sind, wenn es gilt, ein Doll ,ur sittlichen und sozialen Gemeinschaft zu erziehen. Und ich erhoffe von ihm jenen gütigen Blick des Verzeihens und Verstehens, den nur an ihm in jenen vergangenen Tagen bemerkten, wenn wir ihm wieder ein­mal besonders heftig zugesetzt hatten.

Das schöne Fräulein.

(Eine Psingslerinnerung.

berühmte kleine Moritz einen Prosessor vorstellt Er trug des Alltag- < _* hr.tv'n ^inlinhpr .'reiertaas aber einen grauen Filzyut, weli ver tzvintier^ br &t aber® neu war. Darunter sah man dann em l ioraenvolles ' altes Gesicht und einen schütteren, wehenden 3ie9en6art bet8 bestrebt schien, einen Kautschukkragen und eine "ltenzersressene Dauerkrawatte zu verbergen. Im Grunde seines Herzens mochte er die Seele von einem Menschen sein. Seine wasserhellen Augen strah ten jedenfalls, wenn er sich unbeobachtet wähnte, m unendlicher GuteAber der Kampf mit der unbotmäßigen Generation der kleinen Stadt hatte lh eine rauhe Schale verliehen. Er war em grlesgramiger Polter'er. es gehörte gar nicht viel böser Wille dazu, ihn für einen arglistigen Teufel m balten dessen Streben danach ging, UNS alle aus den Gleisen zu werfen Wir bekämpften ihn in entsprechender Weise. Sie hatte m jedem anbcren Fall ihn ins Irrenhaus, uns zumindest aus der schule bringen müssen. Daß beides nicht eintrat, beweist nur, daß er über eine außer­gewöhnliche Willenskraft und insgeheim über em geradezu unangebrachtes Maß von menschlicher Güte verfügte.

Es war nun in unferer Schule alter Brauch und eine große Pfingftfeier zu veranstalten, an der neben Schülern und Lehrkörper auch dis Honoratioren der Stadt und die Eltern der Schuler teilnahmen. Sie wurde verbrämt durch den Vortrag geistlicher Gesänge und brachte als Höhepunkt die Vorlesung einer Art Pfingstpredigt, deren Inhalt, vom Grundgedanken des hohen Festes ausgehend, für gewöhnlich jenen Geist betraf den in die Herzen und Seelen ihrer Zöglinge emzuimpfen Ziel "ÄmfÄ d.

Rede gewesen sein. Später ist man davon abgekommen, sei es weil man wähnte, ein Schüler würde dem Ernst der Zeiten nicht gerecht roerbcn können sei es, weil sich in unserer Generation niemals ber solchen Beginnens Würbiqe gefunden hat. Die Rebe wurde nunmehr von einem Prosessor versaht' und vorn Primus der Oberprima verlesen em Kompromiß, der allen Anforderungen am ehesten gerecht werden konnte.

Im Jahre 1919 wurde Professor Fink beauftragt, die Rede zu ver­fassen, nicht Fink, der Mathematiker/ sondern Fink, der Lehrer für Geschichte und Religion. Er hat sich dieses Auftrages mit Wurde und Geschick entledigt, die Rede war, soweit ich das letzt noch beurteilen kann, vorzüglich gelungen. Das Manuskript wurde unserem Primus er hieß Lehmann und nicht anders feierlich überreicht und mit warmen Worten ans Herz gelegt. Und dann konnte das Schicksal seinen Lauf nehmen.

Ich weiß nicht mehr, wer damals den höllischen Plan ausgeheckt hat, wahrscheinlich lag erin der Luft". Jedenfalls wurde beschlossen: das Manuskript am Tage vor der Feier zu stehlen und durch em anderes 3U ersetzen das ganz und gar in unserem Sinne gehalten war. Der ehrenvolle Auftrag, die Redaktion dieses Pamphlets zu übernehmen, wurde mir zuteil. Ich übernahm ihn mit vor Freude bebendem Herzen, wie ein junger Krieger, dem die Auszeichnung widerfährt, die Fahne feines Regiments tragen zu dürfen. '

Es hak alleswie am Schnürchen geklappt. Die Aula der Schule war dicht gefüllt mit einer festlichen Menge. Die Vortrage geistlicher Gesänge hakten die richtige Stimmung für das Anhoren der großen Rede geschaffen. Lehmann, der Primus trat bleich, aber mit der Entschlossen­heit des ehrgeizigen Strebers auf das Podium. Er verneigte sich und schmetterte unter atemloser Stille den Wortlaut des Textes in den Saal.

