stellen, wie es einem Kapitän zumute ist, der von Kopenhagen nach Danzig und zurücksührt." . , ,
„Ein Seemann, sollte ich denken, hat Abwechslung genug, als daß er Unsinn anstellen müßte."
„Sie sind kein Seemann", äußerte Engebretsen, „sonst waren Sie anderer Ansicht. Sie fahren eben nicht von Danzig nach Kopenhagen."
Nach einem kurzen Nachdenken sprach der Kapitän weiter: „Sehen Sie, Herr Untersuchungsrichter, jeder von uns treibt so seinen Kram; und falls man nicht allzu dumm ist, kennt man sein tägliches Handwerk im Schlaf. Was zum Beispiel mich anbelangt — ich fahre jetzt siebzehn Jahre lang zwischen Kopenhagen und Danzig hin und her. Da läuft gewissermaheir das Schiff schon von selbst. Etwas muß man aber doch haben. Nun ... und ich habe das Schachspielen. Wenn ich mich recht besinne, spiele ich das jetzt auch schon fünfzehn Jahre. Jedermann hat seine Leidenschaft. Schade, daß Leidenschaften ein Unglück sind..."
„Das verstehe ich nicht", bemerkte der Untersuchungsrichter.
„Aber —! So begreifen Sie doch, zum Schachspielen gehören zwei Mann!"
„Haben Sie denn nicht einen brauchbaren Steuermann? fragte der Untersuchungsrichter nachsichtig.
„Mein Steuermann hat es nicht gelernt", erwiderte Engebretsen bekümmert", und er wird es nie lernen. Ich habe es fünf Jahre umsonst versucht, dann habe ich es aufgegeben. Bei mir an Bord spielt leider niemand Schach... Ja, und dann traf ich den Birger Kongsberg, den Schachmeister von Norwegen...! Verstehen Sie das jetzt endlich. Das war eine Gelegenheit! Eine Gelegenheit, sage ich!"
Der Erzählende lächelte von der Erinnerung beglückt: „Am Abend nach der Abfahrt hatte ich ihn ans Schachbrett gelotst. Er gab mir einen Turm und einen Bauern vor. Aber was meinen Sie? Er gewann nach
achtzehn Zügen doch!"
Mit einer unvorhergesehenen Wendung hatte Kapitän Engebretsen ein kleines Steck-Schach aus der Jackentasche geholt: „Die Stellung war so, schauen Sie nur. So müßte man 'Schach spielen können. Aber was soll man tun? Wenn man wie unsereins auf dem öden Meer herumschaukelt und warten kann, bis der Zusall einen richtigen Gegner herbeischleift. Birger Kongsberg, das war wirklich ein Kerl; der konnte manchen in die Tasche stecken. So etwas von Spielen haben Sie noch nie gesehen: gibt einen Turm und noch einen Bauern dazu vor und — gewinnt spielend. Ein prachtvoller Bursche, dieser Kongsberg!"
„Aber deshalb kann man doch nicht —!", bemerkte der Untersuchungsrichter kopsschüttelnd, „deshalb kann man doch nicht einen Menschen gegen seinen ausgesprochenen Willen wochenlang in eine Kajüte hineinsperrcn, Kapitän...!"
„Er hat es nicht schlecht bei mir gehabt!" äußerte Engebretsen beiläufig. „Er hatte sein Essen und Trinken und seinen Schlaf. Und obendrein konnte er immer Schach spielen. Was braucht ein Schachmeister eigentlich mehr?" —
„Der Kaufmann Birger Kongsberg klagt im übrigen auf Schadenersatz", sagte der Untersuchungsrichter, „denn er behauptet, daß er durch Ihre Schuld einige größere Geschäfte verabsäumt hat. Das wird ziemlich teuer werden."
„Ein Schachmeister sollte sich schämen, so zu reden", sprach Engebretsen, „wenn ich, ein einfacher Seemann, schon weiß, daß es nichts Besseres gibt als Schachspielen ... dann sollte es so ein Mann doch erst recht wissen, nicht?"
„Kapitän Engebretsen!" Der Untersuchungsrichter erhob verzweifelt die Stimme. „Birger Kongsberg hat doch gar nicht mit Ihnen spielen wollen. Begreifen Sie, Kapitän, man hat im Leben doch auch noch anderes zu erledigen —I"
„Das verstehe ich nicht", erwiderte Kapitän Engebretsen böse. Er hielt es für gut, das nutzlose Gespräch abzubrechen. —
Winter in einem Städtchen.
Bon Norbert Jacques.
Wir standen zum erstenmal auf, und die fremde-Stadt war lautlos in weißen Schnee gedeckt. Die Luft stand wie still über dem Städtchen und schloß seine hängenden Gassen, seine kahlen Mulden und Hügelkanten eng und dicht unter dem schweren, niederen Himmel ein. Die ersten Schlitten klingelten in den Gassen, als ob sie in einer großen Stube läuteten.
