Ausgabe 
9.2.1931
 
Einzelbild herunterladen

Drähte des Kasperl getroffen; die Figur entglitt der Hand ihres Meisters und fiel zu Boden.

Later Joseph ließ sich nicht mehr hatten. Trotz Liseis Bitte» hat er Ö daraus die Puppenbühne betreten. Donnerndes Händeklatschen, hier, Fußtrampetn empfing ihn, und es mag sich freilich seltsam genug präsentiert haben, wie der alte Mann, mit dem Kopf oben in den Sufsiten', unter lebhaftem Händearbeiten seinem gerechten Zorn Lust zu machen suchte. Plötzlich unter allem Tumult fiel der Vor­hang; der alte Heinrich hatte ihn herabgelassen.

Mich hatte indes zu Hause bei meinen Büchern eine gewisse Unruhe befallen; ich will nicht sagen, daß mir Unheil ahnte, aber es trieb mich dennoch fort, den Meinigen nach. Als ich die Treppe zum Rathaussaal hinaussteigen wollte, drängte eben die ganze Menge von oben mir entgegen Alles schrie und lachte durcheinander. ,Hurra! Kasper rs dod; Lott is dod. Die Kamedie ist zu End'! Als ich aufsah, er- blickte ich die schwarzen Gesichter der Schmidt-Jungen über mir. Sie waren augenblicklich still und rannten an mir vorbei zur Tür hinaus; ich aber hatte für mich jetzt die Gewißheit, wo die Quelle dieses Un­fugs zu juchen war.

Oben angekommen, fand ich den Saal fast leer. Hinter der Bühne saß mein alter Schwiegervater wie gebrochen auf einem Stuhl und hielt mit beiden Händen sein Gesicht bedeckt. Lifei, die auf den Knien vor ihm lag, richtete sich, da sie mich gewahrte, langsam auf. .Nun, Paul', fragte sie, mich traurig ansehend, .hast du noch die Kuraschi?'

Aber sie mußte wohl in meinen Augen gelesen haben, daß ich sie noch hatte; denn bevor ich noch antworten konnte, lag sie schon an meinem Halse. .Laß uns nur fest zusammenhalten, Paul!' sagte sie leise.

--Und, siehst du! damit und mit ehrlicher Arbeit sind wir durch­gekommen.

Als wir am anderen Morgen ausgestanden waren, da fanden wir jenes Schimpfwort .Pole Poppenspäler' denn ein Schimpfwort sollte es ja jein mit Kreide aus unsere Haustür geschrieben. Ich aber habe es ruhig ausgewijcht, und als es dann später noch ein paarmal an öfsentlichen Orten wieder lebendig wurde, da habe ich einen Trumpf darauf gesetzt, und weil man wußte, daß ich nicht spaße, so ist es danach still geworden.--Wer dir es jetzt gesagt hat, der wird nichts Böses

damit gemeint haben; ich will seinen Namen auch nicht wissen.

Unser Vater Joseph aber war seit jenem Abend nicht mehr der alte. Vergebens zeigte ich ihm die unlautere Quelle jenes Unfugs und daß derselbe ja mehr gegen mich als gegen ihn gerichtet gewesen sei. Ohne unser W.ssen hatte er bald daraus alle seine Marionetten auf eine öffent­liche Auktion gegeben, wo sie zum Jubel der anwesenden Jungen und Trüdelweiber um wenige Schillinge versteigert waren; er wollte sie nie­mals Wiedersehen. Aber das Mittel dazu war schlecht gewählt; denn als die Frühlingssonne erst wieder in die Gassen schien, kam von den ver­kauften Puppen eine nach der anderen aus den dunklen Häusern an das Tageslicht. Hier saß ein Mädchen mit der heiligen Genoveva auf der Haustürschwslle, dort ließ ein Junge den Doktor Faust auf seinem schwar­zen Kater reiten; in einem Garten in der Nähe des Schützenhofes hing eines Tages der Pfalzgraf Siegfried neben dem höllischen Sperling als Vogelscheuche in einem Kirschbaume. Unserem Vater tat die Entweihung feiner Lieblinge so weh, daß er zuletzt kaum noch Haus und Garten bei uns verlassen mochte. Ich sah es deutlich, daß dieser übereilte Verkauf an feinem Herzen nagte, und es gelang mir, die eine oder die andere Puppe zurückzukaufen; aber als ich sie ihm brachte, hatte er keine Freude daran; das Ganze war ja überdies zerstört. Und, seltsam, trotz aller auf- gewendeten Mühe konnte ich nicht erfahren, in welchem Winkel sich die wertvollste Figur von allen, der kunstreiche Kasperl, verborgen hatte. Und was war ohne ihn die ganze Puppenwelt!