Die Ausgießung des Heiligen Geistes.

Die Ausgießung des Heiligen Geistes... Es folgten bann bie ^>atze, wie sie Professor Fink niebergeschrieben hatte, unueränbert über eine gute Seite lang, ich war klug genug, bem Lehmann einen guten Start zu gönnen, bie Wirkung mußte bann um so größer sein.

Wir sahen es alle mit teuflischem Grinsen, als Lehmann das erstemal zusammenzuckte, unsicher weiter lesenb, wir hörten alle bas mißfällige Gemurmel um uns herum, bas Recken und Wenden der Kopse, das grenzenlose Staunen der Prosessoren bot sich unseren lüsternen Blicken, Professor Fink saß bleich und wie vom Schlag gerührt auf seinem Stuhl, er bewegte bie Lippen, aber es kam kein Lauk aus seinem Munde.

Lehmann hätte aufhören müssen, er mußte wißen, bah das nicht mehr die Rede war, die er studiert hatte. Aber Lehmann war ein Streber. Es war seine Pflicht, zu lesen und so las er eben, las, las, las

... die Ausschüttung des Heiligen Geistes ist uns in diesen Tagen ein neues, früher nie geahntes Symbol. Es bedeutet die Abkehr von allen Irrtümern des gestrigen Tages, den Anbruch einer neuen Morgen­röte ber Freiheit bes Denkens und Fühlens, unseren Schulern den Beginn einer neuen Epoche, die all ihren Wünschen und Sortierungen gerecht wird, den Lehrern die Verkündung des Grundsatzes, daß es ihre Pflicht nur sein kann, die Schüler gewähren zu lassen, ihnen Freund und Bruder zu sein auf allen ihren Wegen"

Er kam nicht weiter. Dort, wo Professor Fink zusammengesunken auf seinem Stuhle saß, ertönte ein dumpfer, fast tierischer Schrei, und das war nur das Signal für den nun losbrechenden Sturm der Entrüstung, in dem unsere JubelrufeWeiterlesen! Weiterlesen!" untergingen. Der Direktor stürzte aufs Podium, riß dem verdutzten Lehmann das Manu­skript aus der Hand, um den Prosessor Fink sammelte sich eine Gruppe rotköpfiger, wild gestikulierender Menschen, wie die Sache weiter verlief, weiß ich nicht, denn wir haben schleunigst das Weite gesucht.

Von Frank L y s k i r ch e n.

Wir feierten Pfingsten mit einem Gläschen Wein, in .hem bescheidenen gjtaüe wie man es jetzt gewohnt ist. Und das Gespräch kam auf die Sitten' und alten Gebräuche, die in einigen Gegenden sich noch erhalten haben um dieses schönste Fest, das eigentliche Fruhlingssest, zu begehen. Der "ergraute Landgerichtsrat strich sich in der Art die wir von ihm kannten wenn er ein Garn spinnen wollte, durch die Haare und erzählte.

Ich' bin Rheinländer und habe meine Jugend m einem jener alten Rhe'inftätitchen verlebt, die noch mit Turm und Mauer umgeben sin , und mit ihren altertümlichen Giebeln, ihren Fachwerkbauten und Reben­stöcken noch heute einen solchen Eindruck auf mich machen, daß mir das Lrz übersieden möchte. Ich wohnte mit meiner Mutter zusammen die wegen eines nicht gefährlichen, aber störenden Herzleidens viel zu Bett liegen mußte und dadurch von allem Verkehr ziemlich abgeschlossenem Ich zählte damals vierzehn Jahre, war ein lang aufgeschossener, kräftiger Junge und trug mit Stolz meine bunte Pennalermutze.

Iw Städtchen war ein sehr schönes Mädchen, bas mit ihren alten Eltern vor einigen Jahren zugezogen war. Wegen 'hrer Zurückhaltung, bie ihr als Stolz ausgelegt würbe, hatte man ber jungen Dame den /Spitz­namenbas Fräulein" gegeben. Obwohl sehr w^lhabenb ja reich kümmerte sie sich um bie Vergnügungen und Balle des Städtchens gar nicht und fand ihre Freude darin, alleinstehende alte Frauen und Kranke zu besuchen und in einer stillen Wohltätigkeit und Barmherzigkeit M üben. So war sie auch wie eine fromme Schwester zu meiner Mutter gelommen, hatte ihr besonders des Morgens, wenn sie allem war in emer liebens­würdigen herzgewinnenden Weise wie eine jüngere Freundin die Zeit vertrieben; derart, daß meine gute Mutter sie täglich mehr heb gewann und unruhig wurde, wenn sie an den gewohnten Tagen einmal verhindert war und nicht erschien.