Am ersten Abend rodelten wir schon zwischen den Mädchen und Burschen die lange Kirchgasse hinab. Bom Kapuzinerkloster aus kroch sie in vielen Windungen in die Stadt. Wo wir oben ansetzen, stand der heilige Bischof Gebhard und hatte einen üppigen Halspelz aus Schnee. Er deckte weich feine steinernen Schultern ein und reichte noch ein Stück über den Arm. Dort rodelten wir los und hoppl mitten ins Herz des Städtchens hinein.
Alle diese Oertchen am Gebirge sind des Nachts mit Fluten von elektrischem Licht ausgestattet, das von fernen Gebirgsfällen hergetragen wird. Kommt man von draußen aus der Finsternis, so sieht man in die Stadt hinein, wie in einen festlich erstrahlenden Saal. Auch die Kirch- gasse schwamm voll Licht, in dem der Schnee in Pünktchen flimmerte. Flog vor dem bremsenden Schuh ein Springbrunnen von Schnee auf, sprang auf einmal ein Feuerbrunnen um einen... So waren wir vom ersten Abend an wie daheim in diesem fremden Winterstädtchen, und das ist doch das wonnesame Ziel des Wanderers, daß er von Fremde zu Fremde geht und überall ein wenig Heimatgefühl erobert und zurückläßt.
Am Morgen durchzogen wir gleich Straße um Straße. Der Schnee überdeckt« die Stadt wie ein kühles weißes Zeltdach. Wir gingen durch die gleichgültigen neuen Straßen und durch die alten Straßen und durch die alten Gassen, kletterten die Hügelsteigen zum alten Schloß hinan und streiften zu den Klostergebäuden ins Tai hinaus. Sie lagen dort verborgen, wie tausend Meilen von Stadt und Mensch entfernt.
Den Rodelschlitten zogen wir immer hinter uns her, und wo eine Gasse bergab ging, da sausten wir los. Am schönsten war es da oben im Schloßsteig. Das Schloß liegt um die Kante eines Kegels gebaut und drückt einen stillen kleinen Stadtkreis in die Arme seiner angenagten Festungsmauern. Das bescheidene dicke Kirchlein des Heiligen Martin und ein Torbogen, der ein Haus durchbricht, und einst das Burgtor in sich schloß. Durch ihn glitten wir hinaus und den Hohlweg hinab und die weit über die Mauer geneigten mächtigen Bäume warfen uns den Schnee wie Blumen ins Gesicht. Eine heimtückische Biegung an einer Laterne muhte mit Kunst eingeleitet und genommen werden. Das sah zunächst immer so aus, als wollte man den Laternenpfahl anrennen. Aber dann hui! die Schwenkung. Und gleich arauf der Graben, der die Gasse durch- schneidct, und der einen wie ein Sprungbrett davon wirst, bis wir ruhig und flach tief in die ebene Gasse hineinfliegen. Mitten in eine Bauernhochzeit hinein, die mit vielen Schlitten und Geklingel, mit gewaltigen, breiibesteißten Pferden vor einer Wirtschaft hält. Im ersten Schlitten sitzt die Braut, und alles ist schwarz gekleidet, nur sie hat einen kleinen weihen Schleier, und ihre Backen leuchten wie Aepfel. Die Rosse stampfen in den Schnee und ihre gewaltigen Köpfe werfen die schweren Klingelhalfter auf. Die kalte Luft wirbelt vom Getön. Wie ein Lied fliegt es durch die Gassen. Die Frauen haben die spitzen Chinesenhüte der Gegend auf und ihre Reifröcke bauschen sich in hundert Fältchen. Die Männer scherzen in ruppigen Zylinderhüten und die Frauen nehmen die Scherze mit breitlachenden Gesichtern an.
Tagsüber stiegen wir bald immer zum Rodeln zur Fluh hinauf. Man ging anderthalb Stunden bergan zwischen Tannenwäldern. Dann und wann hörten sie vor einem freien Hang auf, der von Schiern kreuz und quer durchzeichnet war. Wir sahen unten das Winterstädtchen über seine Hügel und in seine Tälchen geschmiegt. Es lag da dunkel verworren und weiß eingedeckt wie ein geometrisches Exempel: wohlig verwirrt und zusammengehalten, wo es aus alter Zeit erholten geblieben und in freudlose Gradlinigkeit aufgelöst, wo die neuen Stadtteile ansetzten. Der See schnitt es auf einmal grab ab, wie eine graue Mauer. Man sah nichts von ihm. Man wußte nur: dort liegt er, dieses endlos Graue ist der See. Im weihen Plan vor der Stadt vereinsamten sich die Klöster. Selbst die Türmlein ihrer Kapellen lugten kaum über die Mauer hinaus.