Aber vor einem anderen, ernsteren Spiele sollte bald der Vorhang allen. Ein altes Brustleiden war bei unserem Vater wieder aufgewacht, ein Leben neigte sich augenscheinlich zu Ende. Geduldig und voll Dank- >arfeit für jeden kleinen Liebesdienst lag er auf feinem Bette, ,3a, ja', agte er lächelnd, und hob fo heiter seine Augen gegen die Bretterdecke )es Zimmers, als sähe er durch dieselbe schon in die ewigen Fernen des Jenseits. ,es is scho richtig g'wes'n, mit den Menschen hab' ich nit immer könne firti werd'»; da droben mit den Engeln wird's halt bester gehen; und auf alle Fäll'. Lisei, i sind ja doch die Mutter dort.'

--Der gute, kindliche Mann starb; Lisei und ich wir haben ihn bitterlich vermißt; auch der alte Heinrich, der ihm nach wenigen Jahren folgte, ging an seinen noch übrigen Sonntagnachmittagen umher, als wisse er mit sich selber nicht wohin, als wolle er zu einem, den er doch nicht finden könne.

Den Sarg unseres Vaters bedeckten wir mit allen Blumen des von chm selbst gepflegten Gartens; schwer von Kränzen wurde er auf den Kirchhof hinausgetragen, wo unweit von der Umfassungsmauer das Grad bereitet war Als man den Sarg hinabgelasten hatte, trat unser alter Propst an den Rand der Gruft und sprach ein Wort des Trostes und der Verheißung, er war meinen seligen Eltern stets ein treuer Freund und Rater gewesen; ich war von ihm konfirmiert, Lisei und ich von ihm Setraut worden. Ringsum auf dem Kirchhofe war es schwarz von Men- hen; man schien von dem Begräbnisse des alten Puppenspielers noch ein ganz besonderes Schauspiel zu erwarten. Und etwas Besonderes geschah auch wirklich, aber es wurde nur von uns bemerkt, die wir der Gruft zunächst standen. Lisei, die an meinem Arme mit foinausgegangen war, hatte eben krampfhaft meine Hand gefaßt, als jetzt der alte Geist­liche dem Brauche gemäß den bereit gestellten Spaten ergriff und die erste Erde auf den ©arg hinabwarf. Dumps klang es aus der Gruft zurück. ,Bon der Erden bist du genommen', erscholl jetzt das Wort des Priesters; aber kaum war es gesprochen, als ich von der Umfassungsmauer her über ------- »»

1 Die Leinwandstreifen quer über der Bühne, die die Lust oder die Zimmerdecke oorstellen.

die Köpfe der Menschen etwas auf uns zufltegen sah. Ich meinte erst, es fei ein großer Vogel; aber es senkte sich und fiel gerade in die Gruft hinab. Bei einem flüchtigen Umblick denn ich stand etwas erhöht auf der aufgeworsenet» Erde hatte ich einen der Schmidt-Jungen sich hinter die Kirchenmauer ducken und dann davonlaufen sehen, und ich wußte plötzlich, was geschehen mar. Lifei hatte einen Schrei an meiner Seite ausgestoßen, unser alter Propst hielt wie unschlüssig den Spaten zum zweiten Wurfe in den Händen. Ein Blick in das Grab bestätigt« meine Ahnung: oben auf dem Sarge, zwischen den Blumen und der Erd«, die zum Teil sie schon bedeckte, da hatte er sich hingesetzt der alte Freund aus meiner Kinderzeit, Kasperl, der kleine, luftige Allerweltskerl. Aber er sah jetzt gar nicht lustig aus; seinen großen Nasenschnabel hatte er traurig aus die Brust gesenkt, der eine Ann mit dem kunstreichen Daumen war gegen den Himmel ausgestreckt, als solle er verkünden, daß, nach­dem alle Puppenspiele ausgeipielt, da droben nun ein anderes Stück be­ginnen werde.

Ich sah das alles nur auf einen Augenblick, denn schon warf der Propst die zweite Scholle in die Gruft: .Und zur Erde wieder sollst du werden!' Und wie es von dem Sarg hinabrollte, so fiel auch Kasperl aus seinen Blumen in die Tiefe und wurde von der Erde Überdeckt.