War es ein Wunder, daß ich als junger Mensch sie heimlich anbetete und häufiger als sonst etwa in den Ferien zu Hause blieb und Arbeiten vorschützte, während ich früher in die Berge gestreift wäre lediglich um diese reise Schönheit in ihrer sanften Art sprechen zu Horen, ihre großen blauen Augen zu sehen und ihr gütiges Wirken wie etwas Heiliges ^u emvfinden Lange Geschichten erzählte ich mir, wenn ich allein ging, in denen war das Fräulein die Heldin, und ich tat Wunder des Mutes oder der Aufopferung, nur um mit einem freundlichen Blick bes Fräuleins belohnt zu werden. So ist doch die Jugend. Jede ihrer holden Bewegungen, wenn sie bei meiner Mutter saß und sie pflegte, entzückte mich und wenn sie mich einmal harmlos anredete, wurde ich verlegen, stammelte fast.und flüchtete, sobald ich konnte. Nun besteht ja bei uns amJKljem nod;l bie alte Sitte bes Psingstbaumstellens: jeder junge Mann stellt dem Mädchen, das er verehrt liebt ober schätzt,der Pfingstnacht einen »'rkenbaum vor bie Tür. Beliebte Tänzerinnen der Kirmessen haben ost eine Anzahl solcher Stämmchen vor ihrem Hause, und es ist unter jungen Burschen allerhand Kamps um diese Ehrenzeichen.

Run nahte sich Psingsten wieder, und ich glaubte, daß das Fräulein bei der großen Zurückhaltung, ja Abneigung gegen alle Art Bekannt­schaft" wie wir am Rhein sagen, keinen einzigen Birkenstamm am Pftngst- morge'n vor ihrer Tür sehen würde. Und da ich sie für die Schönste im Städtchen hielt, kam mir das wie ein großes Unrecht vor, und ich beschloß, ihr wengstens einen von mir, der ja eigentlich bei solchen Sachen noch nicht mitreben bürste, hinzustellen.

In ber Psingstnacht ging ich in den Walb, holte das Sjüne Siebes« Seidjen wartete ab bis es ganz dunkel geworden war, und schlich mich dann mit meiner Last nach ihrem Hause, das von einem großen, etwas verwilderten Garten umgeben, in den Rheinanlagen gelegen war. -Die Nacht war so finster, daß das weiße Landhaus kaum zu sehen war, der Garten aber in tiefstem Schatten verschwand. Kem Licht leuchtete aus einem Fenster des Hauses, die stille Frühlingsnacht trug bie Stimmen ber Glocken hinüber, bie in den umtiegenben Dörfern bie Mitternacht ver- künbeten Mein Herz war voll von einer bebenben, uneingeftanbenen Liebe ju dem Fräulein, einer Liebe, die ganz wunschlos und rein war. Vor­sichtig tastete ich mich auf den verschlungenen Gartenwegen weiter, nun war ich in der Nähe des Haustores, nun richtete ich meinen Baum auf und stellte ihn links neben den Eingang.

So schnell wie es bie Dunkelheit zuließ, zog ich mich zurück. Da faßten mich gerabe als ich wieder durchs Gartentürchen schlupfen wollte, zwei gewalttätige Hände, mit einem unterdrückten Fluch wurde ich von einer weit überlegenen Kraft angegriffen, im Augenblick, noch ehe ich versuchen konnte mich zu wehren, überwältigt, mit stummer Wut hochgerissen ein- oder zweihundert Schritt die Rheinanlagen auswärts gezerrt und durcy einen Hausflur in ein mit einer Lampe erhelltes Gemach geworfen, ich sah Bücher auf einem Bücherbrett, zwei gekreuzte Schlager mit einer Mütze an der Wand, lange Pfeifen, Verbindungsbilder, alles in einer Sekunde. Ich war von dem unerwarteten Angriff, dem stummen Ringen gegen den bärenstarken Gegner und dem verzweifelten Widerstano so erschöpft, daß ich erst nach einer kleinen Weile meinen Ueberroaltiger