Wenn wir dann den Berg überquert und lange nichts mehr vom Städtchen gesehen hatten, und unter uns auf einem Felsen die kleine uralte Kapelle scharf wie eine Burg ins graue Tal vorsprang, ... setzten wir an. Die Tannenmassive, die im Berg hingen, die Schneehalden von Schiern durchzeichnet, die plötzlichen Biegungen flogen; die weiße Straße raste unter uns bergan ... zurück ... die Luft rauschte, der Schnee sprang und zirpte und umwirbelte uns ... der dunkle See ... das auf- gehäufte Winterstädtchen drunten... Es war, als wollten wir ihm in die Arme fliegen. Alles eine wunderbar aufgestaute Masse von Landschaft, die wie ein Strom sich uns ins Herz schlang...
Drunten muhten wir den Schlitten ein Stück ziehen, wenn wir heim wollten. Wir kamen dann zum Friedhof hinauf. Er lag wie auf einem Altan über dem Städtchen ... ein weißer Schneegarten mit den traurigen Blumen der alten überdachten Holzkreuze. Dort sahen wir täglich eine alte, verhutzelte, und eingelullte Frau. Und eines Tages, als wir, von der Fluh heimkehrend, am Friedhof verweilten, kam sie den schmalen, ausgekehrten Weg zwischen den Grabern heran und sagte: Grüß Gott! Dabei lachte sie mit einem hohen Glucksern und klapperte lustig mit einem Augendeckel. Ihr Mund schloß sich nicht mehr und wenn einmal keine Worte kamen, so stieß sie ihre hohen Lachgluckser dazwischen, um von der kostbaren Zeit nur nichts lautlos verstreichen zu lassen.
Sie ging mit uns bis zum Hl. Gebhard, wo di« Kirchgasse anfing zu fallen. Vom vielen Schlitteln war die Gasse ganz glatt geworden und die Leute strauchelten schimpfend an ihren Rändern hinab. Wir wollten uns aussetzen und sagten: Auf Wiedersehen! Aber die Alte krähte: So nehmt mich doch mit!- Wir lachten. Nun ja, meckerte sie, so «ine Gaffe ist nichts für eine Alte — ... gluckerte und klapperte mit dem linken Auge.
Also los! Sie setzte sich hinten auf, wir glitten ab, die Leute lauchzten auf, die Akte gluckerte in hellsten Tönen... Aber wir waren bald unten.
„Ich habe einen eignen Wein im Keller!"
Wir mußten mit zu ihrem Häuschen. Küferswitwe Merkle stand auf einem Holzbrett. Die Muhme wackelte mit uns in ein holzvertäfeltes Stübchen. Das ist nun mein Kammer!, Jagte sie selig. Und sie drehte sich unter hundert Ausrufen und Aufglucksern mit ihrem verdorrten, verbogenen Leib und mit plätscherndem Geplauder um uns herum, schob uns Stühle unter, schob uns von ihnen aufs Sofa, es quietschte auf, wie ein Starenslug. Auf einmal stand Brot da und bald auch ein Steinkrug, aus dem der Wein duftete, wie eine Hecke im März.
Wir aßen und tranken. Der Wein gärte noch ein wenig und war blaßrot. Die Alte plauderte dazu, und wenn wir etwas sagten über ihr Brot, oder ihren Wein, oder das Stübchen oder so, dann wackelte sie vor freundlicher Glückseligkeit wie ein angestoßenes Stehaufmännchen. Mit ihren krummen Fingern griff sie den Krug und goß ein in die dicken Gläser. Dabei schaute sie uns an und immer ging ihr Mund und man verstand auch noch, wenn selbst keine Worte aus den alten klapprigen Lippen fielen. Es war ein seliges, sinnloses Sich-Ausplaudern-können.
So saßen wir da, tranken den erdigen Wein und sahen zu den Fenstern hinaus in das weißeingekleidete Gärtlein der Witwe Merkle und auf die mit Schnee behangenen Dächer der Häuser, die hinter dem Gewirr kahler Birnbäume behäbig niedergeduckt zu träumen schienen. Sie hatten alle Sonderlingsgestalten. Ueber ihnen schob sich der dicke Martinsturm am Schloß in die graue Luft.
Wir sagten der Muhme, wie das Städtchen unterm Schnee für uns versunken sei und schlummere, wenn wir vom Bergwald heruntergerodelt {änren ... und sie lachte mit lauten Kehltönen, mit hellaussteigenden und plötzlich stehenbleibenden Juchzern: Ja ... ja! und klapperte mit dem linken Augendeckel dazu wie mit Kastagnetten. Sie wuchs, während wir ihren saueren Wein tranken, mit ihren 78 Jahren, ihrer glucksenden