Dann mit dem letzten Schaufelwurfe erklang die tröstliche Verheitzung: .Und von der Erden sollst du auferstehen!'

Als das Vaterunser gesprochen war und die Menschen sich verlaufen hatten, trat der alte Propst zu uns, die wir noch immer in die Grub« starrte». ,Es hat eine Ruchlosigkeit sein sollen', sagte er, indem er liebreich unsere Hönde faßte. .Laßt n n s es anders nehmen! In feiner Jugendzeit, wie ihr es mir erzähltet, hat der selige Mann die kleine Kunstsigur ge­schnitzt, und sie hat einst sein Eheglück begründet; später, sein ganze» Leben lang, hat er durch sie, am Feierabend nach der Arbeit, gar manche» Menschenherz erheitert, auch manches Gott und den Menschen wohlge­fällige Wort der Wahrheit dem kleinen Narren in den Mund gelegt; ich habe selbst der Sache einmal zugeschaut, da ihr noch beide Kinder wäret. Laßt nun das kleine Werk seinem Meister folgen; das stimmt gar wohl zu den Worten unserer heiligen Schrift: Und seid getrost; den» die Guten werden ruhen von ihrer Arbeit.'

Und jo geschah es. Still und friedlich gingen wir nach Hause; den kunstreichen Kasperl aber und unseren guten Vater Joseph haben wir niemals wiedergesehen.

--Alles das", setzte nach einer Weile mein Freund hinzu,hat uns manches Weh bereitet; aber gestorben sind wir beiden jungen Leute nicht daran. Nicht lange nachher wurde unser Joseph uns geboren, uni) wir hatten nun alles, was zu einem vollen Menschenglück gehört. An jene Vorgänge aber werde ich noch jetzt Jahr um Jahr durch den ältesten Sohn des schwarzen Schmidt erinnert. Er ist einer jener ewig wandern­den Handwerksgesellen geworden, die, verlumpt und verkommen, ihr elendes Leben von den Geschenken stiften, die nach Zunftgebrauch auf ihre Ansprache die Handwerksmeister ihnen zu verabreichen habe». Auch an meinem Hause geht er nie vorbei."

Mein Freund schwieg und blickte vor sich in das Abendrot, das dort hinter den Bäumen des Kirchhofs stand; ich aber hatte schon eine Zeit- lang über der Gartenpforte, der wir uns jetzt ro ehpr näherten, da» freundliche Gesicht der Frau Paulsen nach uns ausblttfen sehen. ,^Hab' jch's nit denkt!" rief sie, als mir nun zu ihr traten.Was habt ihr wieder für ein langes abzuhandeln? Aber nun kommt ins Haus! Die Gottesgab' steht aus dem Tisch; der Hafenmeister is auch schon da; und ein Brief vom Joseph und der alt Meisterin! Aber was schaust mi denn so an, Bub?"

Der Meister lächelte,Ich hab' ihm was verraten, Mutter. Er will nun sehen, ob du auch richtig noch das kleine Puppenspieler-Lisei bist!"

Ja freili!" erwiderte sie, und ein Blick voll Liede flog zu ihrem Mann hinüber.Schau nur richti zu, Bub! Und wenn du es nit kannst find'n, der da, der weiß es gar genau!"

Und der Meister legte schwelgend seinen Arm um sie. Dann gingen wir ins Haus zur Feier ihres Hochzeitstages.

Es waren prächtige Leute, der Paulsen und [ein Puppenjpieler-Lisei.

Glück.

Von Joseph Freiherr von Eichendorfs

Wie jauchzt meine Seele Und finget in sich!

Kaum, daß ich's verhehle. So glücklich bin ich.

Rings Menschen sich drehen und sprechen gescheit, Ich kann nichts verstehen, So stöhlich zerstreut. Zu eng wird das Zimmer, Wie glänzet dos Feld, Die Täler voll Sch'mmer, Weit herrlich die Welt!

Gepreßt bricht die Freude Durch Riegel und Schloß, Fort über die Heide!

Ach, hott' ich ein Roß!

Und frag' ich und sinn' ich. Wie fo mir gescheh»? Mein Liebchen herzinnig. Das soll ich heut sehn!

Der antwortlich: llr. Hans Thyrivt. Druck undDerlag:Brühl'fche AniverjitätS^Duch- und Steindruckerei. D. Lange, E-ießeu.